Lenins Appell, Deutschland möge sich Verbündete suchen um wieder die ursprüngliche Stärke zu erlangen, schien jedoch nach dem Ersten Weltkrieg nahezu unmöglich. Bedingt durch die Entwaffnung, der territorialen Enteignung, der wirtschaftlichen und militärischen Sanktionspolitik und der Teilbesetzung, fehlte Deutschland die nötige Handlungsfreiheit um eigenständige Außenpolitik zu betreiben. Denn die politische Bewegungsfreiheit Deutschlands hing zum größten Teil von den Entscheidungen der Siegermächte ab. Aufgabe der deutschen Außenpolitik musste demnach sein, die Folgen der Niederlage in Grenzen zu halten und die eigene Handlungsfähigkeit zurück zu erlangen. Schon vor der Konferenz in Versailles versuchte Deutschland die Wiederherstellung der deutschen Großmachtstellung, wie sie noch 1914 war, einzuleiten. Dieser Wille wurde durch den Versailler Vertrag nur verstärkt. Deutschland verfolgte demnach ein revisionistisches Ziel, dass die Wiederherstellung der Souveränität Deutschlands und die Gleichberechtigung der europäischen Großmächte innehält. Erstaunlicher Weise ist es nicht der Westorientierung zu verdanken, dass 1922 eine erste Bresche in den Versailler Vertrag geschlagen wurde. Der Vertrag von Rapallo zwischen Deutschland und Sowjetrussland verschärfte den Bruch zwischen Besiegten und Siegern des Ersten Weltkrieges. Doch wie kam es zu der deutsch-sowjetischen Annäherung?
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Auf dem Weg nach Rapallo
II.1. Der Mord an Mirbach-Harff. Eine erste Zäsur
II.2. Der Versailler Vertrag. Zwei Kriegsverlierer
II.3. Vorbereitungen für eine deutsch-russische Annäherung
III. Rapallo
IV. Folgen des Rapallo-Vertrages
V. Schlusswort
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit analysiert die deutsch-sowjetischen Beziehungen zwischen 1918 und 1922 mit dem Ziel, die Hintergründe der Ostorientierung Deutschlands sowie die Bedeutung des Vertrages von Rapallo in einem historischen Kontext aufzuzeigen.
- Die Entwicklung der deutsch-sowjetischen Beziehungen unter dem Einfluss des Versailler Vertrages.
- Die Rolle ideologischer Gegensätze im Vergleich zu realpolitischen Interessen beider Staaten.
- Die Konferenz von Genua als Wegbereiter für den Vertragsabschluss von 1922.
- Die Reaktionen der westlichen Siegermächte und die Entstehung des "Rapallo-Mythos".
Auszug aus dem Buch
II.2. Der Versailler Vertrag. Zwei Kriegsverlierer
Bereits eineinhalb Jahre, nachdem die „junge“ Sowjetrepublik den Friedensvertrag von Brest-Litowsk unterzeichnet hatte, musste auch die „junge“ deutsche Weimarer Republik am 28. Juni 1919 in Versailles einen Friedensvertrag unterzeichnen. Auch hier handelte es sich um einen Diktat-Frieden, da die deutschen Vertreter den Vertrag lediglich akzeptieren konnten aber kein Mitspracherecht hatten. Durch den Artikel 231, welcher Deutschland die alleinige Schuld am Krieg auf bürgt, musste die deutsche Republik von Weimar sich für alle Verluste und Schäden verantworten und erhebliche Reparationen an die Siegermächte zahlen. Außerdem beinhaltete der Versailler Vertrag Gebietsverluste an Frankreich, Belgien, Dänemark sowie an das neu gegründete Polen. Ebenso durften sie nie wieder mit Österreich korrespondieren und hatten enorme Rohstoffabgaben zu leisten. Deutschland versicherte zudem, dass sie keine Sozialisierung einführen wolle und nicht Lenins sozialistischen Weltrevolution folgen werden.
Die Disparität der Beziehungen hatte sich nun verändert. Deutschland war nun nicht mehr in der Position Sowjetrussland „auszubeuten“, wie es Hintze im obigen Zitat beschrieb. Im Gegenteil. Durch den Artikel 116 des Versailler Vertrages, musste Deutschland die Aufhebung aller Verträge anerkennen, welche „seit der marxistischen Revolution vom November 1917 mit Regierungen und politischen Gruppen“ auf dem „Gebiet des früheren russischen Reiches“ geschlossen wurden. Dies schloss insbesondere den Friedensvertrag von Brest-Litowsk ein. Zusätzlich konnte Russland von „Deutschland alle Entschädigungen und Wiedergutmachungen“ im Zuge des Krieges verlangen. Dies versetzte Sowjetrussland in eine übergeordnete Position. Doch obwohl Sowjetrussland der Schmach des Gewaltfriedens von Brest ausgesetzt war, beteiligte es sich nicht am Vertrag von Versailles und erkannte ihn nicht an. Vielmehr bezeichnete Lenin den Vertrag von Versailles als einen „von Räubern und Wegelagerern“ geschaffenen „ungeheuerlichen Raubfrieden“.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die schwierige Ausgangslage Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg und stellt die Forschungsfrage nach den Einflussfaktoren der deutsch-sowjetischen Annäherung.
II. Auf dem Weg nach Rapallo: Dieses Kapitel behandelt die Etappen der Annäherung, von der ersten Zäsur durch den Mord an Mirbach-Harff bis zu den Vorbereitungen für die Konferenz von Genua.
III. Rapallo: Der Abschnitt konzentriert sich auf die Unterzeichnung des Vertrages in Rapallo und die spontane diplomatische Dynamik hinter diesem historischen Schritt.
IV. Folgen des Rapallo-Vertrages: Hier werden die internationalen Reaktionen auf den Vertrag sowie der entstehende „Rapallo-Komplex“ und dessen Auswirkungen auf die deutsche Außenpolitik analysiert.
V. Schlusswort: Das Schlusswort fasst die Erkenntnisse zusammen und ordnet die deutsch-sowjetischen Beziehungen zwischen 1918 und 1922 als eine Art Schaukelpolitik ein.
Schlüsselwörter
Rapallo-Vertrag, Deutschland, Sowjetrussland, Versailler Vertrag, Außenpolitik, Weimarer Republik, Revisionspolitik, Diplomatie, Konferenz von Genua, Ostorientierung, Westorientierung, Reparationen, Lenin, Rathenau, Wirth.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die außenpolitische Annäherung zwischen Deutschland und Sowjetrussland in den Jahren 1918 bis 1922 vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen isolationistischen Lage nach dem Ersten Weltkrieg.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die Auswirkungen des Versailler Vertrages, die deutsch-sowjetischen Wirtschafts- und Diplomatiebeziehungen sowie der Einfluss der Siegermächte auf die europäische Nachkriegsordnung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Motive und Etappen der deutsch-sowjetischen Ostorientierung aufzuzeigen, trotz der bestehenden ideologischen Differenzen zwischen der jungen deutschen Demokratie und dem bolschewistischen Russland.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse primärer Quellen, darunter Akten der deutschen auswärtigen Politik und Reichskanzlei, sowie die Auswertung relevanter Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der chronologischen Entwicklung, beginnend bei der Zäsur durch den Mord an Mirbach-Harff, über die diplomatischen Spannungen in Genua bis hin zum tatsächlichen Abschluss des Vertrages von Rapallo.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Rapallo-Vertrag, Außenpolitik, Revisionspolitik, Weimarer Republik, Versailler Vertrag und die deutsch-sowjetischen Beziehungen.
Welche Rolle spielte der Artikel 116 des Versailler Vertrages für das Bündnis?
Dieser Artikel zwang Deutschland dazu, frühere Verträge mit Russland aufzuheben, was Sowjetrussland in eine unerwartet übergeordnete Position brachte und den Druck auf Deutschland erhöhte, eine neue Regelung mit Russland zu finden.
Warum wird im Buch von einem „Rapallo-Mythos“ gesprochen?
Der Begriff beschreibt die Legendenbildung um den Vertrag, der im Westen als Symbol für die Unberechenbarkeit der deutschen Außenpolitik und als „Schaukelpolitik“ zwischen Ost und West wahrgenommen wurde.
- Citation du texte
- J. Krieg (Auteur), 2017, Der Weg nach Rapallo. Die deutsch-sowjetrussische Beziehung von 1918-1922, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/442840