"Genaues wissen wir nicht..." Krisenberichterstattung am Beispiel der Liveübertragungen in den ersten Stunden des 11. September im deutschen Fernsehen


Hausarbeit, 2005

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Krisen- und Kriegsberichterstattung
2.1 Information als Ware
2.2 Der Krieg und die Experten
2.3 Die Darstellungsform des „Infotainments“
2.4 Politischer Einfluss

3. Terrorismus und die Medien

4. Die Berichterstattung am 11. September 2001
4.1 Chronologie des Anschlags
4.2 Das Unfassbare beschreiben
4.2.1 Die Spontaneität des Ereignisses
4.2.2 Etwas kommentieren, das man selbst nicht versteht
4.2.3 Zu schnelle Klischees, zu schnell Krieg?

5. Resümee

Literatur

1. Einleitung

Mit dem Datum des 11. Septembers verbindet man heute den wohl grausamsten Terroranschlag in der Geschichte der Menschheit, welcher im Anschluss die gesamte Weltordnung in Frage stellen sollte. Das Böse war zurück in der Welt und nur wenige Tage nach den Anschlägen verkündete der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika einen „monumentalen Kampf des Guten“ gegen eben dieses Böse, den Weltfeind, wobei der Feldzug wieder ein paar Tage später zum „Kreuzzug“ avancierte.[1] Die Welt wurde aufgeteilt.

Es gibt mehrere Gründe, warum dieser Anschlag[2] und der Tag an dem er geschah, solch gravierende Folgen für die Weltpolitik hatte. Zum Einem natürlich der Angriff auf die USA auf eigenem Territorium. Nie zuvor ist dieses Land so tief in seinem Selbstverständnis und in seinem Gefühl der Unangreifbarkeit verletzt worden, zudem von einer nichtstaatlichen, terroristischen Organisation. Zum Anderen natürlich das Ausmaß, welches dieser Anschlag erreichte. Gleich drei zentrale Gebäude der USA bzw. der Weltwirtschaft sind angegriffen worden. Zwei von ihnen wurden völlig zerstört und vier Flugzeuge gleichzeitig entführt um sie als Waffe zu benutzen. Die Folge waren fast 3000 Tote und unzählige Verletzte.

Nicht zuletzt allerdings muss man auch den Eindruck dieses Ereignisses und dieses Tages erwähnen, den er weltweit hinterlassen hat. Es war ein mediales Großereignis. Die ganze Welt konnte die Ereignisse in (vor allem) New York live am Fernsehen verfolgen. Das Unfassbare per Direktübertragung. Der zweite Einschlag in den Südturm war bereits live auf CNN zu sehen.[3] Eine Repräsentativstudie der TU Ilmenau hat ergeben, dass fast 70% der deutschen Bevölkerung innerhalb von einer Stunde über das Geschehen in den USA informiert war.[4] Der Einsturz der brennenden Bürotürme wurde von mehr Zuschauern am Bildschirm verfolgt, als irgendeine andere Katastrophe zuvor.[5] Ulrich Wickert meint dazu: „Am Tag der Terroranschläge waren es die Fernsehbilder […], die die Zuschauer vor den Fernseher bannten.“[6]

Es darf vermutet werden, dass die Terroristen vom 11. September 2001 auch diese Wirkung im Auge hatten. Neben der Tatsache, dass ihnen das Unglaubliche gelungen war, die USA zu demütigen, wollten sie mit Sicherheit auch genau diesen Effekt erzielen.[7] Die Verbreitung des Schreckens von New York aus über die ganze Welt. Anderes wäre dieser Anschlag auch nicht zu erklären. Die Heftigkeit, mit der man hier vorging und die Brutalität sollten so real wie möglich auch die Leute erreichen, welche nicht vor Ort waren. Auf diese Art haben sie es erreicht, Angst und Schrecken auch dorthin zu transportieren, wo sie selbst nicht zugegen waren.

Um die Berichterstattung am 11. September soll es in dieser Arbeit gehen. Dazu soll zunächst die Krisen- und Kriegsberichterstattung allgemein vorgestellt, später auf das Verhältnis von Terrorismus und (Massen-) Medien eingegangen und im Hauptteil auf die Berichterstattung am 11. September speziell im deutschen Fernsehen eingegangen werden.

2. Krisen- und Kriegsberichterstattung

In seinem Buch „Krieg und Fernsehen“ beschreibt Virilio die heutigen Kriege, welche von den Medien Aufmerksamkeit geschenkt bekommen, als Weltkriege, nicht auf Grund ihrer geographischen Ausgedehntheit oder der Tatsachen, dass ein Großteil der Welt in sie involviert wäre, sondern weil jeder Konflikt, aufgrund der technischen Möglichkeiten unmittelbar in jeden Haushalt der Welt übermittelt werden kann.[8]

In dieser Aussage liegen bereits zwei Feststellungen. Einmal muss ein gewaltsamer Konflikt von den Medien überhaupt für so wichtig genommen werden, dass er auf die Agenda gesetzt wird und das regelmäßig. Eine kriegerische Auseinandersetzung, die keine Beachtung von den Medien erhält, findet für die Weltöffentlichkeit nicht statt. Wie Wolf dies ausdrückt: „Wer im toten Winkel der Bildmedien liegt, [...] der muss sich ernstlich fragen, ob er überhaupt existiert.“[9]

Zum Anderen muss man aber festhalten, dass ein Krieg einen unwahrscheinlich hohen Nachrichtenwert besitzt und somit zum „Lieblingsthema“ der Medien zählt. Selbst sogenannte seriöse Auslandsjournale, wie „Weltspiegel“ oder „Auslandsjournal“ haben nach einer Untersuchung einen Anteil von 61% Krisen- und Kriegsberichterstattung.[10] Vor allem Kriege sind extrem konfliktbeladen und wollen diskutiert, kommentiert und dargestellt werden. Im Folgenden soll es hauptsächlich um die Probleme der Krisen- und Kriegsberichterstattung gehen, um zu zeigen, welche Schwierigkeiten es mit sich bringt, will man den Nachrichtenfaktor „Krieg“ ausführlich in den Medien behandeln.

2.1 Information als Ware

Kriege, vor allem wenn das eigene Land beteiligt ist, bringen ein erhöhtes Informationsbedürfnis mit sich, welches befriedigt werden will. Kriege stellen immer ein absolut komplexes Ereignis dar, bei dem es von unwahrscheinlich vielen Faktoren abhängt, wie er verläuft, wie er ausgeht und was danach geschieht, so dass es ein unmögliches Unterfangen darstellt, tatsächlich sichere Prognosen für die Zukunft aufzustellen. Und genau da befinden sich die Medien all zu oft im Dilemma. Informationen sind knapp, Quellen nicht immer vertrauenswürdig und Prognosen ein schwieriges, wenn nicht sogar ein unmögliches Unterfangen. Zudem stellt sich dem Bildmedium ein zusätzliches Problem: Bilder sind Mangelware und wenn man welche hat, können auch die zu Propagandazwecken an das Medium weitergegeben worden sein.

Zu diesen Schwierigkeiten kommt noch der Wettbewerb zwischen den verschiedenen Medienkonzernen. Wer zuerst die Nachricht bring und um so schockierender diese Nachricht ist, der hat die Nase vorn im Wettrennen um die Einschaltquoten. Die Informationen, die man hat, zu analysieren und auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, dazu fehlt oft die Zeit. Zu Weilen kommt es vor, dass man unzählig viele Informationen hat, aber dennoch nichts weiß. Informationen und solche die es sein wollen, sind schon seit geraumer Zeit zur Waffe mutiert, sie können zurückgehalten, gefälscht oder auch zur puren Desinformation eingesetzt werden. Die Medien sind es nun, die diese Waffe entweder nicht erhalten oder aber weitergeben sollen. Im Kosovokrieg (z.B.) betrieben alle Kriegführenden Parteien eigene PR-Büros.[11] Die Folge der Informationspolitik während des Kosovo- und des dritten Irakkrieges war die Haupinformation, dass keine man Informationen hat.

Was aber nun tun? Die Sendezeiten wollten gefüllt werden und die Zuschauer mit Informationen versorgt sein. Fehlende Bilder und Informationen müssen in irgend einer Form kompensiert werden, so dass man, gerade im dritten Irakkrieg, dazu übergegangen ist, diesen Mangel mit Meinungen zu füllen. Experten aus allen Fachgebieten wurden eingeladen, um ihre Meinung kund zu tun, was den Krieg und den Kriegsverlauf betrifft. Dabei etablierte sich das Gerücht als ein Element der Berichterstattung,[12] was mir allerdings fraglich erscheint.

2.2 Der Krieg und die Experten

Auf Grund der vielfältigen Fragen, die vor und während des dritten Golfkrieges auftauchten und diskutiert werden mussten, kann es im Nachhinein nicht verwundern, dass es buchstäblich zu einer „bunten Schar“ von Fachleuten kam, die es auf einmal in den Massenmedien zu bewundern gab. Wissenschaftler, pensionierte Militärs, Sicherheitsexperten und Spezialisten für die betroffenen Regionen dieser Welt und deren Besonderheiten kamen zu Wort und diese ergriffen es all zu häufig auch liebend gern.

Dagegen ist im Grundgedanke absolut nichts einzuwenden, dann nämlich, wenn der Einsatz von Experten tatsächlich dazu dienen soll, die Öffentlichkeit aufzuklären, Sachverhalte publikumsgerecht aufzubereiten, letztendlich also, dem Journalisten helfend zur Seite zu stehen und somit Unklarheiten soweit wie möglich auszuräumen.

Der Krieg im Irak hat schon weit vor seinem Beginn viele Fragen und Ängste hervorgerufen und nicht jeder Normalbürger hat Zugang zu ausgewiesenen Experten und Professoren. An dieser Stelle kann der Einsatz von Fachleuten in den Massenmedien äußerst effektiv sein, um dass Informationsbedürfnis, wie es zu Kriegszeiten immer ein höheres ist, kompetent zu befriedigen. Gerade im Verlauf von kriegerischen Auseinandersetzungen, steigt das Bedürfnis nach Vereinfachung hochkomplexer Zusammenhänge in allgemein verständliche Strukturen. Wenn der Normalbürger nachvollziehen kann, was im Krisengebiet passiert, dann hilft es ihm Ängste abzubauen und das Gefühl der Bedrohung abzuschwächen. Leider ist dies nicht immer der Fall, so auch im dritten Golfkrieg.

US-Experten malten die Aussichten der Amerikaner in düsteren Farben. Es werde einen langen blutigen Krieg mit vielen Toten geben und auch eine neue Terrorwelle wurde vorhergesagt.[13] Dass beides nicht eingetreten ist, ist kein Geheimnis mehr, galt vor dem Krieg und in den ersten Kriegstagen allerdings unter vielen Experten als sicher. Wo, zum Beispiel, die so viel befürchteten Republikanischen Garden waren, die zu Zehntausenden vorhergesagt wurden, kann heute keiner mehr beantworten.

Den Spezialeinheiten Saddam Husseins wurden wahrlich wundersame Fähigkeiten zugesprochen und einige Militärexperten gingen sogar soweit, behaupten zu können, dass die Koalitionstruppen mit Verlusten von bis zu 5000 Mann rechnen müssten[14], in Bagdad könnten die Koalitionstruppen auf ein „zweites Stalingrad“ stoßen und gelegentlich wurde selbst die Befürchtung geäußert, dass sich ein „zweites Vietnam“ auftun könnte. Woher diese Experten solch haarsträubende Überzeugungen gewonnen hatten ist fraglich, festzuhalten ist, dass es für derart übertriebene Prognosen keinerlei Ansatzpunkte gab und somit dem widerstrebt, wofür der Einsatz von Fachleuten eigentlich da sein sollte: Aufklärung des Publikums und Aufwertung des Informationsgehaltes. Mit wilden Spekulationen vereinfacht man komplexe Sachverhalte nicht, im Gegenteil, man sorgt für noch mehr Verwirrung, das Gefühl der Bedrohung wird nicht genommen, sondern Ängste werden geschürt.

[...]


[1] Vgl. Altmeyer, Martin in Auchter, Thomas u.a. (Hg.), S.12

[2] Ich werde im Laufe der Arbeit die Einzahl verwenden, auch wenn mir wohl bewusst ist, dass es sich um mehrere Anschläge gehandelt hat, doch sind diese im Zusammenhang zu sehen, wenn es um das Ausmaß geht.

[3] [3] Deutsche Sende wie NTV haben diese Bilder bereits wenige Minuten vor dem zweiten Einschlag übernommen gehabt. Auf ARD berichtet gerade der Nachrichtensprecher darüber dass „Nach Berichten US-amerikanischer Fernsehsender (istr eine zweimotorige Kleinmaschine in einen der beiden Türme des Wolkenkratzers gestürzt“ ist, als auf dem Bildschirm zu sehen ist, wie ein zweites Flugzeug in den Turm fliegt – Vgl. Weller, Christoph: S. 51

[4] Vgl. Schicha/Brosda in Schicha/Brosda (Hg.) S. 7

[5] ebd. S.8

[6] Wickert, Ulrich in Dörmann, Jürgen/Pätzold, Ulrich (Hg.): S: 14

[7] Vgl. Brosda, Carsten in Schicha, Christian/Brosda, Carsten (Hg.): S. 53, 56f.

[8] Vgl. Virilio, Paul: S. 41, 155

[9] Wolf, Fritz in Zöllner, Oliver (Hg.): S. 90

[10] Vgl. Zöllner, Oliver: S: 8

[11] Vgl. Wolf, Fritz in Zöllner, Oliver (Hg.): S. 88

[12] Vgl. Knott-Wolf, Brigitte in Zöllner, Oliver (Hg.): S. 22

[13] dpa/online vom 10.04.03: „Der Krieg verlief ganz anders als viele Experten meinten“

[14] ebd.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
"Genaues wissen wir nicht..." Krisenberichterstattung am Beispiel der Liveübertragungen in den ersten Stunden des 11. September im deutschen Fernsehen
Hochschule
Universität Erfurt  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Lektürekurs Kommunikationswissenschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V44184
ISBN (eBook)
9783638418317
ISBN (Buch)
9783638657457
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Genaues, Krisenberichterstattung, Beispiel, Liveübertragungen, Stunden, September, Fernsehen, Lektürekurs, Kommunikationswissenschaft
Arbeit zitieren
Marko Tomasini (Autor), 2005, "Genaues wissen wir nicht..." Krisenberichterstattung am Beispiel der Liveübertragungen in den ersten Stunden des 11. September im deutschen Fernsehen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44184

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Genaues wissen wir nicht..." Krisenberichterstattung am Beispiel der Liveübertragungen in den ersten Stunden des 11. September im deutschen Fernsehen



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden