Wie wichtig ist Bewegung für Grundschulkinder? Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung und das Wohlbefinden im digitalen Medienzeitalter


Fachbuch, 2018

51 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Bewegung in der Entwicklung
2.1 Bewegung als kindliches Grundbedürfnis
2.2 Wirkung auf kognitive Fähigkeiten
2.3 Wirkung auf die körperliche Verfassung
2.4 Bewegung und soziale Entwicklung

3 Der Einfluss von Bewegung auf die Entwicklung des Selbst
3.1 Der Einfluss von Bewegung auf das Selbstkonzept
3.2 Der Einfluss von Bewegung auf die Selbstwirksamkeit
3.3 Negative Entwicklung des Selbst durch Bewegungsmangel

4 KiGGS-Studie
4.1 Allgemeine Informationen
4.2 Relevante Ergebnisse für die vorliegende Arbeit

5 Bewegung von Grundschulkindern heute und Möglichkeiten zur weiteren Gestaltung von Bewegung
5.1 Bewegungsräume
5.2 Digitale Medien als Mitverursacher für Bewegungsmangel

6 Wohlbefinden
6.1 Subjektives und objektives Wohlbefinden
6.2 Körperliche Aktivität und Gesundheitszustand
6.3 Körperliche Aktivität und Ausgeglichenheit

7 Abschlussreflexion
7.1 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
7.2 Appell an die soziale Arbeit

8 Literatur- und Quellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Prävalenz von mindestens 60 Minuten körperlicher Aktivität pro Tag (WHO-Empfehlung erreicht) nach Altersgruppen und Geschlecht im Vergleich zwischen KiGGS Welle 1 und KiGGS Welle 2 18

Abbildung 2: Übergewichtsprävalenz (einschließlich Adipositas) nach Geschlecht, Altersgruppen und sozioökonomischem Status (s. S.) 19

Abbildung 3: Entwicklung von Übergewicht und Adipositas von der KiGGS-Basiserhebung und der KiGGS Welle 2 20

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: „Sport treiben allgemein“, „Im Sportverein aktiv“ und „WHO-Empfehlung erfüllt“ - Häufigkeit der Sportaktivität nach Geschlecht und Altersgruppen 27

1 Einleitung

„Bewegung ist ein Grundphänomen menschlichen Lebens, der Mensch ist von seinem Wesen her darauf angewiesen“ (Zimmer 2009, S. 17).

Leben ist Bewegung – Bewegung ist Leben. Ohne Bewegung wäre Leben nicht nur undenkbar, sondern schlichtweg unmöglich. Überlebenswichtige Vorgänge, wie beispielsweise Herzschlag und Atmung, sind nur durch Bewegung (Muskelkontraktionen) möglich. Das benötigte Ausmaß an aktiver Bewegung ist heutzutage allerdings abhängig von der Lebenssituation des Individuums. Bei erwachsenen Menschen kann die körperliche Betätigung in direktem Zusammenhang mit ihrem Gesundheitszustand stehen (vgl. Haskell 2000, S. 930). Insbesondere in der Entwicklung von Kindern ist sie laut Zimmer und weiteren führenden Experten von immenser Bedeutung:

„Kindheit ist eine bewegte Zeit, in keiner anderen Lebensstufe spielt Bewegung eine so große Rolle wie in der Kindheit“ (Zimmer 2009, S. 16; vgl. auch Billmeier/Ziroli 2014, S. 123).

Dies wirft die Frage auf, wie das aktuelle Bewegungsverhalten von Kindern aussieht. Es soll in dieser Arbeit allerdings speziell um Grundschulkinder gehen, um die Thematik etwas einzugrenzen. Es treten immer häufiger Haltungsauffälligkeiten, Übergewicht, Herz-Kreislauf-Schwächen und Bewegungsbeeinträchtigungen bei Kindern auf (vgl. Zimmer 2008, S. 23). Diese gesundheitlichen Probleme lassen sich auf einen Bewegungsmangel zurückführen, welcher sich in den letzten Jahren vergrößert hat: Laut der World-Health-Organisation ((WHO), deutsch: Weltgesundheitsorganisation) sollten Kinder und Jugendliche täglich mindestens 60 Minuten sportlich aktiv sein. Nur 31 % der Grundschulkinder erreichten in den Jahren 2009 bis 1012 nach einer Studie des Robert Koch-Instituts dieses empfohlene Mindestmaß an körperlicher Aktivität (vgl. Manz u.a. 2014, S. 844). In der „zweiten Welle“ der Studie, in den Jahren 2014 bis 2017 waren es sogar nur noch 26,4 % (vgl. Finger u.a. 2018, S. 26). Gleichzeitig ist ein deutlicher Anstieg der Mediennutzung bei Kindern zu beobachten, welcher laut Spitzer sogar schon besorgniserregend hoch ist (vgl. Spitzer 2012, S. 11-12). Auch hierzu gibt es bereits Studien und Forschungsergebnisse, aufgrund derer sich eindeutige Aussagen treffen lassen. Im weiteren Verlauf dieser Arbeit soll hierauf näher eingegangen werden. Korreliert also der steigende Gebrauch von digitalen Medien mit der Bewegungsabnahme im Kindesalter? Dies würde bedeuten, dass wenn Bewegung das Wohlbefinden fördert, digitale Medien einen Grund für dessen Verschlechterung darstellen würden. Sogar das Jugendwort 2015 hat etwas mit dem immer weiter verbreiteten Smartphone zu tun: Es lautet „Smombie“ (vgl. Spitzer 2016, S. 8). Diese Zusammenführung der beiden Wörter Smartphone und Zombie (ein willenloser Mensch ohne Seele) sagt aus, dass manche Menschen durch die fast pausenlose Beschäftigung mit dem Mobiltelefon, in ihrer eigenen, digitalen Welt gefangen werden. Außerdem verdeutlicht es, wie sich hierdurch sogar die Persönlichkeit verändern kann und diese teilweise nicht mehr wiederzuerkennen ist.

Kinder haben unterschiedlichste Möglichkeiten und Situationen um Bewegung zu erfahren. Sie sollten im Alltag die Gelegenheit zur aktiven sportlichen Betätigung haben. Aber wie sieht die aktuelle Bewegungssituation in den verschiedenen Lebensbereichen von Kindern aus? Um diese Frage zu beantworten werden in dieser Arbeit die aktuellen Ergebnisse der KiGGS-Studie herangezogen und teilweise mit früheren Ergebnissen verglichen um die gesellschaftliche Veränderung und die Tendenzen von kindlicher Bewegungsaktivität innerhalb der letzten Jahre erkennen zu können.

Warum ist Bewegung so wichtig und welche Auswirkungen hat sie im Kindesalter? Dieses Thema wurde bereits vielfältig bearbeitet und soll auf wissenschaftlicher Grundlage in meiner Arbeit wiedergeben werden. Hierzu wird im Folgenden insbesondere die Literatur der Sportwissenschaftlerin Prof. Dr. Renate Zimmer herangezogen. Welche Bedeutung hat Bewegung in der kindlichen Entwicklung für das Wohlbefinden von Grundschulkindern im digitalen Medienzeitalter? In dieser Arbeit möchte ich herausstellen, ob nach neuesten Erkenntnissen körperliche und sportliche Aktivität von Grundschulkindern in Deutschland gefördert werden sollten und ob dadurch ihr Wohlbefinden gesteigert werden kann. Was genau definiert also dieses Wohlbefinden und welche Rolle spielt das eigene Wohlbefinden in der Entwicklung eines Kindes? Wie wirkt sich körperliche Aktivität auf dieses aus?

Für eine möglichst inhaltlich adäquate Bearbeitung des Themas wird im Folgenden die Bedeutung von Bewegung in der kindlichen Entwicklung beschrieben (Kapitel 2). Hierzu wird erst Bewegung als kindliches Grundbedürfnis erläutert (Kapitel 2.1). Anschließend wird die Wirkung von Bewegung auf kognitive Fähigkeiten (Kapitel 2.2) und dann die körperliche Verfassung (Kapitel 2.3) betrachtet. Dieses Kapitel wird in Motorik (Kapitel 2.3.1), körperliche Gesundheit (Kapitel 2.3.2) und die Folgen von Bewegungsmangel (Kapitel 2.3.3) unterteilt. Dann wird der Zusammenhang zwischen Bewegung und sozialer Entwicklung hergestellt (Kapitel 2.4). Folgend wird der Einfluss von Bewegung auf die Entwicklung des Selbst beschrieben (Kapitel 3). Dazu wird zuerst dargestellt wie Bewegung das Selbstkonzept (Kapitel 3.1) und die Selbstwirksamkeit (Kapitel 3.2) beeinflussen kann. Schließend werden noch die möglichen Folgen von Bewegungsmangel auf das Selbst aufgezeigt (Kapitel 3.3). In diesem Zusammenhang wird die KiGGS-Studie (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland) vorgestellt (Kapitel 4). Hierzu werden zuerst allgemeine Informationen über die Studie dargestellt (Kapitel 4.1) und dann die für diese Arbeit relevanten Ergebnisse vorgestellt (Kapitel 4.2). Anschließend wird die heutige Bewegung von Grundschulkindern und Möglichkeiten zur weiteren Gestaltung von Bewegung thematisiert (Kapitel 5) und unterschiedliche Bewegungsräume betrachtet (Kapitel 5.1), nämlich der Sozialraum (Kapitel 5.1.1), die Lebenswelt (Kapitel 5.1.2) und die sozialökologischen Zonen (Kapitel 5.1.3). Im Anschluss werden die digitalen Medien als Mitverursacher des aktuellen Bewegungsmangels analysiert (Kapitel 5.2). Dann wird auf das Wohlbefinden eingegangen (Kapitel 6) und dabei zuerst subjektives und objektives Wohlbefinden definiert (Kapitel 6.1). Nachfolgend wird die Verbindung von sportlicher Aktivität und dem Gesundheitszustand (Kapitel 6.2) und von sportlicher Aktivität und der Ausgeglichenheit (Kapitel 6.3) untersucht. Die Abschlussreflexion (Kapitel 7) unterteilt sich in die Zusammenfassung und Schlussfolgerungen der Arbeit (Kapitel 7.1) und den daraus resultierenden Appell an die soziale Arbeit (Kapitel 7.2).

Aus Gründen der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit darauf verzichtet, geschlechtsspezifische Formulierungen zu verwenden. Soweit die männliche Form angeführt ist, sind Männer und Frauen in gleicher Weise gemeint.

2 Bewegung in der Entwicklung

Die Thematik Bewegung ist zu groß, um sie allumfassend im Rahmen dieser Arbeit bearbeiten zu können. Deshalb wird im Folgenden kurz der Umfang von Bewegung erläutert, welcher hier thematisiert werden soll. Die sogenannte Alltagsbewegung umfasst die regelmäßigen, alltäglichen Bewegungstätigkeiten, wie Gehen, Spielen usw. Allerdings ist in dieser Arbeit der Aspekt der körperlichen Aktivität wichtiger. Bouchard und Shepard definierten den Begriff „körperliche Aktivität“ im Jahr 1994 so, dass durch Bewegung ein von Muskeln produzierter, erheblicher Energieverbrauch verursacht wird1 (vgl. Bouchard/Shepard 1994, S.77).

2.1 Bewegung als kindliches Grundbedürfnis

Bewegung ist ein Grundbedürfnis von Kindern. Wie bereits in Kapitel 1 erwähnt, sind Menschen sogar schon vor der Geburt eng mit Bewegung verbunden. Weiterhin ist die aktive Bewegung ein Bedürfnis und ein Drang, welcher auf neurobiologischer Ebene erforscht werden kann. Transmitterüberschüsse, wie zum Beispiel des Glückshormons Dopamin, führen bei Kindern zu einem intensiveren Bewegungsdrang als bei Erwachsenen. Darüber hinaus sind eine ausgeprägte Tätigkeit des Pallidums (bestimmte Region innerhalb der Großhirnrinde), sowie ein erhöhter Vorrat an Eiweißspeichern dafür verantwortlich, dass sich Kinder mehr bewegen als Erwachsene (vgl. Weineck 2004, zit. nach Rauschert 2017, S. 6). Es wird deutlich, dass eine hohe Bewegungsaktivität in der Entwicklung eines Kindes durch die Biologie des Menschen prädestiniert ist. Das macht Bewegung zu einem anthropologischen Grundbedürfnis.

Je älter das Kind wird, desto mehr kann es sich aktiv bewegen – beispielsweise wenn es lernt zu laufen. Dann ist auch das Erkunden der Umwelt mit aktiver Bewegung eng verknüpft, denn Kinder laufen, um immer mehr Dinge zu entdecken. Sie nehmen ihre Umwelt als Bewegungswelt wahr, auch wenn diese nicht für Bewegung konzipiert ist (vgl. Zimmer 2008, S. 14). Kinder sehen also in unterschiedlichsten Situationen und Orten, Möglichkeiten für Bewegung. Dabei können sie ihre Phantasie benutzen, um eine Fülle an Bewegungsoptionen auszuprobieren. Dieses Verhalten muss nicht belohnt oder durch Manipulation herbeigeführt werden, sondern passiert automatisch in der Entwicklung. Durch Bewegung setzen Kinder sich aktiv mit ihrer Umwelt auseinander und lernen dabei sich selbst und die Gesetzmäßigkeiten der Umwelt kennen (vgl. Zimmer 2013, S. 9). Wenn Kinder dann in das Grundschulalter kommen, werden Bewegungsabläufe spezialisiert und verbessert. Im Sportunterricht ist deutlich zu erkennen, wie sich zum Beispiel Gleichgewichts- und Koordinationsfähigkeiten enorm entwickeln (vgl. Kirchner 2005, S. 69). Das bedeutet, dass in diesem Alter unterschiedliche äußerst wichtige Fertigkeiten für das spätere Leben erarbeitet werden. Dies ist für Kinder aber kein bewusstes Training, sondern wird automatisch in spielerischer Bewegung, wie im Sportunterricht in der Schule oder auch beim Spielen in der Freizeit erlernt. Je schneller eine Bewegung ausgeführt wird, desto komplizierter ist deren Umsetzung. Also müssen auch bereits erlernte Bewegungsabläufe weiter praktiziert und verbessert werden, da schnelle Bewegungen im Erwachsenenalter unabdingbar sind (zum Beispiel schnelle Reaktion bei Gefahr im Straßenverkehr). So ist also aktive Bewegung von Kindern nicht nur bis zum Schulalter wichtig, sondern auch im Grundschulalter, da bereits gelernte Bewegungen ausgebaut und perfektioniert werden müssen.

Weiterhin beschreibt Zimmer das Bestreben nach Autonomie und Selbstständigkeit als ein Motiv für Bewegung (vgl. Zimmer 2010, S. 29). Die Selbstständigkeit als Grundbedürfnis kann auf verschiedene Arten durch Bewegung gestillt werden. Durch Bewegung lernt ein Kind immer mehr Dinge selbst tun zu können. So kann es zum Beispiel durch das Fahrradfahren selbst weiter entfernte Orte erkunden und mit Freunden eine gemeinsame Aktivität teilen. Hierdurch vollzieht sich automatisch die langsame Abkopplung von den Eltern. Weiterhin können auch in einem Sportverein Kontakte geknüpft werden und regelmäßige Treffen stattfinden, sodass Freunde mit denselben Interessen immer mehr Einfluss in dem Leben des Kindes gewinnen und die gemeinsam verbrachte Zeit ohne die Eltern zur Selbstständigkeit führt.

Dass die Förderung von Bewegung im Kindesalter einen positiven Effekt auf die körperliche, motorische, personale, soziale und kognitive Entwicklung hat, wurde bereits mehrfach in Studien belegt (vgl. Ahnert u.a. 2003, S. 185-199; Hollmann u.a. 2003, S. 467-474; Fleig 2008, S. 11-16; Finger u.a. 2018, S. 24). Hierauf wird in den folgenden Kapiteln näher eingegangen.

2.2 Wirkung auf kognitive Fähigkeiten

Zu den kognitiven Fähigkeiten zählen unter anderen Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Denken, Problemlösung und Lernen (vgl. Jasmund 2009, S. 40). Bei der Geburt besitzt ein Mensch über einhundert Milliarden Neuronen (Nervenzellen) im Gehirn. Diese müssen allerdings miteinander verknüpft werden, bevor sie funktionieren können. Die Verknüpfung von zwei Neuronen heißt Synapse und geschieht durch aktive Sinnesreize, also durch Berührungen, Bewegungen usw. Durch diese Verbindungen ist die Weiterleitung von Informationen möglich. Wie gut sich die Vernetzung im Gehirn entwickelt, ist laut Neurowissenschaftlern aktivitätsabhängig. (vgl. Zimmer 2009, S. 43). Dies bedeutet, dass Bewegung die Synapsenbildung nicht nur beeinflusst, sondern bestimmt. Sie kann also als Grundlage für die kognitive Entwicklung gesehen werden. Somit ist das aktive Handeln, welches automatisch auch Bewegung voraussetzt, fundamental für das Denken und Lernen selbst. Als Begründer der kognitiven Entwicklungspsychologie gilt Jean Piaget (1896-1980) (vgl. ebd., S. 44). Nach Piaget geschieht Denken zuerst in Form von aktivem Handeln. Dann kann das Kind durch die praktische Bewältigung einer Situation die dazugehörige Theorie verstehen lernen (vgl. Piaget 2002, zit. nach Zimmer 2009, S. 45).

„Handlungen werden so verinnerlicht, dass zu einem späteren Zeitpunkt dann die Abstraktion von der konkreten Tätigkeit möglich ist, das Ergebnis der Handlungen vorweggenommen werden kann und nun die Vorstellung an die Stelle des Ausprobierens tritt“ (Zimmer 2009, S. 45).

Kinder können demnach ein theoretisches Denken über etwas aufbauen, nachdem sie es selbst erlebt haben. So können sie zum Beispiel die Begriffe Schwung, Gleichgewicht oder Schwerkraft verstehen, indem sie diese durch aktives Tun – wie beim Schaukeln, Rutschen, Klettern oder Springen – erleben (vgl. ebd.). Während diesen Tätigkeiten wiederum wird das Neuronennetz im Gehirn gebildet, welches die Grundlage für abstrakte Denkprozesse ohne dazugehöriges Erlebnis darstellt. Diese Fähigkeit gewinnt für Kinder in älteren Jahren immer mehr an Bedeutung – beispielsweise im Mathematikunterricht. Piaget teilt die Entwicklung des Denkens in Stufen ein und behauptet, dass abstraktes Denken ab dem siebten Lebensjahr anfängt, indem die geistige Handlung nicht mehr von der Realität der Außenwelt abhängig ist. Ab dem elften Lebensjahr kann das Denken dann in Form abstrakter Überlegungen ablaufen (vgl. Piaget/Inhelder 1986, S. 11). Also ist das Grundschulalter die Zeit, in welcher sich das abstrakte Denken entwickelt und formt. Die neuronalen Verbindungen bleiben allerdings nicht bestehen wenn sie nicht auch benutzt werden. Unnötige Verbindungen werden abgebaut, oft benutzte Verbindungen hingegen werden verstärkt und so effizienter (vgl. Pauen 2003, S. 45). Es ist also wichtig, die Bewegungen und körperlichen Aktivitäten öfter und immer wieder auszuführen. Kinder haben dabei nicht das Ziel, ihre Gehirnstruktur zu ver­bessern, sondern Spaß an der Aktivität. Die kognitive Entwicklung ist sozusagen ein positives Nebenprodukt der kindlichen Bewegung. Die Bewegung selbst wird auch nicht bewusst, sondern durch den natürlichen, genetisch determinierten Bewegungsdrang (vgl. Kapitel 2.1) ausgeführt.

2.3 Wirkung auf die körperliche Verfassung

2.3.1 Motorik

Zu den motorischen Fähigkeiten gehören Koordination, Rhythmus, Geschwindigkeit, Geschicklichkeit, Kraft, Ausdauer und Gleichgewicht (vgl. Frostig 1973, S. 12). Viele motorische Fertigkeiten werden zwar schon innerhalb der ersten Lebensmonate entwickelt (vgl. Jasmund 2009, S. 36), aber im Grundschulalter gibt es einen regelrechten Entwicklungsschub einiger motorischer Fähigkeiten, da in dieser Zeit die Voraussetzungen für komplexe Bewegungsabläufe bereits vorhanden sind und die Hirnrinde noch eine sehr hohe Plastizität aufweist, sodass zum Beispiel die Koordinationsfähigkeit besonders gut entwickelt werden kann (vgl. Schmidt 2015, S. 341f). Im Grundschulalter ist also ein hohes Entwicklungspotential für die Motorik vorhanden. Die Fähigkeiten können nur durch die eigene Aktivität, also durch das Selbermachen erworben werden (vgl. Zimmer 2010, S. 29). Diese Aussage unterstützt die Beschreibung des Kindes als „aktiver Gestalter seiner Entwicklung“ (ebd., S. 28). Die motorischen Fähigkeiten müssen stetig gefordert werden, damit sie sich verbessern und entwickeln können (vgl. Schmidt 2015, S. 342). Dabei korreliert die motorische mit der körperlich konditionellen Entwicklung, denn ein Sprint erfordert beispielsweise die ausreichend muskuläre, aber auch die entsprechend koordinativen Voraussetzungen. Also entwickelt sich die Motorik parallel zur körperlichen Entwicklung und die Körperkonditionen entwickeln sich mit Ausübung der motorischen Fähigkeiten durch körperliche Aktivität. So wird deutlich, dass je mehr sich ein Kind bewegt, desto besser entwickelt sich die motorische Leistungsfähigkeit. Körperliche Aktivität spielt deshalb nicht nur eine große Rolle in der motorischen Entwicklung, sondern ist auch für weitere Bereiche der Bewegungsentwicklung unverzichtbar.

Motorisch ungeschickte Kinder weisen ein erhöhtes Unfallrisiko auf, wohingegen Kinder mit einer guten motorischen Entwicklung sich zum Beispiel beim Stürzen viel besser mit den Armen abfangen und so den Aufprall mit dem Kopf auf den Boden verhindern können (vgl. Kunz 1994, zit. nach Röhr-Sendlmeier 2007, S. 17-18). Diese Aussage wurde in einer Untersuchung bestätigt, in welcher Kinder eine tägliche Bewegungsförderung von 15 Minuten erhielten und schon nach acht Wochen eine motorische Überlegenheit gegenüber den Kindern zeigten, welche die Förderung nicht erhielten. Außerdem sanken die Unfallzahlen bei den geförderten Kindern erheblich (vgl. ebd., S. 24). Geschicklichkeit und Gleichgewicht sind natürlich nicht nur im Falle eines Sturzes, sondern auch allgemein für die Bewältigung des Alltags von Bedeutung. Somit stellt eine gute motorische Entwicklung eine effektive Prävention für Verletzungen dar, denn durch sie ist die Sicherheit in Situationen mit Verletzungsgefahr erhöht.

2.3.2 Körperliche Gesundheit

Die positive Wirkung von körperlicher Aktivität auf die körperliche Gesundheit ist allgemein bekannt und kann durch medizinische Forschung und Studien klar belegt werden. Erwachsene wissen, dass Sport für ihre körperliche Verfassung wichtig ist, aber Kindern ist die Relevanz von Bewegung für ihre Gesundheit häufig noch nicht bewusst (vgl. Zimmer 2009, S. 56).

Die Wirkungen von körperlicher Aktivität auf die Gesundheit sind vielfältig: Unter anderem werden bei körperlicher Belastung das Immunsystem, die Leistung des Herz-Kreislauf-Systems, die körperliche Fitness und die Muskulatur verbessert. Nach Zimmer brauchen Kinder für eine gesunde körperliche Entwicklung täglich Bewegung (vgl. ebd., S. 56f).

Weiterhin ist die Beweglichkeit wichtig für die gesunde Gelenkfunktion. Im Grundschulalter erreicht die Beweglichkeit aufgrund des biegsamen Skeletts ihren maximalen Leistungswert. Die Intensität der Körperdehnung in dieser Zeit bestimmt, wie schnell die Beweglichkeit nach dem Grundschulalter wieder abnimmt (vgl. Schmidt 2015, S. 342). Wenn also viel körperliche Aktivität und dadurch auch viel Dehnung vorhanden ist, wird die Beweglichkeit gefördert und erweitert somit die Möglichkeiten für weitere sportliche Aktivität.

Während im Vorschulalter noch durch das alltägliche Spielen Muskeln aufgebaut werden, kann ab dem Grundschulalter schon Krafttraining durch sportliche Aktivität erfolgen. Diese ist zum Beispiel wichtig für die Kondition, eine gute Knochenstruktur (hohe Knochendichte) und für die Vermeidung von Haltungsschwächen (vgl. ebd., S. 343).

Die Aktivität bezüglich körperlicher Ausdauer ist ebenfalls von großer Bedeutung. Diese bildet eine gute Voraussetzung für alle sportlichen Tätigkeiten. Außerdem kann sie den Blutdruck senken, den aeroben Energiestoffwechsel (Energiegewin­nung des Körpers aus der Nahrung) und das Kapillarsystem, welches unter anderem für die Sauerstoffversorgung der Muskeln zuständig ist, verbessern und den Fettstoffwechsel günstig beeinflussen (vgl. Schmidt 2015, S. 344). Hier wird also eine gute Basis für eine gesunde Entwicklung geschaffen, welche nicht sofort von außen sichtbar ist, aber im Körper eine gesundheitliche Verbesserung bewirkt. Durch diese Basis werden, wie erwähnt, Voraussetzungen für weitere sportliche Aktivitäten ermöglicht. So kann auch vorbeugend gegen Zivilisationskrankheiten, wie Diabetes oder Herz- und Gefäßkrankheiten, entgegengewirkt werden. Eine gute Geschicklichkeit und Ausdauer lassen zudem vermuten, dass Kinder auch Freude an der Bewegung haben, und somit auch die Motivation für sportliche Betätigung gesteigert wird. Zwischen körperlicher Aktivität und Gesundheit besteht also eine Interdependenz. Diese Erläuterungen und Aussagen machen die enorme Relevanz von Bewegung für die körperliche Gesundheit deutlich.

2.3.3 Folgen von Bewegungsmangel

Bewegungsmangel ist eine Hauptursache für verschiedene gesundheitliche Probleme (vgl. Röhr-Sendlmeier 2007, S. 17). Bei vielen Grundschulkindern treten Bewegungsmangelerkrankungen auf (vgl. Schmidt 2015, S. 341). Der Begriff Bewegungsmangelerkrankung zeigt, dass die von Bewegungsmangel verursachten gesundheitlichen Probleme durch genügend körperliche Aktivität verhindert werden könnten. Auswirkungen von Bewegungsmangel, wie Übergewicht, Haltungsauffälligkeiten, Bewegungsbeeinträchtigungen und Herz-Kreislauf-Schwächen, treten immer häufiger bei Kindern in Erscheinung (vgl. Zimmer 2008, S. 23). Diese Aspekte bergen Risiken in sich und können, je nach Zustand, ein äußerst negatives Körpergefühl erzeugen. So können dadurch normale Alltagsbeschäftigungen in großem Maße negativ beeinflusst werden. Werden diese Entwicklungen nicht aufgehalten, sind weitere ernsthafte Probleme vorhersehbar: Haltungsstörungen können beispielsweise schnell Bandscheibenschäden oder Wirbelsäulendeformationen herbeiführen (vgl. Nething u. a. 2006, S. 43). Besonders risikoreich ist auch das Übergewicht, da es bereits im Kindesalter viele andere gesundheitliche Probleme verursachen kann (vgl. Pachinger 2015, S. 5f), wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und Diabetes (vgl. Robert Koch-Institut 2008, S. 41). Gleichzeitig führen diese Faktoren gleichzeitig wiederum zu einer Bewegungsverringerung, da Übergewicht die positive Entwicklung von körperlicher Ausdauer stark erschwert. So kann ein „Teufelskreis“ entstehen, in welchem sich Übergewicht und Bewegungsmangel gegenseitig begünstigen. Diese Krankheiten „verwachsen“ sich meist nicht automatisch im Erwachsenenalter, sondern tendieren eher dazu, chronisch zu werden und die Gesundheit mit fortschreitendem Alter immer stärker zu beeinträchtigen, beispielsweise auch durch die Entwicklung von Adipositas (vgl. Röbel u. a. 2006, S. 87). Es wird also deutlich, dass die Spätfolgen dieser Krankheitsbilder sehr groß sein und im Erwachsenenalter die Lebensqualität stark beeinträchtigen können.

Des Weiteren beeinflusst Bewegungsmangel auch die motorische Entwicklung negativ. Eine schlechte motorische Entwicklung führt wiederrum zu einem erhöhten Unfallrisiko (vgl. Kapitel 3.2.1). Es ist zu erkennen, dass die Folgen von Bewegungsmangel vielfältig negativ sind und eine große Reichweite haben.

2.4 Bewegung und soziale Entwicklung

Kinder brauchen den Kontakt zu anderen Kindern, um sich sozial entwickeln zu können. Durch das Zusammenleben und die Interaktion miteinander lernen sie nachzugeben und sich zu behaupten, zu streiten und sich zu verzeihen, sich durchzusetzen und unterzuordnen, zu teilen und zu empfangen (vgl. Zimmer 2009, S. 34). Demnach können diese sozialen Interaktionen nicht nur theoretisch beigebracht, sondern müssen vom Kind selbst erfahren und so auch internalisiert werden. Für diese praktischen Erfahrungen schaffen das Spiel und der Wettkampf im Spiel adäquate Voraussetzungen. Gerade bei bewegungsaktiven Spielen gibt es viel Potential für die Herausbildung sozialer Kompetenzen: Kinder müssen sich mit den Mitspielern auseinandersetzen, Konflikte lösen, Spielregeln besprechen und einhalten usw. Dabei können im Spiel aufkommende Probleme das soziale Verhalten stark auf die Probe stellen. Kinder kopieren dabei oft unbewusst Verhaltensweisen, welche sie bei Bezugspersonen gesehen und erlebt haben (vgl. ebd., S. 35).

Zimmer stellt fünf Grundqualifikationen sozialen Handelns auf: Erstens die „Soziale Sensibilität“, also die Fähigkeit, sich in die Lage eines anderen hineinversetzen zu können und mitzufühlen. Beim Spiel kann die Möglichkeit hierzu gegeben sein, wenn zum Beispiel das Gewinnerteam mit dem Verliererteam mitfühlt, weil die Kinder auch wissen wie es sich anfühlt zu verlieren. Zweitens das „Regelverständnis“, also das Vermögen, den Sinn von Regeln zu verstehen und sie einzuhalten. Auch um diesen Aspekt zu lernen bietet das Spiel eine gute Gelegenheit, denn gerade Wettkämpfe bringen auch Regeln mit sich. Drittens die „Kontakt- und Kooperationsfähigkeit“, was bedeutet, dass man als ganzes Team miteinander agieren kann. Hierfür sind wieder Wettkampfspiele förderlich, denn in diesen gibt es oft Teams, welche gegeneinander antreten. Viertens die „Frustrationstoleranz“, womit gemeint ist, dass auch Misserfolge gehandhabt werden können. Hierzu bietet das Verlieren bei einem Spiel eine hervorragende Gelegenheit, denn es zeigt die eigenen Grenzen auf. Fünftens die „Toleranz und Rücksichtnahme“, also die Fähigkeit, Andersartigkeit anderer zu respektieren und anzuerkennen. Dabei stellen Differenzen, also sowohl Schwächen als auch Stärken der Kinder, in diesem Fall geeignete Lernmöglichkeiten dar (vgl. ebd., S. 36).

Es ist außerdem anzumerken, dass nach Silbereisen die Perspektivübernahme – also die erste Grundqualifikation von Zimmer – erst ab dem Grundschulalter erfolgen kann:

„[…] aber erst ab ca. 6 Jahren werden sie fähig, das eigene Handeln aus der Perspektive eines anderen zu reflektieren und umgekehrt dessen Reaktion auf das eigene Handeln vorwegzunehmen (Silbereisen 2002, S. 711).

Also ist demnach das Grundschulalter die perfekte Zeit, um diese Kompetenz auszubilden. Die Perspektivübernahme ist im späteren Leben sehr wichtig, denn sie kann ein soziales und harmonisches Zusammenleben ermöglichen, indem Wünsche und Bedürfnisse von anderen akzeptiert und beachtet werden.

3 Der Einfluss von Bewegung auf die Entwicklung des Selbst

„Über die Erfahrungen, die das Kind mit seinem Körper macht, entwickelt sich ein Bild von den eigenen Fähigkeiten, es erhält eine Vorstellung von seinem ‚Selbst‘. Es macht die Erfahrungen von Können und Nicht-Können, von Erfolg und Misserfolg, von Leistung und Grenzen, von Selbstständigwerden und den hierfür erforderlichen Mitteln“ (Zimmer 2009, S. 27).

Dieses Zitat von Zimmer macht bereits deutlich, wie Bewegung und die Entwicklung des Selbst zusammenhängen. Im weiteren Verlauf wird das Selbstkonzept, die Selbstwirksamkeit und auch eine negative Entwicklung des Selbst bearbeitet und in den Zusammenhang mit Bewegung gebracht.

3.1 Der Einfluss von Bewegung auf das Selbstkonzept

Ein Selbstkonzept ist das Bild, welches sich ein Mensch von seiner eigenen Person macht. Dieses Bild entsteht durch Erfahrungen, die in der Vergangenheit gemacht wurden (vgl. ebd., S. 28). Das Selbstkonzept könnte also auch mit dem Begriff Selbsteinschätzung umschrieben werden. Für die Entwicklung eines positiven Selbstkonzepts in der Kindheit spielen die Erfahrungen, welche über Körper und Bewegung gemacht werden, eine besonders wichtige Rolle (vgl. Zimmer 2010, S. 51). Der Körper ist, anders als die Seele, der visuell sichtbare und spürbare Bereich einer Person und ist somit auch Teil der Identität. Deshalb sind die Erfahrungen, welche durch ihn gemacht werden, zentral für das Selbstkonzept. Gerade körperliche und motorische Fähigkeiten sind für die Selbsteinschätzung und Selbstwahrnehmung enorm bedeutsam (vgl. Hausser 1997, S. 127). Die gute Entwicklung des Körpers wirkt sich also positiv auf die Selbsteinschätzung aus, da gute, erfolgreiche Erfahrungen mit dem eigenen Körper gemacht werden können. Dies bedeutet, dass körperliche Aktivität eine Voraussetzung für ein positives Selbstbild schaffen kann, indem sie die Motorik und die körperliche Verfassung verbessert (vgl. auch Kapitel 2.3). Hierbei lernen Kinder auch ihre eigenen Grenzen und Schwächen kennen, denn sie erfahren beim Ausprobieren von Bewegungsvorgängen Erfolg oder auch Misserfolg. Wenn ein Ziel nicht erreicht wird, hat das Kind sich überschätzt und kann so eine gesunde Einschätzung zwischen Selbstsicherheit und eigenen Grenzen entwickeln. Diese Ausgewogenheit ist wichtig, denn sie wird später für eine realistische Einschätzung der eigenen Fähigkeiten im körperlichen, aber auch im mentalen Bereich benötigt.

Weiterhin spielt die Selbstbewertung eine Rolle in dem Selbstkonzept, also der Vergleich mit anderen und die daraus resultierende Bewertung der eigenen Person (vgl. Beutel & Hinz 2008, S. 40). Nach Zimmer haben besonders körperliche und sportliche Fähigkeiten meist einen hohen Stellenwert für Kinder (vgl. Zimmer 2010, S. 56). Auf dieser Ebene können Ableitungen von guten Leistungen für eine positive Selbstbewertung gemacht werden. Auf der anderen Seite besteht auch die Gefahr, dass negative Selbstbewertungen durch schlechte Leistungen einen Einfluss auf das Selbstwertgefühl nehmen und dieses vermindern. Die pädagogische Arbeit kann hier ansetzen, das Selbstbewusstsein des Kindes stärken und ihm beibringen, den Selbstwert nicht abhängig von Bewertungen anderer zu machen (vgl. ebd., S. 78). Stärken und Schwächen herauszufinden ist Teil der kindlichen Entwicklung. Schwierig wird es nur, wenn eine dauerhafte Unzufriedenheit mit den eigenen Schwächen eintritt und überwiegt. Dies kann das Selbstwertgefühl und somit auch das Selbstkonzept negativ beeinflussen. Ist das Selbstkonzept aber positiv, so trauen sich Kinder mehr zu und behandeln neue Aufgaben mit mehr Energie (vgl. ebd., S. 59), wodurch die erfolgreiche Bewerkstelligung einer Aufgabe wahrscheinlicher ist. So lässt sich auch bereits erahnen, dass die Eigenwahrnehmung und -bewertung eines Kindes auch mit seiner individuellen Handlungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit einhergehen, was im nächsten Kapitel behandelt werden soll.

Für das Selbstkonzept spielen noch weitere Aspekte eine Rolle, jedoch können diese im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter berücksichtigt werden.

3.2 Der Einfluss von Bewegung auf die Selbstwirksamkeit

Selbstwirksamkeit ist einer der wichtigsten Bestandteile des in Kapitel 3.1 dargestellten Selbstkonzepts. Kinder lernen, dass sie Ursache bestimmter Effekte sind. Das Bewusstsein für die Selbstwirksamkeit kann insbesondere in Bewegungshandlungen und körperlicher Aktivität erlangt werden (vgl. Zimmer 2010, S. 61; 66). Die Überzeugung, durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können, stärkt das Selbstbewusstsein. Aktives Handeln bietet Möglichkeiten zur Stärkung dieser Überzeugung. Dabei können auch weniger leistungsfähige Kinder eine Entwicklung ihrer Fähigkeiten beobachten, denn egal wie die eigene Leistung im Vergleich zu anderen ist, kann sie sich entwickeln und verbessern, wenn das Kind mit körperlicher Aktivität experimentiert (zum Beispiel beim Laufen, Springen, usw.). Im Schulsport ist dieser Leistungsanstieg gut zu beobachten, denn die sportlichen Tätigkeiten wiederholen sich und können über einen bestimmten Zeitraum betrachtet werden. Durch die Theorie zum jeweiligen Thema und die aktive Hilfestellung des Lehrers wird die Wahrscheinlichkeit der Leistungssteigerung erhöht. Diese optimalen Voraussetzungen können Kindern in der Entwicklung einer starken Selbstwirksamkeit helfen.

Nach Zimmer ist selbst eine extrem positive Selbsteinschätzung nicht negativ zu betrachten, denn „Selbstwirksamkeitsüberzeugungen können für den Erfolg entscheidender sein als die objektiven Leistungsvoraussetzungen“ (ebd., S. 67).

Also kann die Überzeugung, etwas zu schaffen, ausschlaggebender für die Zielerreichung sein, als andere wichtige Voraussetzungen. Diese Sichtweise macht deutlich, dass ein Kind durch eine positive Einstellung zu seiner Selbstwirksamkeit durchaus auch Selbständigkeit und Stärke ausprägen kann. Allerdings ist dies nur bis zu einem bestimmten Maß möglich, denn eine unrealistische Überzeugung in dieser Hinsicht wird dem Kind auf Dauer mit großer Wahrscheinlichkeit auch Niederlagen einbringen, wodurch das Kind aber im Gegenzug wieder die eigenen Grenzen kennenlernt. Dadurch entsteht, wie bereits in Kapitel 3.1 genannt, ein gesundes Gleichgewicht zwischen Selbstbewusstsein und eigenen Grenzen. Die Grenzen haben damit also auch einen positiven Effekt auf das Selbstbewusstsein, denn es hätte fatale Auswirkungen, wenn ein Kind glauben würde, alles schaffen zu können (zum Beispiel aus fünf Metern Höhe auf den Boden zu springen, ohne sich zu verletzen). So stellt dieses Gleichgewicht einen Schutzmechanismus dar. In Bewegungsspielen kann dabei spielerisch und meist ohne größere Gefährdung viel ausprobiert und erprobt werden, um das Maß der eigenen Selbstwirksamkeit zu erforschen. Bei der gelungenen Bewältigung einer bestimmten Herausforderung wird das Selbstvertrauen gestärkt. Dieses positive Gefühl bildet die Basis für ein starkes Selbstwirksamkeitsempfinden (vgl. ebd., S. 66).

Ein Kind lernt in vielen Bewegungshandlungen, dass durch das eigene Tun ohne Hilfe von außen etwas erreicht werden kann (vgl. ebd., S. 71), also dass die eigene Tat die Ursache einer bestimmten Wirkung ist. Diese Wirkung wird bei Bewegung unmittelbar und direkt erlebt und das Kind kann sich dadurch als Verursacher erkennen (vgl. ebd., S. 76). Zudem haben Kinder ständig Möglichkeiten, durch körperlichen Einsatz Herausforderungen zu bewältigen. Diese sind manchmal nur spielerisch (zum Beispiel drei Treppenstufen zu überspringen), aber auch wenn kein Zwang besteht etwas schaffen zu müssen, wird durch solche Situationen der beschriebene „Ursache und Wirkung Effekt“ ausgelöst und verinnerlicht. Je mehr ein Kind die Überzeugung hat, die Konsequenzen des eigenen Handelns bestimmen zu können, desto motivierter kann es Herausforderungen bearbeiten (vgl. ebd., S. 72). Diese gewonnenen Erkenntnisse über die eigene Handlungswirksamkeit beeinflussen auch später im Erwachsenenalter das Verhalten im Umgang mit Problemen (vgl. ebd., S. 35). Also können Kinder, welche ein starkes Selbstwirksamkeitsempfinden entwickeln, in ihrem Leben positiver und motivierter mit schwierigen Situationen umgehen. Kinder mit einer schlechteren Selbstwirksamkeitsüberzeugung werden weniger Erfolg haben.

3.3 Negative Entwicklung des Selbst durch Bewegungsmangel

Bei vielen Misserfolgserlebnissen kann es bei Kindern bewusst und unbewusst zur Entwicklung eines negativen Selbstkonzepts kommen. Dies kann dazu führen, dass das Selbstvertrauen sinkt, das Kind zurückhaltend wird und manchmal gar nicht erst versucht, Herausforderungen zu bewältigen. Das könnte verursachen, dass die Erwartungen anderer Personen an dieses Kind kleiner werden, wodurch es selbst wiederum in der Annahme bestätigt wird, nur wenig leisten zu können (vgl. Zimmer 2010, S. 57). Das führt dann wieder zu Misserfolgen und Zurückhaltung und es bildet sich ein Teufelskreis. Diese Zurückhaltung kann dann zu einer Vermeidungshaltung führen, welche wiederum die Bewegungsaktivität hemmt (vgl. Röhr-Sendlmeier 2007, S. 18). Auch hier wird also ein Teufelskreis beschrieben. Weiterhin kann aus den niedrigen Erwartungshaltungen und der daraus entstehenden Abwertung der eigenen Person ein Minderwertigkeitsgefühl entwickelt werden, welches dann aggressives Verhalten hervorrufen kann (vgl. Zimmer 2010, S. 57). Eine mögliche Ursache dieses aggressiven Verhaltens können eine unangemessen empfindliche Reaktion und die geringe Frustrationstoleranz von Kindern mit negativem Selbstkonzept sein, welche durch neue Anforderungen überfordert sind (vgl. ebd., S. 59). Aggressivität kann jedoch zu weiteren Problemen führen und zudem eine ungünstige Entwicklung des Sozialverhaltens begünstigen.

Nach Epstein haben adipöse Kinder häufiger ein geringeres Selbstwertgefühl und sind schneller ängstlich und depressiv (vgl. Epstein 1992, S. 124). Demnach können die Folgen von Bewegungsmangel (zum Beispiel Adipositas) das Selbstkonzept schwächen und so zu einer negativen Entwicklung des Selbst beitragen. Dies kann ein großes Problem darstellen, denn nach Zimmer behalten die meisten Menschen größtenteils das Selbstkonzept, welches sie im Kindesalter entwickelt haben (vgl. Zimmer 2010, S. 59). Ein schlechtes Selbstkonzept bewirkt dann automatisch eine negative Beeinflussung auf die Selbstwirksamkeit (vgl. Kapitel 3.1). Nach den Ausführungen über die Relevanz von Bewegung für ein positives Selbstkonzept in Kapitel 3.1 und für eine hohe Einschätzung der Selbstwirksamkeit in Kapitel 3.2 und über die beschriebenen Folgen für Kinder einer negativen Entwicklung des Selbstbildes in Kapitel 3.3 wird deutlich, dass Bewegungsmangel einen negativen Einfluss auf die Entwicklung des Selbst hat. Um nun den theoretischen Hintergrund zu Bewegung mit der realen Bewegungssituation von Kindern in Deutschland in einen Zusammenhang zu bringen, wird im nächsten Kapitel nun eine Studie näher untersucht und im Anschluss geprüft, in wie fern ein Handlungsbedarf für die Soziale Arbeit abgeleitet werden kann.

4 KiGGS-Studie

4.1 Allgemeine Informationen

Im Rahmen der vorliegenden Arbeit soll die KiGGS-Studie näher betrachtet werden, wobei sämtliche Informationen hierzu von der offiziellen Website der KiGGS-Studie vom Robert Koch-Institut (RKI) bezogen wurden. Die KiGGS-Studie ist eine Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland und wird vom Robert Koch-Institut (Abteilung Epidemiologie und Gesundheitsmonitoring) durchgeführt. Im folgenden Zitat wird unter anderem deutlich, welche Aufgabe das Robert Koch-Institut verfolgt und wie die KiGGS-Studie darin eingebettet ist:

„Zu den Aufgaben des RKI gehören unter anderem die Vorbeugung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten sowie die Analyse des Gesundheitszustands der Bevölkerung. Um die gesundheitliche Lage der Bevölkerung einschätzen zu können, wurde das Gesundheitsmonitoring eingerichtet, zu dem auch KiGGS gehört.“(Robert Koch-Institut 2018).

Das Gesundheitsmonitoring findet im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) statt und wird von diesem finanziert. Ziel ist die fortlaufende Erhebung von aktuellen Daten über den Gesundheitszustand der Bevölkerung. KiGGS ist keine Abkürzung, sondern der Eigenname der Studie. Die Erhebungen fanden in sogenannten Wellen statt. Die erste Erhebung, also die Basiserhebung, wurde in den Jahren 2003 bis 2006 durchgeführt (17.641 Teilnehmende). In den Jahren 2009 bis 2012 wurde die Daten der ersten Welle (12.368 Teilnehmende) und von 2014 bis 2017 die Daten der zweiten Welle (10.023 Teilnehmende) gesammelt. In der Basiserhebung und der Welle 2 wurden Befragungen, körperliche Untersuchungen und Tests benutzt, um die gewünschten Daten zu erhalten. In der Welle 1 waren es hauptsächlich telefonische Befragungen. Seit 2009 wird die Studie als Langzeitstudie weitergeführt. Erhebungsorte waren 167 verschiedene Städte und Gemeinden in Deutschland. Die inhaltlichen Schwerpunkte der verschiedenen Wellen weichen etwas voneinander ab, wobei der Großteil der Themen identisch ist, nämlich der Gesundheitsstatus, das Gesundheitsverhalten und die Lebensbedingungen. Letztere werden dann jeweils in Relation zu den jeweiligen Gesundheitszuständen gebracht (vgl. Robert Koch-Institut 2018). Durch Eigenschaften, wie die hohen Teilnehmerzahlen, die Auswahl von zahlreichen Erhebungsorten und die Fülle von repräsentativen Daten wird die Qualität der KiGGS Studie als hoch eingestuft. Somit werden aus ihren Ergebnissen auch Rückschlüsse für die vorliegende Arbeit gezogen und in den folgenden Kapiteln dargestellt.

4.2 Relevante Ergebnisse für die vorliegende Arbeit

In diesem Kapitel werden für das bearbeitete Thema relevante Ergebnisse über körperliche Aktivität und Übergewicht der KiGGS-Studie vorgestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Prävalenz von mindestens 60 Minuten körperlicher Aktivität pro Tag (WHO-Empfehlung erreicht) nach Altersgruppen und Geschlecht im Vergleich zwischen KiGGS Welle 1 und KiGGS Welle 2

(Quelle: in Anlehnung an Finger u.a. 2018, S.26 & Robert Koch-Institut 2014, S. 3)

In Abbildung 1 werden Daten der KiGGS Welle 1 und 2 dargestellt. Auffällig ist dabei, dass während in der KiGGS Welle 2, im Vorschulalter (drei bis sechs Jahre) noch durchschnittlich 45,7 % der Kinder täglich 60 Minuten körperlich aktiv sind, sinkt die Zahl bei den sieben- bis zehnjährigen Kindern auf nur 26,4%, wenn man die Daten von Jungen und Mädchen zusammenrechnet. Diese drastische Abnahme von körperlicher Bewegung, zeigt meines Erachtens nach besorgniserregende Entwicklungen für das Grundschulalter. Weiterhin ist die abnehmende Tendenz der körperlichen Aktivität von der KiGGS Welle 1 zur KiGGS Welle 2 zu erkennen. Im Grundschulalter sinkt der Prozentsatz der Kinder, welche die WHO-Empfehlung für körperliche Aktivität erreichen bei den Mädchen von 30,5 % auf 22,8 % und bei den Jungen von 31,4 % auf 30 %. Hier zeigen sich auch alarmierende geschlechtsspezifische Unterschiede, in diesem Fall die Mädchen betreffend.

[...]


1 Übersetzung durch den Autor

Ende der Leseprobe aus 51 Seiten

Details

Titel
Wie wichtig ist Bewegung für Grundschulkinder? Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung und das Wohlbefinden im digitalen Medienzeitalter
Autor
Jahr
2018
Seiten
51
Katalognummer
V442149
ISBN (eBook)
9783960954309
ISBN (Buch)
9783960954316
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bewegungsmangel, Digitale Medien, Smartphone, Soziale Netzwerke, Adipositas, KiGGS-Studie
Arbeit zitieren
André Wiebe (Autor), 2018, Wie wichtig ist Bewegung für Grundschulkinder? Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung und das Wohlbefinden im digitalen Medienzeitalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442149

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