Sozialer Einfluss durch Minoritäten. Zur Rolle des Faktors Status im Einflussprozess


Hausarbeit, 2009

10 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Einflussprozesse und der Faktor Status

3. Theorien zum sozialen Einfluss von Minoritäten

4. Erfolgsfaktoren für Einflussversuche durch Minoritäten
4.1. Status von Minoritäten und Unterstützern
4.2. Verhaltensstil von Minoritäten

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Macht ist einer der zentralsten Begriffe in den verschiedenen Disziplinen sozialwissenschaftlicher Forschung. Auf ihn greifen insbesondere die Politikwissenschaft, die Soziologie und die Sozialpsychologie zurück, um Einflussbeziehungen innerhalb des politischen Systems, in der Gesellschaft, in Organisationen oder Kleingruppen zu erklären. Denn sozialer Einfluss und somit Macht sind omnipräsent in allen Lebensbereichen. Wer Macht hat, der gilt als einflussreich: Ihm wird es leichter als einer weniger mächtigen Person gelingen, andere zu seinen Gunsten zu überzeugen.

Betrachtet man die Einflussbeziehungen zwischen Mehrheiten und Minoritäten, so erscheint zunächst natürlich die Mehrheit als mächtiger. Ihr, so lässt sich vermuten, wird es leichter fallen, Angehörige von Minoritäten zu beeinflussen als umgekehrt. Dennoch sind auch Minoritäten in der Lage, Einfluss auf Angehörige der Mehrheitsfraktion auszuüben. Denn anders, so schlussfolgert Moscovici (1976: 9), wäre kein Wandel in Politik, Wirtschaft, Religion, Wissenschaft und Kultur möglich, da alle Menschen nach und nach einem Konformitätsdruck unterliegen und sich der Mehrheitsmeinung anschließen würden. Dass dies nicht der Fall ist, hält er für den stärksten Beweis der Existenz des Minoritäteneinflusses, den er per se als innovativ begreift.

Doch welche Mechanismen liegen der Einflussausübung durch Minoritäten zugrunde? Weisen soziale Einflüsse, die durch Mehrheiten oder aber Minoritäten zustande kommen, unterschiedliche Charakteristika auf? Welche Rolle spielt der Faktor Status bei der Beeinflussung durch Angehörige einer Minorität? Und wie sollten sich Minoritäten verhalten, um erfolgreich Einfluss ausüben zu können? Auf diese zentralen Fragestellungen versucht die vorliegende Hausarbeit in knapper Form Antworten zu finden.

Hierzu soll zunächst der Ablauf sozialer Einflussprozesse skizziert und verdeutlicht werden, welche Bedeutung dem Faktor Status dabei zukommt. Anschließend werden die wichtigsten Theorien zum Minoritäteneinfluss kurz vorgestellt sowie Charakteristika und Unterscheidungsmerkmale im Vergleich zum Einfluss durch Mehrheiten herausgearbeitet. Es folgen Erläuterungen zur Rolle des Faktors Status sowie zum geeigneten Verhalten von Minoritäten, um erfolgreich Einfluss ausüben zu können. In einem kurzen Fazit sollen abschließend diese Ergebnisse diskutiert und die leitenden Fragestellungen dieser Arbeit beantwortet werden.

2. Soziale Einflussprozesse und der Faktor Status

Kramer (2007: 297f.) definiert sozialen Einfluss als „the process of successfully inducing change in other people’s attitudes, beliefs, perceptions, feelings, values, and behaviors by means of one’s own behavioral tactics“. Er verweist damit zum einen auf die verschiedenen Ebenen, auf denen Einflussprozesse möglich sind, sowie zum anderen darauf, dass verschiedene Methoden und Taktiken verfolgt werden können, um erfolgreich Einfluss ausüben zu können. Er nimmt hier jedoch ähnlich wie Moscovici (1976: 9) eine Perspektive ein, die sozialen Einfluss mit Innovation gleichsetzt und geht nicht darauf ein, dass Einflussausübung sich auch darauf konzentrieren kann, einen bestehenden Status zu wahren. Nach Levine & Kaarbo (2001: 233f.) können jedoch vier verschiedene Arten von Einflüssen unterschieden werden: Neben den von Moscovici (1976) und Kramer (2007) thematisierten progressiven bzw. modernistischen Einflüssen, deren Ziel es ist, andere von einer Veränderung zu überzeugen oder aber eine Rückbesinnung auf eine vorherige Situation zu verhindern, gibt es auch konservative bzw. reaktionäre Einflüsse. Ihr Ziel ist es, Wandel zu verhindern oder aber Veränderungen herbeizuführen, um zum vormaligen Status Quo zurückzukehren.

Der Ablauf sozialer Einflussprozesse lässt sich bildlich gesprochen als lineares Modell vorstellen, in dem ein Sender (Source) eine bestimmte Einflussbotschaft aussendet und damit den von ihm anvisierten Empfänger (Target) erreicht. Ob eine Beeinflussung erreicht werden kann und wie stark diese ausfällt, hängt jedoch von verschiedenen Faktoren ab, zu denen neben Charakteristika des Senders, der Botschaft und des Empfängers auch situative Faktoren zählen. Aufgrund der Kürze der vorliegenden Arbeit kann an dieser Stelle nicht auf alle wesentlichen Charakteristika eingegangen werden[1], es soll stattdessen im Folgenden herausgearbeitet werden, welche Rolle der Faktor Status in sozialen Einflussprozessen spielt.

„Status bezieht sich auf die gesellschaftliche Position einer Person und darauf, wie diese Person von einer gesellschaftlichen Gruppe beurteilt wird.“ (Henley 1988: 35). Er ist „an den Besitz bestimmter, von der Gesellschaft hochgeschätzter Merkmale geknüpft […].“ (ebd.). Das heißt, je nach Kontext können ganz unterschiedliche Merkmale zur Attribution eines hohen Status führen, so z.B. gutes Aussehen, sympathisches Auftreten, Expertenwissen oder aber auch die Fähigkeit und die Ressourcen zur Machtausübung. Demnach ist die Zuschreibung eines hohen Status häufig an die Machtfülle einer Person geknüpft, kann jedoch auch unabhängig davon bei Personen ohne nennenswerte Macht auftreten, die dafür andere besonders geschätzte Eigenschaften besitzen.

Bei der Analyse sozialer Einflussprozesse müssen somit sowohl der Status des Senders wie auch des Empfängers betrachtet werden. Studien haben aufgezeigt, dass Sender mit hohem Status sich als besonders einflussreich einschätzen und daher auch häufiger als andere Einflussversuche unternehmen (vgl. Tedeschi et al. 2008: 303). Erfolgreiche Einflussversuche erhöhen wiederum den Status einer Person und helfen außerdem dabei, ein größeres Maß an Selbstsicherheit zu entwickeln. Eine selbstsichere Person wird nun die Wahrscheinlichkeit, erfolgreich zu sein, als relativ hoch einschätzen und darum mehr Einflussversuche unternehmen – ein Kreislauf ist in Gang gekommen (vgl. ebd.: 299). Ähnliche Kreisläufe beschreiben die Autoren auch für die Faktoren Expertise (vgl. ebd.: 304f.) und Prestige (vgl. ebd.: 306f.), die sie als Unterkategorien des Begriffs Status begreifen. Ihrer Meinung nach bestimmt die Tatsache, ob der Status einer Person sich eher auf Expertise oder auf Prestige gründet, jedoch die Mittelwahl: Eine Person mit Expertenstatus wird sich eher auf das Überzeugen anderer mithilfe von Informationen oder Manipulation verlassen (vgl. ebd.: 305), während jemand, dessen Status sich auf Prestige gründet, eher geneigt ist, auf Belohnungen und Bestrafungen zurückzugreifen (vgl. ebd.: 306).

Die Auswahl eines Empfängers für die Einflussbotschaft erfolgt nach Ansicht von Tedeschi et al. (2008: 309ff.) vorrangig aufgrund ihrer Erreichbarkeit sowie ihres Status. Personen mit einem hohen Status, die über viele vom Sender als wünschenswert betrachtete Eigenschaften verfügen, sind demnach häufiger Ziel von Einflussversuchen, sowohl von Personen mit niedrigerem als auch von Personen mit ähnlich hohem Status (vgl. ebd.: 315). Der Sender wird demnach versuchen, die Person mit dem höchsten Status, die für ihn direkt erreichbar ist, zu beeinflussen. Gleichzeitig muss er jedoch damit rechnen, dass Personen mit hohem Status der Beeinflussung größeren Widerstand entgegensetzen und wertvollere Gegenleistungen verlangen können – somit ist für den Sender mit besonders hohen Kosten zu rechnen. (vgl. ebd.: 311)

3. Theorien zum sozialen Einfluss von Minoritäten

Aufgrund des begrenzten Umfangs der vorliegenden Arbeit ist es an dieser Stelle nicht möglich, auf alle Theorien zum sozialen Einfluss von Minoritäten einzugehen[2]. Es wird daher eine Auswahl getroffen und im Folgenden in knapper Form auf die Objective Consensus Perspectives, die Konversionstheorie sowie auf das Dual Role Model als integratives Modell eingegangen.

Die Objective Consensus Perspectives gehen davon aus, dass Menschen beeinflussende Argumente auf zwei verschiedene Arten verarbeiten: Entweder auf schnelle und oberflächliche Weise ohne Anstrengungen oder aber auf systematische und durchdachte Weise, was größere Anstrengungen voraussetzt. Es wird angenommen, dass Menschen eher bereit sind, Informationen systematisch zu verarbeiten, wenn es sich dabei um Einflussnahmen seitens der Mehrheitsfraktion handelt, da diese als relevanter und glaubwürdiger angesehen werden. Daher wird Einflussnahmen durch die Mehrheit größerer Erfolg zugeschrieben als jenen, die die Minoritäten vornehmen. (vgl. De Dreu 2007: 250f.)

Auch Moscovici vertritt in der von ihm entwickelten Konversionstheorie die Ansicht, dass Menschen mit Einflussbotschaften von Mehrheiten anders umgehen als mit jenen von Minoritäten, schlussfolgert daraus jedoch einen Vorteil für die Minderheiten. Seiner Meinung nach führt Mehrheitseinfluss zu Vergleichsprozessen: Menschen vergleichen ihre eigene Meinung mit der der Mehrheit, ohne sich mit dieser detailliert auseinanderzusetzen. Minoritätseinfluss jedoch führt zu Validierungsprozessen: Aufgrund ihrer Unterscheidbarkeit von der Mehrheitsmeinung werden Minoritätsmeinungen systematischer verarbeitet, um sie nachvollziehen zu können. Eine mögliche Folge ist das sog. Konversionsverhalten – gegebenenfalls nach einer Verzögerung und ohne sich dessen bewusst zu sein, ändert sich die Denkweise des Beeinflussten weg von der Mehrheits- und hin zur Minoritätsmeinung. (vgl. ebd.: 252ff.)

Integrative Modelle haben es sich zum Ziel gemacht, Objective Consensus Perspectives und Konversionstheorie zu vereinen und somit auch Forschungsergebnisse zu erklären, die mithilfe nur einer Theorie bisher nicht begründet werden konnten (vgl. ebd.: 254). Das Dual Role Model von De Dreu und De Vries geht davon aus, dass Charakteristika des Senders, der Botschaft und des Empfängers beeinflussen, wie systematisch die Botschaft verarbeitet wird und ob die Empfänger eine Identifikation mit dem Sender eher herbeiführen oder vermeiden wollen. Sie vermuten, dass Botschaften von Minoritäten nur dann systematisch verarbeitet werden, wenn sie besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, so z.B. weil sie über lange Zeit konsistent bleiben oder aber besonders überraschend sind oder weil Vertreter der Minorität einen hohen Status haben. Da die meisten Menschen es vermeiden wollen, mit der Minorität identifiziert zu werden, führt Minoritätseinfluss demnach eher zu privaten als zu öffentlichen Einstellungsänderungen und dies auch eher bei Themen, die mit dem Thema der Einflussbotschaft in Zusammenhang stehen, als beim Thema der Botschaft selbst. (vgl. ebd.: 255ff.)

[...]


[1] Eine Übersicht darüber findet sich bei Tedeschi, Schlenker & Lindskold (2008).

[2] Eine Übersicht über alle zentralen Theorien sowie Analyse der Rolle des Faktors Status in den Theorien findet sich bei Broszkiewicz (2001).

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Sozialer Einfluss durch Minoritäten. Zur Rolle des Faktors Status im Einflussprozess
Hochschule
Universität Erfurt  (Institut für Kommunikationswissenschaft)
Veranstaltung
Seminar Interpersonale Kommunikation: Grundlagen, Theorie, Befunde
Note
1,5
Autor
Jahr
2009
Seiten
10
Katalognummer
V441857
ISBN (eBook)
9783668800595
ISBN (Buch)
9783668800601
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sozialer Einfluss, soziale Einflussprozesse, Minoritäten, Minderheiten, Status, Macht, Einflussbeziehungen, Mehrheit
Arbeit zitieren
Kirsten Petzold (Autor), 2009, Sozialer Einfluss durch Minoritäten. Zur Rolle des Faktors Status im Einflussprozess, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/441857

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