In der Erziehungsdebatte als auch in den Medien wird immer wieder von den aussichtslosen Erziehungsmethoden bei den „schwererziehbaren“ Jugendlichen berichtet, bei denen „doch eh alles hoffnungslos sei“. Doch ist dem so? Gibt es „unerziehbare“ Jugendliche? Jugendliche, welche aufgegeben werden können und in die weder Zeit noch Geld investiert werden muss? Welche, die nur noch „weggesperrt“ werden können?
Dennoch ist darauf hinzuweisen, dass der Begriff der „Unerziehbaren“ zwar im weiten Feld der Pädagogik abgeschafft wurde, doch die aussondernden Bezeichnungen von - nun eben - „Schwererziehbaren“ oder „Verhaltensauffälligen“ in gleicher Bedeutung verwendet werden. Diesem Skandal der Gesellschaft ist ein untragbarer Zustand, denn fest steht: „Unerziehbare“ gibt es nicht, sie werden gemacht!
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definitionen
3. Erziehbar – Unerziehbar
4. "Unerziehbarkeit" und Jugend: gesellschaftliche Diskurse
4.1 Jugenddiskurse
4.2 Die Konjunktur der Neuro- und Biowissenschaften
4.3 Präventionsdiskurse
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Hausarbeit untersucht kritisch die Existenzberechtigung des Begriffs der „Unerziehbarkeit“ im erziehungswissenschaftlichen Kontext. Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, dass es sich hierbei nicht um eine Eigenschaft von Individuen handelt, sondern um ein gesellschaftliches Konstrukt, das zur Ausgrenzung und Kontrolle von Jugendlichen missbraucht wird.
- Kritische Analyse der Begriffsgeschichte (von „Unerziehbarkeit“ zu „Verhaltensstörung“)
- Untersuchung des Verhältnisses von Umwelt- und Erbanlagentheorien in der Erziehung
- Dekonstruktion gesellschaftlicher Diskurse über Jugend und deren Machtinteressen
- Reflexion der Rolle der Neuro- und Biowissenschaften bei der Etikettierung von Jugendlichen
- Diskussion der Gefahren durch Präventionsdiskurse für die soziale Arbeit
Auszug aus dem Buch
3. Erziehbar – Unerziehbar
Als Voraussetzung der „Unerziehbarkeit“, steht im Allgemeinen gesehen die Erziehbarkeit. Da „Unerziehbarkeit“ von Erziehbarkeit abgeleitet ist, wird im Folgenden dieser Gegensatz analysiert. Das Problem dabei, selbst die Erziehbarkeit, als richtig angesehener Weg eines Kindes, ist nicht stichhaltig formuliert. Wie also soll der abgeleitete Begriff der Unerziehbaren - welcher für die als solche beschriebenen Jugendlichen eine oft lebensbestimmende Bezeichnung darstellt - eine Legitimation bieten, wenn selbst der „Normalzustand“ der Jugendlichen nur sehr vage formuliert ist? Wie können Kinder als „abweichend“ und „hoffnungslos“ beschrieben werden, wenn es so gesehen keinen „Normalzustand“ gibt?
In der Wissenschaft werden zwei dominierende Theorien voneinander abgegrenzt, welche Erziehung ermöglichen, oder als begrenzt möglich ansehen. Es steht die Umwelt-Theorie gegen die Erbanlagen-Theorie. Die Umwelt-Theorie besagt, dass „der Einzelne nur ‚Opfer‘ der Verhältnisse [ist] und damit zwangsläufig verantwortungslos“ (Nachtigall 1979, S.8). Bei der Erbanlagen-Theorie wird gesagt, dass „der Mensch in seiner Lern- und Leistungsfähigkeit stammesgeschichtlich ‚vorprogrammiert‘ und weithin festlegt ist“ (ebd.). In den letzten Jahren nähern sich beide Theorien etwas an, und es wird davon ausgegangen, dass erfolgreiche Erziehung von beiden Indikatoren getragen wird, mehr noch von der Umwelt, welche das zukünftige Verhalten des Einzelnen beeinflusst, als die Gene. Unabhängig dieser Theorien spielt bei der Erziehung von Menschen das Menschenbild des Erziehenden eine große Rolle. Und zwar „wer Menschen verändern will, ganz gleich, zu welchem Zweck, aus welchen Motiven und mit welchen Mitteln, der kann das vernünftigerweise nur versuchen, wenn er absolut davon überzeugt ist, daß sie prinzipiell veränderbar sind“ (ebd.: S.9). Schon allein aufgrund dieser Voraussetzung, wird die Erbanlagen-Theorie aus pädagogischer Sicht eher zurückgewiesen, da dadurch selbst Erziehung entkräftet wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problemstellung der unklaren Begrifflichkeiten von „unerziehbaren“ Jugendlichen ein und formuliert die zentrale These, dass solche Jugendlichen nicht existieren, sondern gesellschaftlich „gemacht“ werden.
2. Definitionen: In diesem Kapitel werden historische und moderne pädagogische Definitionen von „Schwererziehbarkeit“ und „Verhaltensstörung“ gegenübergestellt, um deren stigmatisierenden Charakter und die dahinterliegenden Machtasymmetrien aufzudecken.
3. Erziehbar – Unerziehbar: Hier wird der Gegensatz zwischen Erziehbarkeit und Unerziehbarkeit analysiert, wobei betont wird, dass das Fehlen eines klaren „Normalzustands“ die Etikettierung als „unerziehbar“ wissenschaftlich und ethisch unhaltbar macht.
4. "Unerziehbarkeit" und Jugend: gesellschaftliche Diskurse: Dieses Kapitel kritisiert die Einbettung des Begriffs in aktuelle Diskurse. Unterkapitel beleuchten dabei speziell die soziale Konstruktion des Jugendbegriffs, die Rolle der Neuro- und Biowissenschaften bei der Selektion sowie die problematischen Auswirkungen präventiver Maßnahmen.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Argumentation zusammen und bekräftigt die Forderung, den Menschen nicht auf Kategorien zu reduzieren, sondern als soziales Wesen in seiner Einzigartigkeit zu respektieren.
Schlüsselwörter
Unerziehbarkeit, Schwererziehbarkeit, Verhaltensstörung, Erziehungswissenschaft, gesellschaftliche Konstrukte, Jugenddiskurse, Präventionsdiskurse, Neuro- und Biowissenschaften, Stigmatisierung, Exklusion, soziale Arbeit, Machtverhältnisse, Normalität, Abweichung, Labeling-Theorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der kritischen Hinterfragung der Begriffe „unerziehbar“ und „schwererziehbar“ und untersucht, wie diese Zuschreibungen in pädagogischen und gesellschaftlichen Diskursen genutzt werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die historische Entwicklung pädagogischer Definitionen, die Konstruktion von Jugend als Problem, die Rolle der Wissenschaft bei der Kategorisierung und die Folgen von Präventionsdiskursen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu belegen, dass „Unerziehbarkeit“ kein realer Zustand eines Menschen ist, sondern ein gesellschaftlich produziertes Konstrukt zur Aussonderung und Disziplinierung.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine diskursanalytische Hausarbeit, die bestehende pädagogische Literatur und gesellschaftliche Theorien kritisch hinterfragt und in einen aktuellen Kontext setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Begriffsanalyse, eine Untersuchung der erziehungstheoretischen Grundlagen sowie eine detaillierte Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Diskursen über Jugend, Prävention und Biowissenschaften.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Stigmatisierung, soziale Exklusion, gesellschaftliche Konstrukte und die Kritik an einer „Kultur der Kontrolle“ charakterisiert.
Welche Rolle spielen die Neuro- und Biowissenschaften laut dem Autor?
Der Autor warnt davor, dass diese Wissenschaften zunehmend dazu instrumentalisiert werden, menschliches Verhalten reduktionistisch zu erklären, um damit Kontrollpolitik und Selektion zu legitimieren.
Warum wird die Bezeichnung „Problemjugendliche“ kritisiert?
Diese Bezeichnung wird als reine Etikettierung abgelehnt, da sie lediglich einen Interaktionszustand mit dem Hilfesystem beschreibt und keine individuelle Wesenseigenschaft darstellt.
- Arbeit zitieren
- B.A. Bildungs- und Erziehungswissenschaften Lukas Jäger (Autor:in), 2012, Gibt es Unerziehbare? Jugendkriminalität - Erziehung statt Strafe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442305