Feminismus und der Islam. Inwiefern kann islamischer Feminismus zur Zielsetzung der Bewegung beitragen?

Gender Jihad


Hausarbeit, 2018

19 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1.Einleitung

2. Der Islam und die Frau

3. Feminismus
3.1. Kolonialer Feminismus
3.2. Islamischer Feminismus
3.3. Die Forschung des islamischen Feminismus

4. Die Iranische Revolution und deren Bedeutung für das Frauenbild

5. Säkularisierung

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Aus Gründen der leichteren Lesbarkeit wird in der vorliegenden Hausarbeit die gewohnte männliche Sprachform bei personenbezogenen Substantiven und Pronomen verwendet. Dies impliziert jedoch keine Benachteiligung des weiblichen Geschlechts, sondern soll im Sinne der sprachlichen Vereinfachung als geschlechtsneutral zu verstehen sein.

1. Einleitung

Der Islam wird oft nicht nur im alltäglichen, sondern auch im akademischen Bereich durch Stereotype und Verallgemeinerungen verstanden. Oft wird die muslimische Frau im Singular als eine Repräsentantin der ganzen muslimischen Welt gesehen. Die muslimische Welt wird in diesem Zusammenhang als eine strikt homogene beschränkt und die diese Religion tragende Frau automatisch als unterdrückt betrachtet. Der Schleier wird als ein Zeichen der Dominanz des Mannes angesehen, ungeachtet der oft abweichenden Realität der Bedeutung und Beweggründe für das Verschleiern. Dieses Missverständnis hat zur Folge, dass der Islam als Gegenpol zu feministischen Bewegungen angesehen wird, auch wenn viele Frauen die freie Entscheidung treffen, den Schleier anzulegen. Daher ist einer der Beweggründe für diese Hausarbeit der Versuch einer Aufklärung, die Verallgemeinerungen entgegenwirken soll.

Die Existenz eines konkret islamisch geprägten Feminismus wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Die westliche Welt wird vom mittleren Osten stark in dieser Hinsicht getrennt, denn im Bezug auf diese Frage zeigen sich große Unterschiede zwischen der Wahrnehmung der westlichen Welt und der Sichtweise der Gesellschaften des mittleren Ostens.

Die folgende Arbeit widmet sich der Frage, inwieweit ein spezifisch islamischer Feminismus in der Lage ist eigene Ansätze und Forschungsschwerpunkte zur Zielsetzung des Feminismus beizutragen. Es soll also geklärt werden, ob das theoretische Konstrukt Islam Grundlage einer Bereicherung für die feministische Bewegung und ihre Vorgehensweisen darstellt und sie in ihrem Bestreben nach Durchbrüchen in der Gleichberechtigung der Geschlechter unterstützt. Zu diesem Zweck beginnt die Hausarbeit mit einer allgemeineren Erläuterung der Stellung der Frau innerhalb des Islams. Daraufhin wird der Begriff des Feminismus, sowie dessen Geschichte zusammengefasst. Dabei wird unterschieden zwischen einem als kolonialen Feminismus bezeichneten westlichen Zweig der feministischen Bewegung und der weniger erforschten islamischen Bewegung. Nachfolgend beschäftigt sich ein Kapitel mit dem Iran als einem Beispiel für eine missverstandene Lage der Frau als unterdrückte Figur und für die Bedeutung, die die Wahrnehmung der Frauenrolle spielt. Schließlich wird die Frage nach der Notwendigkeit der Säkularisierung im Feminismus in Kürze behandelt, woraufhin abschließend eine Konklusion über die Erkenntnisse der Arbeit folgt.

Vor allem stützt die Arbeit sich dabei auf den Sammelband ״Islamische Feminismen”, der einen reichen Fundus an interessanten und für das Thema spezifischen Aufsätzen bereit hält. Gerade die Kommentare von Zahra Ali (vor allem in Einleitung und Schluss des Bandes), welche die Aufsätze kontextualisieren und einen hervorragenden Überblick geben, werden berücksichtigt und zitiert. In Ansätzen wird auch Margot Badran zitiert, da ihre Beiträge zum Forschungsthema zu wichtig sind um in einer Hausarbeit zu diesem Thema nicht berücksichtigt zu werden.

Zur Erklärung des Begriffes des Orientalismus im Zusammenhang mit einem Verständnis des Islams wurden auch die Ausführungen Edward Saids herangezogen.

2. Der Islam und die Frau

Um die Stellung der Frau im Islam zu verstehen sollte man zuerst dessen heilige Schrift untersuchen. Eine der wichtigsten Verse über die Kleidung der Frauen besagt, dass die gläubigen Frauen ״ihre Augen ni eder schl agen, und ihre Keuschheit bewahren, den Schmuck, den sie tragen, nicht offen zeigen, soweit er nicht normalerweise sichtbar ist, und ihre Tücher über ihre Busen ziehen [sollen]..."[1] Diese lässt viel Spielraum für Interpretationen, ob hierdurch auch die Bedeckung des Kopfes, des Gesichtes wirklich gemeint seien. Deswegen wird die soziologische, religiöse und politische Bedeutung des Schleiers sehr häufig untersucht.

Die Skepsis gegenüber der Rolle des weiblichen Geschlechts in der muslimischen Gesellschaft könnte auf die Epoche der islamischen Offenbarung zurückgeführt werden. Mohammeds dritte Ehepartnerin, Aischa, die die Tochter des Abu Bakr as-Siddiq war, wird als Beispiel einer Frau gesehen, die in diesem Zeitalter gegen Frauenfeindlichkeit und Unrecht gekämpft haben soll. So heißt es auch, dass eine weitere Gattin des Propheten und zwar Um Salama, den Propheten darauf hingewiesen haben soll, dass der Koran patriarchalisch orientiert sei und nicht an Frauen gerichtet sei. Sie hatte den Vorwurf, dass sowohl die guten Taten und Handlungen der Frauen ungebührend anerkannt, als auch der Lohn für Frauen nicht gleichberechtigt vergeben wurden. Daraufhin kam es zur Erwähnung der deutlichen Gleichberechtigung beider Geschlechter im Koran.[2] Außerdem weisen archäologische Fundstücke darauf hin, dass im Gegensatz zu Androzentrischen Theorien, die die Unterlegenheit der Frau als naturgegeben und von Geburt an bestimmt sehen, dass Frauen in Mesopotamien ein hohes Ansehen genossen. So lässt sich zum Beispiel um 6000 v.Chr. in der kleinasiatischen Stadt Catal Hüyük ein drastischer Anstieg des sozialen Ansehens der Frau nachweisen. Als archäologischer Indikator für diese Entwicklung gilt der deutliche Rückgang der Statuen, welche Männer darstellen.[3] Erst mit dem Aufkommen von Stadtstaaten und urbanen Zentren verloren Frauen zunehmend ihre soziale Rolle. Durch die steigende Bedeutung des Militärs in diesen neuen Strukturen kam es zur wachsenden Bedeutung des Mannes in der Gesellschaft. Hier könnte man die Anfänge einer Klassengesellschaft finden, in welcher das Militär und der Klerus als die neuen Autoritätsebenen galten. Die Patriarchie wurde institutionalisiert und die Sexualität der Frau wurde zum Eigentum der Männer.[4]

3. Feminismus

Zum Verständnis eines spezifisch islamischen Feminismus soll in diesem Kapitel zunächst eine allgemeinere Definition des Feminismus und seiner Ziele angegangen werden.

Als eine Art von Protest für die Rechte der Frauen und gegen ein System, welches in Folge der französischen Revolution den Frauen die Gleichberechtigung zwar versprach, jedoch wenig Veränderungen folgen ließ, benutzte Hubertine Auclert eine französische Sozialistin, in den späten 1880 Jahren, den Begriff des Feminismus. Damit versuchte sie die Patriarchie, die männliche Vorherrschaft zu kritisieren. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff erstmals in Großbritannien, dann in den Vereinigten Staaten und schließlich in Ägypten verwendet, was bedeutet, dass die Begrifflichkeit westlichen Ursprungs ist Allerdings wandelte diese Tatsache, den Feminismus nicht zu einer französischen oder zu einer allgemein westlichen Bewegung, denn feministische Bewegungen gibt es überall und sie werden ״durch lokalen Ausdrucksweisen artikulier" [Feminisms are articulated in local terms],[5] ״Die gesellschaftliche Realität erkennt die Frau lediglich als Gegenpol zum freien männlichen Individuum an”[6] - Die Grundhaltung es sei eine männliche Welt wird durch ein philosophisches Fundament unterstützt.

Nach bekannter Argumentation patriarchaler Herrschaftslogik werden Frauen aufgrund ihrer Assoziation mit Natur vom Vemunftbegriff ausgeschlossen. Frauen als Symbol für Fruchtbarkeit und Leiblichkeit wurden oft gleichgesetzt mit Natur. In Debatten um Abtreibung beispielsweise lässt sich die Bestimmung der Männer über die Körper der Frauen vergleichen mit der Ausbeutung der ״Mutter Natur” durch den Menschen.[7] Aufgrund dieses fortbestehenden Narrative mangelnder Vernunftfähigkeit der Frau gewinnt der Feminismus umso mehr an Bedeutung.

Die feministischen Bewegungen haben sowohl in der europäischen, insbesondere in der westlichen Gesellschaft als auch im mittleren Osten Einklang in die Lebenswirklichkeit der Menschen gefunden. Die Vielfalt der Formen feministischer Bewegungen hat zur Folge, dass man nicht von einem gemeinsamen Feminismus sprechen kann, sondern die Diversität dieser unterschiedlichen Bewegungen mit ihren jeweils eigenen Motiven und Zielen anerkennen muss. Dementsprechend sind die Handlungsweisen und -mogli ehkei ten zum Erreichen dieser Ziele extrem unterschiedlich. Dies erschwert das Finden einer genauen Definition des Feminismus. Vorsicht ist daher geboten, denn bei all den unterschiedlichen Definitionsansätzen des feministischen Begriffs besteht die Gefahr, dass durch diese Versuche einer knappen begrifflichen Eingrenzung die Komplexität des Themas verloren gehen könnte.

Eine der größten Herausforderungen feministischer Bewegungen ist das Aufeinanderprallen von Feminismus und gesellschaftlich verwurzelter Traditionen. Eine der am meisten diskutierten Fragen ist es, ob Traditionen für feministischen Bewegungen in jedem Fall ein Hindernis darstellen und ob die feministische Bewegung automatisch die Vernichtung anderer Traditionen suggeriert. Die Kritik an Religion und manchen Traditionen ist für diese Bewegung unvermeidbar, denn sie verfolgt den Ziel oppressive und sexistische Gedankengänge zu ändern.

Was viele feministische Theorien gemeinsam haben und was ein großer Teil der Bevölkerung als allgemeingültig erstrebenswert sieht, ist das Ziel der Gleichberechtigung und die Loslösung von jenen traditionsgebundenen Gedankengängen, die nicht zu dieser Gleichberechtigung beitragen und die sich in der ganzen Welt festgesetzt haben.

So ist es in diesem Zusammenhang interessant den Gedanken von Bernadette Mosala einer südafrikanischen, feministischen Aktivistin weiter zu folgen, die mit ihrer Aussage ״wenn Männer unterdrückt werden, ist dies eine Tragödie und wenn Frauen unterdrückt werden eine Tradition“[8] [when men are oppressed it is a tragedy, when women are oppressed it is tradition] auf die aus ihrer Sicht unangemessenen Verhältnise der Diskriminierung von Frauen hinweist. So gibt es noch heute, inmitten von #Aufschrei und #MeToo-Debatte, Gegenbewegungen, welche ungeachtet der historischen Realität unterdrückter Frauen in Maßnahmen, wie beispielsweise der Frauenquote eine Ungerechtigkeit sehen.

Im gleichen Sinne behaupten solche Gegenbewegungen, dass die Diskriminierung der Frauen nur ein Problem der arabischen Welt sei und durch die Migrationsströme der letzten Jahre importiert wurde.

3.1. Kolonialer Feminismus

Es ist eine weit verbreitete Meinung, dass der Islam und Feminismus nicht kombinierbar seien. Die Frage ״Benötigen muslimische Frauen Rettung?" [Do muslim women need saving?] wird mit christlicher oder westlicher Missionierung und westlicher Scheinüberlegenheit verbunden. Die Befreiung der muslimischen Frau von den angeblichen Ketten des Islams war der Grundgedanke des kolonialen Feminismus.

Die Betrachtung des Orients als bewusste Abgrenzung zu den europäischen Mächten zum Zweck der Polarisierung wurde von Edward Said mit dem Begriff ״Orientalismus” definiert. Er weist auf die kolonialistische Konnotation des Begriffes hin und meint, dass er daher heute ungem benutzt wird.[9] Said sieht also in dieser Sichtweise der Welt eine veraltete Rechtfertigung für den europäischen Kolonialismus.

Die Zeitspanne der Entwicklung des Orientalismus und die der europäischen imperialen Ausdehnung von 1815-1914 fallen aufeinander. Die koloniale Missioniemng seitens der europäischen Länder, vor allem der damalig größten Imperien Frankreich und Großbritannien betraf alle Kontinente der Welt, insbesondere Afrika und Asien. Die Ausdehnung europäischer Kolonialgebiete stieg von 35% auf 85% der Landfläche des Planeten an. Die kolonialen Mächte befanden sich in einem imperialistischen Machtwettbewerb.[10] Für Zahra Ali sind diese Überlegungen von Edward Said von großem Forschungsinteresse. Besonders interessant findet sie die Überlegung, dass die Darstellung eines unterlegenen ״von Archaismus und Obskurantismus gekennzeichneten Orients” dazu dient durch dieses Gegenbild eine modernere und weiter entwickelte Darstellung des Westens abzubilden.[11] In diesem Zusammenhang formuliert Edward Said seine Meinung, dass der Orientalismus dazu beigetragen habe, dass die Differenzierung der westlichen Überlegenheit und der orientalen Unterlegenheit sich verfestigt, vertieft und verhärtet habe[12]. Zahra Ali stützt sich auf die Haltung von Edward Said und stimmt ihm zu, dass man die Befreiung der muslimischen Frau vom Schleier als zivilisatorische Missionierung gesehen habe.[13] Weiterhin weist sie auf den Artikel ״Schlacht um die Schleier” von Frantz Fanon hin, der als Beispiel für die damalige kolonisatorische Missionierung das Thema der Verschleierung in der algerischen Gesellschaft aufgreift.

In diesem Abschnitt konnte somit verdeutlicht werden, dass der koloniale Feminismus aus historischer Perspektive instrumentalisiert wurde, um die Unterdrückung oder scheinbare Unterdrückung der Frau in islamisch geprägten Ländern falsch darzustellen. Als Alternative soll nun als nächstes der islamische Feminismus vorgestellt werden.

[...]


[1] Qur’an. Die ungefähre Bedeutung in der deutschen Sprache, (aus dem Arabischen von Abu-r-Rida’ Muhammad ibn Ahmad ibn Rassoul), Köln, 2012, Sure 24, Vers 31.

[2] Vgl. Zahra Ali, Schluss: Den Feminismus entkolonialisieren und erneuern, 2012 in: Zahra Ali [Hrsg.], Peter Engelmann [Hrsg.], Islamische Feminismen, Passagen Verlag ,Paris, 2012, S. 17, Z. 3ff.

[3] Vgl. James Mellaart, Catal Hüyük. A Neolithic Town in Anatolia, Michigan, 1967, S. 176, Z. 3ff.

[4] Vgl. Leila Ahmed, Women and Gender in Islam. Historical roots to a modem debate, London, 1992, S. 20, Z. 29f.

[5] Margot Badran, Feminism in Islam, Secular and Religious Convergences, Oxford, 2009, s. 242, z. 12ff.

[6] Vgl. Ursula I. Meyer, Einführung in die feministische Philosophie, Aachen, 2004, s. 33, z. 19f.

[7] Vgl. Ursula I. Meyer (ebd.), Seite 34, z. 1 Iff.

[8] Vgl. Chris Beasley, What is Feminism?: An Introduction to Feminist Theory, London, 1999 s. 6, Z. 4f.

[9] Vgl. Edward w. Said, Orientalism,London, 2003, s. 2, Z. 23ff.

[10] Vgl. Edward w. Said, Orientalism,London, 2003, s. 41, Z. 14ff.

[11] Vgl. Zahra Ali, Schluss: Den Feminismus entkolonialisieren und erneuern, 2012 in: Zahra Ali [Hrsg.], Peter Engelmann [Hrsg.], Islamische Feminismen, Passagen Verlag, Paris, 2012, s. 203, Z. Iff.

[12] Vgl. Edward w. Said, (ebd.), s. 42, Z. lOff.

[13] Vgl. Zahra Ali (ebd.), s .203, Z. 7f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Feminismus und der Islam. Inwiefern kann islamischer Feminismus zur Zielsetzung der Bewegung beitragen?
Untertitel
Gender Jihad
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1.3
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V442727
ISBN (eBook)
9783668806511
ISBN (Buch)
9783668806528
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Feminismus, Islam, GenderJihad, Politik
Arbeit zitieren
Vaneh Andresian (Autor), 2018, Feminismus und der Islam. Inwiefern kann islamischer Feminismus zur Zielsetzung der Bewegung beitragen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442727

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