Die Kinder von Borderline-Müttern

Erziehungshilfe und andere Unterstützungsmöglichkeiten


Fachbuch, 2019

63 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition und Ursachen der Borderline-Persönlichkeitsstörung
2.1 Allgemeines zum Begriff der Borderline-Persönlichkeitsstörung
2.2 Ursachen der Borderline-Persönlichkeitsstörung

3. Mütter mit einer Borderline-Erkrankung
3.1 Mutter-Kind-Bindung
3.2 Auswirkungen der Borderline-Störung auf die Kinder Betroffener
3.3 Alltägliche Belastungen von Kindern psychisch kranker Eltern

4. Kindeswohlgefährdung und Präventionen
4.1 Kindeswohlgefährdung und Borderline-Mütter
4.2 Präventionen

5. Hilfen zur Erziehung als Aufgabe der Sozialen Arbeit
5.1 Ambulante Hilfeformen
5.2 Teilstationäre und stationäre Hilfeformen
5.3 Eingliederungshilfe nach § 35a als ergänzende Hilfeform
5.4 Anforderungen an die sozialpädagogische Fachkraft

6. Fazit

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Ein erstmaliger Kontakt mit dem Begriff der Borderline-Persönlichkeitsstörung entstand in einem Seminar, welches sich inhaltlich mit verschiedenen psychischen Erkrankungen auseinandersetzte. Eine persönliche Aufgabe in diesem Rahmen wurde es, über die Borderline-Störung zu referieren. Allerdings unter einseitiger Betrachtung borderline-erkrankter Personen. Während des Praxissemesters wurde ein Praktikum in einer Mutter-Kind-Einrichtung absolviert. Die hauptsächliche Diagnose betroffener Mütter war die einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Da diese Erkrankung unter anderem von einer Instabilität zwischenmenschlicher Beziehungen und einer gestörten Emotionsregulation geprägt ist, entstand die Frage, welchen Einfluss diese in Bezug auf die Bindung zwischen Mutter und Kind nimmt, und welche weiteren eventuellen Belastungen für diese entstehen können.

Ziel dieser Arbeit soll es somit zum einen sein, die Auswirkungen einer mütterlichen Borderline-Störung auf das Kind aufzuzeigen, zum anderen einen Einblick über mögliche Hilfen zur Erziehung im Kontext Sozialer Arbeit zu geben. Kinder psychisch erkrankter Eltern werden oftmals als Risikogruppe einer möglichen Kindeswohlgefährdung angesehen. Dementsprechend sollen LeserInnen für mögliche Maßnahmen sensibilisiert werden.

Inhaltlich soll mit dieser Arbeit geklärt werden, welche Ursachen die Entwicklung einer Borderline-Störung begünstigen können. Des Weiteren ist von zentraler Bedeutung, welche Auswirkungen eine mütterliche Borderline-Störung eventuell auf betroffene Kinder haben. Zum Schluss soll Soziale Arbeit im Kontext der Hilfen zu Erziehung mit ihren einhergehenden Aufgaben und Anforderungen betrachtet werden.

Im ersten Teil dieser Arbeit wird eine Begriffserläuterung der Borderline-Persönlichkeitsstörung erfolgen. Des Weiteren werden die Kriterien der Borderline-Störung anhand des DSM-IV erläutert. Bisweilen konzentriert sich die aktuelle Literatur hauptsächlich auf diesen. Darüber hinaus werden einige Begleiterkrankungen der Borderline-Persönlichkeitsstörung aufgegriffen, sowie ein Überblick über die Ursachen, die zu einer Entstehung führen können.

Der zweite Schwerpunkt beschäftigt sich thematisch mit den Auswirkungen einer mütterlichen Borderline-Erkrankung, welchen Einfluss diese auf die Mutter-Kind-Bindung nehmen kann sowie die spezifischen Verhaltensweisen einer Betroffenen Auswirkungen auf Kinder nimmt. Darüber hinaus wird betrachtet, welche alltäglichen Belastungen durch psychisch erkrankte Eltern entstehen können.

Im Weiteren soll erläutert werden, inwieweit Kinder von jenen Elternteilen zu einer möglichen Risikogruppe für eine Kindeswohlgefährdung zählen. Darüber hinaus sollen Präventionen im Bezug der Sozialen Arbeit definiert werden. Letztlich folgt ein Überblick über mögliche Hilfen zur Erziehung als Aufgabe der Sozialen Arbeit und welche Anforderungen an die soziale Fachkraft gestellt werden.

2. Definition und Ursachen der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Der Begriff „Borderline lässt sich […] deshalb so schwer beschreiben, weil der Ausdruck selbst auf den ersten Blick wenig zum Verständnis beiträgt.“ (Knuf et al. 2009, 13) In den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts galt Borderline (Grenzlinie) für PsychiaterInnen und PsychologInnen als ein psychisches Erleben, welches nicht eingeordnet werden konnte. Teilweise glichen die Erlebensweisen auf der einen Seite einer Neurose, auf der anderen einer Psychose. (vgl. ebd., 13) „Mittlerweile meint Borderline eine ganz eigenständige psychische Erkrankung, bei der es zu verschiedenen Symptomen kommen kann.“ (ebd.,13-14) Zwar verlor der Begriff seine frühere Bedeutung, beschreibt aber die Erkrankung als ein Leben auf der Grenze passend, da Betroffene sich meist selbst als GrenzgängerInnen erfahren. (vgl. ebd.,14) Aufgrund der Traditionen wird der Begriff bis heute weiterhin verwendet, „obwohl eine Bezeichnung wie emotional instabile Persönlichkeit sicherlich präziser […]“ wäre. (Rahn 2013, 13) „Eine Borderline-Störung zu diagnostizieren kann schwierig sein, weil das Krankheitsbild Individuen mit unterschiedlichen Symptomgruppen umfasst. Therapeut[Innen] erkennen eine Borderline-Störung oftmals nicht, wenn üblich auftretende Merkmale wie Depression oder Suizidgefühle fehlen.“ (Lawson 2011, 11)

2.1 Allgemeines zum Begriff der Borderline-Persönlichkeitsstörung

Durch unterschiedliche Wurzeln des Begriffs Borderline existieren eine Vielzahl an Definitionen, welche zu Verwirrung oder Ungenauigkeit führen. Es sollte daher erst von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung gesprochen werden, wenn Anzeichen beziehungsweise Kriterien darauf hinweisen und die Symptomatik einen gewissen Grad der Ausprägung aufweist. Denn es können mehr oder weniger ausgeprägte Phänomene von Borderline bei gesunden Menschen sowie bei psychisch Erkrankten auftreten. (vgl. Rahn 2013, 29) Bei Borderline handelt es sich, wie auch bei vielen anderen psychischen Erkrankungen, um eine komplexe Störung. Sie findet vielfältige Ausdrucksformen und weist unterschiedliche Schweregrade auf. (vgl. ebd., 11) „Der Beginn der Störung liegt im frühen Erwachsenenalter und manifestiert sich in verschiedenen Bereichen.“ (Rosenbrock 2011, 127) Ein zentrales Merkmal von Borderline-PatientInnen ist eine Störung der Emotionsregulation. Diese steht eng im Zusammenhang mit anderen Problembereichen. Dazu gehören unter anderem die „Neigung zu Impulsivität, den Problemen der zwischenmenschlichen Beziehungsgestaltung und der Störung ihrer Identität.“ (Wöller et al. 2014, 3) Oftmals handeln Betroffene impulsiv, unterliegen starken Stimmungsschwankungen, wodurch selbstverletzendes Verhalten sowie exzessiver Drogen- und Alkoholkonsum hervorgerufen werden kann. In Bezug auf die Prävalenz leiden 1-2% der allgemeinen Bevölkerung und 15% im Kontext der klinischen Behandlung an der Borderline-Störung, wobei drei Viertel der Betroffenen weiblich sind. (vgl. ebd., 127)

2.1.1 Die Borderline-Persönlichkeitsstörung anhand des DSM-IV

Um eine Borderline-Störung zu erkennen, werden die Kriterien der Fachleute herangezogen, welche sich zur Diagnosestellung als hilfreich erweisen. „Gängig sind heute die Kriterien, die von der amerikanischen Psychiatrievereinigung aufgestellt wurden und die im so genannten Diagnostischen und Statistischen Manual psychischer Störungen (abgekürzt: DSM) beschrieben werden.“ (Knuf et al. 2004, 15)

Ein wesentliches Merkmal, in dem sich der DSM-IV von der ICD-10-Klassifikation unterscheidet, liegt darin, dass das DSM-IV zu fast jeder Störung Eingangskriterien aufführt. Dargestellt werden Leiden und Beeinträchtigungen aus den Bereichen des Sozialen, Beruflichem oder anderer wichtiger Funktionsbereiche. Diese werden beim ICD-10 ausgeklammert. Grund dafür ist, dass die Kriterien aufgrund einer weltweiten Anwendung allgemeinen und verbindlichen Formulierungen unterliegen. (vgl. Saß et al. 2003, XII) Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) wird nach dem DSM-IV als ein „[…] tiefgreifendes Muster von Instabilität in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Selbstbild und in den Affekten [Stimmungen] sowie von deutlicher Impulsivität […]" beschrieben. (ebd., S. 773) Die Manifestierung der Störung erfolgt während der Pubertät in verschiedenen Lebensbereichen, wobei mindestens fünf (oder mehr) von neun der Kriterien des DSM-IV vorhanden sein müssen, um eine Diagnose stellen zu können. (Mason et al. 2014, S. 47)

2.1.2 Kriterienerläuterung der Borderline-Störung anhand des DSM-IV

Kriterium 1: „Das verzweifelte Bemühen, tatsächliches oder eingebildetes Verlassenwerden abzuwehren.“ (Saß et al. 2003, S. 777)

Borderline-Betroffene leiden unter dem Gefühl isoliert zu sein, sie haben Angst, geraten durch Gedanken des Alleingelassenwerdens in Panik. Sobald sie glauben, eine Trennung stehe bevor, können diese bei Betroffenen Wutausbrüche hervorrufen, bis hin zu einem ständigen Bitten als Folge, nicht allein gelassen zu werden. (vgl. Mason et al. 2014, 33) „Nicht allein sein können beruht aber nicht nur auf dem Wunsch nach Kontakt, sondern kann auch dazu dienen, das Gefühl innerer Leere zu unterdrücken oder bei der Bewältigung von emotionaler Krisen Unterstützung zu bekommen.“ (Rahn 2013, 33-34)

Kriterium 2: „Ein Muster instabiler, intensiver, zwischenmenschlicher Beziehungen, das durch einen Wechsel zwischen extremer Idealisierung und Entwertung gekennzeichnet ist.“ (Saß et al. 2003, S. 777)

Personen mit einer Borderline-Störung suchen hauptsächlich Menschen als Nahestehende aus, die die innere Leere und Gefühle der Verzweiflung verringern. Sie sollen ihnen Mitgefühl entgegenbringen und mit einer unerschöpflichen Liebe versorgen. Diese beschriebene Bedürftigkeit kann für jedermann eine Belastungsprobe werden. Rahn (2013, 34) beschreibt, dass sich die „zwischenmenschliche[n] Bindungen […] im Spannungsfeld von Sicherheit und Entwicklung [herausbilden]. Beziehungen folgen damit immer einem Wechselspiel von Suche nach Nähe und Hinwendung zu neuen Erfahrungen […]. Damit wird die Lebendigkeit der Bindung erhalten.“ Borderline-Betroffene pendeln zwischen Extremen. In diesem Fall die Idealisierung und Abwertung, welche auch als Spaltung definiert wird. (vgl. Mason et al. 2014, 51-52) „In einem bestimmten Moment ist der andere entweder gut oder böse; es gibt kein Dazwischen, keine Grautöne.“ (ebd., 53) Durch ein emotionales Kurzzeitgedächtnis bei Betroffenen werden aktuelle Einschätzungen über Eigenschaften anderer Personen aus der letzten Interaktion gezogen. Denn für Betroffene scheinen das Gute und das Schlechte schwer zu integrieren sein. (vgl. ebd., 52) „Dies führt zu dem zentralen Dilemma der Borderline-Persönlichkeitsstörung: Menschen, die an dieser Störung leiden, wünschen sich verzweifelt Nähe und Intimität. Aber durch das, was sie tun, um dieses Ziel zu erreichen, treiben sie andere oft von sich fort.“ (Mason et al. 2014, 52)

Kriterium 3: „Identitätsstörung: ausgeprägte und andauernde Instabilität des Selbstbildes oder der Selbstwahrnehmung.“ (Saß et al. 2003, S. 777)

Für Betroffene mit einer Borderline-Erkrankung ist das Leben geprägt von einer nie abgeschlossenen Suche. Ihnen fehlt ein grundlegender Sinn für ihr eigenes Selbstbild. (vgl. Mason et al. 2014, 58) „Das Selbstbild ist […] ständigen Veränderungen unterworfen, wobei ein Gefühl der Sicherheit (Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen) Grundlage dafür ist, dass Entwicklungsschritte vollzogen werden können (Selbsterfindung).“ (Rahn 2013, 34) Das Selbstbild von Borderline- Betroffenen ist von widersprüchlichen Bildern ihrer selbst geprägt. Sie können nicht integriert werden. Folglich entsteht ein inneres Gefühl der Leere, was wiederum zur Abhängigkeit von anderen führt, da diese Orientierung geben können. (vgl. Mason et al. 2014, 58) Alleinsein führt bei betroffenen Borderline-Persönlichkeiten dazu, dass sie selbst in Ungewissheit darüber leben, wer sie selbst sind. Ein Gefühl stellt sich bei ihnen ein, als würden sie selbst nicht existieren. Folglich kann verzweifeltes und impulsives Verhalten entstehen, um das Alleinsein und Dissoziationen zu vermeiden. Das Selbstwertgefühl basiert auf der zuletzt erbrachten Leistung beziehungsweise dem aktuellsten Versagen. Borderline-Persönlichkeiten fällen somit schwere Urteile gegen sich selbst oder andere. (vgl. ebd., 59) Ein gesundes Selbstbild ist „durch realistische Einschätzung der eigenen Potenziale gekennzeichnet, aber auch von einem guten Gefühl für die eigenen Stärken und der Sicherheit, die meisten Aufgaben und Probleme aus eigener Kraft bewältigen zu können. “ (Rahn 2013, 34-35) Einige Betroffene neigen dazu, die Rolle des Opfers einzunehmen. So möchten sie Mitgefühl und Aufmerksamkeit erlangen. Dadurch erschaffen sie sich eine neue Identität, können so die Illusion nähren, nicht für ihr eigenes Handeln verantwortlich zu sein. Bei der Rollenübernahme als ErnährerIn oder HelferIn kann dies zu einer positiven Identitätsentwicklung beitragen. Borderline-Persönlichkeiten erhalten so Kontrolle, was wiederum das Gefühl der inneren Leere verringert. (vgl. Mason et al. 2014, 58-62)

Kriterium 4: „Impulsivität in mindestens zwei potenziell selbstschädigenden Bereichen (z.B. Geldausgaben, Sex, Substanzenmissbrauch, Ladendiebstahl, rücksichtsloses Fahren, Fressattacken).“ (Saß et al. 2003, S. 777)

Jede Person hat, wenn es möglich wäre, Impulse, die sie gerne ausleben würde. Menschen verfügen über Mechanismen der Impulssteuerung. Sie sind im Stande, auf unmittelbare Befriedigung zu verzichten, da ihnen die Langzeitfolgen bewusst sind. Impulsives Handeln kann zum einen beim Abbau von inneren unerträglichen Spannungen helfen, zum anderen bei Betroffenen die Gefühle der inneren Leere verringern. Borderline-Persönlichkeiten leiden oftmals an einer Impulskontrollstörung. (vgl. Rahn 2013, 62) Impulsives Handeln kann wiederholt auftreten, „wenn mit der Handlung der Abbau innerer Spannungen gelingt, etwa durch Substanzenmissbrauch. Hier besteht die Gefahr, dass die Handlung damit konditioniert […] wird.“ (ebd., 35) Durch den Gebrauch von bewusstseinsverändernden Drogen kann Erleichterung und Ablenkung hervorgerufen werden. Selbstschädigende Handlungen von Borderline-Persönlichkeiten können als Ausdruck von Wut und Selbsthass gelten. Um die innere Leere zu füllen, kann impulsives Verhalten zu Fressattacken mit anschließender Abführmitteleinnahme, zu einer promiskuitiven Sexualität, Ladendiebstahl, überdurchschnittlichem Kaufverhalten, Missbrauch anderer Substanzen und/oder Alkohol führen. (vgl. Mason et al. 2014, 62) Bei 23% der Borderline-PatientInnen wurde ein Missbrauch von Substanzen festgestellt. Darüber hinaus neigen Borderline-Betroffene eher zu Depressionen und unternehmen häufiger Suizidversuche. Des Weiteren kommt es bei ihnen durch impulsives Verhalten häufiger zu Unfällen und sie weisen häufiger antisoziale Tendenz auf. (vgl. ebd., 62-63)

Kriterium 5: „Wiederholte suizidale Handlungen, Andeutungen, Drohungen oder selbstschädigendes Verhalten (Selbstverletzungen).“ (Saß et al. 2003, S. 777)

Als großes Problem werden Suizidgedanken- und Handlungen beschrieben, welche gerade in Stresssituationen vermehrt stattfinden. Häufig treten solche Situationen mit inneren Spannungszuständen auf. Rahn (vgl. 2013, 35) beschreibt, dass allein der Gedanke an Suizid oder suizidale Handlungen bei Betroffenen zur Reduktion innerer Spannungen führe. Darüber hinaus führt selbstverletzendes Verhalten dazu, dass körpereigene Endorphine ausgeschüttet werden. Für einige Betroffene kann dies auch als Ausdrucksmöglichkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen für schwer Erklärbares werden. (vgl. Rahn 2013, 35-36) Darüber hinaus können sich Androhungen eines Suizids sowie suizidales Verhalten als äußert effektiv erweisen, um Hilfe aus der Umwelt zu erfahren. Diese Umgangsform kann sich meist als einzige Möglichkeit herauskristallisieren, um Aufmerksamkeit zu erlangen und dem Leidensdruck entgegenzuwirken. Somit fungieren suizidales Verhalten und das Androhen eines Suizids zumeist als Hilferuf oder als Ventil, Schmerz nach außen zu tragen. (vgl. Mason et al. 2014, 63-66)

Kriterium 6: „Affektive Instabilität auf Grund einer ausgeprägten Reaktivität der Stimmungen (z.B. intensive dysphorische Episoden (Gegenpol zu Euphorie. Es handelt sich um eine Mischung aus Depression, Angst, Wut und Verzweiflung), Reizbarkeit oder Ängstlichkeit, die in der Regel nur wenige Stunden oder selten mehr als einige Tage andauern)“. (Saß et al. 2003, S. 777)

„Stimmungswechsel sind bei Menschen die Regel, wobei immer innere und äußere Bedingungen die Stimmung prägen. Instabilität der Stimmung, insbesondere dann, wenn die Gründe für die Wechsel nicht erkennbar sind, führt jedoch zu einer weitreichenden Verunsicherung.“ (Rahn 2013, S. 37) Darüber hinaus fällt es betroffenen Personen schwer, die Auswirkungen ihrer Stimmung auf andere Menschen zu kontrollieren. Angehörige empfinden die Stimmungswechsel als erschöpfend. (vgl. Mason et al. 2014, 66-67) „Innerhalb weniger Stunden kann ihre Stimmung von intensiver Wut zu Depression, von Depression zu Reizbarkeit und von Reizbarkeit zu Ängstlichkeit umschlagen.“ (ebd., 67)

Kriterium 7: „Chronisches Gefühl der Leere.“ (Saß et al. 2003, S. 777)

Erleben resultiert aus inneren und äußeren Reizen. Als Medium innerer Reize werden Erinnerungen benannt, an die Gefühle gekoppelt sind. Problematisch wird es, wenn Erinnerungen mit negativen Gefühlen verbunden werden. Borderline-Betroffene neigen in diesem Falle dazu, innere Reize auszuschalten, wobei die Abhängigkeit gegenüber äußeren Reizen steigt. Somit entstehen starke Gefühle der Leere und Langeweile. (vgl. Rahn 2013, 37)

Kriterium 8: „Unangemessene, heftige Wut oder Schwierigkeiten, Wut zu kontrollieren (z.B. häufige Wutausbrüche, andauernde Wut und wiederholte körperliche Auseinandersetzungen).“ (Saß et al. 2003, S. 777)

Im Umgang mit anderen sind Emotionen von zentraler Bedeutung. Sie unterstützten angemessenes und zielgerichtetes Reagieren in Situationen. Zusätzlich ermöglichen sie schnelle und sichere Reaktionen. (vgl. Rahn 2013, 38) Die Wut von Borderline-Persönlichkeiten ist intensiv, sie ist unberechenbar und mit logischen Argumenten nicht zugänglich. (vgl. Mason et al. 2014, 67) „Angst beispielsweise signalisiert Gefahr; Wut, Kampfbereitschaft etc. Emotionen sind aber dann hilfreich, wenn sie passen und angemessen sind, weil sonst erhebliche Störungen in den sozialen Beziehungen folgen.“ (ebd., 38)

Kriterium 9: „Vorübergehende, durch Stress ausgelöste paranoide Vorstellungen oder schwere dissoziative Symptome.“ (Saß et al. 2003, S. 777)

Menschen mit einer BPS leiden unter gelegentlichem Auftreten paranoider Symptome. Das Wahrnehmen vieler Reize aus der Umgebung wird häufig in irgendeiner Art und Weise auf die eigene Person bezogen. Einstellen kritischer Gedanken, dass Menschen etwas gegen die betroffene Person haben könnten beziehungsweise sie kritisch beobachten. Bei verstärktem Denken glauben Borderline-Persönlichkeiten, dass andere ihm/ihr die Störung ansehen. (vgl. Rahn 2013, 38) Darüber hinaus zeigen sich dissoziative Symptome. Diese sind „im gewissen Sinn als Tagträume zu umschreiben. Dabei kann die Realitätskontrolle abhandenkommen und sich ein Gefühl der Entfremdung einstellen.“ (Rahn 2013, 38) Beispielsweise kann das Gefühl des Neben-sich-stehens „eine harmlose Form der Dissoziation [sein].“ (Mason et al. 2014, 70) Bei schwereren Formen kommen sich Betroffene unwirklich vor, als wären sie betäubt. (vgl. ebd., 70) Bei hohem Stress kann es sein, dass Betroffene sogar aus der Realität aussteigen. (vgl. Rahn 2013, 38-39)

2.1.3 Komorbiditäten der Borderline-Störung

„Die Borderline-Störung tritt sehr häufig im Zusammenhang mit anderen psychischen Erkrankungen auf, […] Depressionen, Störungen der Sexualität, Zwangs- und Ticstörungen, Suchterkrankungen und ADHS.“ (Rahn 2013, 39) Einige Betroffene begeben sich aufgrund der Komorbiditäten auf die Suche nach Hilfe. Oftmals kristallisiert sich dann erst durch eine Behandlung oder Psychotherapie heraus, dass es sich eigentlich um eine Borderline-Störung handelt. (vgl. Kreisman et al. 2007, 156) Eine Borderline-Erkrankung in Kombination mit Ernährungsstörungen kann das Entstehen von Übergewicht, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen begünstigen. Folglich entwickeln sich daraus eventuelle negative Lebensbilanzen, durch welche Depressionen gefördert werden, was wiederum die Angst vor der Entstehung neuer Krankheiten verstärkt. (vgl. Rahn 2013, 40-41) Die wohl häufigste Begleiterkrankung der Borderline-Persönlichkeitsstörung ist die Depression. Laut einer Studie leiden 90% aller Borderline-Betroffenen an dieser Begleiterkrankung. Teilweise sind Erkrankte auch von einer schweren Depression betroffen. (vgl. Gunderson et al. 2000, 76-79)

Impulsivität als zentrales Symptom der Borderline-Persönlichkeitsstörung äußert sich bei Langeweile oder Frustration im Verhalten Betroffener. Dies spiegelt sich unter anderem im Alkohol- und Drogenkonsum wider. Laut einer Studie in den Vereinigten Staaten konsumieren 50% der Borderline-PatientInnen Drogen und Alkohol. (vgl. Hudziak et al. 1996, 1598-1606) Auch kann Impulsivität zur Kauf- und Esssucht führen, zum Diebstahl, suizidalen Handlungen, sexueller Promiskuität sowie anderen Störungen der Sexualität. (vgl. Kreisman et al. 2007, 156)

Sowohl die Impulsivität als auch die Depression drücken aus, „dass […] Betroffene sich wertlos fühl[en], ohne Hoffnung [sind] und wenig Selbstachtung [haben]. Für sprunghafte Borderline-Kranke ist wahrscheinlich rasches, impulsives Verhalten typisch, während die an Depression Leidenden meistens langsamer denken und handeln.“ (Kreisman et al. 2007, 156-157) Rahn (vgl. 2013, 39) beschreibt, dass es Hinweise darauf gebe, dass einige Borderline-Betroffene zusätzlich an einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leiden. Für einige erweise es sich als schwer, sowohl Aufmerksamkeit als auch Konzentration an den Tag zu legen. Darüber hinaus wird eine kontroverse Diskussion in Bezug auf die Entwicklung der Posttraumatischen Belastungsstörung und Borderline geführt. Eine Traumatisierung durch Vernachlässigung, Gewalterfahrungen und sexueller Missbrauch führe wohl dazu, dass einzelne Fachleute in Betracht ziehen, dass es sich bei der Borderline-Störung als eine Variante der Posttraumatischen Belastungsstörung handeln könne. (vgl. Rahn 2013, 39-40) „Allerdings trifft dies nur auf einen Teil der Betroffenen zu, was eher für eine parallele Entwicklung beider Störungen spricht.“ (ebd., 40)

2.2 Ursachen der Borderline-Persönlichkeitsstörung

„Abgesehen von den Einflüssen, die von Gehirn, Körper und Umfeld und von deren Interaktionen ausgehen, gibt es auch ganz unterschiedliche Wege, die zur Entstehung einer BPS führen können.“ (Chapman et al. 2014, 31)

2.2.1 Genetische Veranlagung

„Es gibt verschiedene Studien, die der Frage nachgingen, ob und mit welcher Wahrscheinlichkeit die Borderline-Störung oder bestimmte Merkmale vererbt werden. […] Die Datenlage zur Borderline-Störung im Besonderen ist eher uneinheitlich.“ (Niklewski et al. 2011, 53) „Identitätsinstabilität, Stimmungswechsel und aggressive Impulsivität [der Borderline-Störung] zum Beispiel haben stark erbliche Komponente.“ (Kreisman et al. 2008, 42) Diese Aussagen entstanden auf Grundlage von Studien über ein- und zweieiige Zwillinge. (vgl. Niklewski et al. 2011, 53) Bei eineiigen Zwillingen liegt eine 100-prozentige Übereinstimmung der Gene vor, bei zweieiigen von 50 %. Dementsprechend liege es laut der Autoren (vgl. Chapman et al. 2014, 31) nahe, dass unter anderem auch genetische Faktoren an der Entstehung von Borderline beteiligt sind. Darüber hinaus sei das Tendieren zu Dissoziationen ebenfalls genetisch bedingt .

Des Weiteren wird davon ausgegangen, dass es aufgrund genetischer Belastungen zur verstärkten Impulskontrollstörung in Bezug auf bestimmte Suchtstoffe kommen kann. Dennoch ist das Annehmen über die Möglichkeit einer Vererbung der Symptomatik der Störung unabhängig davon, ob sie zu einem Teil der Borderline-Persönlichkeitsstörung oder einem Komplex von Merkmalen einer anderen Störung gehören. (vgl. Niklewski et al. 2011, 53-54) Durch Untersuchen von Familie wurde des Weiteren herausgefunden, dass bei der Verwandtschaft ersten Grades von Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung eine fünf Mal höhere Wahrscheinlichkeit im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung aufgewiesen wird, die Kriterien einer Borderline-Diagnose erfüllen zu können. Auch wurde festgestellt, dass Angehörige von Familien, in welcher es eine Borderline-erkrankte Person gibt, häufiger Krankheiten diagnostiziert werden, welche mit der Borderline-Störung verwandt sind. (vgl. Kreisman et al. 2007, 42) Im Allgemeinen schätzen WissenschaftlerInnen, „dass die Borderline-Persönlichkeitsstörung zu etwa 50% erblich ist. Das bedeutet, dass die BPS sich etwa zur Hälfte auf genetische Faktoren zurückführen lässt.“ (Chapman et al. 2014, 31) In diesem Zusammenhang wird auch beschrieben, dass der Erblichkeitsindex an sich etwas darüber aussagt, bei welchen Menschen eine Persönlichkeitsstörung eher auftreten kann. Dieser sagt allerdings nichts darüber aus, welche Ursachen es bei einem jeden einzelnen Individuum habe. (vgl. ebd., 32)

2.2.2 Gehirn und Temperament

Temperament: In Bezug auf die Borderline-Störung wird eine anlagebedingte Disposition beschrieben, nach der sich Menschen unterscheiden. Diese Unterscheidung wird in „ihrem Verhalten, ihren Stimmungen, ihren Reaktionsmöglichkeiten auf Umweltreize, ihrer Aktivitätsebene, ihrer Erregbarkeit, ihrem Rhythmus, ihrer Reaktionsschwelle, ihrer Aufmerksamkeitsspanne und ihrer Anpassungsbereitschaft an Veränderungen […]“ gemacht. (Niklewski et al. 2011, 54) Schon im frühen Leben werden Muster des Temperaments herausgebildet. Diese werden als instinktiv oder als Gewohnheiten wahrgenommen. Später entwickeln sich allmählich Stile des Charakters, die im Erwachsenenalter ausgereift sind. (vgl. Kreisman et al. 2007, 39-40) Stile und unterschiedliche Stimmungen können über die Lebzeiten als relativ stabil beschrieben werden. Daraus können wiederum relativ sichere Aussagen darüber getroffen werden, wie ein Mensch in unterschiedlichen Situationen reagieren würde. Des Weiteren kann eine Einteilung des Temperaments in den hyperthymen, depressiven, reizbaren und zyklothymen erfolgen. (vgl. Niklewksi et al. 2011, 54) Das zyklothyme Temperament wird als „[…] leicht reizbar, launisch, eher explosiv und extrem in seinem Gefühlsausdruck beschrieben […].“ (Niklewksi et al. 2011, 54) Dies erinnert in seiner ungestörten Form dem Temperament eines Borderline-Betroffenen. Darüber hinaus findet sich in dem reizbaren Temperament ein Merkmal der niedrigen Reizschwelle sowohl nach innen, als auch nach außen. Dementsprechend seien spätere Borderline-Persönlichkeiten allein durch dieses Temperament störungsanfälliger, also vulnerabler im Vergleich zu anderen. Sie sind „mit einer stabileren Schranke gegenüber Irritationen von außen, aber auch gegenüber Affekten, seien sie nun positiver […] oder negativer […] Art, ausgestattet […]“. (Niklewski et al. 2011, 54-55)

Gehirn: Der genetische Bauplan eines jeden Menschen ist individuell und führe zu besonderen Funktionen des Gehirns. Borderline-Persönlichkeiten haben ein ausgeprägteres Gespür für Emotionales. Sie erleben emotionale Reaktionen stärker als andere und brauchen dementsprechend mehr Zeit, um in einen Zustand der Ausgeglichenheit und Ruhe zurückzufinden. (vgl. Chapman et al. 2014, S. 32) Es entstanden eine Vielzahl an Einzelbefunden sowie Hypothesen darüber, die einen ersten Einblick in die biologischen Dimensionen der Borderline-Störung ermöglichen. Zumindest weiß man teilweise, welche Hirnareale und Funktionskreise für welches Arbeiten zuständig seien. Das limbische System, auch als emotionales Gehirn bekannt, wird als „[…] eine funktionelle Verbindung von vielfach vernetzten anatomischen Strukturen […]“ beschrieben. (Niklewski et al. 2011, 60) Es hat Einfluss auf das Gedächtnis und Lernen sowie auf emotionale Zustände wie Angst, aber auch das Verhalten, mit besonderen Auswirkungen auf Aggressivität und Sexualität. (vgl. Kreisman et al. 2007, 41) Bei Frauen, welche ein Trauma erlitten, wurde versucht, durch Vermessungen die Veränderungen des limbischen Systems zu erfassen. (vgl. Driessen et al. 2000, 1115-1122) Spätere Veränderungen im Umfang des Gehirns durch ein emotionales oder körperliches Trauma kann auf die Möglichkeit hinweisen, dass Kindesmissbrauch die Gehirnfunktion verändern und zur Entstehung von Borderline führen kann. Ein weiterer möglicher Erklärungsansatz liege darin, dass die Borderline-Störung als Verursacher des veränderten Gehirnumfangs angesehen werden und die Komponente des frühen Traumas nur zufällig damit zusammenhängen. (vgl. Kreisman et al. 2007, 41-42)

Zum limbischen System gehören unter anderem auch die Amygdala und der Hippocampus. Die Amygdala hat die Funktion des Filterns und Interpretierens von ankommenden Sinnesdaten und zwar „bezüglich ihrer Bedeutung für das Überleben und emotionaler Bedürfnisse; auch der emotionale Gehalt einer Erinnerung wird erzeugt, vor allem Gefühle, die mit Angst und aggressiver Reaktion zusammenhängen.“ (Niklewski et al. 2011, 59) Die Amygdalai bei Borderline-Betroffenen sei im Durchschnitt 13 % kleiner und spricht stärker auf Reize an. (vgl. Chapman et al. 2014, 32-33) Sowohl der Hippocampus als auch die Amygdala untersuchter Borderline-Patientinnen waren erheblich kleiner als bei gesunden gleichaltrigen Frauen.

Des Weiteren spielen vier unterschiedliche Botenstoffe im Zusammenhang der Borderline-Persönlichkeit eine Rolle. In Bezug auf den Botenstoff Dopamin scheint es „viel damit zu tun zu haben, wie […] Denken abläuft, ob es klar und ungestört ist oder ob es durch Wahn oder realitätsferne Beziehungssetzungen bestimmt ist.“ (Niklewski et al. 2011, 61) Serotonin hat Einfluss auf die Regulation von Stimmung, Sexualität, auf den Appetit sowie auf Einwirkungen auf die Impulskontrolle. Ein Mangel an Serotonin wurde bei vielen psychischen Störungen festgestellt. Noadrenalin als Neurotransmitter wirkt mit auf die Regulation der Stimmung, kognitive Prozesse, an dem Wachsein oder der Motivation ein. (vgl. ebd., 61)

Darüber hinaus fanden einige Forscher heraus, dass Abweichungen im Vorkommen des Neuotransmitters Serotonin zu einer Steigerung von aggressivem und impulsivem Verhalten führen kann. Diese sind wiederum typisch für eine Borderline-Störung. Eine höhere Anfälligkeit wird bei Frauen beobachtet, da diese 75% der Borderline-erkrankten ausmachen . (vgl. de Vegvar 1994, 23-40) Eine Steigerung des Noadrenalins erfolgt beispielsweise in Angstsituationen. Ist zu viel des Botenstoffes vorhanden, können daraus unangemessen heftige Reaktionen entstehen. Verfügen Menschen über zu wenig Noadrenalin, kann dies zu Depressionen führen. Der vierte zu benennende Botenstoff ist Acetycholin. Dieser ist zuständig für die Stabilität der Emotionen und hat eine wichtige Bedeutung bei kognitiven Vorgängen. Dazu gehören unter anderem die Leistung des Gedächtnisses oder das logisch-abstrahierende Denken. Dementsprechend wird also vermutet, dass bei der Borderline-Störung unterschiedlichste Botenstoffe aus dem Gleichgewicht geraten sind und das zu unterschiedlichen Zeiten. (vgl. Niklewski 2011, 58-63) Dadurch kann es zum Wechseln der Symptome kommen. Sie zeigen sich „einmal hauptsächlich als emotionale Schwäche und Instabilität, dann als gestörter Denkprozess, einmal als mangelnde Impulssteuerung und das wieder als Übersensibilität auf Außenreize und die Umgebung […]“ (Niklewski et al. 2011, 62) Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierendenrinden-Achse, auch bekannt als Stressreaktionssystem, unterstützt den Körper mit belastenden Situationen zurechtzukommen. Diese zeige bei Borderline-Betroffenen eine höhere Aktivität auf. Des Weiteren zeige der präfrontale Kortex in emotional bedeutsamen Situationen weniger Aktivität wie bei Unbetroffenen. Borderline-Persönlichkeiten erfuhren demnach eine zu geringe Unterstützung, um gesunde Strategien zur Bewältigung zu entwickeln. (Chapman et al. 2014, 32-33)

2.2.3 Frühe Traumatisierung und ihre Folgen

Im Folgenden werden psychosoziale Dimensionen beleuchtet, also jene Faktoren der Umwelt und Erfahrung, die Einfluss auf die Entwicklung einer Borderline-Störung haben können. Schlüssige Erklärungen können die Annahme liefern, dass traumatische Erlebnisse in der Kindheit und Jugend von Betroffenen liegen. (vgl. Niklewski et al. 2011, 41) Durch eine hohe Anzahl an „Untersuchungen und Studien weiß man, wie häufig Menschen, die heute an den Symptomen einer Borderline-Störung leiden, von einer Kindheit unter ganz besonders schwierigen Bedingungen berichten.“ (ebd., 41) Ein Großteil Borderline-betroffener Menschen erlitten in ihrer Kindheit entweder körperliche oder seelische Misshandlungen und/ oder wurden Opfer von sexuellem Missbrauch. Manche Studien gehen davon aus, dass bis zu 70 % der Borderline-Betroffenen Opfer von körperlicher Misshandlung in jungen Jahren wurden. Weitere 50 % erfuhren körperliche Gewalt in ihrer Kindheit. Darüber hinaus wird davon ausgegangen, dass weitaus mehr traumatisierende Erfahrungen als ursächlich für eine Borderline-Störung angenommen werden können. (vgl. ebd., 42-43) Aber nicht nur Missbrauchserfahrungen können als Ursache angesehen werden. Häufige Herabwürdigung oder auch Vernachlässigen eines Kindes auf emotionaler Ebene begünstigen die Entstehung einer Borderline-Störung. (vgl. Lawson 2011, 48) Auch sind sie geplagt von Scham, schlechten Gedanken über sich selbst. Dadurch wird es betroffenen Personen erschwert, Vertrauen in andere zu setzten. (vgl. Chapman et al. 2014, 33-34) Darüber hinaus erfuhren einige Borderline-Betroffene in ihrer Kindheit, dass sie in den Augen ihrer Mutter immer als das böse Kind wahrgenommen wurden. Andere litten unter einer unzureichenden Unterstützung, nachdem sie durch eine Bezugsperson verlassen wurden. Gründe dafür können die Ehescheidung oder der Tod gewesen sein. (vgl. Lawson 2011, 48)

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Ende der Leseprobe aus 63 Seiten

Details

Titel
Die Kinder von Borderline-Müttern
Untertitel
Erziehungshilfe und andere Unterstützungsmöglichkeiten
Autor
Jahr
2019
Seiten
63
Katalognummer
V443848
ISBN (eBook)
9783956876837
ISBN (Buch)
9783956876851
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychische Erkrankungen, Borderline, Mutter-Kind-Bindung, Sozialpädagogik, Emotionsregulation, psychisch kranke Eltern
Arbeit zitieren
Franziska Hecker (Autor), 2019, Die Kinder von Borderline-Müttern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443848

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