Das Vergehen „Kindsmord“ im historischen Kontext der Frühen Neuzeit bildet den Ausgangspunkt für die zugrunde liegende Arbeit. Ziel der Arbeit ist es herauszufinden, ob und warum der Kindsmord das Schlüsseldelikt der strafrechtsreformerischen Bestrebungen in frühneuzeitlichen Prozessen des 17. und 18. Jahrhunderts darstellt. Anhand von makrohistorischen Interpretationen, ausgehend von statistischen Befunden ist der Versuch, entstanden, das Verbrechen mit der Entwicklung von Gesellschaft, Staat und Kirche zu verbinden. Zeitgenössische Vorstellungen von Moral, sowie Werten und Normen/Gesetzen können mittels Primärquellen rekonstruiert werden. Es handelt sich hierbei um ein immenses Aufkommen an Primärquellen in Form von Prozessakten, Urkunden, Verträgen und dergleichen. Die detailreiche Auswertung der einzelnen Fallbeispiele ist zwingend erforderlich, um ein flächendeckendes Bild der frühneuzeitlichen Ordnung zu konstruieren und Aussagen über die Epoche im größeren Zusammenhang treffen zu können.
Die verwendete Forschungsliteratur wurde beinahe ausschließlich von Otto Ulbricht verfasst. Er gilt als Vorreiter in der Kindsmorddebatte und untersuchte das Vergehen und dessen Bestrafung im kulturellen Kontext des 17. und 18. Jahrhunderts. Otto Ulbricht ist Professor für Geschichte an der Universität Kiel. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kriminalität, Pest und Armut in der Frühen Neuzeit. In seinen Publikationen „Kindsmord in der Frühen Neuzeit“ und „Kindsmörderinnen vor Gericht - Verteidigungsstrategien von Frauen in Norddeutschland 1680-1810“ erläutert er explizit den Tathergang, die Lebenssituation der Angeklagten und definiert den „Kindsmord“ auf rechtlicher Ebene. Desweiteren legt er den Schwerpunkt auf die Interpretation dieses Phänomens im frühneuzeitlichen Kontext. Seine Werke bilden die Grundlage dieser Arbeit und sollen zielführend zur Verifizierung der Ausgangsthese - Ein Frauendelikt als Schlüsseldelikt der strafrechtsreformerischen Bestrebungen der Aufklärung – dienen.
Inhaltsverzeichnis
1.) Einleitung
2.) Definition Kindsmord
2.1) Rechtliche Definition in frühneuzeitlichen Prozessen
2.2) Beweisaufnahme
2.3) Die angeklagten Frauen
3.) Interpretation des frühneuzeitlichen Kindsmordes
3.1) Präventivmaßnahmen
3.2) Zahlen
4.) Der Kindsmord als Motiv in der Literatur des 18. Jahrhunderts
5.) Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht, inwiefern der Kindsmord als das zentrale Schlüsseldelikt fungierte, an dem sich die strafrechtsreformerischen Bestrebungen der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert entzündeten, und analysiert dabei den Wandel im gesellschaftlichen und rechtlichen Umgang mit diesem Verbrechen.
- Die rechtliche Definition und strafrechtliche Verfolgung des Kindsmordes in der Frühen Neuzeit.
- Die sozioökonomische Lebenssituation der angeklagten Frauen und die Rolle der Schande als Tatmotiv.
- Der Wandel der strafrechtlichen Praxis unter dem Einfluss aufklärerischer Denker wie Cesare Beccaria.
- Die Bedeutung von Präventivmaßnahmen wie der Errichtung von Gebär- und Findelhäusern.
- Die literarische Verarbeitung des Kindsmordes als Ausdruck der Spätaufklärung und weiblicher Auflehnung.
Auszug aus dem Buch
2.1) Rechtliche Definition in frühneuzeitlichen Prozessen
Die rechtliche Grundlage des Kindsmordes in frühneuzeitlichen Prozessen bildet der Artikel 131 mit Artikel 35 und 36 der Peinlichen Halsgerichtsordnung („Carolina“), die 1532 von Kaiser Karl V. im Reich eingeführt wurde. Es handelte sich bei dem Kindsmord um ein eigenständiges Delikt, das vom Verwandtenmord abgegrenzt wurde. Als Regelstrafe (poena ordinaria) für dieses Verbrechen hatte die Carolina den Tod durch Ertränken festgesetzt. Eine große Zunahme der Fälle ermöglichte ebenfalls die ältere Strafe des Lebendigbegrabens.
Die Tatbestandsmerkmale setzen sich aus dem Verhehlen der Schwangerschaft und der anschließend heimlichen Geburt zusammen. Der Artikel 131, II sanktioniert außerdem die Verheimlichung des strafbaren nichtehelichen Geschlechtsverkehrs, der der Tat vorrausgegangen sein muss. Bei dem Tathergang ist bereits eine Differenzierung zwischen Totschlag und fahrlässiger Tötung durch unterlassene Hilfeleistung zu erkennen.
Die Artikel 35 und 36 legen den Vorgang der Beweisaufnahme fest, welcher den Gerichten half, die Kindsmörderin zu überführen. Die Rede ist hierbei von einer gynäkologischen Untersuchung, welcher sich die Täterinnen unterziehen mussten. Anwesend waren hier zumeist zehn Hebammen, welche unabhängig voneinander ein Urteil fällen sollten. Desweiteren wurde überprüft, ob ein Milcheinschuss bei der Angeklagten stattgefunden hatte. Hatte man auf diese Weise keinen Erfolg und Zweifel blieben bestehen, so wurde die poena extraordinaria verhängt. Bei der „Strafe des unvollständigen Beweises“ blieb der Angeklagten, nach Einholung des Rates eines Oberhofes, das Ertränken erspart und sie wurde des Landes verwiesen.
Zusammenfassung der Kapitel
1.) Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, ob der Kindsmord das Schlüsseldelikt der strafrechtsreformerischen Aufklärung darstellt und benennt die verwendete Forschungsliteratur.
2.) Definition Kindsmord: Dieses Kapitel definiert den Kindsmord auf Basis zeitgenössischer rechtlicher Grundlagen und analysiert die Hintergründe sowie die Rolle der ledigen Frau.
2.1) Rechtliche Definition in frühneuzeitlichen Prozessen: Es werden die rechtlichen Bestimmungen der „Carolina“ sowie die Methoden der Beweisaufnahme und die verschiedenen Strafmaße erläutert.
2.2) Beweisaufnahme: Dieses Kapitel befasst sich mit den medizinischen und rechtlichen Verfahren zur Überführung der Angeklagten, einschließlich der Obduktion und der Rolle der Verteidigung.
2.3) Die angeklagten Frauen: Hier wird der soziale Hintergrund der Täterinnen untersucht, die sich zumeist in einer prekären Übergangsphase ihres Lebens befanden.
3.) Interpretation des frühneuzeitlichen Kindsmordes: Das Kapitel beleuchtet das zeitgenössische Verständnis von Werten und Normen im Kontext der Reformation und Aufklärung.
3.1) Präventivmaßnahmen: Es werden staatliche Ansätze wie die Förderung von Ehen und die Errichtung von Gebäranstalten zur Reduzierung des Kindsmordes diskutiert.
3.2) Zahlen: Eine statistische Einordnung des Kindsmordes unter Berücksichtigung der Dunkelziffer und lückenhafter Quellenlage.
4.) Der Kindsmord als Motiv in der Literatur des 18. Jahrhunderts: Untersuchung der literarischen Auseinandersetzung mit dem Thema bei Denkern wie Kant, Rousseau und Voltaire sowie in zeitgenössischen Dramen.
5.) Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsthese zur Rolle des Kindsmordes als Kristallisationskern der strafrechtlichen Reformen.
Schlüsselwörter
Kindsmord, Frühe Neuzeit, Aufklärung, Peinliche Halsgerichtsordnung, Carolina, strafrechtliche Reformen, Geschlechtsschande, soziale Normen, Beweisaufnahme, Otto Ulbricht, Cesare Beccaria, Literaturgeschichte, Todesstrafe, Säkularisierung, Frauendelikt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert das historische Phänomen des Kindsmordes in der Frühen Neuzeit und dessen Bedeutung als Schlüsseldelikt für die rechtliche Umgestaltung im Zeitalter der Aufklärung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die rechtliche Definition und Sanktionierung durch die „Carolina“, die soziale Situation der betroffenen Frauen sowie der Wandel der moralischen und staatlichen Bewertung dieser Tat.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, zu verifizieren, ob der Kindsmord das entscheidende Delikt war, welches den Wandel von einer durch Gott legitimierten Strafjustiz hin zu einem am Allgemeinwohl orientierten, aufgeklärten Strafrecht vorangetrieben hat.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Es handelt sich um eine historisch-analytische Arbeit, die primär auf makrohistorischer Interpretation und der Auswertung bestehender Forschungsliteratur (insbesondere von Otto Ulbricht) basiert.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in rechtliche Grundlagen, Beweismethoden wie die gynäkologische Untersuchung, die soziokulturelle Interpretation des Delikts sowie eine literaturwissenschaftliche Betrachtung des Motivs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die zentralen Begriffe umfassen Kindsmord, Aufklärung, Peinliche Halsgerichtsordnung, soziale Schande und die Veränderung des Strafrechtsverständnisses.
Warum wird der Begriff „Schlüsseldelikt“ für den Kindsmord verwendet?
Weil das Delikt so drastisch war, dass es die herrschenden Autoritäten von Staat und Kirche zwang, ihre rigiden moralischen Vorstellungen zu überdenken und erstmals strafmildernde Umstände sowie Präventionsmaßnahmen einzuführen.
Welche Rolle spielte Cesare Beccaria in diesem Prozess?
Beccaria lieferte als Strafrechtsreformer die theoretische Grundlage, um den juristischen Fokus von der Tat auf die psychische und soziale Verfassung der Täterin zu lenken, was zur Kritik an der Todesstrafe führte.
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- Nadine Vetter (Author), 2015, Kindsmord in der Frühen Neuzeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442750