Die Entdeckung der Spiegelneurone

Eine neurobiologische Perspektive auf Empathie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
24 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Klienten-zentrierte Gesprächspsychotherapie

3. Die Spiegelneurone
3.1 Die Entdeckung der Spiegelneuronen
3.2 Die Funktion der Spiegelneuronen im Zusammenleben der Menschen
3.3 Der Cartesianische Dualismus und die Monodologie Leibnitz‘
3.4 Die Bedeutung der Spiegelneurone für den Intersubjektivitätsdiskurs in den Sozialwissenschaften
3.5 Der Sperrmechanismus

4. Implikationen für die Beratungssituation
4.1 Die Rolle des Beraters
4.2 Die Rolle der Sprache
4.3 Die Rolle von Gefühlen und Emotionen

5. Fazit

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Die Welt erobern und behandeln wollen,

ich habe erlebt, daß das mißlingt.

Die Welt ist ein geistiges Ding,

das man nicht behandeln darf.

Wer sie behandelt, verdirbt sie,

wer sie festhalten will, verliert sie.

(Laotse – Tao te king)

Ich habe an den Anfang der Hausarbeit dieses Zitat von Laotse [1] gestellt, auf das ich rückwirkend im Fazit (Kapitel 5) wieder Bezug nehmen werde. So viel möchte ich bereits verraten: Es bringt für mich einen wesentlichen Aspekt der Einstellung, die ein Berater haben sollte, zum Ausdruck.

Wenn man von dem Grundgedanken ausgeht, dass jedes Verhalten in der Gegenwart zweckvoll und eine Reaktion auf die Realität ist, die von einem Klienten wahrgenommen wird, so stellt sich die Frage nach dem „Erscheinungsfeld“ (vgl. Rogers 1973), das heißt der wahrgenommenen Realität des Klienten in diesem Augenblick. Ein jeder Mensch reagiert auf die von ihm wahrgenommene Wirklichkeit. Von außen betrachtet können diesem Verhalten unzählige Wertungen zugeschrieben werden, wie z.B. „normal“, „anormal“, „zielgerichtet“, „absurd“, „paradox“, „angemessen“, „angepasst“ usw. Diese Zuschreibungen geschehen von außen, geben aber die innere Realität, das Erscheinungsfeld des Klienten nicht wieder, sondern können durch die Fachrichtung des Beraters (seine theoretische Ausrichtung und Einstellung), seinen kulturellen Werten und Erfahrungen aus der Vergangenheit beeinflusst sein. Das Erscheinungsfeld des Klienten ist sein inneres Bezugssystem von dem wir nichts wissen können. Durch Kommunikation auf der verbalen und nonverbalen Ebene können wir etwas über das „Bezugssystem“ des Klienten erfahren und erahnen.

Es gibt eine Übereinkunft zwischen allen Menschen in den Erfahrungen, die alle auf natürliche, wenn auch einzigartige Weise subjektiv erleben, nämlich die Einstellungen gegenüber den Eltern, Freunden, Lehrern oder Vorgesetzten. Die gesamte Bandbreite an Emotionen wie Wut, Ärger, Zorn, Angst, Liebe, Eifersucht usw. kennt jeder Mensch auf seine einzigartige Weise. Solche gemeinsamen Wahrnehmungsfelder ermöglichen es, dass ein Mensch sich in einen anderen Menschen „einfühlen“ kann. Dieses Phänomen wird auch als „Empathie“[2] bezeichnet. Aber ist es tatsächlich möglich, die Emotionen in der gegenwärtigen Situation eines anderen Menschen nachzufühlen, seine gegenwärtige Einstellung erfahrbar zu machen? Auf einer unbewussten Ebene vielleicht, diesen Schluss legt zumindest die Entdeckung der „Spielneurone“ nahe und deren Implikationen für die Beratung, mit dem sich diese Hausarbeit beschäftigt. Derartige Phänomene, wie das Mitgähnen, wenn man andere Menschen gähnen sieht, Aufschrecken wenn man beobachtet wie andere Menschen aufschrecken ist einem hinlänglich aus dem Alltag bekannt.

Mit der Entdeckung der Spiegelneuronen wurde es möglich, solche Spontanphänomene auf einer neurobiologischen Ebene zu verstehen und dabei zu erkennen, wie wichtig Spiegelphänomene z.B. in der Psychotherapie für den therapeutischen Prozess sind oder für die Lernpsychologie. Die Hauptfrage auf welche sich diese Hausarbeit bezieht lautet: Welche Rolle spielen Spiegelneurone in der Beratung?

Ich halte mich in meiner Hausarbeit an folgende Theorie der Beratung, nämlich an die Klienten-zentrierte Gesprächspsychotherapie von Carl R. Rogers, welche ich gesondert im Kapitel 2 vorstelle. Kapitel 3 beschäftigt sich mit dem Phänomen der Spiegelneuronen, mit deren Entdeckung (à Kap. 3.1) und Funktionsweise im Zusammenleben der Menschen (à Kap. 3.2). Darauf folgt ein Exkurs über den abendländischen Subjektivitätsdiskurs, der vor allem durch die philosophischen Vorstellungen Descartes‘ (1596 - 1650) und Leibnitz‘ (1646 -1716 geprägt wurde (à Kap. 3.3). Anschließend erläutere ich grundlegende Aspekte der Bedeutung der Spiegelneurone auf den Intersubjektivitätsdiskurs in den Sozialwissenschaften (à Kap. 3.4). Danach erfolgt eine kurze Betrachtung über die Funktionsweise der Spiegelneurone in sozialen Situationen, die durch den so genannten „Sperrmechanismus“ reguliert werden (à Kap. 3.5). Kapitel 4 befasst sich mit der Frage, wie sich das Wissen um die Spiegelneurone in der Beratung „nutzen“ lässt. Nutzen steht hierbei ganz bewusst in Anführungszeichen, denn es wird hierbei geklärt werden inwiefern jenes Phänomen der Kontrolle und dem Bewusstsein zugänglich ist. Ein Fazit, Kapitel 5, rundet die Hausarbeit ab.

Ich verwende aus Gründen der besseren Lesbarkeit die männliche Form, meine aber ausdrücklich beide Geschlechter.

2. Die Klienten-zentrierte Gesprächspsychotherapie

Carl R. Rogers wurde 1902 in der Nähe von Chicago geboren und starb 1987 in Kalifornien. Er wandte sich von der Psychoanalyse Freuds ab und begründete die humanistische Psychologie und Psychotherapie. Was Rogers vor allem an der Psychoanalyse und an der Psychotherapie kritisierte war das Hierarchiegefälle zwischen dem Therapeuten und dem Patienten (vgl. Rogers 2012). Um 1940–1942 wurde von ihm die Klienten-zentrierte Psychotherapie als eine neue klinisch-psychologische Forschungsrichtung begründet (vgl. Pavel 1989, S. 25). Zum ersten Mal in der Geschichte der Klinischen Psychologie wurde versucht, Psychotherapie mit den Methoden der empirisch-psychologischen Forschung zu untersuchen (vgl. ebd.). Dabei ging es darum, den psychotherapeutischen Prozess, dessen Erforschung bisher weitgehend im Dunkeln verlief, beschreib-, erklärbar und der empirischen Forschung zugänglich zu machen (vgl. ebd.). Daran geknüpft war das Interesse, die Wirksamkeit spezieller psychotherapeutischer Methoden zu untersuchen. Dabei lieferten Tonbandaufnahmen therapeutischer Kontakte, testpsychologische und psychologisch-experimentelle Studien, die den Verlauf und die Ergebnisse von Psychotherapien aufzeichneten, die nötigen Forschungsdaten (vgl. ebd.). Aus dem psychotherapeutischen Prozess beobachtbaren Phänomene wurden Hypothesen und theoretische Konstrukte generiert und diese durch empirische Untersuchungen überprüft und gegebenenfalls falsifiziert (vgl. ebd.). Jene Forschung wurde und wird nachwievor in die therapeutische Praxis rückgekoppelt, sodass diese einem beständigen Wandel unterliegt und die Beziehungsgestaltung maßgeblich verändert (vgl. ebd.: S. 26). „[…] wie die Rolle und Aufgabe des Therapeuten gesehen wird, sowie in der Gestaltung der Beziehung zwischen Th. und Kl. (ebd.), lässt sich dieser Wandel der Vergangenheit aufzeigen und beschreiben. Pavel (1989) unterscheidet diesbezüglich drei sich zeitlich überschneidende und nicht genau abgrenzbare Etappen oder Phasen in der Entwicklung der Klienten-zentrierten Psychotherapie: die nichtdirektive Psychotherapie, gefühlsverbalisierende Psychotherapie und die Erlebenstherapie (S. 26). Folgende übergreifende Prinzipien sind aber allen drei Entwicklungsphasen gemeinsam, nämlich, dass jeder Mensch die grundsätzliche Fähigkeit besitzt, seine Persönlichkeit, sein Verhalten und Erleben selbstständig zu entwickeln (vgl. ebd.).

Dafür muss die therapeutische Situation eine von Ängsten und Zwängen freie Atmosphäre beinhalten. Der Kommunikationsstil des Therapeuten zeichnet sich dadurch aus, dass er dem Klienten „ein Nachdenken über seine Person, tiefe Selbstexploration und Selbstreflexion über sein Verhalten und Erleben ermöglicht“ (vgl. ebd.: S. 26 f.). Pavel (1989) ordnet jenen oben beschriebenen Entwicklungsphasen jeweilige Hauptwerke Rogers‘ zu, die jene Phasen in der Entwicklung der Klienten-zentrierten Psychotherapie markieren. Die Grundgedanken des nichtdirektiven Ansatzes finden sich in dem Werk Conseling and Psychotherapy (erschienen 1942); die gefühlsverbalisierende Psychotherapie wurde durch das Werk Client-centered Therapy (erschienen 1951) fundiert; grundlegende Aspekte der Erlebenstherapie wurden durch Rogers Theorie der Psychotherapie, der Persönlichkeit und der interpersonellen bzw. zwischenmenschlichen Beziehungen (um 1959) dargestellt (vgl. ebd. S. 27, 29, 33, 34 ff.).

Der Unterschied letzterer zur gefühlsverbalisierenden Psychotherapie ist, dass der Schwerpunkt der Erforschung der Beziehung von Therapeut und Klient liegt. Des Weiteren wird dem gegenwärtigen therapeutischen Prozess die größte Aufmerksamkeit geschenkt (vgl. ebd.: S. 34). Überhaupt finden sich im Werk des späten Rogers viele Parallelen zur östlichen Philosophie, indem die intensive Betrachtung der gegenwärtigen Situation geschult wird. So vermerkt z.B. Rogers (1989) in einem Aufsatz, wie er durch Hinweise einer Kollegin, Freude an der buddhistischen Lehre gefunden hatte, insbesondere die Ausrichtung des Zen (vgl. S. 20). Vor allem die Lehren des Laotse, im Taoismus als deren Begründer ausgewiesen, schenkte Rogers besondere Beachtung (vgl. ebd.). Derartige Aspekte finden sich in Rogers Lehre, vor allem in der Bewusstwerdung und Hinwendung zur Situation, zur Gegenwart des ablaufenden therapeutischen Prozesses und dem Bemühen des Therapeuten „nicht zu handeln“, nicht einzugreifen, sondern dem Menschen zu seiner eigenen Freiheit zu verhelfen (vgl. Rogers 1989, S. 21, Pavel 1989, S. 34-38).

Die Entscheidung zur Selbstwerdung und die grundsätzliche Fähigkeit zur eigenständigen Lösung von Lebensproblemen liegt, so betont Rogers, beim Klienten selbst (Pavel 1989, S. 33). Die Therapie wird zu einem Prozess der Selbsterfahrung, der gleichfalls Klient und Therapeut umfasst (vgl. ebd.: S. 34). Das Handeln des Therapeuten wird dadurch bestimmt, wie er den Klienten und sich selbst in der gegenwärtigen Situation erlebt und ist nicht durch Diagnosen oder ein starres Set verschiedener therapeutischer Interventionen bestimmt (vgl. ebd.). Somit konstituiert sich die Beratungssituation immer wieder aufs Neue. Der Handlungsspielraum zwischen Therapeut und Klient ist somit in der Beratungssituation flexibel, prozesshaft und eigendynamisch (vgl. ebd.). Somit ist nicht mehr das genaue Verbalisieren der Gefühle des Klienten entscheidend, sondern ob sich die Beratung und der Erlebnisrahmen des Klienten in der gegenwärtigen Situation berühren (vgl. ebd.: S. 35).

Das Hauptthema, nach dem Rogers in der Therapie als auch in der Beratung – im Grunde ausdehnbar auf alle mitmenschlichen Beziehungen - fragt, ist: „Wie kann ich eine Beziehung herstellen, die dieser Mensch zu einer eigenen Persönlichkeitsentfaltung benutzen kann?“ (ebd.: S. 46).

Eine derartige Beziehung ist, nach Rogers (2012), von Seiten des Beraters so definiert:

„Authentizität und Transparenz, ich zeige mich in meinen wirklichen Gefühlen; warmes Akzeptieren und Schätzen des anderen als eigenständiges Individuum; Einfühlung, die Fähigkeit, den anderen und seine Welt mit seinen Augen zu sehen […] (ebd.: S. 51).

Dann wird, so Rogers (2012), der andere in der Beziehung:

„Aspekte seines Selbst, die er bislang unterdrückt hat, erfahren und verstehen; finden, daß er stärker integriert ist und eher in der Lage sein, effektiv zu agieren; dem Menschen, der er sein möchte, ähnlicher werden; mehr Selbstständigkeit und Selbstbewußtsein zeigen; mehr Persönlichkeit werden, einzigartiger und fähiger zum Selbstausdruck; verständiger, annahmebereiter gegenüber anderen sein; angemessener und leichter mit den Problemen des Lebens fertig werden können“ (ebd.: S. 52).

Das ist, nach Rogers (2012), ein Weg, dem Menschen zu helfen sich seiner Erfahrung zu öffnen, indem die Beziehung zu einem anderen Menschen so gestaltet wird, dass er in ihr als selbstständige Person geachtet wird und in der er die Freiheit hat, ohne Angst seinen eigenen Gefühlen und die Gefühle von anderen zu erleben (vgl. ebd.: S. 50).

Die therapeutische und beratende Situation muss sich nach Rogers (1989) durch ein Klima der Echtheit, Achtung und Verständnis auszeichnen (S. 22 f.). Ein derartiges Klima macht es möglich, dass sich Personen und Gruppen weg von starren Strukturen und Selbstbildern, hin zur Flexibilität, zu einem kreativen prozesshaften Leben entwickeln (vgl. ebd.). Wo vorher das Leben durch die Fixierung an die Vergangenheit und durch Abwehrhaltung bestimmt war, herrscht nun Selbstannahme und Offenheit gegenüber der gegenwärtigen Erfahrung (vgl. ebd.). Um diese Auflockerung von Strukturen zu erreichen, ein entsprechendes Klima zu verwirklichen, bedarf es der Einfühlung, der Empathie des Therapeuten. Wie kommt das Phänomen der Empathie zu Stande, von dem Rogers in seinen Werken berichtet? Es gibt für jenes Phänomen eine neurobiologische Betrachtungsweise, die ich im Folgenden vorstelle.

3. Die Spiegelneurone

3.1 Die Entdeckung der Spiegelneuronen

„Ein besonderes Ereignis der 90er Jahre, das als eines der wichtigsten dieses Jahrzehnts gilt, ist die Entdeckung eines somatischen Resonanzsystems, das im Gehirn lokalisiert ist“ (vgl. Zaboura 2009, S. 57). Im Nordwesten Italiens endeckten im Jahr 1996 Giacomo Rizzolatti und Vittorio Gallese im humanphysiologischen Institut für Neurowissenschaften an der Universität in Parma die so genannten „Spiegelneuronen“[3] bei der empirischen Untersuchung von Schweinsaffen (Macaca nemestrina) (vgl. Zaboura 2009, S. 59). Einzelne Elektroden wurden dabei in das Gehirn von Affen, in die Nervenzellen der linken Hemisphäre, speziell in den Teil des ventralen prämotorischen Areals, welches die Bewegungen der vorderen Extremitäten, des Gesichts und des Mundes kontrolliert, eingesetzt (vgl. ebd.). Das Forschungsinteresse galt den Nervenzellen, die bei der Ausführung spezifischer Aktionen biochemisch entluden. Doch durch einen Zufall entdeckten die Forscher in einer Versuchspause, wie das Oszilloskop starke Aktivität aufzeichnete, als der Affe lediglich beobachtete wie ein Forscher zu einem Gegenstand griff und das obwohl der Affe in keiner Art und Weise an der Aktion beteiligt war (vgl. ebd.). Die dabei involvierten motorischen Nervenzellen entluden sich - gegen die Erwartung der Forscher - nicht nur bei der eigenen Handlungsausführung, sondern auch wenn der Primat die Forscher beim Handeln beobachtete (vgl. ebd.). Dabei konnten die Wissenschaftler feststellen, dass die für einen Präzisionsgriff zuständigen Neurone nur bei der Beobachtung sowie der eigenen Ausführung eines bestimmten zielgerichteten Griffs mit der Hand, feuern (vgl. ebd.: 59 f.). Die Beobachtung einer durch einen anderen vollzogenen Handlung aktiviert im Beobachter, bei dem Experiment war es der Affe, ein eigenes neurobiologisches Programm (vgl. Bauer 2005, S. 23). Dieses Programm ist genau das, was die beobachtete Handlung bei ihm selbst zur Ausführung bringen könnte (vgl. ebd.). Diese Neurone, die im eigenen Körper ein spezielles Programm, eine Handlung realisieren können, die aber auch dann feuern, wenn man lediglich beobachtet oder auf andere Weise miterlebt, wie ein anderes Individuum diese Handlung umsetzt, werden demzufolge als Spiegelneurone [4] bezeichnet (vgl. ebd.: S. 23). Das symmetrische Miterleben einer Handlung sieht konkret so aus, dass es schon genügt etwas zu hören, was mit der Handlung verbunden ist (z.B. ein typisches Geräusch oder allein eine Erzählung über die Handlung), damit die Spiegelneuronen feuern (vgl. Bauer 2005, S. 24).

Durch die Entdeckung der Spiegelneuronen änderte sich die Sicht auf die Funktionsweise des Gehirns, die vor allem dadurch geprägt war, dass man annahm, das Gehirn arbeite modular, dass kortikale Areale für visuelle Wahrnehmung und motorische Ausführung exakt voneinander abgrenzbar wären musste einer holistischen Betrachtungsweise weichen (vgl. Zaboura 2009, S. 60 f.). Das Entladen exakt der gleichen Neurone bei der Beobachtung als auch bei der Handlung bedeutet ein Anpassen und Abgleichen[5] visueller Stimuli mit dem motorischen Handlungsrepertoire (vgl. ebd.: S. 60 f.). Gehirnareale sind also untereinander auf komplexe Art und Weise vernetzt. Nervenzellen können demnach für mehrere Funktionen gleichzeitig zuständig sein.

Es stellt sich die Frage: Was ist nun die Funktionsweise der Spiegelneuronen im Zusammenleben der Menschen?

[...]


[1] Laotse gilt als ein legendärer chinesischer Philosoph, der im 6. Jh. v. Chr. gelebt haben soll.

[2] Aus einer phänomenologischen Betrachtungsweise meint Empathie die Erfahrung, „unmittelbar der Gefühlslage eines anderen teilhaftig zu werden […]“, das Gefühl bleibt aber „anschaulich dem anderen zugehörig“ (Häcker et. al. 2009, S. 257). Rogers (2012) schreibt sehr eindringlich zu dem Phänomen der Empathie: „Die private Welt des Klienten verspüren, als wäre sie die eigene […] das ist Empathie und scheint für die Therapie wesentlich zu sein“ (S. 277).

[3] Genauer gesagt beschrieben Rizzolatti und Gallese die Spiegelneuronen zum ersten Mal bei Makaken. Nachgewiesen wurden sie bereits 1992 durch di Pellegrino et al. (vgl. Zaboura 2009, S. 59).

[4] In der englischen Fachliteratur werden sie auch deshalb auch als „mirror neurons“ bezeichnet (vgl. Bauer 2005, S. 23).

[5] Aufgrund dieser Funktion des Abgleichens werden die Spiegelneuronen auch visuo-motorische Nervenzellen genannt (Zaboura 2009, S. 60). Neben dieser Funktion wurden auch Spiegelneurone gefunden, die auf akustische Reize reagieren, audiovisuelle Spiegelneurone aktivieren sich nicht nur beim Beobachten einer Handlung, sondern auch beim Hören (vgl. ebd.: S. 75 f.). Dies wirft in der Gehirnforschung die Frage auf, ob es generell ein globales Resonanzsystem im Gehirn gibt (vgl. ebd.: S. 76).

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Entdeckung der Spiegelneurone
Untertitel
Eine neurobiologische Perspektive auf Empathie
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Soziale Beratung
Autor
Jahr
2014
Seiten
24
Katalognummer
V442352
ISBN (eBook)
9783668804722
ISBN (Buch)
9783668804739
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spiegelneurone, Beratung, Carl Rogers, Zaboura, Joachim Bauer, Empathie, Mentalisierung, klientenzentrierte Psychotherapie, Molcho
Arbeit zitieren
B.A. Bildungs- und Erziehungswissenschaften Lukas Jäger (Autor), 2014, Die Entdeckung der Spiegelneurone, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442352

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