Kaisereid für Augustus aus Neapolis, Pontos (3 v. Chr.)

Quelleninterpretation


Quellenexegese, 2018
6 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

In dieser Quelleninterpretation soll es um den Kaisereid Im römischen Osten gehen. Als exemplarische Quelle dafür soll der Kaisereid aus der antiken Stadt Neapolis, In der ehemaligen römischen Provinz Paphlagonlen, untersucht werden. Der Quellentext dafür stammt aus der vierten Sitzung des Seminars, der sich nur auf den Eid als solches konzentriert, während die weiteren Informationen zu dieser Quelle, vor allem die zur physischen Beschaffenheit, aus den Untersuchung von Altor Blanco Pérez[1] stammen.

Dieser Eid befände sich auf einer Stele aus Sandstein. Der Text dieses Eides wurde In ebendiese Stele gemeißelt und Stände ursprünglich In der orthodoxen Kirche In der heutigen Stadt Vezirköprü, die auch die Ruinen derehemallgen Stadt Neapolis elnschlleßt.[2] Die Stele sei zwar beschädigt doch liegt der Text des Eides, der auf griechisch geschrieben Ist, rekonstruiert vollständig vor. Datierungsversuche beschreiben das Jahr 3 V. ehr. als den Zeitraum, In dem dieser Eid entstand und wirkte.[3] Da dieser Eid, wie späterzu sehen sein wird, sich auf Augustus bezieht, Ist es zudem wichtig Augustus In den chronologischen Kontext mltelnzublnden. Zu diesem Zeitpunkt war Augustus zum zwölften Mal Konsul und bereits mehrere Jahre Kaiser des römischen Imperiums.

Im Folgenden soll der Inhalt der Quelle wiedergegeben werden. Dieser Inhalt wird erst Im späteren Verlauf dieser Interpretation In den historischen Kontext eingebettet und zuerst wertfrei rezipiert. Der Eid lässt sich In drei Telle gliedern. Zuerst werden die Schwurgötter aufgezählt, auf die die Eidleistenden schwören. Diese Götter bilden damit die Grundlage des Schwurs. Sie stellen sicher, dass der Schwur elngehalten wird, denn diese setzen den Fluch des dritten Teils um. Im zweiten Teil wird explizit die Treue für ״[...] Caesar Augustus and his children and descendants all the time [...]."[4] geschworen. Diese Treue zeichnet sich vor allem durch Pflichten aus, die die Macht Augustus' sicherstellen. Dies schließt u.a. den Schutz von Augustus' Interessen und das Verteidigen ebendieser gegenüber allen vermeintlicheren Feinden ein. Der letzte Abschnitt Ist eine Art Fluch. Dieser Fluch trifft die Eidleistenden und deren Angehörigen, wie später noch gezeigt wird, In besonderer Art und Welse, sollten diese gegen Ihren Schwur verstoßen.

Ein Verstoß hat für den Eidleistenden allumfassende negative Auswirkungen:

״ [...], I will raise for myself, my own body, soul and life, children, all of my family and possession, destruction and utter ruin extending to all those that succeed me and all my descendants."[5] Diese Auswirkungen werden von den bereits erwähnten Schwurgöttern als eine Art Rache umgesetzt.

Der Eid war ein Teil der römischen ״Reichsreligion"[6], wie u.a. Michael Sommer sie nennt. Der Kult des römischen Kaisers, der in den Provinzen u.a. mit Priesterschaften und Heiligtümern ausgestattet worden sei, sei der erfolgreichste Exportartikel der expandierenden römischen Kultur gewesen.[7] Der Eid wurde öffentlich geschworen, dafür spricht auch die Positionierung der Stele, auf der der Schwur steht. Der Schwur war ein Ritual, das sich an eine breite Öffentlichkeit richtete. Diese Öffentlichkeit besteht im Wesentlichen aus folgenden Personengruppen: ״[...] the inhabitants of Paphlagoma and the trading Romans living among them."[8] Der Kaisereid wirkt auf zweierlei Weise. Zum einen könne er als Mittel zur Kontrolle gebraucht werden.[9]. Zum anderen schaffe der Eid durch seine juristischen Folgen, die kultische und verbale Inszenierung einer Bindung.[10] Verschiedene Kaisereide, zeigen deutliche lokale Differenzierungen, sie seien also Teil einer Reichsreligion mit provinziellen Variationen.[11] Kaisereide passen sich also Adressatenabhängig der Region an. In anderen Regionen waren sie so Z.B. mit anderen Schwurgöttern verbunden. Dies ist Ausdruck der sogenannten interpretado, der Integration fremder Kulte in die römische ״Reichsreligion". Die Schwurgötter dieser Quelle: ״ [...] Zeus, the Earth, the Sun, all the gods and goddesses and [...] Augustus himself [...]."[12], weisen auf ein hellenistische Tradition dieser Region hin. Weiterhin auffallend ist, dass sich Augustus unter den Schwurgöttern befindet. Wie bereits erwähnt, entstand dieser Kaisereid zu Augustus' Lebzeiten. Doch die vollständige Verehrung als Gottheit beschränke sich auf die Toten, welche vom Senat offiziell als Götter anerkannt worden seien.[13] Augustus jedoch schuf einen religiösen Kult um sich selbst. Besser gesagt etablierte Augustus einen ״[...] cult paid to the emperor's genius (guardian spirit) [...]."[14].

Dafür sprechen auch Tempel zu Augustus Ehren, die in den römischen Provinzen entstanden. Diese Tempel Stehen in einem engen Zusammenhang mit dem Kaisereid und der Reichsreligion. So sei die Verehrung der Kaiser die einzige Religion im römischen Reich für welche es Provinzweit eine Organisation gegeben habe.[15]

Sprachlich interessant an diesem Teil ist vor allem das der Schwur und auch der weitere Eid in der ersten Person Singular verfasst ist. Daraus ließe sich eine universelle Akzeptanz der Eidleistenden ableiten.[16] Der Schwur wurde so zwar als öffentliches Ritual abgelegt, welches in der Gemeinschaft stattfand, doch wurde der Schwur so zu einer persönlichen Angelegenheit. Weiterhin zeigen die benutzten Personen, dass dieser Eid Teil eines Personenkultes war und sich die Reichsreligion nicht primärauf das Reich bezog. Dieses wurde dann vor allem durch den Kaiser verkörpert. So verteidigen die Eidleistenden: ״[...] their interests [...]."[17] und sehen diejenigen als Freunde an,: ״[...] they might reckon as friends [...]."[18]. ״Sie" sind in diesem Schwur explizit: ״[...] Caesar Augustus and his children and descendants [...]."[19]. Weiterhin weist u.a. auch die Sprache auf eine hellenistische Tradition hin. So bspw. die bereits erwähnten Schwurgötter. Auch wiesen die rituellen und zeremoniellen Praktiken des Kaiserkultes viele Gemeinsamkeiten zum hellenistischen Herrscherkult auf.[20] Diese Parallelen, die auf die bereits erwähnte Integrationskraft der römischen Reichsreligion zurückzuführen sind, deuten wie auch Peter Herrmann nachweist[21], auf die hellenistischen Wurzeln dieses Kultes hin.

Der Fluch, der die Einhaltung des Schwurs sicherstellen soll und eine Bestrafung bei der Verletzung bedingt, wirkt in besonderer Weise. So bestraft der Fluch nicht nur den Eidleistenden der gegen den Schwur verstößt, sondern er sorge auch für eine Sippenhaft[22], denn er bestraft: ״ [...] myself [den Eidleistenden], my own body, soul and life, children, all of my family [...]."[23]. Die Basistriebe, Selbstliebe, Kinderliebe und der Selbsterhaltungstrieb, die im Schwurteil auf den Herrscher übertragen würden[24], werden durch den Fluch ernsthaft bedroht.

Diese abstrakte Bedrohung von ״[...] destruction and utter ruin [...]."[25] durch die Schwurgötter wird dadurch konkret, dass sich Augustus unter ebendiesen Schwurgöttern befindet. Da Augustus kein abstraktes Konstrukt ist, sondern physisch existiert, legitimiert dieser Fluch Augustus dazu, ihn umzusetzen. Er kann somit bei einer Verletzung des Schwurs, bspw. durch einen Aufstand, in Form von Z.B. militärischer Gewalt intervenieren. Der Eid ist somit argumentativ geschlossen aufgebaut, denn der Treueschwur bezieht sich eben auch auf Augustus und der Fluch legitimiert ihn auch dazu zu intervenieren. So zeigt sich Augustus' allumfassende Macht über alle, die diesen Kaisereid ablegten.

Bei der Bewertung dieser Quelle müssen zwei Dinge kritisch betrachtet werden. Zum einen ist die Anwendung des Begriffs und des dahinterstehenden Konzepts der Religion schwierig, da unser Konzept von Religion der Antike völlig fremd sei.[26] Vielmehr bezeichne das lateinische Wort religio bei Cicero die ״Verehrung", einer bestimmten Gottheit oder ganz allgemein.[27] Der Kaiserkult hätte davon gelebt, dass der antike Polytheismus keinen Substanzunterschied zwischen göttlichen Wesen und Menschen gekannt hätte.[28] So ist es auch u.a. zu erklären, dass Augustus noch zu Lebzeiten verehrt wurde. Zum anderen sind genauere Nachweise zum Ritual schwierig. So sei bei vielen Eiden, so am Beispiel des Eides von Assos das Verhältnis von Eid und Bürgerschaft in der Inschrift nicht angegeben, auch nicht derTag, der Ort, das Ritual.[29] Die Bezeugung der Eide sei gering.[30]

Der Kaisereid sei ein festes, signifikantes Ritual des Herrscherkults gewesen.[31] Er war somit Teil der allumfassenden Herrschaft der römischen Kaiser. Und zum anderen sei er somit auch Teil eines machtvollen Instrumentes der Integration einer kulturell äußerst heterogenen Peripherie in das Imperium gewesen.[32]

[...]


[1] Vgl. http://judaism-and-rome.cnrs.fr/oath-loyalty-augustus-paphlagonia [Stand: 09.08.2018, 13.40 Uhr],

[2] Vgl. ebd.

[3] Vgl. ebd.

[4] Kaisereid für Augustus in Neapolis, Pontos (3 V. Chr.).

[5] Kaisereid für Augustus in Neapolis, Ponios (3 v. Clu־.).

[6] Michael Sommer (2016): Syria. Geschichte einer zerstörten Welt s. 59.

[7] Vgl. ebd, s. 58.

[8] http://judaism-and-rome.cnrs.fr/oath-loyalty-augustus-paphlagoma [Stand: 10.08.2018, 14.17 Uhr],

[9] Vgl. Hubert Cancik (2003): Der Kaiser-Eid. Zur Praxis der römischen Herrscherverehrung, In: Cancik, Hubert (Hg.): Die Praxis der Herrscherverehrung in Rom und seinen Provinzen, s. 31.

[10] Vgl. ebd. s. 41.

[11] Vgl. ebd, s. 35.

[12] Kaisereid für Augustus in Neapolis, Pontos (3 V. ein־.).

[13] Vgl. Martin Goodman (2012): The Roman world. 44 ВС - AD 180, s. 140.

[14] Ebd, S. 322.

[15] Vgl. Goodman: The Roman world, s. 322.

[16] Vgl. http://judaism-and-rome.cnrs.fr/oath-loyalty-augustus-paphlagonia, [Stand: 12.08.18, 14.23 Uhr]

[17] Kaisereid für Augustus in Neapolis, Pontos (3 V. ein־.).

[18] Ebd.

[19] Ebd.

[20] Vgl. Angelos Chaniotis (2003): Der Kaiserkult im Osten des Römischen Reiches im Kontext der zeitgenössischen Ritualpraxis, In: Cancik (Hg.): Die Praxis der Herrscherverehrung, s. 5.

[21] Siehe Peter Herrmann (1968): Der römische Kaisereid. Untersuchungen zu seiner Herkunft und Entwicklung.

[22] Vgl. Cancik: Der Kaiser-Eid, In: Cancik (Hg.): Die Praxis der Herrscherverehrung, s. 36.

[23] Kaisereid für Augustus in Neapolis, Pontos (3 V. ein־.).

[24] Vgl. Cancik: Der Kaiser-Eid, In: Cancik (Hg.): Die Praxis der Herrscherverehrung, s. 36.

[25] Kaisereid für Augustus in Neapolis, Pontos (3 V. Chr.).

[26] Vgl. Sommer: Syria, s. 56.

[27] Vgl. ebd.

[28] Vgl. ebd., s. 58-59.

[29] Vgl. Cancik: Der Kaiser-Eid, In: Cancik (Hg.): Die Praxis der Herrscherverehrung, s. 39.

[30] Vgl ebd., s. 42.

[31] Vgl. ebd.

[32] Vgl. Soimner: Syria, s. 59.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Kaisereid für Augustus aus Neapolis, Pontos (3 v. Chr.)
Untertitel
Quelleninterpretation
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Der römische Osten
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
6
Katalognummer
V442731
ISBN (eBook)
9783668814738
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rom, Augustus, Kaiser, Kaisereid, Osten, Religion
Arbeit zitieren
Paul Jonas (Autor), 2018, Kaisereid für Augustus aus Neapolis, Pontos (3 v. Chr.), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442731

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