Editionsproblematik in "Wie wenn am Feiertage" von Friedrich Hölderlin


Hausarbeit, 2017

4 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Einleitung

Das von Hölderlin 1800 verfasste WerkWie wenn am Feiertagezählt zu seinen Hymnen und Spätwerken. Es existieren zwei strophische Entwürfe sowie eine Prosaskizze des Textes, welche nach Hölderlins Fassung in 9 Strophen gegliedert wurden. Das Gedicht setzt sich aus drei längeren Strophentriaden zusammen, welche sich in ihrer metrischen Form alle voneinander unterscheiden. Dies verleiht dem Gedicht eine hermeneutisch wirkende Note.

Die folgende Kurzarbeit soll am Beispiel von HölderlinsWie wenn am Feiertageeinen ersten Einblick in die Problematik von historischer Edition geben. Zunächst soll eine kurze Analyse einiger Passagen aus dem GedichtWie wenn am Feiertagefolgen. Im Anschluss soll die Problematik der Interpretation und Edition aufgrund der außergewöhnlichen Darstellungsform Hölderlins thematisiert werden.

Interpretatorische Ansätze

Die metrische Fassung der Hymne beginnt mit „Wie wenn am Feiertage, das Feld zu sehen, der Landsmann geht, des Morgens“[1]. Der eingeführte Konjunktiv „Wie wenn“ indiziert eine gewisse Ungewissheit über die tatsächlichen Begebenheiten und erinnert an den Einstieg einer Legendenerzählung. Die erste Strophe wird im naiven Ton gehalten[2]. Der Fokus liegt auf der Natur und der Mensch scheint, vertreten als „Landsmann“[3]und „ich“[4], nur eine sekundäre Rolle zu spielen. Die erste Triade wird bestimmt von einem Gefühl der Begeisterung.

„Und hoch vom Äther bis zum Abgrund nieder Nach festem Gesetze, wie einst, aus heiligem Chaos gezeugt, Fühlt neu die Begeisterung sich, Die Allerschaffende wieder.“

Das Gefühl der Begeisterung wird wieder “neu gefühlt“, was sowohl auf das lyrische Ich bezogen kann, als auch als auf ein allgemeines Gefühl der Erneuerung der „Allerschaffenen“ Natur. Der Mensch und die Natur werden hier auf eine emotionale Art und Weise miteinander Verbunden. Die Natur wird fruchtbar und keimt in der „stillen“[5]Sonne auf. Der Feiertag wird mit einem Landschaftsbild eingeleitet. Hierbei bedient sich Hölderlin einem mythischen Motiv, dem Gewitter, welches Himmel und Erde miteinander verbindet und einen religiösen Sinn in sich trägt.[6]. Die zeitlich parallele Auseinandersetzung Hölderlins mit Pindar-Übersetungen und der Übersetzung „Die Bacchen“ von Euripides wirkt sich auf die Chorlyrik des Gedichts aus. Insbesondere das Gewitter-Motiv zeigt eine deutliche Parallele zu „Die Bacchen“ und den Auftritt Dionysos. Dessen Anfangszeilen lauten:

Ich komme, Jovis Sohn, hier ins Thebanerland, Dionysos, den gebahr vormals des Kadmos Tochter Semele, geschwängert von Gewitterfeuer […][7]

Es liegt nahe, dass das Gewitter in Hölderlins Hymne ebenso in Verbindung mit historischen, menschlichen Taten steht. Der „Sturm“ kann als Sinnbild für die französische Revolution und den politischen Aufbruch gedeutet werden. Dies wird besonders deutlich in der zweiten Triade, in der die Dichter zum „Gesang“[8]aufgerufen und ihre Seelen von einem „Feuer“[9]angezündet werden.

In der letzten Triade fällt der Bezug zum Prometheus-Mythos besonders ins Auge. Dort heißt es: „daher trinken himmlisches Feuer jetzt / Die Erdensöhne ohne Gefahr“[10]. Zeus´ Botschaft soll von den Dichtern verbreitet werden. Da Zeus die Verkörperung des Gewitters darstellt, ist die Aufgabe der Dichter diese Gewalt zu entschlüsseln und an das Volk weiter zu geben. Der Dichter wird demzufolge als „poeta vates“ interpretiert, dessen Aufgabe dem eines Propheten und Botschafter Gottes gleichkommt. Der Bezug zur Antike in Form einer Vergöttlichung der Natur ist über den gesamten Text hin präsent.

All diese interpretatorischen Ansätze stellen nur Vermutungen über den tatsächlichen Gehalt des Gedichtes dar. Hölderlins verschleierte Ausdrucksweise lässt den Text unzugänglich erscheinen und eröffnet eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten.

Problematik der Interpretation und Edition

Bei genauerem Hinsehen ist zu erkennen, dass Hölderlin den Schreibprozess nicht vollenden konnte. Besonders deutlich wird dies nicht nur an den letzten beiden Strophen der Hymne, sondern auch an einigen fragmentarischen Textstellen, welche eine Vielzahl an Deutungsmöglichkeiten zulassen. Der Abbruch des Schreibprozesses verweist auf eine Darstellungsproblematik und zeigt die Grenzen der Poetik in einer unbeabsichtigten Art und Weise.

Die Unabgeschlossenheit des Textes verursacht zudem Schwierigkeiten in der Rückverfolgbarkeit des Schreibprozesses und der Edition. Im Folgenden sollen einige Editionsversuche des GedichtsWie wenn am Feiertagenäher untersucht werden.

Die heute meist verbreitete Fassung lässt sich auf Hellingrath zurückführen. Dieser konstruierte sieben Strophen von jeweils unterschiedlicher Verszahl und behielt dem Gedicht somit den freien Strophencharakter bei.[11]Zudem druckte er im Anhang seiner Ausgabe eine mögliche Fortsetzung des Gedichtes ab. Ähnliche Vorgehensweise lassen sich bei Zinkernagel feststellen.[12]Wie wenn am Feiertagewurde von Dietrich Uffhausen als Pindarische Hymne mit triadischer Struktur definiert[13]. Er kombiniert in seinem Entwurf sowohl Fragmente aus der Prosafassung, als auch Passagen aus den Handschriften. Sein Ziel war es die Hymne „so weit [zu vervollständigen], dass von einem „notwendigen Scheitern“ künftig nicht mehr die Rede sein kann“[14]. Bei dem Versuch die Schlussverse zu ergänzen, wurden unter anderem Teile des Prosaentwurfs hinzugezogen. Diese scheinen Aufschluss darüber zu geben, welche Gedankengänge sich hinter der unvollendeten Hymne verbergen.[15]Aufgrund des zu Umfangs werde ich nicht im Einzelnen auf die betreffenden Stellen eingehen. Es sei jedoch gesagt, dass kontroverse Ansichten darüber existieren, warum die Hymne nicht abgeschlossen werden konnte und wo der entstehungsgeschichtliche Ursprung der metrischen Fassung zu finden ist.

Literaturverzeichnis

Hölderlin, Friedrich: „Bevestigter Gesagt“. Die neu zu entdeckende hymnische Spätdichtung bis 1806. Hg. v. Dietrich Uffhausen. Stuttgart 1989.

Hölderlin, Friedrich:Sämtliche Werke. Gedichte 1800-1808. Hg. v. Norbert v. Hellinggrath. Bd. 4. München und Leipzig 1916.

Hölderlin, Friedrich:Sämtliche Werke und Briefe. Kritisch-historische Ausgabe. Hg v. Franz Zinkernagel. Bd. 1. Leipzig 1922.

Szondi, Peter:Der andere Pfeil.In: Ders.:Hölderlin-Studien. Mit einem Trakat über philologische Erkenntnis.2. Auflage. Frankfurt am Main: Insel Verlag 1970, S. 37-61.

[...]


[1]Szondi: Der andere Pfeil, S. 41.

[2]Ebd., S. 41.

[3]Ebd., S. 41.

[4]Ebd., S. 41.

[5]Szondi: Der andere Pfeil, S.42.

[6]Ebd., S. 41.

[7]Ebd., S. 41.

[8]Ebd., S. 44.

[9]Ebd., S. 45.

[10]Ebd., S. 45.

[11]Hölderlin: Sämtliche Werke, S. 151 f.

[12]Hölderlin: Sämtliche Werke und Briefe, S. 320.

[13]Uffhausen: Friedrich Hölderlin. „Bevestigter Gesagt“, S. XXIII.

[14]Ebd., S. XXV.

[15]Szondi: Der andere Pfeil, S. 48 ff.

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Editionsproblematik in "Wie wenn am Feiertage" von Friedrich Hölderlin
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur I)
Veranstaltung
Hauptseminar: Wozu Dichter? Hölderlins Hymnen, Hyperion und Empedokles
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
4
Katalognummer
V443100
ISBN (eBook)
9783668811904
Sprache
Deutsch
Schlagworte
editionsproblematik, feiertage, friedrich, hölderlin
Arbeit zitieren
Elena Schreer (Autor), 2017, Editionsproblematik in "Wie wenn am Feiertage" von Friedrich Hölderlin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443100

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