Einführung in die Übersetzungswissenschaft

Vorlesungszusammenfassung


Vorlesungsmitschrift, 2016
28 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

inhalt

Einheit 1 – Wissenschaftstheoretische Positionierung
Institutionalisierungsprozesse
1) Akademische Aspekte
2) Ökonomische Aspekte
3) Politische Aspekte
4) Berufsständische Aspekte
Wissenschaftsformen und Systeme
Institutionalisierung der Übersetzungswissenschaft

Einheit 2 – Der Gegenstand der Übersetzungswissenschaft
Zum Gegenstand
Gegenstandsbestimmung einer Übersetzung
Funktional-handlungstheoretische Definitionen
Empirisch-deskriptive Hypothesen
Semiotische Definitionen
Pluralistisch-offene Gegenstandsauffassungen
Übersetzungswissenschaft als „normale“ Wissenschaft?
Paradigmatische Wissenschaft
Interdisziplinarität – Arten und Formen der Kooperation
Weiterentwicklung des funktionalen Ansatzes
1) Skoposdifferenzierung nach Vermeer
2) Skopostypologie nach Prunc
Arten von Übersetzung – Prunc
3) Auftragsspezifizierung nach Nord
Nord: Literarisches Übersetzen und Skopostheorie

Einheit 3 – Descriptive Translation Studies
1) Translatorische Universalien (Toury)
Warum translatorische Universalien?
Von Universalien zu Gesetzen – Toury vs. Baker
Arten von Universalien
Erforschung von Universalien
2) Übersetzen als „rewriting“ (Lefevere)
3) Übersetzen als Massenkultur (Lambert)

Einheit 4 - Postkoloniale Theorien und Übersetzungen
„Die heilige Dreifaltigkeit“ des Postkolonialismus
1) Edward Said (Orientalismus)
2) Gaytari Chakravorti Spivak (aus Indien, arbeitet in den USA) (Subalterität)
3) Homi Bhabha (Hybridität, Dritter Raum)
Postkoloniale Translationswissenschaft - Drei neue Perspektiven
1. Macht
Widerständige Übersetzungsstrategien
Übersetzungskonzept
2. Kultur
3. Konflikt

Einheit 5 – Dekonstruktion
Foucault: Der Tod des Subjekts und Dekonstruktion
Derrida (Vater der DK):
Translationswissenschaftliche Konsequenzen
1) Von AutorInnen als Autorität zum Tod des Autors

Einheit 6 – Noch mehr Dekonstruktion
2) Text als Bedeutungsgrundlage
Vorläufer des DK:
3) Anwendung in der Übersetzungsdidaktik
Gender, Queer, Übersetzung
Gender Studies
Gender und Übersetzung
Forschungsperspektiven

Einheit 7 - Theoretischer Ansatz: Wie konzeptualisiert man Übersetzen?
Historiographische Studien
Queer Studies und Übersetzung
Queer in der Übersetzungswissenschaft
Identität als überhetzerisches Spannungsfeld
Queere Übersetzungspraxis - William Burton: AUFSATZ
Soziologische Ansätze der ÜW
Soziologische Vorläufer in der ÜW
„translation sociology“ - James Holmes

Einheit 8 – Noch mehr Soziologie
Soziologische Ansätze
Latour: Actor-network theory
Übersetzung als soziales System
Bourdieu: Feldtheorie
Übersetzungswissenschaftliche Konsequenzen der Feldtheorie
Soziologische Forschungsrichtungen der ÜW
Fictional Turn
Gründe
Potential des Fictional Turn

Einheit 9 – Nonverbale Elemente
Über Sprache hinaus
Ansätze einer multimodalen Sichtweise in der Ü-W
Voraussetzungen für eine multimodale Sichtweise
Ü-wissenschftliches Begriffswirrwarr
Ü-Typologien für nonverbale Elemente
Modus als Übersetzungskategorien
Realisierung von Modi
Arten von Modi
Medium in der Übersetzungswissenschaft
Übersetzungswissenschaftliche Fragefelder

Einheit 10 – Audiovisuelle Übersetzung
Formen der AVT
Forschungsentwicklung
Einzelstudien über Aspekte

Einheit 1 – Wissenschaftstheoretische Positionierung

Grundsätzlich gibt es eine Übersetzungswissenschaft. Wenn man jedoch die Kriterien einer Wissenschaft betrachtet, merkt man, dass es hier verschiedene Problematiken gibt.

Beginn der Übersetzungswissenschaft: Am Anfang stand nicht der Mensch, sondern die Maschine. Für die maschinelle Übersetzung brauchte man eine Wissenschaft. Das Verständnis des Faches fehlte aber natürlich.

Das Übersetzen muss ebenfalls mit Merkmalen beschrieben werden, wenn es existiert à es ist eher eine Konstruktion. Der Begriff Übersetzen wurde in den letzten 30 Jahren für viele unterschiedliche Tätigkeiten verwendet (Bsp. Traduci un emozione – Marzipan)

Institutionalisierungsprozesse

Damit man Wissenschaft betreiben kann, muss man sie institutionalisieren. Das Fach muss einen Rahmen bekommen. Es wird unterschieden zwischen: akademischer, ökonomischer, politischer und berufsständischer Institutionalisierung.

1) Akademische Aspekte

Ü-Wissenschaft war in der Linguistik, in der Philologie, in der Theologie, in der Naturwissenschaft etc. untergebracht – an den Instituten für Übersetzen und Dolmetschen jedoch nicht. Bis in die 80er Jahre waren es Sprach- und Literaturwissenschaft, die sich mit Übersetzen beschäftigen.

Institutionalisierung bezeichnet auch den Stellenwert der Übersetzung in diesen beiden Wissenschaften: Sie war fast vollkommen uninteressant und ein Randphänomen.

Institute für Übersetzen und Dolmetschen: Man schuf hier Professuren – für Sprach- und Literaturwissenschaftler, die keine RICHTIGE Professur bekommen haben (also meistens die Gescheiterten – waren also gezwungen).

Man wollte nicht an diese Institute: Es war ja keine richtige Wissenschaft; man erwartete angewandte Forschung (praktisch umsetzbar). Wissenschaft sollte „rein“ sein - die Ü-Wissenschaft war jedoch angewandt

- Ü-Wissenschaft war eigentlich immer unzeitgemäß

Darauf folgte eine sogenannte Dienstleistungsmentalität: Sie muss praxisrelevant sein; daher wurde sie aber als akademisches Fach gering geschätzt.

80er Jahre: Ü-Wissenschaft wurde zu einer eigenen Disziplin: Plötzlich waren Sprach- und Literaturw. daran interessiert (Posten-Gründe).

Ü-W wollte ein eigenes (theoretisches!) Profil entwickeln.

2) Ökonomische Aspekte

Hierbei geht es vor allem um die Wirtschaft und was in ökonomisches Kapital umsetzbar ist. Zentrale Aspekte: Praxis, Verwertbarkeit etc.

Grundlagenforschung interessiert die Wirtschaft weniger – es bringt kein Kapital.

Wichtig: Wer zahlt, was wollen diese Stellen (welche Forschungsart)

Forschung ist immer mehr angewandt, um auch Geld zu bekommen. Leistungen sollen mit Geld von anderen Stellen (Drittmitteln) finanziert werden – daher braucht es auch verwertbare Forschung (betrifft natürlich auch andere Wissenschaften).

3) Politische Aspekte

Durch politische Organisationen (EU, UNO, UNESCO) gab es einen größeren Ü-Bedarf. Man war interessiert an wissenschaftlich fundierter Ausbildung, um gute Dolmetscher und Übersetzer zu bekommen.

4) Berufsständische Aspekte

Sie waren wichtig für eine wissenschaftliche Verankerung - besonders, wenn ein Beruf nicht geschützt ist.

- Berufsverbände: Universitas, Ögstv, Verband der literarischen Übersetzer, FIT (fédération internationale des traducteurs)
- Verbände existieren national und international

Daraus ergab sich ein Spannungsverhältnis zwischen theoretischer und angewandter Forschung.

Wissenschaftsformen und Systeme

Theoretische Wissenschaft: erforscht Grundlagen und das Wesen eines Gegenstandes

- Ziel: Wahrheit

Angewandte Wissenschaft: versucht, etwas zu verbessern; von Ist- in Soll-Zustand

- Ziel: Praxis

Handlungswissenschaft: versucht, Handlungsausschnitt zu erklären, kann theoretisch und angewandt sein

Eine Wissenschaft darf nicht nur das eigene Tun erklären, sondern muss auch von anderen Wissenschaften anerkannt werden.

- Es entstand eine immer größer werdende Kluft zw. Praktikern und Theoretikern.

Bis ins 18 Jhdt. war es nicht notwendig, die Gesellschaft in Systeme aufzuteilen, dann wurde sie komplexer.

Möglichkeit: Komplexität reduzieren, indem man kleinere Einheiten schafft. Gleichzeitig erhöht jedoch auch die Zahl der verschiedenen Systeme die Komplexität

- Systeme dienen der Komplexitätsreduktion und schaffen auch Komplexität.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Jedes System hat verschiedene Leitsysteme (im System „Recht“ sind es Recht und Unrecht) Unterschiedliche Mittel werden eingesetzt, um die jeweiligen Ziele zu erreichen, daher gibt es diese unterschiedlichen Leitsysteme. In weiterer Folge ergeben sich Leitdifferenzen.

Unterschiedliche soziale Systeme verfolgen unterschiedliche Ziele.

Systeme kommunizieren nach dem Perturbationsprinzip (à Einfluss von außen auf das jeweilige System, die eigene Selbstgewissheit wird gestört, es kommt zur Perturbation - hinterfragt Dinge, erschüttert Gewissheiten.)

Die Praxis stört auch die Wissenschaft, indem sie Ansätze in Frage stellt, in einem positiven Sinn, stellt Dinge zur Reflexion zur Verfügung. à erzeugt Verunsicherung, schafft aber auch Kenntnisgewinn

Institutionalisierung der Übersetzungswissenschaft

...als Teil der Allg. Sprachwissenschaft: beschäftigt sich mit dem Sprachsystem, dem Regelapparat der Sprache auf rein theoretischer Ebene, wie ist Sprache konstruiert, strukturiert, George Mounin (sieht ÜW als Teil der Allg. Sprachwissenschaft, einflussreiche Werke für die ÜW)

...als Teil der Angewandten Sprachwissenschaft: in den 70er Jahren. Man untersucht Praxisfelder, in denen Sprache eine wichtige Rolle spielt und versucht, Probleme zu lösen.

..als interdisziplinäres Forschungsfeld: ÜW gehörte verschiedenen Disziplinen an und hatte keinen fixen Platz.

...als eigenständige Disziplin:

ÜW wanderte durch versch. Bereiche, unklare Positionierung, wo genau es hingehört.

Daher wurde beschlossen, eine eigene Wissenschaft zu gründen.

- Forderung nach eigenständiger Disziplin

Einheit 2 – Der Gegenstand der Übersetzungswissenschaft

Der Name steckt meistens bereits in der Disziplin: Übersetzung.

Zum Gegenstand

1) Man braucht keinen „eigenen“ Gegenstand für eine Disziplin.

Beispiel: Biologie: Der Gegenstand sind Lebewesen. Das ist aber bei der Ökologie und der Veterinärmedizin auch so. Trotzdem gelten alle Bereiche als eigene Disziplin!

Das heißt: Der Gegenstand an sich ist nicht wichtig, sondern der Blickwinkel und das Forschungsinteresse darauf. Daher müssen die Gegenstände definiert werden.

- Gegenstandsdefinition und Kontur/Ausprägung einer Disziplin hängen eng zusammen.

Gegenstandsbestimmung einer Übersetzung

- Linguistische Definitionen:

Oettinger: „Übersetzen kann definiert werden als Vorgang der Umwandlung von Zeichen oder Darstellungen in andere Zeichen oder Darstellungen. Hat das Original einen bestimmten Sinn, dann fordern wir im allgemeinen, daß sein Abbild denselben Sinn (...) besitze. Das zentrale Problem der Übersetzung zwischen natürlichen Sprachen besteht darin, den Sinn unverändert zu erhalten.“

Analyse: Man fokussiert/schränkt sich ein auf...

- den Prozess (Vorgang) und nicht auf das Resultat
- den Ausgangstext
- den „unveränderten Sinn“ und „natürlichen Sprachen“
- das „Abbild“
- die „Umwandlung von Zeichen“

Die Definition ist eher Teil der allgemeinen Sprachwissenschaft.

Eine Definition ist niemals objektiv, sondern hat immer ein bestimmtes Interesse am Gegenstand.

Kade: „Erscheinungen, bei denen (als Postulat) zu einem Text einer Quellensprache (QS) ein kommunikativ äquivalenter Text einer Zielsprache (ZS) erzeugt wird.“

Analyse:

- wage Definitionen: „Erscheinungen“
- Fokus auf kommunikative Äquivalenz = Wirkungsgleichheit und damit auf die Person, die den Text liest (weil er ja kommunikativ sein soll)

- Einschränkung auf den „Text“ und auf „Sprache“
- Die Definition bezieht die Textlinguistik mit ein.
- Kade bezieht andere Dinge bei seiner Definition mit ein.

Funktional-handlungstheoretische Definitionen

Vermeer: Translation sei (...) das professionelle übersetzerische (oder auch dolmetscherische) Handeln eines Translators, der unter Verwendung eines Ausgangstexts oder Ausgangstextentwurfs ein Translat produziert, das ein anderer zur Kommunikation mit einem dritten verwenden möchte, weil dieser andere im jeweils vorliegenden Fall glaubt, er könne wegen vorhandener Kulturbarrieren - meist Sprachbarrieren, aber ebenso wichtig auch Verhaltensbarrieren - nicht direkt mit dem dritten in Kommunikation treten, oder weil er aus Zeit- oder Kostengründen oder dgl. den Text für die Kommunikation lieber bei einem in Auftrag gibt, als sich selbst damit abzugeben.

Analyse:

- Man braucht einen Auftrag
- Gründe werden genannt, die angeben, ob es eine Ü. ist oder nicht (es braucht z. B. drei Personen und es muss „professionell“ sein)
- Beziehung/Äquivalenz ist kein Thema mehr
- Sprache wird als Teil der Kultur gesehen
- Ausgangstextentwurf reicht – man braucht keinen fertigen AT
- Definition ist soziologisch weiter gefasst und geht über Sprache hinaus
- Man eliminiert eine fixe Relation zwischen AT und ZT
- Translation ist eine Handlung (nicht mehr so wage wie Kades „Erscheinungen“)

Beispiel Prüfungsfrage: Definition – diese lesen und Exklusionen/Inklusionen erfassen bzw. zwei Definitionen vergleichen

Holz-Mänttari: Gegenstand translatologischer Forschung und Lehre sind Tätigkeiten, die auf die professionelle Herstellung von Texten abzielen, mit denen in anderen Handlungsrollen kommuniziert werden soll.

Analyse:

- Es geht um „Herstellung von Texten“ in „anderen Handlungsrollen“
- Texte, die nicht für den eigenen Bedarf, sondern für jemand anderen produziert werden
- Es gibt keinen AT und keinen ZT
- Es geht nicht um zwei Kulturen
- Einschränkung auf „professionell“

Empirisch-deskriptive Hypothesen

Toury: ...an assumed translation would be regarded as any target-culture text for which there are reasons to tentatively posit the existence of another text, in another culture and language, from which it was presumably derived by transfer operations and to which it is now tied by certain relationships, some of which may be regarded – within that culture – as necessary and/or sufficient.

Er schließt drei Merkmale ein: Differenz, Variation und Wechsel.

- Differenz: Zwischen den verschiedenen Kulturen kann es unterschiedliche Vorstellungen darüber, was eine Übersetzung ist.
- Variation: Innerhalb einer Kultur gibt es verschiedene Formen/Manifestationen einer Übersetzung, die nicht unbedingt alle Merkmale teilen.
- Wechsel: Im Lauf der Geschichte verändern sich diese Vorstellungen.

Bassnett: …a set of textual practices with which the writer and the reader collude.

Analyse: Beide Seiten müssen sich darüber einig sein, dass e seine Übersetzung ist – nur mehr eine Einschränkung auf soziologischer Ebene.

Semiotische Definitionen

Stecconi: Übersetzung benötigt folgende drei Dinge: „similarity, difference and mediation“

- Similarity: Es muss eine bestimmte Ähnlichkeit geben, damit überhaupt übersetzt werden kann. Ähnlichkeit impliziert auch immer Unterschiede.
- Difference: Diese Unterschiedlichkeit ist das, was beim Übersetzen in irgendeiner Form vermittelt werden muss.
- Mediation: Man braucht jemanden, der diese Mittlerrolle ausübt.

Analyse:

- keine Sprachen mehr, keine Beziehung
- keine Definition über den Vermittlungsprozess
- sehr philosophisch
- wenige Einschränkungen

Pluralistisch-offene Gegenstandsauffassungen

Zwilling: Unter Pluralismus verstehen wir hier die Anerkennung der Gleichwertigkeit unterschiedlicher Interpretationen des Translationsvorgangs angesichts der Tatsache, dass ein realer Translationsakt so vielschichtig und unerschöpflich ist, dass jede auch noch so raffinierte Interpretation eine Existenzberechtigung besitzt.

Analyse:

- Er möchte mehrere Definitionen zulassen
- Jede dieser Definitionen untersucht bestimmte Dinge
- Somit kann man vielleicht einmal zu EINER Definition kommen

Hermans: Übersetzung als „cluster concept“: „a cluster concept approach remains decentred and rhizome-like, moving from case to case and, in the process, accommodating divergent and even incommensurable instances and practices.“

Analyse:

- Alle Definitionen sollen zum Cluster gehören
- Man muss je nach Übersetzungsvorgang vorgehen und untersuchen, ob die Definition auch Gültigkeit (in bestimmter Sprache/Kultur…) besitzt.

Die pluralistisch-offenen Gegenstandsauffassungen (und auch Stecconi) vermeiden eine Definition und möchten den Gegenstand offen betrachten; sie arbeiten auf einer abstrakten Ebene (Stecconi) oder lassen widersprüchliche Definitionen nebeneinander zu oder machen eine Sammlung von Merkmalen und nehmen unterschiedliche davon heraus.

Das heißt: Man veränderte sich von der Eingrenzung des Gegenstands hin zu offeneren Definitionen.

Übersetzungswissenschaft gilt als ein Haus mit vielen Zimmern – es ist den Forschern überlassen, in welches sie gehen. Das macht diese Wissenschaft zu einem Fach mit vielen Facetten, von denen man sich aussuchen kann, welche einem am meisten liegen.

- Alles ist legitim und hängt vom disziplinären Blickwinkel ab.

Übersetzungswissenschaft als „normale“ Wissenschaft?

Paradigmatische Wissenschaft

Paradigma: Der Begriff wurde von Kuhn entwickelt und wird in der Wissenschaft gebraucht (laut ihm).

Er bedeutet, dass es gemeinsame Annahmen gibt, die alle Wissenschaftler haben und nach denen gearbeitet wird – bis zum Paradigmenwechsel. Hier gibt es einen „prae-paradigmaren“ Zustand, wo man verschiedene Annahmen durchgeht, bis es schließlich wieder ein neues Paradigma gibt.

In der Übersetzungswissenschaft gibt es das jedoch nicht; daher verharrt sie aus Sicht der Naturwissenschaft in einem prae-paradigmaren Zustand.

Interdisziplinarität – Arten und Formen der Kooperation

Übersetzungswissenschaft wird häufig als so eine gesehen; also als eine Disziplin zwischen Disziplinen; alle Forschungsbereiche können darauf zugreifen.

Interdisziplinarität ist aber auch Zusammenarbeit zwischen Disziplinen; kann auf unterschiedlicher Ebene erfolgen: Ideale Art: Zwei Disziplinen arbeiten gemeinsam und produzieren Ergebnisse, die von beiden von Nutzen sind. (relativ selten!)

Weiterentwicklung des funktionalen Ansatzes

- Skoposdifferenzierung nach Vermeer
- Skopostypologie nach Prunc
- Auftragsspezifizierung nach Nord
- Loyalitätspostulat nach Nord/Prunc
- Übersetzungskritik nach Ammann
- Literarisches Übersetzen

Kultur ist hier ein abgeschlossener Bereich/Gefüge und einzigartig bzw. isoliert. Übersetzung musste in eine andere Kultur gebracht werden. (Also keine Vermischung!)

Übersetzung ist gesellschaftliches Phänomen und beeinflusst von gesellschaftlichen Faktoren.

1) Skoposdifferenzierung nach Vermeer

1. äußerer Skopos: Ziel liegt außerhalb des Skopos und wird durch den Prozess begründet („Ich mache Übersetzung für Geld“)

2. innerer Skopos: bezieht sich auf das Produkt, wie der Text aussehen soll („Ich mache Ü. für Laien“)

3. translationsstrategischer Skopos/Skopos des Translatmodus: bezieht sich auf die Strategie, die gewählt wird

2) Skopostypologie nach Prunc

- Translationskultur als Rahmen:

Prunc versucht, den skopostheoretischen Rahmen um eine kultursemiotische Definition zu erweitern: Unter Translationskultur sei das historisch gewachsene Subsystem einer Kultur verstanden, das sich auf das Handlungsfeld Translation bezieht und das aus einem Set von gesellschaftlich etablierten, gesteuerten und steuerbaren Normen, Konventionen, Erwartungshaltungen und Wertvorstellungen aller in dieser Kultur aktuell oder potentiell an Translationsprozessen beteiligten Handlungspartner besteht. Als kulturelles Subsystem weist Translationskultur auch eine para-, dia- und idiokulturelle Gliederung auf.

- Skopos ergibt sich nicht mehr aus Aushandlung zwischen zwei Personen, sondern der ganzen Gesellschaft.

Skopos ist auch, einen Text NICHT zu übersetzen – hat immer mit Macht zu tun.

- Typologie:

1. Verbot
2. Verzicht
3. Verweigerung

Verzicht und Verweigerung gehen vom Übersetzer aus, Verbot nicht.

1) Verbieten können Urheberrechte, aber vor allem Autoren (Donna Leon), Institutionen (Kirche). Oft hat Verbot nicht funktioniert: Satanische Texte – wurden trotzdem übersetzt (manche Personen dafür getötet)

Wichtig, weil es beim Übersetzen nicht nur um Texte geht, sondern ein Teil der Gesellschaft/soziales Phänomen.

2) Verzicht: Übersetzerin meint, die Ü. wäre nicht sinnvoll. Das ist aber auch immer eine ethische Entscheidung.

3) Verweigerung: wenn die Arbeitsbedingungen nicht in Ordnung sind, kann ethische Gründe haben

Arten von Übersetzung – Prunc

- Pseudoübersetzung

Präger: Toury Texte, die vorgeben, Ü. zu sein, aber tatsächlich Originaltexte sind.

= Annährung von funktionalen und deskriptiven Theorien

Holz-Mänttari: „Schutzschild Ausgangstext“: Man versteckt sich hinter dem Originaltext, man verschleiert, dass die Texte Original sind. (Schutz des eigenen Rufes)

- Homologe Übersetzung:

Wortgetreue Übersetzung (aber nicht wörtlich!): Man setzt an den Platz das Wort der Zsprache, wo es in der Asprache stand. (interlinear)

Prunc zählt zu dieser Art auch, was Schleiermacher „Leser zum Autor“ nennt (=verfremdende Übersetzung)

Grund: Fremdheit hervorheben, etwas Neues hervorheben

Fremd: das Unbekannte, Konstruktion (des Fremden und damit des Eigenen)

Dadurch entsteht auch eine gewisse „Distanz“.

- Übersetzung ist in Gesellschaft eingebunden. Als man Nationalitätenbegriff in Frage stellte, hat man Übersetzungsbegriff auch in Frage gestellt.

- Analoge Übersetzung:

Man reproduziert Oberflächenelemente mit funktionsäquivalenten Elementen in der ZS. (Lexeme, Kollokationen, Sätze)

„Im Text steht schon alles; das ist alles, was es gibt.“ à Kritisierte Aussage

Denn: Texte sind der verbalisierte Teil einer Soziokultur: dahinter steckt also eine ganze Kultur

- Dialogische Übersetzung:

Gleiche Funktion wie im AT, aber nicht das Wort wird betrachtet, sondern der Text und seine Konventionen.

- Trialogische Übersetzung:

Übersetzer schreiben sich in den Text ein und bringen ihr Weltbild mit ein – ganz explizit!

Beispiel: Belles infidèles, Imitatio (Vorlage der Griechen besser machen), auch aufgrund von Zensurbestimmungen oder ästhetischen Gründen, Auslassungen, Ergänzungen

Übersetzer sind hier nicht die Schwachen; sie müssen die Einflüsse kennen.

Trialogische Übersetzung lehnt sich an postkolonialistische Strömungen an

- Prunc will also Skopostheorie retten und ergänzt sie durch Ansätze.

3) Auftragsspezifizierung nach Nord

Allgemein: Nord bleibt im funktionalen Gebiet und will Ethik einführen.

Defizit in der Skopostheorie: Professionalität reicht als Kriterium nicht aus – nicht alles professionelle ist auch in Ordnung.

- Äquivalenz: eine Art Regulativ für die Übersetzung; dadurch konnte man die Übersetzung „bändigen“: „Was ist ok, was nicht?“

Loyalität statt Treue/Äquivalenz:

Nord will nun aber von Äquivalenz weggehen.

Treue: gegenüber Autor, Text

Loyalität: gegenüber Personen, allerdings stellt Nord ihr Konzept in einen soziokulturellen Rahmen à Erweiterung, die in der Folge zu einer ethischen Diskussion führt

Nord: „ Was als akzeptable Ü. gilt, ist abhängig davon, was in einer Kultur unter Ü. verstanden wird.“

Beispiel: Buchkauf - man hat Erwartungen, wie es sein soll. Diese Erwartungen müssen beim Wahren des Skopos berücksichtigt werden. (=Basis des Loyalitätsbegriff)

Soziokulturelle Dimension der Loyalität

- konstitutive Konventionen: beziehen sich darauf, was eine Ü. überhaupt ist – bestimmte Konventionen werden hier erwartet, es bezieht sich auf den ganzen Text

- regulative Konventionen: beziehen sich auf Teile des Textes (wie man mit Metaphern, Zitaten umgeht)

Die Konventionen sind aber in keiner Kultur eindeutig.

Ethische Dimension der Loyalität

Dadurch ergibt sich also die ethische Dimension der Loyalität gegenüber Auftraggeber, Autor und auch Rezipient.

Beispiel: Daniel Kehlmann: Regisseur möchte etwas anderes mit seinem Text machen à Loyalitätskonflikt

- Mit den Konventionen kommt man nicht weit. Außerdem fehlt der Übersetzer in den Prinzipien

Erweiterung durch Prunc

Er erweitert das Prinzip dann eben um den Übersetzer und macht es zu einem Viereck und sagt, dass Loyalität in alle Richtungen gehen soll und keine Einbahnstraße ist.

Skopostheorie letztendlich für Gebrauchstexte akzeptiert, aber NICHT für literarische. Das will Nord ändern:

Nord: Literarisches Übersetzen und Skopostheorie

Literaturübersetzen als Handlung?

Es wurde gesagt: Literaturtexte sind anders; es geht eher um Fiktionalität und sprachliche Gestaltung.

Spannende Parallele: unterschiedliche Definitionen – „Literatur ist das, was als Literatur angesehen wird.“ Man nennt also keine Merkmale.

Die Definition ist also ähnlich wie bei funktionaler Theorie; daher gibt es eine Schnittstelle zwischen den beiden Disziplinen.

Beispiel: Literatur mit Sexszenen, die in bestimmten Kulturen aber nicht übersetzt werden dürfen – Funktionalität!

Verhältnis von Intention und Text

Forderung der literarischen Ü: Intention des Autors gerecht wiedergeben. Nord stellt dies in Frage: Übersetzer gibt die Interpretation der Intention wieder – ich weiß ja nicht, was seine Intention ist – auch nicht, wenn er es mir sagt (weil ich es ja interpretiere!)

Man ist also loyal DEM GEGENÜBER, was man als Intention versteht.

Man kann natürlich den Autor fragen: Was haben Sie damit gemeint? Antwort oft: Keine Ahnung oder das klang gut J

Funktionalität als Lösung widersprüchlicher Forderungen

Literarische Texte schaffen eigene Wirklichkeit, diese ist aber nicht im Kopf des Autors, sondern hat Bezüge zur realen Welt:

- Text spielt explizit in (A)-Kultur (Bernhard)
- Text hat keinen Bezug zur A-Kultur (Land nicht näher definiert)
- Text ist entkulturalisiert (man weiß, dass es sich auf eine Kultur bezieht, es wird aber nicht explizit gemacht)
- Je nach Skopos muss man mit diesen Bezügen umgehen.

Beispiel: Wenn jemand soziale Zustände in seinem Land anprangert – wie sollen die die gleiche Wirkung in einem anderen Land haben?

Je treuer, desto mehr Wirkung geht verloren – das kann man unter Funktionalität aber auflösen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Einführung in die Übersetzungswissenschaft
Untertitel
Vorlesungszusammenfassung
Hochschule
Universität Wien
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
28
Katalognummer
V441545
ISBN (eBook)
9783668800915
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einführung, übersetzungswissenschaft, vorlesungszusammenfassung
Arbeit zitieren
BA Helene Wagner (Autor), 2016, Einführung in die Übersetzungswissenschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441545

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