Die Liebeskonzeption in Horváths "Kasimir und Karoline"

Eine Problematisierung des Scheiterns von Kommunikation und Liebe


Hausarbeit, 2018

17 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Eine Beleuchtung der Missstände, ihrer Auswirkungen und Ursachen
2.1. Auslöser für die Trennung zwischen Kasimir und Karoline
2.1.1 Das Bewusstsein der titelgebenden Figuren über ihre soziale und ökonomische Determiniertheit
2.1.2 Die Unvereinbarkeit von Liebesideal mit der Realität
2.2 Gründe für die Diskrepanz und Entfremdung
2.2.1 Die Sprache als Ausformung des Bewusstseins-Aspekte der Fehlkommunikation
2.2.2 Der Kampf zwischen Bewusstem und Unbewusstem
2.2.3 Demaskierung des Bewusstseins - Der Widerspruch von Schein und Wirklichkeit mittels Ironie
2.2.4 Maskierung der individuellen Interessen durch ökonomische Faktoren

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Volksstück „Kasimir und Karoline“, erschienen im Jahre 1932, gilt als eines der meist gespieltesten Stücke Ödön von Horváths und überträgt die wirtschaftliche Not der Zeit nach der Weimarer Republik, auf die zwischenmenschlichen Beziehungen der Figuren im Drama.[1]Die Thematik der Liebe, wird hier insbesondere unter Beachtung des zeitgeschichtlichen Kontexts fokussiert. Dieser Aspekt ist von großer Bedeutung, da das Handlungsgeschehen des Dramas auf den Konflikten der Figuren beruht, welche aus der gesellschaftlichen und ökonomischen Krise resultieren.[2]Wird man sich diesem Kontext bewusst, so entdeckt man schnell die Illusion des Titels „Kasimir und Karoline“, welcher zunächst ungeachtet der Handlung, eine romantische Liebesgeschichte mit glücklichem Ende vermuten lässt. Diese Erwartung, wird durch das Motto des Stücks „Und die Liebe höret nimmer auf“[3], aus dem ersten Korintherbrief, sogar noch verstärkt.[4]Das Motto findet Ergänzung durch einen Zusatz des realistisch denkenden Kasimirs, und wird damit seiner Bedingungslosigkeit beraubt. „[…] Solang Du nämlich nicht arbeitslos wirst.“[5]Ein Grundsatz, auf der das Drama beruht und damit die Unvereinbarkeit von Liebesideal und Realität vorführt.

Die Tatsache, dass sich Kasimir und Karoline bereits zu Beginn des Dramas voneinander trennen und den größten Teil der Handlung separiert voneinander verbringen, lässt erahnen, dass es sich hier nicht um eine Thematisierung der immerwährenden Liebe zwischen zwei Personen handeln kann. Vielmehr ist es die Darstellung von Figuren, die sich über ihre Gefühle und Handlungen nicht im Klaren sind, und damit Symptomträger inmitten einer sozioökonomisch determinierten Welt verkörpern.[6]Die Inkonsistenz zwischen Titel und tatsächlicher Handlung, illustriert also die Unvereinbarkeit vom Liebesideal der Figuren mit der Realität. Die erkenntnisleitende Fragestellung, die sich aus dieser Liebeskonzeption ergibt, ist, weshalb die Beziehung zwischen Kasimir und Karoline scheitert. Zur Problematisierung dieser Thematik, bedarf es einer Berücksichtigung der Konfliktursachen und Auslöser für die Trennung von Kasimir und Karoline, sowie einer Analyse der Gründe für die Ausgeschlossenheit einer Versöhnung am Ende des Dramas.

Dazu soll zu Beginn dieser Ausführungen verdeutlicht werden, inwieweit die Unstimmigkeiten von Liebesideal und Realität, als auch von Wort und Tat, im Stück Ausdruck finden.

Anschließend sollen Ursachen für diese Missverhältnisse angeführt werden, deren Deutung auf Aspekte der Kommunikation und Verschleierung der eigenen Interessen, bedingt durch ökonomische Faktoren, zurückgeht.

2. Eine Beleuchtung der Missstände, ihrer Auswirkungen und Ursachen

2.1. Auslöser für die Trennung zwischen Kasimir und Karoline

2.1.1 Das Bewusstsein der titelgebenden Figuren über ihre soziale und ökonomische Determiniertheit

Der Konflikt der titelgebenden Figuren Kasimir und Karoline, startet bereits in der Eingangsszene, beim plötzlichen Auftauchen des Zeppelins. Karoline betrachtet diesen euphorisch, als technische Errungenschaft, während der frisch entlassene Kasimir darin einzig und allein die Verschwendung finanzieller Mittel auf Kosten bedürftiger Bürger sieht, weil er die Auswirkungen der ökonomischen Krise, durch seine Absetzung gerade am eigenen Leib erfahren musste. Darin zeigt sich deutlich, dass sich Kasimir den wirtschaftlichen Auswirkungen seiner Zeit auf das Private, durchaus bewusst ist, Karoline hingegen noch dabei ist, diese zu verdrängen, indem sie dem Zeppelin nichts als Bewunderung entgegenbringt.[7]Diese Unterschiedlichkeit der beiden Figuren im Hinblick auf ihre subjektive Wahrnehmung und ihr Bewusstsein darüber, welche Auswirkungen ihr Umfeld auf ihre Persönlichkeit hat, markieren deutliche Differenzen ihrer Weltanschauung. So kommt es schließlich auch dazu, dass sich Unsicherheiten bezüglich der Beziehung seitens Karoline einstellen. „Vielleicht sind wir zu schwer füreinander-“[8]Diese Äußerung, welche sie an ihrer Melancholie und Kasimirs Pessimismus festmacht, zeigt, dass sie Konflikte nur als rein subjektive begreift. Ausgelöst durch charakterliche Unstimmigkeiten. Sie hält es nicht für möglich, sich automatisch von Kasimir, aufgrund seiner Arbeitslosigkeit, zu entfernen, wie er es ihr vorhält. Stattdessen plädiert sie dafür, man könne die allgemeine Krise und das Private immer voneinander trennen[9], weshalb sie Kasimir keine Rechtfertigung, für seine schlechte Laune ihr gegenüber, einräumt. Sie ist sich ihrer ökonomischen Determiniertheit, im Gegensatz zu Kasimir, nicht bewusst.

„KAROLINE. […] Eine wertvolle Frau hängt höchstens noch mehr an dem Manne, zu dem sie gehört, wenn es diesem Manne schlecht geht.“[10]Ein Satz, indem sich ihr Liebesideal offenbart. Eine solidarische Liebe, die allen äußeren Umständen überlegen ist. Dieses Ideal entpuppt sich allerdings schnell als moralische Utopie, die sich mit der Realität nicht vereinbaren lässt, wie es der folgende Verlauf zeigt.

2.1.2 Die Unvereinbarkeit von Liebesideal mit der Realität

Kasimir formuliert eine, sich ihm selbst erfüllende Prophezeiung. „[...]-und sie höret nimmer auf, solang Du nämlich nicht arbeitslos wirst. […]“[11]Er ist fest davon überzeugt, dass sich die plötzlichen Zweifel seiner Braut, mit seinem neuen Arbeitslosenstatus erklären lassen. Dieser Standpunkt wird ihm in Szene 36, in der die endgültige Trennung stattfindet, sogar bestätigt. Karoline teilt an dieser Stelle ihre Absicht mit, eine höhere gesellschaftliche Stufe erreichen zu wollen und schließt ein Zusammenkommen mit Kasimir, der ihr dies nicht mehr bieten kann, bewusst aus. „KAROLINE[…] Das Leben ist hart und eine Frau, die wo etwas erreichen will, muss einen einflussreichen Mann immer bei seinem Gefühlsleben packen.“[12]Es wird ersichtlich, dass sich auch Karoline von ihrem Selbst entfremdet hat und ihr Bewusstsein von der Konsumgesellschaft geprägt ist. Ihre Liebe resultiert aus praktischem Eigennutz und findet keinen Einklang mehr mit ihrem zuvor verteidigten Liebesideal.[13]Fraglich ist, ob man hierbei überhaupt noch von Liebe sprechen kann. Vielmehr benutzen sich die Figuren untereinander zugunsten ihrer eigenen Bedürfnisse nach Selbstbestätigung, sozialer Anerkennung und finanzieller Sicherheit. So versteht man unter dem BegriffLiebein dieser Konstellation, weniger ein Gefühl der Zuneigung und inneren Verbundenheit. Vielmehr steht die Liebe hier, für eine Art der Abhängigkeit, die Eigennutzen verspricht.

Wie es Jürgen Hein treffend formuliert: „Den Zusammenhang von Geld und Liebe berechnend, sind sie auf Vorteil, Gewinn und verfügen über andere aus.“[14]

Im späteren Handlungsverlauf erkennt Karoline ihre Täuschung schließlich und versucht, sich noch einmal zu versöhnen, weil sie inzwischen glaubt, doch zu Kasimir zu gehören. In Szene 113, fasst sie die Gründe der Trennung vor ihm noch einmal zusammen. „KAROLINE. Eigentlich hab ich ja nur ein Eis essen wollen- aber dann ist der Zeppelin vorbeigeflogen und ich bin mit der Achterbahn gefahren. Und dann hast Du gesagt, dass ich Dich automatisch verlasse, weil Du arbeitslos bist. Automatisch, hast Du gesagt.“[15]

Sie listet die trennungsursächlichen Fakten zusammenhangslos auf, womit sie eine Banalität erzeugt, die ihrer totalen Hilflosigkeit und Verwirrung Ausdruck verleiht.

Denn natürlich, findet sich der Grund der Trennung in Wahrheit nicht darin, dass der Zeppelin vorbeigeflogen ist, oder sie mit der Achterbahn fahren wollte. Vielmehr war es die gegenseitige Entfremdung voneinander, ausgelöst durch eine Art der Ohnmacht, die sich in Form eines Nichterkennens der eigenen Beschränktheit und des ständigen „Drüber weg reden“ von Gefühlen, äußert. Die Betonung des Eigenschaftswortes „automatisch“, impliziert ihre Unfähigkeit ins Geschehene eingreifen zu können und sich dem Automatismus zu widersetzen. Sie ist damit einem zwingenden Handlungsverlauf ausgesetzt. Ihre Liebe, war schon mit Eintreten von Kasimirs Arbeitslosigkeit zum Scheitern verurteilt. Jede weitere Kommunikation darüber, erscheint sinnlos, weil sie durch gegenseitige Entfremdung, die beinahe selbstständig abläuft, behindert wird und auch die Möglichkeit, einander bedingungslos lieben zu können, ausschließt.

Die Dialoge zeigen, dass es gleichgültig ist, ob man den verbalen Austausch ernst nimmt oder nicht. Der andere macht sowieso daraus, was er will. Und je ernster die Situation wird, desto unwahrscheinlicher ist, dass sie überhaupt zu etwas anderem als zu Selbstzerstörung führt.[16]

Diesem Zitat ist ergänzend zuzufügen, dass die Figuren in ihrer Kommunikation sichtlich das Verlangen verspüren, die Dinge klären zu wollen. Nicht grundlos suchen sie mehrmals das Gespräch und versuchen wiederholt, sich zu versöhnen. Natürlich ohne Erfolg, denn der Einbruch ihres Bewusstseins, macht es unmöglich. Ihre Unsicherheit und Überforderung, zeigen sich in Redewendungen wie „eigentlich“, „Ich habe doch nur“, „aber dann“[17]und zeugen von enormer Desorientierung.[18]

Auch Kasimir verfügt über ein Liebesideal, das den gesellschaftlichen Umständen nicht standhalten kann. Der Unterschied ist hier jener, dass er sich dieser Tatsache bewusst ist. „[…] Was sind denn das schon überhaupt für Ideale von wegen seelischem Ineinanderfliessen zweier Menschen? Adam und Eva! Ich scheiss Dir was auf den Kontakt-“[19]Seine Wutausbrüche und Verhaltensunarten, sind Ausdruck seiner Frustration darüber, nichts ändern zu können. Er lässt diese in Form von Gefühlskälte und aggressiver Wortwahl gegenüber Karoline zum Vorschein kommen. „Geh halt doch dein Maul mit dem Zeppelin!“[20]Zwar bezeichnet er sich im Gespräch mit Schürzinger als „anständigen Menschen“[21], betitelt später jedoch sehr unehrenhaft alle Weiber als „minderwertige Subjekte“[22].Überwältigt von Eifersucht und Wut, beleidigt er seine ehemalige Braut als „Zuschneidermensch“,[23]und wird damit Demonstrator dafür, dass der Mensch ein Produkt seiner Umgebung ist, und die Bedingungen ihn zu dem machen, was er ist. Der doppelte Verlust seiner Arbeitsstelle und damit einhergehend auch seiner Braut, machen ihn zu einem einsamen, wütenden und leeren Mann. Er teilt diese Abhängigkeiten in einem Monolog in Szene 69 ganz klar mit.

[…] Du kannst ja auch nichts dafür, dafür kann ja nur meine Arbeitslosigkeit etwas und das ist nur logisch, Du Schlampen Du elendiger! Aber wenn ich jetzt dem Merkl Franz folgen täte, dann wärest aber nur Du daran schuld- weil ich jetzt innerlich leer bin.

Mit seiner inneren Rede an Karoline, demonstriert er einen mentalen Kampf zwischen Schuldzuweisungen für seine prekäre Lage und seiner inneren Abhängigkeit von Karoline, ohne die ihm alles sinnlos erscheint. Es ist widersprüchlich, wie er im ersten Satz der allgemeinen Krise die Schuld an allem gibt, und anschließend Karoline doch noch in Verantwortung zieht. Ein weiterer Hinweis auf das Aufeinandertreffen von Bewusstheit und Unbewusstheit und dem, damit einhergehenden, Verwirrtheitszustand. Seine Sehnsucht nach innigstem Lieben und Geliebt-werden ist durchaus präsent. Nicht ohne Grund, glaubt er gegen Ende in Szene 112, Erna und er seien zwei verwandte Naturen, womit er ihre Seelenverwandtschaft andeutet.[24]Doch er koppelt diese Aussage atomar an eine Bedingung, die mit seiner vorher gestellten Frage um Ernas Gesundheitszustand, transparent wird. Er möchte also zunächst sichergehen, es nicht mit einer Tuberkulosekranken zu tun zu haben. Erst in Folge dessen, kommt das Liebesgeständnis, das wohl eher Ausdruck seiner Wunschvorstellung und Sehnsucht ist, als dass es der Wahrheit entspricht.

All diese Textbeispiele veranschaulichen, dass die Vorstellung eines „anständigen Menschen“ in der gegenwärtigen Gesellschaft des Dramas, ein unerfüllbares Ideal bleibt und somit auch die Liebe kein bedingungsloses Fundament finden kann. Unter „anständig“ wird hier ein tugendhafter, nicht ausschließlich am Eigenwohl orientierter Mensch verstanden, der seine moralische Vertretbarkeit trotz ökonomischer und sozialer Hindernisse, bewahrt.

Die bereits beleuchteten Liebesideale und ihre Widersprüche im dramatischen Geschehen, veranlassen die Trennung der beiden Hauptprotagonisten und bilden einschließlich ihrer egoistischen Handlungsmotive, den Ausgangspunkt.

Auslösendes Indiz für die völlige Trennung der Beiden, ist also doch Kasimirs Arbeitslosigkeit. Wie bereits anfangs von Kasimir prognostiziert, orientiert sich Karoline schon bald an ihrem eigennützigen Bedürfnis nach ökonomischem Aufstieg und finanzieller Sicherheit, weshalb sie sich von Kasimir abwendet. Auch er distanziert sich allmählich von ihr und findet Bestätigung seines Selbstwertgefühls in Milieus, die ihm sozial noch unterlegener erscheinen.

Interessant ist nun, welche Umstände die eigentliche Entfremdung von Kasimir und Karoline begünstigen. Im Folgenden werden dazu Faktoren transparent gemacht, die es verhindern, dass Kasimir und Karoline trotz beidseitiger Versöhnungsversuche nicht wieder zueinander finden können.

2.2 Gründe für die Diskrepanz und Entfremdung

2.2.1 Die Sprache als Ausformung des Bewusstseins-Aspekte der Fehlkommunikation

Erst durch die Illustrierung der Sprachthematik an den Figuren, ermöglicht das Drama einen sozioökonomischen und politischen Einblick, in das damalige Zeitgeschehen der Weimarer Republik. Die Figuren stellen keine Handlungs- oder Ideenträger dar, die sich im Laufe des Stückes wandeln. Jene sozialen Umstände werden weniger kritisch reflektiert, als dass sie durch das sprachliche Geschehen thematisiert werden. Die Sprache und der Dialog, stellen eine Ausformung des Bewusstseins dar, das je nach psychischen Dispositionen und Umwelteinflüssen anders ausfällt. Diese Unbeständigkeit, stellt ein primäres Hindernis in Kommunikation und Beziehung dar, weshalb es folglich genauer betrachtet werden soll. Wie auch Horváth in seiner Gebrauchsanweisung für seine Stücke betont, wird der Mensch erst durch seine Sprache lebendig. Somit stehen und fallen auch seine Stücke mit dem Dialog.[25]Die Sprache verändert sich ständig, weil sich das Bewusstsein unentwegt wandelt.

Zentral für die Kommunikationshinderung, ist der sogenannteBildungsjargon, der den Austausch der Figuren untereinander entscheidend beherrscht. Dieser Bildungsjargon, zeichnet sich durch "vorgefertigte Sprachteile“ aus.[26]Er erfüllt insofern seine Funktionen, indem er jene Bevölkerungsschichten aufwertet, die durch die ökonomische Krise ihren sozialen Status verloren haben, und kompensiert somit deren Mangelempfinden. Er stellt also einen Dialekt als Charaktereigenschaft dar, der die Personen soziologisch kennzeichnet.[27]So ist es zumindest sprachlich möglich, über seine Verhältnisse zu leben. Ausschlaggebend für die Kommunikation zwischen Kasimir und Karoline ist, dass sie den Bildungsjargon immer dann als Fluchtort beziehen, wenn sie sich im Gespräch voneinander abheben möchten, um ihren sozialen Status nicht zu gefährden. Dazu lässt sich beispielhaft jene Textstelle heranziehen, in der Kasimir und Karoline darüber streiten, dass Karoline bezüglich ihrer Begegnung mit Schürzinger, einem angeblich lang Bekannten, log. „KASIMIR[…] Ich konstatiere, dass Du mich angelogen hast und zwar ganz ohne Grund. So schwing Dich doch mit Deinem gebildeten Herrn Zuschneider!“[28]Kasimir verwendet hier ganz plötzlich den Fachterminus „konstatieren“, der ganz offensichtlich kein Gegenstand seines natürlichen Wortschatzes ist, da er auffällig zu seiner sonst eher plumpen und umgangssprachlichen Ausdrucksweise kontrastiert. Er tut dies in einem Moment, in dem sein sozialer Status im direkten Vergleich mit Schürzinger angezweifelt und sogar abgestuft wird. „KASIMIR. Du meinst also, dass ein Zuschneider etwas Gebildeteres ist wie ein ehrlicher Chauffeur?“[29]Um sich diese Frage nicht selbst bejahen zu müssen, greift er auf Wortfloskeln zurück, die für ihn Bildung und Gelehrtheit verkörpern und bindet sie in seinen Satz mit ein. Damit stellt er sich zumindest auf sprachlicher Ebene höher und glättet damit sein Selbstwertgefühl. Gleiches auch im Folgenden. „KASIMIR Seit wann bin ich denn ein Egoist? Jetzt muss ich aber direkt lachen! Hier dreht es sich doch nicht um Deine Achterbahn, sondern um Dein unqualifizierbares Benehmen, indem dass Du mich angelogen hast!“[30]Er stellt damit Karolines „unqualifizierbares Benehmen“ in Kontrast zu seiner Überlegenheit, spricht beinahe mit den Worten eines Richters.

[...]


[1]Vgl. Kastberger, Klaus und Reinmann, Kerstin: Nachwort. In: Ödön von Horváth: Kasimir und Karoline. Hrsg. von Klaus Kastberger und Kerstin Reimann. Stuttgart: Reclam 2009. S. 196. Der Text wird im Folgenden unter Angabe der Sigle „K&K Nachwort“ und der entsprechenden Seitenzahl zitiert.

[2]Vgl. Horváth, Ödön von: K&K. Nachwort S. 194.

[3]Horváth, Ödön von: Kasimir und Karoline. Volksstück. Hrsg. von Klaus Kastberger und Reimann Kerstin. Stuttgart: Reclam 2009. S. 6. Der Primärtext wird im Folgenden unter Angabe der Sigle „K&K“ und der Seitenzahl zitiert.

[4]Vgl. Horváth, Ödön von: K&K. Nachwort S.196.

[5]Horváth, Ödön von: K&K. S.41. Szene 62.

[6]Vgl. Müller- Michaels, Harro: Deutsche Dramen. Interpretationen zu Werken der von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Von Hauptmann bis Botho Strauss. Band 2. Königsstein: Äthenäum Verlag 1981. S. 55.

[7]Vgl. Horváth, Ödön von: K&K Nachwort. S.197.

[8]Horváth, Ödön von: K&K. S.9. Szene 3.

[9]Horváth, Ödön von: K&K. S.24. Szene 24.

[10]Horváth, Ödön von: K&K.S.19. Szene 16.

[11]Horváth, Ödön von: K&K. S.41. Szene 62.

[12]Horváth, Ödön von: K&K. S.30. Szene 36.

[13]Vgl. Forcht, Georg W.: Frank Wedekind und die Volksstücktradition. Basis und Nachhaltigkeit seines Werks. Hrsg. von Centaurus Verlag & Media. Freiburg: 2012. S.112.

[14]Müller- Michaels, Harro: Deutsche Dramen. Interpretationen zu Werken der von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Von Hauptmann bis Botho Strauss Band 2. Königsstein: Äthenäum Verlag 1981. S. 60.

[15]Horváth, Ödön von: K&K. S.70. Szene 113.

[16]Forcht, G. W.: Frank Wedekind und die Volksstücktradition. Basis und Nachhaltigkeit seines Werks. Hrsg. von Centaurus Verlag & Media. Freiburg: 2012. S. 110.

[17]Vgl. Walder, Martin: Die Uneigentlichkeit des Bewußtseins: Zur Dramaturgie Ödön von Horváths. Hrsg. von Armin Arnold und Alois M. Haas. Bonn: Bouvier Verlag 1974. S.67.

[18]Vgl. Horváth, Ödön von: K&K. S.70. Szene 113.

[19]Horváth, Ödön von: K&K.S.41. Szene 62.

[20]Horváth, Ödön von: K&K. S.9. Szene 4.

[21]Vgl. Horváth, Ödön von: K&K.S.19. Szene 15.

[22]Vgl. Horváth, Ödön von: K&K.S.40. Szene 60.

[23]Vgl. Horváth, Ödön von: K&K.S.21. Szene 17.

[24]Horváth, Ödön von: K&K. S.69. Szene 112.

[25]Vgl. Horváth, Ödön von: Gesammelte Werke. Gebrauchsanweisung. Hrsg. von Traugott Krieschke und Dieter Hildebrandt. Frankfurt: Suhrkamp 1970. S.662-663.

[26]Erläuterungen und Dokumente. Ödön von Horváth. Geschichten aus dem Wiener Wald. Hrsg. von Christine Schmidjell. Stuttgart: Reclam 2000. S.112.

[27]Vgl. Walder, Martin: Die Uneigentlichkeit des Bewußtseins. Zur Dramaturgie Ödön von Horváths. Hrsg. von Armin Arnold und Alois M. Haas. Bonn: Bouvier Verlag 1974. S.60.

[28]Horváth, Ödön von: K&K. S.21. Szene 17.

[29]Horváth, Ödön von: K&K.S.21. Szene 17.

[30]Horváth, Ödön von: K&K.S.21. Szene 17.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Liebeskonzeption in Horváths "Kasimir und Karoline"
Untertitel
Eine Problematisierung des Scheiterns von Kommunikation und Liebe
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V442462
ISBN (eBook)
9783668804784
ISBN (Buch)
9783668804791
Sprache
Deutsch
Schlagworte
liebeskonzeption, horváths, kasimir, karoline, eine, problematisierung, scheiterns, kommunikation, liebe, NDL Horváth
Arbeit zitieren
Karen Kursawe (Autor), 2018, Die Liebeskonzeption in Horváths "Kasimir und Karoline", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442462

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