Erotische Vanitas nach Sebastian Brants "Narrenschiff"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
29 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Objektbeschreibung

3. Provenienz

4. Historischer Kontext

5. Das Gegenstück

6. Das Narrenschiff

7. Erotische Vanitas. Das Mädchen und der Tod

8. Schlussfolgerung

9. Abbildungsverzeichnis

9. Literaturangaben

10. Abbildungsnachweis

1. Einleitung

„Memento-mori“, aus dem Lateinischen „Bedenke dass du sterblich bist“ oder „Denke daran, dass du sterben musst“, bezeichnet die Vergänglichkeit alles Irdischen und findet in der Kunst und Kunstgeschichte ihren Ausdruck in unterschiedlichen Bereichen. Vor allem in Deutschland und Flandern spielen Memento-Mori-Darstellungen im 16. Jh. eine große Rolle und spiegeln sich in der Elfenbeinkunst wider. Die sogenannten „Dreiköpfe“ an Rosenkränzen sind eines der ersten kleineren Formate, in denen sich die Elfenbeinkunst zeigt. „Dabei handelt es sich um Elfenbeinkugeln, die auf drei Seiten den Totenkopf, den Kopf einer jungen Frau und das Haupt Christi vorstellen[…]“, wobei in „[…] der figürlichen Kleinplastik ist der Gedanke des Memento mori verschiedentlich durch die Darstellung einer jungen Frau (der ›Frau Welt‹ aus der mittelalterlichen Dichtung) mit einem Todesskelett als Begleiter zum Ausdruck gebracht worden“[1]. In dieser mittelalterlichen Allegorie ›Frau Welt‹ werden die Fleischeslust, Verführung und Vergänglichkeit, der Frau Welt, verkörpert, welche zugleich die Voluptas, der Sinnes- und Wolllust, personifiziert.

Als Beispiel wäre hier der Dom in Worms anzuführen, wo sich die Frau Welt (Abb. 1) an der rechten Seite des Südportals befindet. Sie entstand 1298 bei der gotischen Neugestaltung des Südportals nach Straßburger Vorbild. Dei Vorderseite zeigt uns eine schöne, verführerische Frau in anmutiger Kleidung, ihr Rücken jedoch ist von Würmern und Ungeziefern zerfressen. Zu ihren Füßen kniet ein Ritter, der von ihrer Schönheit und Anmut so sehr geblendet zu sein scheint, dass er ihre wahre Natur, den von Ungeziefer zerfressene Rücken, nicht erkennen kann. Frau Welt besitzt Attribute der Vanitas und Luxuria und steht für eine allegorische Verschmelzung von Schönheit und Sünde.[2] Sie offenbart ihre wahre Natur nur demjenigen, der sie zu durchschauen vermag und stürzt die Unglücklichen, die ihrem Schein erliegen, ins Verderben.

In dieser Hausarbeit werden wir uns mit der vermeintlichen Frau Welt und ihrem Begleiter, dem Todesskelett, in Form einer Elfenbeinskulptur (Abb. 2) von 1520 befassen. Diese Skulptur wurde zu einer Zeit gefertigt, in der auf den Totentanz aus dem 14. Jh. und den Memento-mori-Gedanken, mit der Renaissance, eine neue unterschwellige erotische Betrachtungsweise und Annäherung an den Tod folgte.

Ziel dieser Hausarbeit wird es sein aufzuzeigen, dass es sich bei dieser Skulptur um eine erotische Vanitas-Darstellung, nach Sebastian Brants Das Narrenschiff, handelt.

Allerdings sollte vorausgeschickt werden, dass die Skulptur eine äußerst komplexe Thematik behandelt, sodass durchaus mehrere Interpretationen und Theorien zutreffend sein, aber auch nicht sämtliche Spuren verfolgt werden können.

2. Objektbeschreibung

Die Doppelskulptur (Abb. 2) wird auf das Jahr 1520 datiert. Der Künstler dieses Werkes ist unbekannt. Es handelt sich hierbei um eine Elfenbeinskulptur, die 1935 erworben und zum Bestand der vereinten Sammlungen des Museums für Byzantinische Kunst und der Skulpturensammlung des Bode-Museums gehört.

Die nun folgende Beschreibung der Doppelskulptur findet aus Sicht der Betrachterperspektive statt.

Die Skulptur kann in drei unterschiedliche Elemente unterteilt werden:

Erstens das Podest, auf dem die weibliche Person und die Darstellung des Todes platziert sind, zweitens die weibliche Darstellung (Abb. 3) und drittens die Darstellung des Todes (Abb. 4). Man sollte vorausschicken, dass wegen der monotonen Färbung des Elfenbeins eine exakte Beschreibung/Erkennung der Objekte unter erschwerten Bedingungen stattfindet, da das glatte Material nur mit Hilfe von angedeuteten Strukturen oder plastisch herausgearbeiteten Texturen stoffliche Materialien vermitteln kann.

Das Podest hat eine oktogonale Grundform mit einer umlaufenden Basis, in deren Inneren das eigentliche Podest emporwächst, welches die Frau und Todesdarstellung trägt.

Die umlaufende Basis besteht aus einem kleinen Podest, aus dem ein Zaun emporwächst. (Abb. 2,3,4,5) Der Zaun besteht aus einem Flechtwerk, welches um hölzerne Stäbe gebunden ist. Dazu kommen zwei hölzernen Türen, welches man an den vertikal angeordneten Holzbrettern erkennt, die mit starken, (metallischen) Verschlägen zusammen gehalten werden. Die Türen liegen sich diametral gegenüber. Auf der anderen Seite des Zauns, innerhalb der ersten Umrundung, befinden sich mehrere Figuren: zwei Menschen, zwei Affen und zwei Hunde – einer der Hunde könnte allerdings auch ein anderes Wesen sein, dies wird später erläutert werden werden – sowie zwei Pflanzen, die man als Bäume identifizieren könnte (Abb. 5). Die Bäume befinden sich, parallel zu den Holztüren, auf einer horizontalen Achse, sodass sie die Szenerie in zwei Hälften unterteilen. Sie bestehen aus einem länglichen schlanken Stamm und mehreren kugelförmigen Blattansammlungen, an deren Spitze sich jeweils eine Frucht befindet. Bei den Früchten könnte es sich um Äpfel handeln. Die zwei Affen flankieren die erste Person unter der weiblichen Darstellung. Der rechte Affe trägt ein Halsband, an der eine Kette befestigt ist. Sein Fell ist glatt und wird durch dunkle, längliche Striche angedeutet. Neben ihm befindet sich ein schmaler Korb, gefüllt mit Früchten - die Früchte ähneln in Form und Aussehen stark den Früchten an den Bäumen - wovon er eine mit Genuss verspeist. Der Affe auf der linken Seite hat ein stark ausgeprägtes Fell, welches seine Augen verdeckt und in dicken Strähnen schlaff hinunter hängt. Er stützt seine Hände auf dem vor ihm stehenden Zaun ab und scheint etwas in der Ferne zu fixieren. Seine Körperhaltung ist angespannter als die des lockeren Affen auf der rechten Seite. Die Person zwischen den Affen befindet sich vor der kleinen Holztür und man kann bereits an der Körperhaltung erkennen, dass die männliche Person guter Dinge ist. Er stützt sein rechtes Bein in erhöhter Position ab, wobei das Linke ihm als Standbein dient. Sein Kopf ist so weit nach hinten geneigt, dass er die Frau ansehen kann. In beiden Händen hält er einen langen Stab fest, bei dem man, aus Mangel an Färbung und Textur, nicht erkennen kann, ob dieser aus Holz oder einem anderen Material besteht. Er trägt ein Gewand mit Kapuze, auf der sich ein Bommel oder ähnliches befindet. Drei Knöpfen verschließen das mantelartige Kleidungsstück, welches zwischen den Beinen des Mannes nach unten spitz zusammen läuft. An der Kapuze scheint ein Fehler unterlaufen zu sein, da die Ohren sichtbar sind, obwohl der Stoff der Kapuze sie verdeckt. Des weiteren ist eine Bauchtasche, die an einem um die Taille gehenden Gürtel angebracht ist, sichtbar. Man kann nicht mit Sicherheit behaupten, dass die Person eine Hose trägt und ein Schuh ist nur am rechten Bein zu erkennen. Der Gesichtsausdruck ist fröhlich, die Augen sind geschlossen, der Mund zu einem breiten Lächeln geöffnet, als ob die Figur mit geschlossenen Augen und aus voller Brust ein Lied singen würde.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Bäume unter der Todesdarstellung befinden sich die zwei Hunde und die zweite Person. Wieder flankieren zwei Tiere einen Menschen. Der Hund auf der linken Seite stützt beide Pfoten auf dem Zaun vor ihm ab, wie der linke Affe auf der gegenüberliegenden Seite. Allerdings trägt auch er ein Halsband, wie der Affe zu seiner Linken. Er fixiert ebenfalls einen scheinbar weit entfernten Punkt. Der Hund zur rechten Seite ist nicht eindeutig als Hund zu erkennen und kann physiognomisch her als Dämon gedeutet werden. Sein Körperbau ist sehr muskulös, seine Ohren sind spitz nach hinten abgebogen und die Pfoten gleichen eher Klauen als Hundepfoten. Seine Augen sind kaum zu erkennen, der Gesichtsausdruck wirkt gequält, seine Klauen umschließen den Zaun vor ihm. Die Person zwischen den beiden Hunden lehnt, wie die andere, nach hinten und umschließt mit zwei Händen ein längliches Objekt. Hierbei werden das linke Bein als Standbein, sowie das Rechte als Spielbein benutzt – exakt die gleiche Körperhaltung wie bei den beiden männlichen Personen, nur, dass das längliche Objekt in diesem Fall ein Schwert ist, welches leicht aus seiner Scheide hinausgezogen wurde. Auch die Kleidung und das Aussehen des Mannes unterscheiden sich maßgeblich. Er trägt einen Mantel, unter dem sich ein weiteres Gewand mit einer Art Halskrause, welche am Ende mit Steinen besetzt ist, befindet. Sein schulterlanges Haar wird von einer Mütze bedeckt, die mit Ohren rechts und links ausgestattet sind. Ein Symbol, welches einem zugeknoteten Strick ähnelt, thront mittig auf der Spitze dieser Mütze.

Das Zentrum dieses Programms bildet ein weiteres Podest, ebenfalls mit okotgonaler Basis. Auf diesem befinden sich die Darstellung der Frau und des Todes.

Die Frau ist gänzlich nackt und nur spärlich mit Stoff bedeckt. Sie hält mit der linken Hand ein Tuch über ihrer Hüfte fest, welches ihren Nabel bedeckt und um ihre rechte Hüfte nach oben läuft. Das Tuch wandert weiter über ihren Kopf und fällt über der rechten Schulter hinunter. Ihre Brüste und ihr Geschlecht sind freigelegt und für jeden sichtbar. An den Füßen trägt sie Pantoffeln und eine Haube bedeckt ihren Kopf, an dessen Seiten ihr Haar verspielt und locker in dicken Strähnen hinunter fällt. Der Haaransatz liegt sehr weit zurück und entblößt eine hohe Stirn – ein typisches Schönheitsideal, für die Renaissance.

Die Haube ist mit Rauten gemustert, davon sind einige gestreift und andere mit Rauten innerhalb der Rauten bedeckt. Darum herum verläuft eine Bordure, welche das Rautenmuster eingrenzt.

Ihre Augen sind halb geöffnet, sie blickt zu Boden, und ihre Mundwinkel sind zu einem spielerischen Lächeln verzogen. Ihr Ausdruck wirkt neckisch, was von dem provozierenden Fingerzeig ihrer linken Hand zu ihrem Geschlecht noch unterstützt wird. In ihrer rechten Hand hält sie eine voll aufgeblühte Blume mit zwei Blättern am Stengel. Die Blume befindet sich zentral zwischen ihren Brüsten. Ihre Art ist lasziv, provokant und ohne Reue, sie ist sich der Signale, die sie sendet, bewusst. Die Todesdarstellung in Form eines knochigen Skelettes ist mit demselben Stoff bedeckt wie die Frau. Die beiden stehen Rücken an Rücken und teilen wahrscheinlich dasselbe Gewand, allerdings kann man das nicht mit genauer Sicherheit sagen, da die beiden Figuren zu nahe beieinander stehen. Wenn wir uns das Gewand näher ansehen, stellen wir fest, dass die beiden Figuren an den Köpfen aneinander geklebt wurden. Es ist noch nicht gewiss, ob dies bereits von Beginn an vom Künstler so gedacht wurde oder später aus Reparaturzwecken hinzugefügt wurde. Ein Hinweis darauf könnte die Tatsache sein, dass dem Skelett der gesamte Unterkiefer fehlt, sowie ein Großteil des Oberkiefers. Wir können also mit Sicherheit sagen, dass die Skulptur im Laufe ihrer Existenz beschädigt und nicht gänzlich wiederhergestellt wurde.

Das Skelett ist mit Ungeziefer übersät, davon sind einige als Würmer identifizierbar, andere als Eidechsen oder Leguane. Das Ungeziefer schlängelt sich von Kopf bis Fuß um die Knochen des Skelettes, es lassen sich zwei Arten unterscheiden. Die einen sind mit dunklen Punkten befleckt, die anderen durch Rillen gekennzeichnet. Eine Eidechse krabbelt aus dem dunklen Loch des Skelettes, an dessen Stelle sich der Magen befinden sollte. Außerdem befindet sich eines der Ungeziefer so gelegen, dass, wenn der Kiefer vollständig wäre, es vermutlich aus dem Rachen des Skelettes kriechen würde. In seiner linken Hand hält es sein Gewand fest und eine kleine Schriftrolle in der Hand. Die rechte Hand ist zum Brustkorb geführt, sodass der Arm rechtwinklig das Gewand trägt. Dieses verläuft um das Skelett herum und fällt über den linken Arm hinunter, dort wo beide Gewandhälften von der linken Hand zusammengehalten werden. Die Knochen des Skelettes sind durch unterschiedliche Techniken kenntlich gemacht worden und entsprechen einer anatomischen, wenn auch laienhaften, Korrektheit.

3. Provenienz

Die Skulptur befindet sich zurzeit im Besitz der Staatlichen Museen Berlin und kann im Bode-Museum betrachtet werden. Bei der Doppelskulptur handelt es sich um eine Vanitas -Darstellung um 1520, welche 1935 von den Staatlichen Museen Berlin aus der Sammlung Figdor in Wien erworben wurde.[3] Aufgrund des zweiten Weltkrieges, konnten keine Nachweise des Erwerbes, von insgesamt 25 Elfenbeinwerken aus der Sammlung Figdor, durch die Staatliche Museen zu Berlin veröffentlicht werden.[4]

4. Historischer Kontext

Die Doppelskulptur wurde um 1520 geschaffen und fällt damit in den Bereich der Renaissance, von ca. 1400 bis ca. 1600. Die Themenwahl des Memento mori und der Vanitas deuten auf eine Herstellung für den privaten Gebrauch hin, da es sich laut Elisabeth Hohmann und Karl-August Wirth um „[…] oft kunstvoll gearbeitete Kabinettstücke [handelt], deren Auftraggeber im Humanistenkreis vermutet werden dürfen.“[5]

Der Humanismus bildete sich im 15. Jahrhundert heraus und sorgte für einen Fokus auf die Individualität des Menschen, was sich auf sämtliche Lebensschichten auswirkte. Gefordert wurde die Entfernung vom düsteren Mittelalter, unter Knechtschaft der Bibel und Kirche, hin zur freien geistigen Entfaltung des Menschen.

Die Neupolung des geistigen Bewusstseins sorgte für eine andere Herangehensweise an den Tod. Über die spätmittelalterlichen ars moriendi wandelte sich die Wahrnehmung eines gefürchteten und überraschenden Todes - wie er im Mittelalter häufig durch Krankheiten hervorgerufen wurde – hin zu einem Bewusstsein und einer Vorbereitung auf denselben. Durch makabere Todesdarstellungen und individuelle Grabmäler sollten den Menschen « la mort de soi » prozesshaft bewusst werden.[6] Tod, Vergänglichkeit, Vanitas und Memento mori Themen wurden, sowohl in der Kunst, als auch in der Philosophie oder Literatur, immer populärer.

Für die Elfenbeinkunst bedeutete die Renaissance jedoch ein Rückgang in der Nachfrage, da Werkstoffe wie Marmor, Alabaster und Silber in der Kleinkunst deutlich stärker gefragt waren.[7]

5. Das Gegenstück

Elisabeth Hohmann und Karl-August Wirth gehören zu den wenigen Autoren, welche diese außergewöhnliche Doppelskulptur sowohl bildlich, als auch interpretatorisch aufgreifen. Sie verweisen ebenfalls auf ein Gegenstück (Abb. 6), welches große Ähnlichkeiten aufweist und möglicherweise als Vorläufer oder aber auch als Inspirationsquelle gedient hat. Hans-Werner Hegemann verweist in seinem Werk über die Europäische Elfenbeinkunst in Kunst und Kultur ebenfalls auf dieses Gegenstück. Seiner Aussage zufolge tauchte dieses Gegenstück 1980 im europäischen Kunsthandel auf und befand sich als Leihgabe einer Mailänder Privatsammlung in Elfenbeinmuseum Erbach in Deutschland.[8]

Das Gegenstück wird in die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts datiert, der Niederlande oder Frankreich zugeschrieben und befindet sich zurzeit im Deutschen Elfenbeinmuseum Schloss Erbach in Erbach.[9] Hegemann geht davon aus, dass es hergestellt wurde als das Vanitasmotiv Anfang 16. Jh., stark verbreitet war und sich deswegen „[…]spätgotische Stilmerkmale mit dem Geist der Renaissance des meisterhaft gestalteten Frauenakts.“[10] in der Skulptur vereinen.

Zwischen der Hauptskulptur und dem Gegenstück bestehen starke Ähnlichkeiten. Zudem, bietet das Gegenstück die Möglichkeit sich vorzustellen wie unsere Doppelskulptur vollständig und unbeschädigt aussah. Der Sockel ist achteckig (6,6 x 7,8 cm) und die Skulptur 21 cm hoch, sie besteht aus einer schönen Frau auf der einen, und einem Skelett mit Schlangen und Kröten auf der anderen Seite.[11] Die Doppelstatuette ist simpler gestaltet, anstatt einen Zaun herum zu ziehen, in dessen Inneren die Figuren untergebracht werden, wurde das Programm hier reduzierter dargestellt. Die Figuren tummeln sich um die Beine der Frau und des Todesskeletts und dem aufmerksamen Betrachte fällt auf, dass die beiden Personen konsequent weggelassen wurden. Eines der Tiere lehnt an einem weiteren Vanitas -Sinnbild, einem Totenkopf-Schädel. Auch gleicht das Tier, auf der ersten Skulptur als Affe mit üppigem Fell identifiziert, hier eher einem kleinen Löwen mit langer Mähne. Der zweite Affe ist ebenfalls angekettet lehnt an einem, mit Früchten gefüllten, Korb und isst diese.

Der zweite, und als solcher identifizierbare Hund wirkt kleiner und welpenhafter im Vergleich zur anderen Skulptur. Es scheint als wären sämtliche Tiere/Wesen dieser Doppelskulptur (Abb. 6) „Miniversionen“ der anderen Skulptur (Abb. 2) Die Frau scheint fast identisch in beiden Versionen, bis auf ihre Blume, die hier eventuell als Rose identifiziert werden könnte. In der zweiten Version (Abb. 6) erblüht die Pflanze kräftiger und hat größere Blätter, in der ersten Version (Abb. 3) besitzt die Blüte weniger Blütenblätter und kaum Blätter am Stängel. Das Skelett hingegen trägt einen völlig unterschiedlichen fallenden Mantel in beiden Versionen, in der kleineren Skulptur wird der Stoff vom linken Arm gehalten. (Abb. 6) Dieser fällt über den linken Arm hinunter und bedeckt somit einen Großteil des linken Beines, dann windet er sich rechts nach oben über die Schulter und fällt breitschultrig über den Rücken nach unten. In der größeren Version (Abb. 4) wird deutlich, dass die Arme des Skelettes genau gegensätzlich zur ersten Version angeordnet sind. Hier trägt der rechte Arm den Stoff, welcher von hinten über den Arm fällt und gleichzeitig einen Großteil des rechten Beines verdeckt und mittig von der linken Hand zusammen gehalten wird. Der Stoff windet sich nach hinten über den Rücken des Skeletts und fällt über der linken Schulter hinunter in die Mitte, wo das Ende ebenfalls von der Linken fest gehalten wird. Hier halten beide Hände den Stoff fest, bei der anderen Darstellung hält nur die linke Hand eine Seite des Stoffes fest.

Auch sind die Hände bei beiden Darstellungen verschieden. Interessant ist, dass die Frau in der kleineren Version nicht den provozierenden Fingerzeig in Richtung ihres Geschlechts hat, sondern das Skelett. Auch fehlen der Frau in der kleineren Version die Kopfhaube (Abb. 3 und Abb. 6)

Bei deutschen kleinfigürlichen Darstellungen von Rücken an Rücken stehenden Personen verweist Hegemann auf Gregor Erharts Vanitasskulptur (Abb. 7), bei der drei Frauenakte die Vergänglichkeit des Lebens durch die Darstellung unterschiedlicher Lebensaltern widerspiegeln. „Derartige Darstellungen sind bereits seit dem Mittelalter bekannt. Damals waren es die „Frau Welt“ oder der „Fürst der Welt“, die vielfach als Kathedralen-Figuren die Vanitas symbolisierten. Diese „memento mori“-Darstellungen sollten den Betrachter an die eigene Vergänglichkeit erinnern.“[12]

Die Verbindungen zwischen dem Gegenstück und der Doppelskulptur anhand von Quellen oder Sekundärliteratur aufzuzeigen, kann durch einen Mangel derselben nicht erbracht werden und führt dazu, dass wir nur eine vermeintliche Beziehung zwischen den Beiden Stücken herstellen können. Objektiv betrachtet besteht eine thematische Beziehung zwischen den beiden Werken, allerdings wird die Frage nach dem Grund dieser Beziehung vorerst unbeantwortet bleiben müssen.

[...]


[1] Hegemann, Hans-Werner: Das Elfenbein in Kunst und Kultur Europas. Ein Überblick von der Antike bis zur Gegenwart, Mainz 1988, S.106.

[2] Kern, Manfred: Weltflucht. Poesie und Poetik der Vergänglichkeit in der weltlichen Literatur des 12. bis 15. Jahrhunderts, Berlin/ New York 2009, S.70.

[3] Diese Angaben entstammen einem E-Mail-Kontakt mit Dr. Julien Chapuis, Leiter der Skulpturensammlung und Museum für Byzanntinische Kunst, Staatliche Museen zu Berlin.

[4] Wurche, Ria: Die Elfenbeinbildwerke in der Skulpturen-Sammlung, in: Forschungen und Berichte, Bd. 5, Berlin 1962, S.73-78, S.73.

[5] Hohmann, Elisabeth/Wirth, Karl-August, in: RDK, Bd. IV (1955), {s. v. Doppelfigur}, Sp. 171-186.

[6] Chartier, Roger: Les arts de mourir, 1450-1600, in: Annales ESC, 31e année, N. 1, Paris 1976. S. 51- 75, S.52.

[7] Hegemann 1988, S.105.

[8] Hegemann 1988, S.107.

[9] Ders.

[10] Ders.

[11] Diese Angaben stammen von Frau Edda Behringer, Wissenschaftliche Leitung, Betriebsgesellschaft Schloss Erbach.

[12] Ders.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Erotische Vanitas nach Sebastian Brants "Narrenschiff"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
29
Katalognummer
V443774
ISBN (eBook)
9783668811461
ISBN (Buch)
9783668811478
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erotische, vanitas, sebastian, brants, narrenschiff
Arbeit zitieren
Natascha Scholl (Autor), 2016, Erotische Vanitas nach Sebastian Brants "Narrenschiff", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443774

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