Die Verfassungsdebatte bei Herodot

Darstellung und Bewertung der Tyrannis


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Herodots Historien

3.) Die Verfassungsdebatte
3.1) Otanes
3.2) Megabyzos I.
3.3) Dareios I.

4.) Das Perserreich
4.1) Die Herrschaft des Kambyses
4.2) Die Herrschaft des Dareios
4.3) Geschichte der griechischen Insel Samos

5.) Fazit

6.) Literaturverzeichnis

1.) Einleitung

„Pater historiae

(Cicero, Über die Gesetze 1,5,5)

Die Geschichtsschreibung ist eine griechische Erfindung und geht bis in das 5. Jahrhundert vor Christus zurück. Bereits der römische Redner, Philosoph und Politiker Cicero bezeichnete Herodot als „Vater der Geschichte“. Herodot (485 v.Chr. – um 425 v.Chr.) ist neben Thukydides wohl einer der bekanntesten griechischen Autoren, die nicht nur für ihr zeitgenössisches Publikum, sondern auch bewusst für die Nachwelt schrieben. Seine Texte sind nicht vollständig belegbar und auch die geschilderten Ereignisse erscheinen nicht immer wahrheitsgetreu wiedergegeben, aber Herodot erhebt auch zu keiner Zeit einen Absolutheitsanspruch auf sein Werk. Die Quellenlage ist seit langem umstritten und steht im Fokus vielerlei Kontroversen in der Forschung der Alten Geschichte. Sein Streben nach historischer Wahrheit, Ordnung und Verarbeitung von Nachrichten machen ihn desweiteren zum Begründer der kritischen Geschichtsschreibung.

Mit den Historíai gelang es ihm, ein umfassendes Werk über die Ereignisse der Perserkriege zu verfassen, welches an eine überregionale Öffentlichkeit adressiert war. Anhand mehrerer geographischer, sowie ethnographischer Exkurse beschreibt Herodot die Expansion des Achämenidenreiches bis zum Widerstand gegen die Aggressionen des Großkönigs Xerxes, der durch die Hellen-Allianz (480/479) zurückgedrängt werden konnte.[1]

Auch die Verfassungsdebatte, die dieser Arbeit zugrunde liegt, wird auf die von Herodot geschilderte Art und Weise nie stattgefunden haben. Im Folgenden soll der Verlauf der Debatte erläutert werden. Herodot legt den Schwerpunkt der Debatte auf die drei Herrschaftsformen Monarchie, Oligarchie sowie der Demokratie und die Argumente, die zu ihrer jeweiligen Legitimation vorgebracht wurden.

Zuerst findet eine kurze Betrachtung der Methode, Struktur und des Themas seiner Historíai statt. Danach folgt die Analyse und Interpretation der drei vorgetragenen Plädoyers. Zuletzt steht der historische Kontext im Fokus, der zugleich die Rahmenhandlung der Debatte bildet.

Die einzelnen Herrschaftsformen, die in Form eines Plädoyers seitens Otanes, Megabyzos und Dareios vorgestellt werden, geben darüber hinaus anhand ihrer Argumentationsstruktur und inhaltlichen Reihenfolge einen Einblick in die Diskussionskultur im antiken Griechenland.

Interessant ist auch, dass es sich bei dem Begriff um keinen ursprünglich Griechischen handelt. Er ist nur der Form nach griechisch und hat seinen eigentlichen Ursprung in Kleinasien, was die Perserkriege infolgedessen als logischen Kontext für die Rahmenhandlung der Verfassungsdebatte legitimiert.[2]

Die Darstellung und Bewertung der Tyrannis bilden also den Ausgangspunkt der folgenden Untersuchung. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf der Darstellung der persischen Tyrannis in der Verfassungsdebatte und deren indirekte Bewertung durch den Autor, in Form der drei vorgetragenen Plädoyers.

2.) Herodots Historien

Herodot befasst sich in seinem Buch „Historien“ mit der Frage nach den Ursachen für den Krieg zwischen Hellenen und Barbaren. Gemeint sind hiermit die Perserkriege um 500-479 v. Chr. Das Scheitern der verschiedenen griechischen Staaten liegt seiner Meinung nach in dem maßlosen Verhalten der Führenden in ihren Urteilen, Zielen und Handlungen begründet. Dies gilt für die Innen- sowie Außenpolitik gleichermaßen.

Wenngleich der Fokus seines Berichtes auf der „großen“ Politik zwischen den Staaten, dem Krieg, den Bündnissen, den Eroberungen und den Niederlagen liegt, so wird außerdem deutlich, was in den Staaten geschieht. Die Maßlosigkeit der Führenden bildet auch hier den Ausgangspunkt seiner Berichterstattung.[3]

Herodot richtete sich mit seinen „Historien“ an die Nachwelt, ebenso wie an sein Publikum aus der Zeit des beginnenden Peloponnesischen Krieges.[4] Er ist der Auffassung, dass die Weltmacht, die die Perser immer noch repräsentierten Folge einer langen Tradition, einer schlauen Machtpolitik und eines höheren Geschicks, ebenso wie einer expliziten staatspolitischen Räson war.[5]

Persien ist also das Thema des dritten Buches, welches den Ausgangspunkt für die zugrunde liegende Arbeit bildet. Im ersten Buch stehen der Lyderkönig Kroisos und der Perserkönig Kyros im Zentrum der Darstellung. Im zweiten Buch hingegen widmet sich Herodot dem Beschluss von Kyros‘ Nachfolger Kambyses, Ägypten zu erobern. Dieser Beschluss gab Herodot den Anlass, im Detail alles Wissenswerte über Ägypten zu berichten.[6] Das dritte Buch biete folglich Aufschluss über das Perserreich und der fast 8 Jahre andauernden und sehr negativ gewerteten Herrschaftsperiode des Kambyses (530/529-522/521 v. Chr.). Die daran anschließende Herrschaft des Dareios (521-485 v. Chr.) steht ebenfalls im Blickfeld der Betrachtung und ist außerdem Thema der weiteren vier Bücher. Diese Einteilung legt nahe, dass die ursprüngliche Einteilung von Herodots Werk in neun Bücher wohl nicht auf den Autor selbst zurückgeht, sondern post-mortem beinahe mechanisch vorgenommen wurde, um den Erhalt von etwa gleichlangen Buchrollen zu gewährleisten.[7]

Die Frage nach der Glaubwürdigkeit erfordert eine genauere Betrachtung der Quellenlage, derer sich Herodot bediente. Hekataois von Milet (um 500 v. Chr.), der die beiden bekannten - wenn auch nicht erhaltenen - Werke genealogiai und periplus ges verfasste, rückt bei eben dieser Betrachtung in den Fokus.[8] Die „Genealogien“ stellen den Versuch einer Erfassung und Ordnung, der in der griechischen Welt umlaufenden Mythen dar. Die „Welt-Umsegelung“ hingegen befasst sich mit der Geographie und Ethnographie der Siedlungen an den Küsten Europas, sowie Asiens und im Hinterland.[9]

Desweiteren kommen einige Darstellungen in Dichtung und Drama infrage, die Herodot bekannt gewesen sein müssen. Auch wenn er sich explizit bloß auf die Tragödie „Die Einnahme von Milet“ (Phrynichos) bezieht, so scheint die Tragödie „Die Perser“ (Aischylos), in der ein Bote die Schlacht von Salamis schildert, ebenfalls Einfluss auf sein Werk gehabt zu haben.[10] Dennoch steht völlig außer Frage, dass gerade mündliche Überlieferungen die innerhalb Familienclans, den Poleis und den Heiligtümern über die Vergangenheit erzählt wurden, den Grundstock für Herodots Historien bilden. Er nahm eben diese auf, erforschte und verarbeitete sie. Kennzeichen hierfür sind die wiederholten Verweise seinerseits auf Informanten und seine Autopsie.[11]

Die Annahme, Herodot würde als Zeitzeuge für die gesamten geschilderten Geschehnisse fungieren wird durch die Tatsache entkräftet, das er unmöglich alles selbst gesehen oder aus erster Hand erfahren haben konnte. Desweiteren wäre es ihm ohne Dolmetscher schwer möglich gewesen sich mit den Persern oder Ägyptern auszutauschen. Dies gilt ebenfalls für die von ihm angeführten fremdsprachlichen Angaben.[12]

Dennoch ist es Herodot gelungen eine Vielzahl unterschiedlicher, wenn auch vorwiegend mündlicher, Quellen aufzuspüren und zu erforschen. Überdies gelang es ihm, die Angaben zu ordnen und ein vielseitiges Gesamtbild eines immensen Untersuchungsgegenstandes darzubringen.[13]

Außerdem dienen Herodots ausfüllende und ergänzenden Erzählungen dazu, dem Leser eine plastische, lebensvolle Darstellung zu suggerieren.[14] Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf dem dritten Kapitel, dessen wenige belegbare Fakten ihn dazu angehalten haben, anhand von eigenen Interpretationen der Geschehnisse ein glaubhaftes großes Gesamtbild zu schaffen. Daher ist eine genauere Betrachtung bestehender Irrtümer, Beobachtungsfehler, Missverständnissen, hastiger Schlussfolgerungen, Leichtgläubigkeiten gegenüber Flunkereien und Hineinfallen auf Scheinbestätigungen überflüssig.[15]

Weiterhin lässt sich an dieser Stelle folgende These aufgreifen: Herodot selbst fungiert in seinem Werk als unmittelbare Quelle, da sich der Weg von der Information zur abgeschlossenen Darstellung nicht zurückverfolgen lässt. Es ist also anzunehmen, dass er aus dem Vorrat seines Gedächtnisses schöpfte, ohne das Wissen um den Ursprung gewisser Details.[16]

Abschließend ist anzumerken, dass uns mit der Verfassungsdebatte - zum ersten Mal im griechischen Schrifttum - eine theologische Absetzung der Monarchie als Gegenentwurf zur verderblichen Tyrannis begegnet.[17] Während der charismatisch-religiöse Aspekt der Achaimenidenherrschaft für die Perser selbst einen ausschlaggebenden Stellenwert besaß, findet dieser jedoch in den Ausführungen Herodots keinen Ausdruck. Die militärischen Leistungen der persischen Könige, die ihnen den Status einer Großmacht einbrachten, wurden von den Griechen mit Respekt anerkannt. Herodot legt sein Hauptaugenmerk daher durchgehend auf die für Griechenland interessanten Auswirkungen der persischen Großmachtsentfaltung.[18] Obgleich die politischen Triumphe der Achaimenidenkönige als Vorzüge der monarchischen Staatsform gesehen wurden, so änderte dies nichts an der griechischen Gleichsetzung der Machtstellung eines persischen Großkönigs mit einer der Tyrannis ähnlichen despotischen Herrschaft.[19]

3.) Die Verfassungsdebatte

Die Verfassungsdebatte verdeutlicht, wie selbst gut gemeinte Verfassungen entarten können, vorausgesetzt die Machthaber verlieren ihre Urteilsfähigkeit aufgrund von Gier und Maßlosigkeit.[20] Es handelt sich bei dem vorliegenden Untersuchungsgegenstand um ein als Debatte montiertes Traktat über die Vorteile und Gefahren der Monarchie, Oligarchie und der Demokratie. Nach dem Sturz des Tyrannen Kambyses II. durch sieben Adelige soll eben diese „Debatte“ in Persien stattgefunden haben.[21]

Kyros, Kambyses, Dareios und Xerxes repräsentierten das persische Herrscherhaus, von wo aus nachhaltige Impulse für das Denken der Griechen über die Tyrannis ausgingen. Aus diesem Grund ist die Verortung der Verfassungsdebatte an den persischen Hof eine logische Schlussfolgerung. Kyros spielte in diesem Fall eine ähnliche Rolle wie schon Deiokes und ist als Erbe der medischen Monarchie zum Begründer des Achaimenidenreich geworden.[22]

„Als sich die Unruhe gelegt hatte und mehr als fünf Tage vergangen waren, hielten die Männer, die sich gegen die Mager erhoben hatten, eine Beratung über die gesamte Lage des Reiches ab, und es wurden dabei Reden gehalten, die einigen Griechen unglaubwürdig erscheinen, die aber doch gehalten wurden.“[23]

Inwiefern die Debatte noch einen zeitgenössischen Charakter hat lässt sich nur erahnen. Fest steht allerdings, dass alle Argumente, ob für oder gegen eine bestimmte politische Ordnung heute noch im Umlauf sind. Herodot greift auf die fortgeschrittene griechische politische Terminologie des 5. Jahrhunderts (v. Chr.) zurück. Hieraus ging mit einigen Bedeutungswandlungen der Grundwortschatz unserer zeitgenössischen politischen Sprache hervor, vorausgesetzt es handelt sich um politische Ordnungen.[24]

Anhand der folgenden Fakten lässt sich ein Ereignisablauf nachzeichnen: unter der Führung des Persers Otanes kamen sechs weitere namenhafte persische Adelige zusammen. Es handelte sich hierbei um Aspathines, Gobryas, Intaphrenes, Megabyzos, Hydarnes und Dareios. Ziel und Absicht dieser Zusammenkunft war die Beendigung der Mager-Regierung und die Restauration der persischen Herrschaft.[25]

Die Verfassungsdebatte schließt mit folgendem Ergebnis: Dareios gelingt es, weitere vier von sieben Adeligen zu überzeugen und die Alleinherrschaft mit ihm an der Spitze durchzusetzen. („Diese drei Meinungen wurden also zur Entscheidung vorgebracht, die anderen vier Männer von den Sieben schlossen sich Letzterer an. […]“[26] )

Indem die Verschworenen jedoch versuchten, dem neuen Herrscher Dareios Immunität für ihre Adelsprivilegien zu entlocken, gaben sie auch ihre Angst vor der Allmacht des Königsamtes Preis.[27] Barceló fasst dieses Phänomen folgendermaßen zusammen:

„Ist die monarchische Institution, die die aristokratische Gleichheit in Frage stellt, unvermeidlich, so soll wenigstens der Amtsinhaber, der die Alleinherrschaft ausübt, ein Höchstmaß an aristokratischen Grundvorstellungen wahren. Derartige Gedankengänge sind allen Adelsgesellschaften gemeinsam.“[28]

Im Folgenden wird der Ablauf der Debatte erläutert und es erfolgt eine genauere Betrachtung der einzelnen Plädoyers. Das erwähnte Phänomen findet sich gleich zu Beginn in dem Plädoyer Otanes für die Demokratie, in dem Isonomie-Gedanken, wieder.

3.1) Otanes

Otanes spricht sich für die Demokratie/Isonomie aus, da bei dieser Regierungsform die Macht bei der Gesamtmenge des Volkes (Plethos) liegt. Verantwortliche Amtsträger werden durch das Los ermittelt und die Beschlüsse gehen von der Gesamtheit (Koinon) aus.[29] Otanes spricht sich folglich gegen eine erneute Alleinherrschaft aus.

[...]


[1] Vgl.: Günther 2011, S.8f.

[2] Vgl.: Kinzl 1979, S. VII.

[3] Vgl.: Leps 2013, S.32.

[4] Vgl.: Leps 2013, S.32.

[5] Vgl.: Bichler 2000, S. 284.

[6] Vgl.: Brodersen 2007, S.5.

[7] Vgl.: Brodersen 2007, S.5.

[8] Vgl.: Brodersen 2007, S.6.

[9] Vgl.: Brodersen 2007, S.6.

[10] Vgl.: Brodersen 2007, S.6.

[11] Vgl.: Brodersen 2007, S.6.

[12] Vgl.: Brodersen 2007, S.6f.

[13] Vgl.: Brodersen 2007, S.7.

[14] Vgl.: Fehling 1971, S. 173.

[15] Vgl.: Fehling 1971, S. 172.

[16] Vgl.: Fehling 1971, S. 174.

[17] Vgl.: Barceló 1993, S.172.

[18] Vgl.: Barceló 1993, S.173.

[19] Vgl.: Barceló 1993, S.174.

[20] Vgl.: Leps 2013, S.32.

[21] Vgl.: Leps 2013, S.32f.

[22] Vgl.: Barceló 1993, S.169.

[23] Historien III 80, 1

[24] Vgl.: Leps 2013, S.33.

[25] Vgl.: Barceló 1993, S.170.

[26] Historien III 83, 1.

[27] Vgl.: Barceló 1993, S. 172.

[28] Barceló 1993, S.172.

[29] Vgl.: Bichler 2000, S.282.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Verfassungsdebatte bei Herodot
Untertitel
Darstellung und Bewertung der Tyrannis
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Geschichtswissenschaft)
Veranstaltung
Tyrannen im antiken Griechenland
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
23
Katalognummer
V442751
ISBN (eBook)
9783668806597
ISBN (Buch)
9783668806603
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tyrannen, antikes Griechenland, Herodot, Verfassungsdebatte
Arbeit zitieren
Nadine Vetter (Autor:in), 2015, Die Verfassungsdebatte bei Herodot, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442751

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