Integration erfolgt im Artusroman unter den Aspekten Handlung und Zeit als Entwicklung. In der Heldenepik gibt es keine Entwicklung. Der ‚Held’ geht beim Versuch, seine Normen durchzusetzen, unter (Desintegration). Die Struktur des Artusromans (doppelte Aventiurenreihe) zeigt Integration als Entwicklung unter Einbeziehung von Konflikt und Desintegration. Dabei wird Integration durch Wahrnehmung von Normen (zuerst formalen, dann verinnerlichten), aber auch durch Ästhetik (z.B. Kleiderwahl) gesichert. Symbolischer Kern der Integration (Parsons) ist der Artushof, um den herum aber das integrationsstiftende Handeln erfolgen muss. Die Sphären von Integration und Desintegration sind im Prinzip räumlich fixiert: Hof versus Wald.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Grundmodell des Handelns bei Talcott Parsons
3. Parsons` Modell der Orientierungen am Beispiel Iwein
3.1. Iweins Verfall in den Wahnsinn
3.1.2. Bewusste oder unbewusste Handlungen?
4. Integration versus Desintegration am Beispiel des Artushofes
4.1. Der Artushof als gesellschaftliche Gemeinschaft
4.2. Das unvollkommene Idealbild des Artushofes
5. Das Funktionsproblem sozialer Ordnung
5.1. Worin liegt die Lösung für das Funktionsproblem?
5.2. Parsons` Idealtyp
5.2.1. Uneigennützige Motivation
6. Persönlichkeitssystem und sozialer Konflikt
6.1. Ereks verligen
6.2. Sozialer Konflikt bei Emil Durkheim
6.3. Sozialer Konflikt bei Ralf Dahrendorf
7. Kritik am Modell Parsons`
8. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das erkenntnisfördernde Potenzial der soziologischen Theorie von Talcott Parsons für die mediävistische Forschung, indem sie exemplarisch den Begriff der Integration auf die Artusromane Hartmanns von Aue, mit Fokus auf den Roman Iwein, anwendet.
- Analyse der Handlungstheorie von Talcott Parsons im Kontext mittelalterlicher Literatur.
- Untersuchung des Integrations- und Desintegrationspotenzials in der Artusgesellschaft.
- Differenzierung zwischen bewussten und unbewussten Handlungen des Protagonisten Iwein.
- Diskussion des Funktionsproblems sozialer Ordnung und der Rolle normativer Wertsysteme.
- Vergleichende Einordnung sozialer Konfliktmodelle von Durkheim und Dahrendorf.
Auszug aus dem Buch
3.1. Iweins Verfall in den Wahnsinn
Ein erster thematischer Abschnitt kann vor dem Auftreten Lunetes festgemacht werden, als sich Iwein nach seiner Frau Laudine sehnt. Vers 3082ff:
nûn kam mîn her Îwein
in einen seneden gedanc:
er gedâhte, daz twelen waer ze lanc,
daz er von sînem wîbe tete:
ir gebot unde ir bete
diu heter übergangen.
In der Übersetzung von Max Wehrli heißt er gedâhte, „er wurde sich bewusst“. Mit der Annahme, dass Iwein sich seiner Schuld (Terminüberschreitung) bereits vor Lunetes Schmähung bewusst wird, muss Ó Riain-Raebels These relativiert werden. Denn sie geht bei Chrétien davon aus, dass Yvain bereits vor der Ankunft Lunetes in Gedanken verfällt und seine eigene Schuld erkennt. Sie schließt dieses für Hartmanns Iwein indirekt aus. Daher ist ihre Deutung des Nicht-Bewusstmachens von Schuld bei Iwein nicht belegbar. Helmut Staubmann greift in seinem Beitrag zur Soziologie der Ästhetik auf der Grundlage von Talcot Parsons` allgemeiner Theorie des Handelns mit seiner Formulierung des bewussten und unbewussten Erkennens den kognitiven Aspekt Parsons` wieder auf. Dabei geht er davon aus, dass dem Handelnden ein „subjektives Bild von Wirklichkeit [...] nicht in einem expliziten Sinne bewusst sein“ muss.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung skizziert das Forschungsziel, die soziologische Theorie Talcott Parsons' für die Analyse mittelalterlicher Artusromane, insbesondere Iwein, nutzbar zu machen.
2. Das Grundmodell des Handelns bei Talcott Parsons: Hier wird das theoretische Fundament der Handlungstheorie von Parsons vorgestellt, das den Aktor und seine Orientierungen in sozialen Systemen in den Mittelpunkt stellt.
3. Parsons` Modell der Orientierungen am Beispiel Iwein: Das Kapitel überträgt Parsons' Orientierungsmodi auf den Protagonisten Iwein, um dessen Handeln sowie seinen psychischen Verfall zu erklären.
4. Integration versus Desintegration am Beispiel des Artushofes: Anhand des Artushofes als gesellschaftliches Sub-System wird die Problematik von Integration und Desintegration innerhalb der Artuswelt analysiert.
5. Das Funktionsproblem sozialer Ordnung: Dieses Kapitel erörtert die notwendigen Bedingungen für soziale Ordnung, insbesondere durch institutionalisierte normative Muster und Wertsysteme.
6. Persönlichkeitssystem und sozialer Konflikt: Hier wird die Wechselwirkung zwischen individuellen Bedürfnisdispositionen und gesellschaftlichen Anforderungen sowie Konfliktmodelle von Durkheim und Dahrendorf untersucht.
7. Kritik am Modell Parsons`: Das Kapitel bündelt verschiedene kritische Stimmen gegen Parsons, die vor allem die Statik und Abstraktion seines Modells bemängeln.
8. Zusammenfassung und Ausblick: Abschließend werden die Ergebnisse zusammengefasst und Potenziale für weiterführende mediävistische Analysen aufgezeigt.
Schlüsselwörter
Talcott Parsons, Iwein, Hartmann von Aue, soziale Integration, Desintegration, Handlungstheorie, Artushof, normative Muster, Wertsystem, Persönlichkeitssystem, sozialer Konflikt, Emile Durkheim, Ralf Dahrendorf, Mittelalter, Mediävistik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwiefern die soziologische Handlungstheorie von Talcott Parsons dazu beitragen kann, gesellschaftliche Strukturen und Verhaltensweisen in den Artusromanen Hartmanns von Aue, insbesondere in Iwein, besser zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind soziale Integration und Desintegration, die Bedeutung von Normen und Werten für die gesellschaftliche Stabilität sowie die Analyse individueller Handlungsmotive innerhalb des höfischen Kontextes.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den Begriff Integration exemplarisch an den Artusromanen zu zeigen und durch den theoretischen Rahmen von Parsons bisherige mediävistische Erkenntnisse zu schärfen und neue Impulse zu setzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen interdisziplinären Ansatz, der literaturwissenschaftliche Textanalyse mit soziologischen Modellen (vorrangig Parsons, ergänzend Durkheim und Dahrendorf) verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Theorie von Parsons, die Anwendung auf Iweins Wahnsinn und den Artushof, die Erörterung des Funktionsproblems sozialer Ordnung sowie eine kritische Auseinandersetzung mit dem Modell und dessen Vergleich mit anderen Konflikttheorien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Integration, Desintegration, Parsons, Iwein, Handlungstheorie und normatives Wertsystem charakterisiert.
Warum wird Iweins Flucht als desintegrativ eingestuft?
Iweins Flucht in den Wald und das Ablegen seiner Kleidung symbolisieren den Bruch mit den höfischen Status- und Verhaltensregeln, wodurch er die gemeinsame kulturelle Orientierung des Artushofes nicht mehr teilt und sich somit aus der sozialen Gemeinschaft ausschließt.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von König Artus?
Die Arbeit deutet an, dass der Artushof nicht dem idealen Bild einer vollkommenen Gesellschaft entspricht, da König Artus es versäumt, Iwein rechtzeitig durch loyale Unterstützung und Trost vor seiner endgültigen Desintegration zu bewahren.
Wie unterscheidet sich Dahrendorfs Modell von dem Parsons?
Während Parsons ein auf Harmonie und Konsens ausgerichtetes Systemmodell verfolgt, stellt Dahrendorf diesem ein Konfliktmodell gegenüber, in dem Zwang, Widerstand und herrschaftsbedingte Gruppenkonflikte als Dynamik für gesellschaftlichen Wandel fungieren.
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- Bachelor of Arts Marcel Ernst (Author), 2005, Von den Artusromanen Hartmanns von Aue zu Talcott Parsons - und umgekehrt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44161