Im Gegensatz zur (Neo-)realistischen Theorieschule, welche sicherheitspolitisches Handeln vor allem durch den Erhalt von Macht innerhalb eines anarchischen Systemsbestimmt sieht, nehmen konstruktivistische Theorien Normen und nationale Identität in den Blick, um sicherheitspolitisches Handeln zu erklären. Normen, Werte und Überzeugungen der Bevölkerung treten politischen Entscheidungsträgern demnach als externe soziale Fakten entgegen. Das strategische Kulturkonzept wird in der vorliegenden Arbeit als theoretische Basis genutzt.In der vorliegenden Arbeit sollen bestehende intersubjektive Werte vorerst identifiziert und anschließend in einen Zusammenhang gebracht werden mit den Entscheidungen über den Einsatz der Bundeswehr im Ausland - speziell in Afghanistan (ISAF). Hierzu wird folglich ein Analysekonzept gewählt, welches dem Strang des Konstruktivismus entspringt - das der strategischen Kultur.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Konstruktivistische Außenpolitikanalyse
2.1 Strategische Kulturforschung
2.2 Datenerhebung und Operationalisierung strategischer Kultur
2.2.1 Der gerechtfertigte Zweck für den Einsatz militärischer Mittel
2.2.2 Der bevorzugte Grad an rechtlicher Legitimation
2.2.3 Der bevorzugte Grad an Kooperation
2.2.4 Die bevorzugte Art und Weise des Einsatzes militärischer Mittel
2.2.5 Qualitative Diskursanalyse und quantitative Meinungsumfragen
3. Deutschlands Sicherheitspolitik und strategische Kultur
3.1 Zentrale Prinzipien deutscher Sicherheitspolitik
3.2 Strategische Kultur seit der Wiedervereinigung
4. Fallbeispiel Afghanistan (ISAF)
4.1 Der 11. September als Wendepunkt der deutschen Sicherheitspolitik
4.2 Akteure, Debatte und öffentliche Meinung zur ISAF-Mission
4.2.1 Neuanfang und Stabilisierung (2001-2003)
4.2.2 Debatte um die Ausweitung des Einsatzgebietes (2004-2007)
4.2.3 Zuspitzung, Strategiewechsel und Exit (2008-2012)
5. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht den Einfluss gesellschaftlicher Werte und Normen auf die deutsche Sicherheitspolitik am Beispiel des ISAF-Einsatzes in Afghanistan. Ziel ist es, durch die Analyse der strategischen Kultur als konstruktivistische Variable zu erklären, warum Deutschland in diesem Konflikt ein wankelmütiges Verhalten zeigte, das durch ein Spannungsfeld zwischen Bündnissolidarität und militärischer Zurückhaltung geprägt war.
- Konstruktivistische Analyse sicherheitspolitischen Handelns
- Operationalisierung der "strategischen Kultur" Deutschlands
- Rolle des "Multilateralismus" und der "Kultur der Zurückhaltung"
- Analyse der ISAF-Mission in verschiedenen zeitlichen Phasen
- Zusammenhang zwischen öffentlicher Meinung und politischer Rhetorik
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Neuanfang und Stabilisierung (2001-2003)
Der Entscheidungsprozess um die ISAF verlief im Vergleich zur OEF weniger kontrovers, was auf den zivilen Charakter der Mission zurückzuführen ist. Obwohl die deutsche Beteiligung mit anfangs 1.200 Soldaten weitaus größer war als an der OEF kreisten die hitzigen Debatten eher um Letztere (Heitmann-Kroning 2015, S. 144). Die eingangs herausgearbeiteten Indikatoren der strategischen Kultur werden im Folgenden für die Phase von 2001-2003 dargestellt.
Der gerechtfertigte Zweck für die Beteiligung an der ISAF-Mission
Zu Beginn der ersten Debatte über die Mandatierung des Einsatzes am 22. Dezember 2001, formulierte Bundeskanzler Schröder in seiner Regierungserklärung als Zweck u.a. die Wahrung des Friedens und Frauenrechte in Afghanistan (vgl. Deutscher Bundestag 2001, S. 20821). Dies stehe in engem Zusammenhang mit der Demokratisierung des Landes. Die Mission diene ausdrücklich „der Etablierung eines demokratischen Staates zur Ermöglichung von Frieden und Menschenrechten, wobei es nicht nur um den Schutz basaler Schutzrechte (auf Leben u. ä.), sondern in der Tat um liberale Gleichheitsrechte geht.“ (Müller/Wolf 2011, S. 210).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die sicherheitspolitische Ausgangslage Deutschlands nach 2014 und führt in das konstruktivistische Analysekonzept der strategischen Kultur ein.
2. Konstruktivistische Außenpolitikanalyse: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen des Konstruktivismus sowie das Konzept der strategischen Kultur als Analyseraster für militärische Entscheidungen.
3. Deutschlands Sicherheitspolitik und strategische Kultur: Hier werden die historischen und soziokulturellen Leitbilder der deutschen Außenpolitik, insbesondere Multilateralismus und Zurückhaltung, theoretisch fundiert.
4. Fallbeispiel Afghanistan (ISAF): Dieses Hauptkapitel analysiert den Afghanistan-Einsatz in drei Phasen, wobei der Fokus auf Begründungsmustern, Legitimation und der Rolle von Normen liegt.
5. Fazit und Ausblick: Das Fazit synthetisiert die Ergebnisse und bestätigt das Spannungsfeld zwischen der Bündnissolidarität und der prägenden Zurückhaltungskultur der Bundesrepublik.
Schlüsselwörter
Afghanistan, Bundeswehr, ISAF, Konstruktivismus, Strategische Kultur, Sicherheitspolitik, Bündnissolidarität, Multilateralismus, Kultur der Zurückhaltung, Diskursanalyse, Militäreinsätze, Außenpolitik, Normen, Werte, Parlamentsarmee.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie gesellschaftliche Werte und Normen das sicherheitspolitische Handeln Deutschlands beeinflussen, insbesondere im Kontext des Auslandseinsatzes der Bundeswehr in Afghanistan.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die konstruktivistische Außenpolitikanalyse, die Definition und Anwendung strategischer Kultur sowie die historische Entwicklung deutscher Sicherheitspolitik nach der Wiedervereinigung.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen politischem Handeln (Bündnissolidarität) und kultureller Prägung (Zurückhaltung) während der ISAF-Mission zu erklären.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein multimethodischer Ansatz verfolgt, der eine qualitative Diskursanalyse von Parlamentsdebatten mit der quantitativen Auswertung von Meinungsumfragen kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Phasen des Afghanistan-Einsatzes (2001-2003, 2004-2007, 2008-2012) und untersucht jeweils den gerechtfertigten Zweck, Legitimation, Kooperation sowie die Art des militärischen Einsatzes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind ISAF, Strategische Kultur, Konstruktivismus, Multilateralismus und deutsche Sicherheitspolitik.
Warum wird der Begriff "Krieg" in der Arbeit diskutiert?
Der Autor zeigt auf, dass die Bundesregierung den Begriff "Krieg" über Jahre vermied, um die pazifistische "Kultur der Zurückhaltung" im Inland nicht zu gefährden, bevor 2009 eine realistischere Rhetorik einsetzte.
Welchen Einfluss hatte der Kunduz-Vorfall von 2009?
Der Vorfall markierte einen Wendepunkt, da die Realität des militärischen Engagements die bisherige zivile Rhetorik durchbrach und die deutsche Öffentlichkeit mit der harten Realität des Einsatzes konfrontierte.
- Arbeit zitieren
- Paul Kruse (Autor:in), 2018, Der ISAF-Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Eine konstruktivistische Perspektive auf die deutsche Sicherheitspolitik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443849