Private Military Companies im Irak - Eine Bestandsaufnahme


Vordiplomarbeit, 2005

53 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Was sind PMCs
2.1 Geschichtliche Herleitung und Definition
2.2 Tätigkeitsfelder und Erfahrungen mit PMCs
2.3 Das vorliegende Datenmaterial
2.4 Gründe des Booms
2.5 PMCs, ihre Auftraggeber und ihre Regulierung

3. PMCs im Irak
3.1 Quellenlage
3.2 Auftraggeber und Auftragsvergabepraxis
3.3 Die dogs of war
3.4 Die Koordinierung der PMCs
3.5 Exkurs: Der Fall Abu Ghraib

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Irak. Wir befinden uns im wilden Osten. Goldgräberstimmung. Hier wird man Millionär oder Leiche. Mittendrin in dieser Wildnis zehntausende von Söldnern, die in ihrer Selbstüberschätzung den Todesgefahren trotzen, das Unrecht aufspüren, als brutale Sheriffs die erste Ordnung herstellen. Bewaffnet bis unter die Zähne und von niemandem kontrolliert, schaffen sie ihr eigenes Reich, dass sie quasi von den USA geleast haben, bis die sich wieder in die Hölle hineintrauen – so oder so ähnlich suggerieren es uns hunderte von Tages- und Wochenzeitungen aus aller Welt. Die neuen dogs of war würden dabei den Krieg, das letzte rein staatliche Hoheitsgebiet, privatisieren. Vorreiter seien die Vereinigten Staaten und deren ausführenden Organe: Private Military Companies (PMCs).

Nicht alles an dieser Zustandsbeschreibung ist grundfalsch, jedoch verhindert ein dieser Betrachtungsweise innewohnender Alarmismus eine nüchternere Zustandsbeschreibung. Zunächst lässt sich neutral feststellen, dass mit staatlicher Zustimmung ein neuer Akteur ins Kriegsgeschehen eingetreten ist. PMCs, wahlweise auch als private Militärfirmen (PMF), private Sicherheitsdienstleister, militärisches Consulting oder Security-Technologie bezeichnet, sind erstmals massiv im zweiten Golfkrieg 1991 von den USA beauftragt worden, militärische Dienstleistungen zu übernehmen. Seitdem lässt sich ein rasanter Anstieg ihrer Tätigkeiten verzeichnen. Wer und was aber sind diese PMCs? Sind sie rasante, unkontrollierbare Kriegstreiber? Nach welchen Logiken funktionieren sie? Lassen sie sich in eine Reihe mit aus der Geschichte bekannten Söldnerorganisationen einordnen? Aus welchen Motiven heraus lässt sich erklären, dass Staaten ihre Handlungsmacht an PMCs abgeben sollten?

Die Beantwortung dieser Fragen muss die Grundbedingung sein, um herauszufinden, was es mit den PMCs auf sich hat, wie gefährlich sie sind, welche Macht sie besitzen, wie sie Kriege verändern (könnten) und eventuell auch, ob nicht gar Chancen durch ihr Erscheinen auftreten.. Bevor diese Fragen nicht beantwortet sind, lässt sich fast jedes Horror- oder Wunschszenario in ihr Auftreten hineinprojizieren. Mein erstes Anliegen soll es nun sein, ein realistisches Bild der PMCs zu zeichnen. Dazu gehört zunächst, die heutigen PMCs zu definieren, sie historisch einzuordnen, ihre quantitative Dimension zu erfassen und die Gründe ihrer rasanten Entwicklung zu benennen und auszuwerten. Ferner müssen wir uns ihre Auftraggeber und die Art der Beziehungen zwischen Auftraggebern und PMCs verständlich machen, um sie ergründen zu können.

Im zweiten Hauptteil werde ich mich auf den Irak fokussieren. Hier liegt ihr derzeitiges und bisher größtes Einsatzgebiet, hier scheint die sich abzeichnende Entwicklung ihres Bedeutungsgewinns ihren (vorläufigen) Höhepunkt zu erreichen, hier lässt sich ihre „wahre“ Identität anhand der Einsatzpraxis am besten ergründen. Dies soll das Hauptanliegen dieser Arbeit sein. Die zentralen Fragen lauten, wer ihre Auftraggeber sind, welche Art von Arbeit sie hauptsächlich verrichten, wie viele PMCs und Mitarbeiter eigentlich dort sind, wie sie sich koordinieren und in inwieweit ihr Image als dogs of war der Wahrheit entspricht.

Die Anfertigung dieser Arbeit kann nicht problemlos geschehen. Im Gegensatz zur Relevanz des Themas steht die Anzahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen: Das einzig umfassende Werk zum Thema stammt bis dato von Peter W. Singer, ferner existieren einige gelungene Arbeiten zur rechtlichen Situation. Ansonsten leisten bisher Journalisten die Pionierarbeit, was sowohl für das Zusammentragen von Datenmaterial als auch für die Analyseebene gilt. Allerdings werden von dieser Kaste ihrer inneren Logik entsprechend oftmals die spektakulären Fälle aus dem Gesamtkontext gerissen, zudem wird einmal aufgetauchtes Zahlen- und Datenmaterial unreflektiert immer weiter verwendet.. Zum einen aufgrund fehlenden Materials, zum anderen aufgrund des eingeschränkten Umfangs dieser Arbeit ist es mir teilweise selber nicht möglich, die notwendige und gebotene Tiefe zu erreichen. Mein Anliegen ist eine grundlegende Darstellung der PMCs mit (fast) allen Problemen, Möglichkeiten, Gefahren, Entwicklungen, etc. Der zu zahlende Preis für das Anschneiden möglichst vieler Analysefelder im Kontext der PMCs liegt folglich in der oftmals noch ausbaubaren Tiefe.

Ferner ist oft eine Fixierung auf die USA zu verzeichnen. Sie ist der maßgebliche Akteur der Privatisierung des Krieges, und innerhalb der USA befindest sich das Zentrum der Diskussion um PMCs. Oftmals macht es auch keinen Sinn, zwischen dem Verhalten der PMCs und dem der amerikanischen Regierung einen künstlich-analytischen Trennstrich zu ziehen, da die Verbindungen sowohl personaler als auch struktureller Art oftmals sehr eng sind. Die Erkenntnisse der Arbeit sind in abgeschwächter Form aber oft dennoch auch auf die anderen Staaten, die die Privatisierung des Militärs vorantreiben, übertragbar, da die sich aus der Privatisierung ergebenden Probleme weitgehend identisch sind.

2. Was sind PMCs

Die Veränderungen, die sich durch den weltweiten Einsatz von PMCs ergeben sind so vielfältig, dass eine vollständige und tiefgreifende Behandlung aller mit ihrem Einsatz in Verbindung stehenden Implikationen (fast) eine Unmöglichkeit darstellt. In diesem ersten Teil soll mein Anliegen sein, einen Überblick ohne den Anspruch der Vollständigkeit über die privaten Militärfirmen zu liefern. Zunächst möchte ich einen geschichtlichen Überblick über das Söldnerwesen liefern, da so verstanden werden kann, wie sich private Militärfirmen von klassischen Söldnern unterscheiden. So ist es mir auch möglich, eine Definition zu entwickeln. Daran anschließend werde ich aufzeigen, in welchen Tätigkeitsbereichen PMCs agieren können. Dieser Teil wird mit Beispielen ihrer Tätigkeiten gespickt sein, um a) die Anschaulichkeit zu erhöhen und b) ihre Relevanz besser erklären zu können. In 2.3. soll das vorhandene Datenmaterial zusammengetragen und überprüft werden; die Aktualität und Nichtwissenschaftlichkeit vieler Quellen gebietet es allerdings, das Zahlen- und Datenmaterial einer gesonderten Durchleuchtung zu unterziehen. Schließlich werde ich aufführen, welche Faktoren zu dem Boom von PMCs geführt haben. Um die Strukturen zu verstehen, in die PMCs eingebettet sind und in denen sie agieren, wird dann die Beziehung zu ihren Auftraggebern untersucht werden. In enger Anlehnung dazu führe ich schließlich auf, ob und wie eine Regulierung möglich ist.

2.1 Geschichtliche Herleitung und Definition

Aus historischer Perspektive erscheint es keineswegs als Selbstverständlichkeit, dass das Militär dem jeweiligen Staat unterstellt ist. Mindestens bis zum Beginn des Westfälischen Staatensystems war es Usus, dass sich die verschiedenen Herrscher je nach Bedarf und gemessen an ihren finanziellen Mitteln ihre Privatarmeen zusammenstellen mussten, die als ad hoc-Konstellationen zusammenarbeiteten und in den Krieg zogen. Der Herrscher engagierte meist einen Kriegsherren, der sich durch verschiedene Kontakte eine aus Söldnern bestehende Armee „zusammenbastelte“ und sogar für die Entwicklung und Beschaffung des Kriegsgeräts verantwortlich war. Die einzelnen Söldner banden sich vertraglich nur für diesen einen Auftrag an einen Kriegsherrn und waren daher wenig zuverlässig, denn ihr Interesse an der Kriegsteilnahme war rein finanzieller Natur und ein Seitenwechsel bei entsprechender Entlohnung keine Seltenheit. Erste Spuren des Söldnertums lassen sich bis in die Antike zurückverfolgen. Bekanntheit und Bedeutung erlangte das Söldnertum durch die italienischen Condottieri, die schweizer Reisläufer und die deutschen Landsknechte.[1] Erst durch erweiterte finanzielle Mittel des Staates beruhend auf modernen Formen der Steuereintreibung und der Weiterentwicklung resp. Verteuerung des notwendigen Waffenmaterials und der wiederum damit verbundenen Notwendigkeit der teuren Ausbildung von Soldaten überlebten sich die Kriegsherrn à la Wallenstein und mit ihnen weitgehend auch das Söldnertum. Seit dem Beginn des Westfälischen Staatensystems 1648 ist eine immer weitere Zurückdrängung des Söldnertums konstatierbar. Nur in marginaler Form existierte das Söldnertum bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein, z.B. in Formen wie der Fremdenlegion oder der Gurkha-Truppen, die Aufgaben verrichten, die außerhalb des Gesichtsfeldes der eigenen Gesellschaft geschehen sollen, ferner als Einzelkämpfer wie Outlaws oder Kopfgeldjäger oder in peripheren Weltregionen wie Rhodesien, Mosambique oder Katanga, in denen private Söldnertruppen bis in die 70er Jahre dieses Jahrhunderts die Kontrolle ausübten und deren Plünderung mitgestalteten. Bekannt geworden ist in diesem Zusammenhang die Söldnergruppe Les Affreux um den Franzosen Bob Denard.[2]

Wie in der Einleitung dargestellt, ist eine dramatische Reprivatisierung des Krieges durch private Militärfirmen zu konstatieren. Wie unterscheiden sich die modernen PMCs aber nun von den in der Geschichte untergegangenen Söldnertruppen? Oder anders: Hat Wallenstein nur ein neues Gewand bekommen, hat ihn die Geschichte überholt oder könnte er als Baustein einer PMC fortleben?

Die herkömmliche Organisationsform von Söldnern waren ad hoc-Verbände, die nur für einen bestimmten Auftrag mit einem festgelegten Ziel gegründet wurden und nach dessen Erfüllung wieder aufgelöst wurden. Mehrere Dutzend der modernen militärischen Dienstleistungsanbieter sind multinationale, börsennotierte Konzerne mit milliardenschweren Jahresumsätzen und weltweitem Aktionsradius. Ihr wichtigstes Merkmal ist folglich, daß sie ein Geschäftsgebahren vergleichbar mit transnational corporations (TNCs) aus anderen Branchen betreiben. Dazu gehört, sich den Auftraggebern aus Eigennutz absolut loyal zu verhalten, um sich das Image und damit den Weg zu weiteren Aufträgen nicht zu verstellen. Gab es in der Vergangenheit also für den einen Auftrag nur einen Auftraggeber, so arbeiten PMCs für jeden potenziellen Auftraggeber, sofern das Ziel nicht die Ziele anderer Aufträge konterkariert. Der einzelne Söldner muss dem Firmenwohl untergeordnet und deshalb überwacht werden. Seine Rechte als „freelancer“ werden, zumindest nach der marktwirtschaftlichen Theorie, stark eingeschränkt. Die Firmen sind folglich in ein legales Wirtschafts- und Rechtssystem eingebettet. So definiere ich PMCs als privatrechtlich organisierte, rein profitorientierte Unternehmen, die sowohl zu ihren Angestellten als auch zu ihren Auftraggebern ein festes Vertragsverhältnis unterhalten und auf die Ausführung von militärisch oder militärisch nahe stehenden Aufgaben spezialisiert sind und stets die Möglichkeit besitzen, sich auch mit Waffengewlt verteidigen zu können.[3]

Wallenstein hätte nur noch in einer PMC, die sich auf Kampfeinsätze spezialisiert hat einen Platz. Allerdings müsste er seine Rüstung meist gegen einen Nadelstreifenanzug austauschen, Firmen anderer Wallensteins aufkaufen, Werbeagenturen zur Rekrutierung seiner Mannschaft beauftragen, seine Firma börsentauglich machen und seine Loyalität nicht nur vorheucheln, sondern auch unter Beweis stellen.

Auf der anderen Seite werden PMCs zu privaten Sicherheitsfirmen abgegrenzt. Eine PMC beginnt dort, wo das Einsatzziel über passiv veranlagte Überwachungseinsätze an Menschen oder Objekten hinausgeht. Für die quantitative Erfassung gilt, dass nicht die Funktion des einzelnen Mitarbeiters untersucht wird, sondern anhand des Aufgabenspektrums der einzelnen Firma diese als PMC oder Private Security Company (PSC) klassifiziert wird. Der Anteil der Arbeit von privaten Militärfirmen an „einfachen“ Überwachungsaufgaben dürfte aber nicht sehr hoch sein, da die Bezahlung von Mitarbeitern einer PMC um ein vielfaches höher liegt als die eines Mitarbeiters einer Sicherheitsfirma. Deren (meist ungelernte) Angestellte dienen in den Vereinigten Staaten von Amerika als Exempel für die Existenz der „working poor“, während Mitarbeiter von PMCs sich aus der militärischen Sphäre rekrutieren und Gehälter einstreichen, die zwischen dem zwei- und zehnfachen ihres Soldatensalärs liegen[4]. Das lässt jedoch nicht den Umkehrschluss zu, dass PMCs nicht auch Überwachungseinsätze übernehmen; diese jedoch sind wesentlich heiklerer Natur. Dazu zählt z.B. die Sicherheitsgewährleistung von hochrangigen Politikern oder Wirtschaftsmagnaten in Krisengebieten oder die Überwachung von Ölpipelines. Entscheidendes Kriterium ist, dass private Militärunternehmen im Ernstfall auch mit Waffengewalt agieren können. Neben der Befähigung zum Kampf besitzen PMCs im Gegensatz zu PSCs auch strategische und taktische Kampferfahrung, also militärische Intelligenz, und nutzen ihre Erfahrungen, um auch schweres militärisches Gerät einzusetzen.

2.2 Tätigkeitsfelder und Erfahrungen mit PMCs

Das Angebot an Dienstleistungen von PMCs ist höchst different. Das Outsourcen des Militärs von Suppenküchen oder einfachen logistischen Aufträgen jenseits jeglichen Kriegsgeschehens ist schwerlich vergleichbar mit der direkten Beteiligung an Kampfeinsätzen oder der Entwicklung und Betreuung sensibler militärischer Bereiche wie dem Datenverkehr. Informationen der Firmen helfen auch nicht weiter, denn zumindest offiziell spezialisieren sich nur wenige. Aus den Internetseiten der umsatzstärksten PMCs ist lediglich entnehmbar, dass sie an allen militärischen Aufträgen interessiert sind und diese gegebenenfalls auch erfüllen können. Öffentlich geben sie jedoch nur diejenigen Aufträge bekannt, bei denen sie a) erfolgreich operieren bz w. operiert haben, die sie b) werbewirksam z.B. im Kontext einer moralischen Legitimation durch Beendigung eines schon vorher herrschenden Krieges vermarkten können und c) wenn die Bekanntgabe ihrer Aktivitäten nicht ihre Auftraggeber brüskiert. Zwar können größere Aktivitäten vor Journalisten kaum geheim gehalten werden, aber eine verhältnismäßig nicht quantifizierbare Anzahl ihrer Einsätze und Aufgaben findet nicht den Weg an die Öffentlichkeit. Selbst die politische Überwachung durch Parlamente findet nur unzureichend statt: Ihr größter Auftraggeber, die amerikanische Regierung, ist erst ab einem Auftragsvolumen von über 50 Millionen Dollar dazu verpflichtet, die Vergabe durch den Kongress bekannt geben und genehmigen zu lassen.

Daher möchte ich zunächst einmal versuchen, die verschiedenen Aktivitäten zu klassifizieren und zu exemplifizieren, um eine größere Übersichtlichkeit herzustellen und aufzuzeigen, wie vielschichtig die Angebotspalette der PMCs ist. Auch treffe ich eine erste Wertung hinsichtlich der möglichen Konsequenzen bzw. des Gefährdungspotentials der jeweiligen Aufgaben der PMCs, um im weiteren Verlauf der Arbeit zwischen harmlosen Privatisierungen wie der Auslagerung einer Suppenküche und originären Veränderungen im militärischen Bereich unterscheiden zu können. Dabei greife ich auf ein Klassifizierungsmuster von Damian Lilly zurück; die eigentliche Ausarbeitung ist aber vollkommen losgelöst von der Arbeit Lillys. Die Beispiele stammen weitestgehend aus Tages- und Wochenzeitungen.

Laut Lilly[5] lassen sich fünf Tätigkeitsfelder herausarbeiten:

1. Kampfeinsatz und operative Unterstützung.

Ruhm erlangten auf diesem Feld die nicht mehr existente südafrikanische Firma Exekutive Outcomes, die eine entscheidende Rolle im Bürgerkrieg in Sierra Leone einnahm und das Blatt im Kampf gegen die Rebellen zu Gunsten der Regierung wenden konnte oder die Gurkha International Group, die ehemalige Mitglieder der in britischen Diensten stehenden nepalesischen Elitetruppe vermarktet. In Kolumbien griff die amerikanische Regierung nach dem noch von Clinton beschlossenen „plan colombia“ auf die Firma DynCorp, heute CSC (Computer Sciences Corporation) zurück, um dort einen geheimen Krieg gegen die Koka-Mafia zu führen. DynCorp setzte dort Flugzeuge und schwerbewaffnete Hubschrauber ein, um die Koka-Plantagen mit Pestiziden zu besprühen und um die dort ansässigen Bauern, die als Mafia-Verbündete klassifiziert werden, auszurotten.[6] Entgegen eigenen Angaben setzen die USA auch Mitarbeiter von PMCs direkt im Kampfgeschehen ein. So fand P.W.Singer einen Zerstörer der US Navy, an dem 20 Mitarbeiter von vier Firmen an Bord waren, die u.a. für die Computersysteme und die Luftverteidigung zuständig waren. Ebenso wird der Einsatz der unbemannten Global Hawk-Luftvehikel komplett von PMCs durchgeführt.[7] Das Volumen derartiger Zusammenarbeit bleibt aber verschlossen, da die Daten von den Regierungen unter Verschluß gehalten werden.

Von einigen Autoren wie Mair wird bezweifelt, dass Kampfeinsätze in größerem Umfang von PMCs durchgeführt werden.[8] Ob diese Aussage wirklich der Realität entspricht, wird am Exempel Irak im Kap. 3.3 der Arbeit zu klären sein.

2. Militärische Beratung und Training

Insbesondere die USA vermitteln bewusst Aufträge zwischen Staaten und PMCs, um deren Sicherheitslage zu verbessern oder um in Konflikte eingreifen zu können, in denen sie sich offiziell neutral verhalten müssen. Ein Beispiel für den ersteren Fall ist die schon seit Jahren anhaltende militärische Ausbildung der 5000 Mann starken Leibgarde Saudi-Arabiens. Der zweite Fall stellt sich dramatischer dar: 1994 beauftragte die Regierung Clinton insgeheim die PMC MPRI (Military Professional Resources Incorporated) mit dem Training des kroatischen Offizierskorps. Ein Jahr später schlug die kroatische Armee in der von MPRI mitorganisierten Blitzaktion „Storm“ die bosnisch-serbische Armee in die Flucht. MPRI stand der kroatischen Armee ebenso an der anschließenden ethnischen Säuberung mit Militärberatung und Waffenlieferungen zur Seite, der rund 150 000 Menschen zum Opfer fielen. 1998/1999 erfüllten ebendiese Offiziere im Kosovo sogar die Rolle von Militärattachès: Sie vertraten die USA in der internationalen Beobachtermission[9]. Ebenso setzte die britische Regierung 1998 im Bürgerkrieg in Sierra Leone die Firma Sandline International ein.[10] Natürlich sind nicht alle Fälle so spektakulär wie die beiden erwähnten. Jedoch muss davon ausgegangen werden, dass noch eine Vielzahl weiterer Fälle versteckter Militärhilfe vorliegt, von denen die Öffentlichkeit vermutlich nie etwas erfahren wird. Es kann konstatiert werden: Im Bereich von militärischer Beratung und Training benutzen Regierungen PMCs, um verdeckte Hilfe zu leisten. PMCs scheinen diese Angebote, die eine Verletzung internationalen Rechts darstellen, ohne Skrupel anzunehmen.

3. Waffenlieferung und –wartung

In diesem Punkt ist die Lilly`sche Klassifizierung zu grobschlächtig: Waffenlieferungen, insbesondere von Staat zu Staat oder von einem Staat zu einem anderen Akteur, stellen eine erheblich andere Qualität dar als die (von der jeweiligen Armeeführung kontrollierte) Wartung von Waffen innerhalb eines Staates. Deshalb splitte ich die beiden Tätigkeiten nochmals auf.

Waffenlieferung: Sowohl aus der wissenschaftlichen als auch aus der journalistischen Literatur ist nur ein Fall bekannt, in dem eine PMC ausschließlich für Waffenlieferungen beauftragt wurde: Die Firma Sandline International transferierte Waffen mit Unterstützung von Teilen des britischen Außenministeriums nach Sierra Leone, um die dortige Regierung zu stützen.[11] Im Regelfall transferieren kampffähige PMCs Waffen zu ihren und befreundeten Einsatztruppen. Fraglich ist aber, ob es einen qualitativen Unterschied macht, ob PMCs im Rahmen von Gesamtoperationen wie im Falle Bosniens auch Waffenlieferungen durchführen, oder ob sie speziell nur für Waffenlieferungen angeheuert werden. Theoretisch denkbar allerdings wäre ein verstärkter Einsatz von PMCs zum reinen Zwecke von Waffenlieferungen, da sowohl Angebot, z.B. aus alten russischen Beständen, als auch Nachfrage, z.B. von afrikanischen Staaten oder Palästina, besteht.

Waffenwartung: Fast alle Armeen betreiben auf diesem Sektor militärisches Outsourcing; er gehört zu den quantitativ auffälligsten Betätigungsfeldern. Exemplarisch zu nennen wäre die privatisierte Wartung des amerikanischen Stealth-Bomber B-2 oder in Großbritannien der Royal Air Force. Dieser Bereich scheint einer der harmloseren Fällen von Privatisierung zu sein. Allerdings muss bedacht werden, dass sich PMCs unter Umständen auf diesem Wege militärisch-technologische Geheimnisse aneignen und weitergeben könnten.

4. Informationssammlung und –aufbereitung:

PMCs bieten sich an, vor, zwischen und an der Front Informationen zu sammeln. Insbesondere wenn mindestens eine der jeweiligen Konfliktparteien informationstechnologisch unterlegen ist, bietet sich der Einsatz einer PMC für die schwächere Partei an, denn diese können z.B. auf Satellitentechnologie zurückgreifen, um Truppenbewegungen zu identifizieren. So dienen sie als Schlagkraftverstärker in Konflikten und Kriegen, deren Partei(en) sich nicht auf hohem technologischem Level befinden. Dieser Einsatzbereich beteiligt sich mittelbar am Kriegsgeschehen, ohne dass die jeweilige PMC direkt an Kampfhandlungen beteiligt sein muss. Exempel unter direkter Beteiligung einer PMC an Kampfhandlunge, was wohl eher den Normalfall als die Ausnahme darstellt, finden sich in diversen afrikanischen Konflikten wie in Sierra Leone oder Mosambique. Ohne direkte Kampfbeteiligung sind derartige Einsätze etwa bei der Tätigkeit von MPRI in Kroatien verzeichnet.

5. Logistische Unterstützung:

Militärische Dienstleister leisten logistische Aufgaben verschiedener Qualität. Sinnvoll ist die Differenzierung in logistische Tätigkeiten, die einen Schnittpunkt zu einem Kriegsgeschehen haben und harmlose logistische Leistungen entfernt jeglichen Kriegsgeschehens. Letzteres kann auf rein ökonomische Effektivitätsüberlegungen reduziert werden. Diese Form der Auslagerung wird von allen Armeen der westlichen Hemisphäre betrieben und bezieht sich auf Truppen- und Materialverlagerungen oder Transportflüge. Auf Angebotsseite stehen dutzende von PMCs bereit, derlei Aufträge zu übernehmen. So griffen mehrere europäische Staaten auf eine ukrainische Firma zurück, um ihr Gerät nach Afghanistan zu befördern. Das Auftragsvolumen belief sich dabei auf immerhin 100 Millionen Euro. Hier bedient sich auch die Bundeswehr, die einen Teil ihres Fuhrparks ausgelagert hat.[12]

Ersteres ist wesentlich heikler und kann auch leicht zu einem direkten Kriegseinsatz ausarten. So beauftragte die US-Regierung eine PMC mit Truppenausrüstungstransporten in Afghanistan, bei deren Ausführung es mehrfach zu Gefechten kam und mindestens ein dutzend Mitarbeiter von PMCs getötet worden sein sollen.[13]

Wie ist das bisherige Wirken von privaten Militärfirmen aber nun einzuschätzen? Sind sie die neuen dogs of war oder ein Baustein der Weltrettung, wie es die sich noch in den Kinderschuhen befindliche Debatte über eine mögliche Beteiligung an UN-Missionen suggeriert?

Dieser komplexen Frage möchte ich zunächst empirisch auf den Grund gehen, indem ich untersuche, inwieweit PMCs bisher Fehlverhalten nachzuweisen ist.

Einige Beispiele aus der Vergangenheit belegen, dass sich Mitarbeiter im Einsatz auf kriminelle Art und Weise bereichert haben. Obwohl oftmals Indizien existieren lässt sich nicht beweisen, dass die Täter mit Rückendeckung der Unternehmensführung ihren Geschäften nachgegangen sind. So kann lediglich der Vorwurf der mangelnden Mitarbeiterkontrolle an die Unternehmen erhoben werden. Empirische Erkenntnisse über Mitarbeiterauswahl resp. –kontrolle oder Erfahrungen über die Zuverlässigkeit von PMCs existieren nicht, da sowohl Staats- als auch Firmenseite ihr Wissen geheim halten.

[...]


[1] Weiterführend z.B. Hale, J.R. (1985) oder speziell zu den Condottieri: Trease, G. (1974)

[2] Weiterführend z.B. Gomez, J.A. (1974).

[3] Binder (2004; 14) hat sich großflächige Gedanken über die Definition gemacht. In seiner Definition sind PMCs jedoch auch auf Sicherheitsaufgaben spezialisiert; das würde seiner Definition folglich dazu führen, dass jedes Personen- oder Objektschutzunternehmen als Söldnerfirma deklariert werden müsste.

[4] Die Salärschätzung stammt von Peter W. Singer (2003, 193)

[5] Laut Lilly (2002, 10; zitiert nach Mair 2004, 262)

[6] vgl. Mysorekar, 2 oder Fresh air, 9f. Offiziell besitzt DynCorp in Kolumbien keine Rechte, Gebrauch von Waffengewalt zu machen. Angesprochen auf diesen Fakt antwortete der Pressesprecher von DynCorp, dass die Piloten bewaffnet seien, um sich im Falle des Abschusses auf dem Boden gegen wilde Tiere verteidigen zu können. Was allerdings unter wilden Tieren zu verstehen sei, verriet er nicht.

[7] Vgl. Fresh Air, 2-14

[8] Vgl. Mair, Stefan (2004): Die Rolle von Private Military Companies in Gewaltkonflikten, in: Kurtenbach, Sabine/ Lock, Peter: Kriege als Überlebenswelten. Bonn

[9] vgl. Hasenclever, Ulf (2001): Die Macht der Moral in der internationalen Politik. Militärische

Interventionen in Somalia, Ruanda und Bosnien-Herzegowina. Frankfurt am. Main.

, 345-361; NYT, 26.4.96; Binder 2004, 32. Die Mission in Bosnien war nach internationalem Recht aufgrund eines Neutralitätsgebots illegal; allerdings zeichnet sich in erster Linie die US-Regierung für das Eingreifen verantwortlich, die durch den Einsatz einer PMC das Neutralitätsgebot umgangen haben. Später führte dieses Verhalten zu einer Untersuchungskommission im US-Repräsentantenhaus mit dem Titel „The Iranian Green Light Subcommittee“.

[10] vgl. Die Zeit, 17.6. 2004

[11] CorporateWatch, 22.6.2004

[12] Die Bundeswehr beauftragt dabei die Firma Gesellschaft für Entwicklung, Beschaffung und Betrieb mbh, die nach eigenen Angaben schon zu einer Ersparnis von 290 Millionen Euro im Jahr 2003 geführt hat. Sie behauptet, dass 57% aller Dienste der Bundeswehr auslagerbar sind. Informationen unter: http//www.gebb.de. Interessant ist beispielsweise das Folienmaterial einer Präsentation: www.gebb.de/downloads/Reden_und_Vortraege/g.e.b.b._presentation_DP04_March_10th_2004.pdf

[13] vgl. Washington Post, 23.10.2003

Ende der Leseprobe aus 53 Seiten

Details

Titel
Private Military Companies im Irak - Eine Bestandsaufnahme
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
53
Katalognummer
V44390
ISBN (eBook)
9783638420037
ISBN (Buch)
9783638696753
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ausführliche Projektarbeit zum Thema "Private Military Companies". Erster Teil: PMCs im Allgemeinen. Zweiter Teil: PMCs im Irak
Schlagworte
Private, Military, Companies, Irak, Eine, Bestandsaufnahme
Arbeit zitieren
Florian Hellberg (Autor), 2005, Private Military Companies im Irak - Eine Bestandsaufnahme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44390

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