Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Aufbau, dem Ablauf und dem Ergebnis des Konvents zur Zukunft der Europäischen Union aus dem Blickwinkel intergouvernementaler Argumente, die auch von vielen Europaskeptikern verwendet werden. Der Intergouvernementalismus ist eine staatszentrierte Richtung der Integrationstheorie, die nationalen Regierungen werden als zentrale Akteure der Integration betrachtet. Dementsprechend liegt der Schwerpunkt der Betrachtung der Arbeit bei staatlichen Akteuren.
Der Blickwinkel des Intergouvernementalismus ist für das Fallbeispiel des Konvents aus verschiedenen Gründen interessant. Intergouvernementalistische Theorien befassen sich im Allgemeinen stark mit den nationalen Regierungen und deren Verhandlungen auf großen Konferenzen. Der Konvent stellt in seiner Form eine Neuerung dar. Es stellt sich die Frage, wie sich staatliche Akteure in diesem Umfeld bewegen und wie dies theoretisch zu bewerten ist. Lassen sich intergouvernementale Prämissen und Betrachtungsweisen auch auf den Konvent anwenden? Besitzen Theorien wie der Neorealismus hier Erklärungskapazitäten?
Dass auch die nationalen Regierungen sich der möglichen Tragweite des Konvents bewusst waren, zeigte sich an der Tatsache, dass sie zum Schluss sehr hochrangige Vertreter, z. B. Außenminister Joschka Fischer, zum Konvent entsandten, um ihre Interessen zu vertreten.
Das Erkenntnisinteresse verteilt sich auf zwei Schwerpunktbereiche. Auf der ersten Ebene soll analysiert werden, wie sich maßgebliche Nationalstaaten wie Großbritannien und Deutschland zu national besonders relevanten Themen verhalten haben. Wer konnte seine Vorstellungen im Entwurf unterbringen? Wo sind Gewinne oder Verluste zu verzeichnen? Konnten sich die Regierungsvertreter gegen die europäischen Institutionen durchsetzen? Auf der zweiten Ebene sollen die Ergebnisse auf Grundlage des gewählten theoretischen Blickwinkels eingeordnet werden. Verhalten sich die staatlichen Akteure gemäß neorealistischer Muster? Gibt es Abweichungen, z. B. unter den verschiedenen Nationalstaaten? Ist die Theorie anwendbar auf dieses neue Phänomen der europäischen Integration?
Die Arbeit soll zum einen das Verhalten staatlicher Akteure analysieren und so zum besseren Verständnis dieser neuen Form europäischer Integration dienen. Zum anderen soll ein Beitrag zur Einordnung des Phänomens Verfassungskonvent in die europäische Integrationsforschung geliefert werden.
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Hinführung zum Thema
- Fragestellung, Problementfaltung und Erkenntnisinteresse
- Aufbau der Arbeit
- Forschungsstand
- Integrationstheoretische Ansätze
- Europäische Integrationstheorien
- Theorien, wozu?
- Zwei Hauptströmungen
- Neorealismus und Intergouvernementale Ansätze
- Kenneth N. Waltz
- Alan S. Milward
- Andrew Moravcsik
- Gemeinsame Standpunkte
- Der Konvent, Bedingungen und Ausgangpositionen
- Rahmenbedingungen und Ausgangspunkte
- Rahmenbedingungen
- Mandat
- Zusammensetzung
- Arbeitsweise
- Positionen wichtiger Regierungen
- Großbritannien
- Deutschland
- Frankreich
- Die heiße Phase der Auseinandersetzung
- Das interne Machtgefüge
- Ein starker Ratspräsident
- Der Kommissionspräsident als Regierungschef
- Die Doppelspitze
- Europäische Kontroversen
- Das Modell des Vertragsentwurfes
- Schlussfolgerungen
- Die Rolle der nationalen Parlamente
- Probleme
- Positionen und Debatte
- Die Lösung im Vertragsentwurf
- Schlussfolgerungen
- Außenpolitik: Vergemeinschaftung oder Kooperation?
- Eine gemeinschaftliche Politik
- Intergouvernementale Kooperation
- Arbeitsgruppe und Konventsdebatte
- Regelung im Vertragsentwurf
- Schlussfolgerungen
- Intergouvernementalistische Schlussfolgerungen
- Bundesstaat oder Staatenbund?
- Wo stehen die Nationalstaaten? Gewinne und Verluste
- Wie relevant ist die Theorie?
- Einordnung des Konvents
- Bestätigung theoretischer Annahmen
- Analysefunktion
- Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Die Diplomarbeit befasst sich mit der europäischen Integration und den Nationalstaaten aus neorealistischer Perspektive. Sie analysiert den Konvent zur Zukunft der Europäischen Union, insbesondere im Hinblick auf intergouvernementale Argumente. Das Ziel ist es, die Auswirkungen des Konvents auf die Rolle der Nationalstaaten in der europäischen Integration zu untersuchen und die Relevanz des neorealistischen Ansatzes für die Analyse des Integrationsprozesses zu beurteilen.
- Die Rolle der Nationalstaaten in der europäischen Integration
- Der Einfluss intergouvernementaler Argumente auf den Konvent
- Die Auswirkungen des Konvents auf die institutionelle Struktur der EU
- Die Relevanz des neorealistischen Ansatzes für die Analyse der europäischen Integration
- Die Bedeutung des Konvents für die Zukunft der Europäischen Union
Zusammenfassung der Kapitel
- Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der europäischen Integration und die Relevanz des Konvents zur Zukunft der Europäischen Union ein. Sie skizziert die Ausgangssituation und die Notwendigkeit einer Reform des Vertragswerkes.
- Integrationstheoretische Ansätze: Dieses Kapitel beleuchtet verschiedene Integrationstheorien, insbesondere den Neorealismus und intergouvernementale Ansätze. Es werden die zentralen Annahmen und Forschungsmethoden dieser Ansätze vorgestellt.
- Der Konvent, Bedingungen und Ausgangpositionen: Dieses Kapitel beschreibt die Rahmenbedingungen und Ausgangspunkte des Konvents. Es analysiert die Positionen wichtiger Regierungen und ihre unterschiedlichen Erwartungen an den Integrationsprozess.
- Die heiße Phase der Auseinandersetzung: Dieses Kapitel beleuchtet die internen Machtverhältnisse im Konvent und die wichtigsten Debatten und Kontroversen. Es analysiert die unterschiedlichen Positionen der beteiligten Akteure und die Entstehung des Vertragsentwurfs.
- Intergouvernementalistische Schlussfolgerungen: Dieses Kapitel fasst die Ergebnisse der Analyse des Konvents aus intergouvernementalistischer Sicht zusammen. Es untersucht die Auswirkungen des Konvents auf die Rolle der Nationalstaaten und die Relevanz des neorealistischen Ansatzes.
Schlüsselwörter
Europäische Integration, Nationalstaaten, Neorealismus, Intergouvernementale Ansätze, Konvent zur Zukunft der Europäischen Union, Vertragsrevision, Handlungsfähigkeit, institutionelle Struktur, Machtgefüge, nationale Parlamente, Außenpolitik, Vergemeinschaftung, Kooperation.
- Citation du texte
- Carsten Freitag (Auteur), 2003, Die europäische Integration und die Nationalstaaten in neorealistischer Perspektive , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44189