Diese Arbeit beschäftigt sich im Folgenden zunächst mit dem Generationsbegriff in der Theorie. Woher kommt er? Wie wird er verwendet? Was bedeutet Generation und welche Merkmale haben Generationenromane? In dem theoretischen Überblick geht es zudem um die Frage, wie umfassend und disziplinübergreifend die Generationenforschung bereits betrieben wird, bevor schließlich die aktuelle soziologische Forschung zur Generation Y betrachtet wird. Die Selbstbeschreibungen der Generation Y dienen dieser Arbeit als Quellen und vermitteln einen interessanten Einblick in die Eigenwahrnehmung. Die soziologische Analyse soll aufdecken, welches Bild sich die Gesellschaft von der Generation Y macht: Welche Eigenschaften verbindet sie? Wodurch unterscheiden sie sich von Vorgängergenerationen? Welche Art von Bildung erfährt sie? Wie verhält sie sich im Beruf? Welche Beziehungen geht sie ein und wie steht sie zur Familie? Sowohl ihr politisches Interesse beziehungsweise Nichtinteresse wird analysiert als auch ihr Medien- und Freizeitverhalten.
Das mediale Interesse für Generationenzuschreibungen hat gerade in den letzten zwei Jahrzehnten Hochkonjunktur. So werden die Generationen seit Neuestem mit pauschalisierenden Etiketten versehen, wie etwa Generation Internet oder Generation Ego. Natürlich sind alle Zuschreibungen einer so großen heterogenen Gruppe wie einer Generation stark pauschalisierend. Dennoch kristallisieren sich einige Gemeinsamkeiten und Denkmuster in jeder Alterskohorte heraus.
Die Skeptische Generation wurde von der 68er-Generation abgelöst, darauf folgten die Babyboomer, dann die Generation X, welche Florian Illies als Generation Golf betitelte, dessen gleichnamiger Roman im Jahr 2000 ein durchschlagender Erfolg war, da sich so viele Menschen angesprochen fühlten. Und schließlich die heutige Generation Jugendlicher und junger Erwachsener – die Generation Y, mit der sich diese Arbeit hauptsächlich befasst. Die zwischen 1985 und 2000 Geborenen, sind die ersten Digitale Natives und besonders im Wirtschaftsteil der Tageszeitungen in aller Munde.
Auf der einen Seite werden sie als faul und arbeitsscheu, als beziehungsunfähig und gefühlsarm beschrieben, auf der anderen Seite heißt es, ihre Beziehungen sind durch den ständigen elektronischen Kontakt intensiver und sie wollen arbeiten, nur eben anders als ihre Vorgängergeneration.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Generationenbegriff und die Charakteristik des Generationenromans
2.1. Genre: Familien- und Generationenroman
2.2. Forschungsfelder
2.3. Generationen in der Literatur
2.4. Begründer der Generationenforschung: Karl Mannheim
2.5. Generation als Identitätsstifter
3. Generation Y – eine soziologische Analyse
3.1. Bildung und Beruf
3.2. Familie und Beziehungen
3.3. Politik
3.4. Medien und Freizeit
4. Die Generation Y im Spiegel der Zeitungslandschaft
4.1. Arbeitsdebatte
4.2. Bildungsdebatte
4.3. Internet-Hype
4.3.1. Warum die Generation Y so unglücklich ist
4.3.2 Generation Beziehungsunfähig
5. Die Generation Y in den Gegenwartsromanen
5.1. Schimmernder Dunst über CobyCounty
5.1.1. Erzählstil
5.1.2. Protagonisten
5.1.3. Ort
5.1.4. Themen, Motive und Metaphern
5.1.5. Rezeption
5.2. Die Glücklichen
5.2.1. Erzählsituation
5.2.2. Protagonisten
5.2.3. Ort
5.2.4. Themen, Motive und Metaphern
5.2.5. Rezeption
6. Abgrenzung zu Krachts Faserland
6.1. Exkurs: Popliteratur
6.2. Faserland
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der "Generation Y" durch eine interdisziplinäre Gegenüberstellung soziologischer Forschungsergebnisse und deren literarischer Spiegelung in zeitgenössischen Romanen. Dabei wird analysiert, inwieweit das gesellschaftliche Bild der Generation – geprägt durch Begriffe wie "Egotaktik", Leistungsdruck und eine digitale Lebenswelt – in der Literatur verarbeitet wird, und wie sich diese Generation in Abgrenzung zu den Popliteratur-Entwürfen der 1990er Jahre positioniert.
- Theoretische Fundierung des Generationenbegriffs und des Generationenromans.
- Soziologische Analyse der Generation Y: Bildung, Beruf, Beziehungen und Mediennutzung.
- Untersuchung von Stereotypen in der aktuellen Medien- und Zeitungslandschaft.
- Literatursoziologische Analyse der Romane "Schimmernder Dunst über CobyCounty" und "Die Glücklichen".
- Vergleichende Einordnung der Generationenbilder im Kontext von Popliteratur und Krachts "Faserland".
Auszug aus dem Buch
3.1. Bildung und Beruf
Der Sozialwissenschaftler Bernhard Heinzlmaier fällt wohl das härteste Urteil über die aktuelle Generation, wie bereits seine Buchtitel „Generation Ego“ und „Performer, Styler, Egoisten“ vermuten lassen. Als Jugendforscher und Leiter der Shell-Studien setzt er sich seit Jahren mit dem Thema auseinander und stellt fest, der junge Mensch von heute ist ein „homo oeconomicus“. Seine Grundthese lautet:
„Die betriebswirtschaftliche Logik hat das ganze Denken des Individuums erfasst. Es ist so selbstverständlich geworden, betriebswirtschaftlich zu denken, dass es dem Menschen nicht einmal mehr auffällt, wenn er es nicht tut. Das ganze Denken und Handeln ist auf den instrumentellen Nutzen in einem wirtschaftlichen Sinn ausgerichtet. Jeder Gedanke und jedes Tun muss seine Zweckmäßigkeit an etwas verbürgen, das außerhalb seiner selbst liegt, und das ist entweder ein ökonomischer oder ein machttechnischer Nutzen.“
Schuld daran ist laut ihm, die Bildungsmisere, die durch den Ersatz von Bildung durch Ausbildung ausgelöst wurde, statt humanistischer Bildung nach Humboldt werden heutzutage bevorzugt Fachkompetenzen vermittelt. Er prangert Fachhochschulen und privat bezahlte Universitäten dafür ebenso an, wie die Einführung von Multiple-Choice-Prüfungen an elitären Universitäten und fordert, „dass Schulen und Universitäten nicht mehr länger in erster Linie Informationen vermitteln, sondern auch Menschen erziehen und bilden sollen.“ Geisteswissenschaftliche Fächer werden von naturwissenschaftlichen verdrängt, Kultur wird abgelöst von Technologie und profitorientierte bildungspolitische Leitmetaphern wie Teamgeist, Flexibilität und Kommunikationsfähigkeit durchziehen die Schulen und Universitäten von heute. Darunter leidet vor allem die Allgemeinbildung der Hochschulabsolventen, was im Umkehrschluss den Unternehmen schadet. Dennoch wird die Generation Y durch die ökonomisierte Bildung bereits optimal auf das kommende Arbeitsleben vorbereitet, in welchem sie, egal ob selbstständig oder angestellt als Entrepreneur agieren muss. Statt Arbeitnehmerunterweisungen vom Arbeitgeber zu erhalten, muss sich der Arbeitnehmer der Gegenwart als „unternehmerisches Selbst“ oder auch als „Arbeitskraftunternehmer“ inszenieren und seine Arbeitskräfte aus sich selbst heraus mobilisieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Generationenzuschreibungen und Skizzierung der Leitfrage zur literarischen Spiegelung soziologischer Befunde.
2. Generationenbegriff und die Charakteristik des Generationenromans: Theoretische Auseinandersetzung mit der Definition von Generationen und den gattungsspezifischen Merkmalen des Generationenromans.
3. Generation Y – eine soziologische Analyse: Darstellung der Lebensbedingungen der Generation Y hinsichtlich Beruf, Familie, Politik und Medien unter Berücksichtigung soziologischer Forschung.
4. Die Generation Y im Spiegel der Zeitungslandschaft: Übersicht der medialen Debatten und der dort konstruierten positiven wie negativen Stereotype zur Generation Y.
5. Die Generation Y in den Gegenwartsromanen: Detaillierte Analyse der Romane "Schimmernder Dunst über CobyCounty" und "Die Glücklichen" hinsichtlich Erzählstil, Themen und Rezeption.
6. Abgrenzung zu Krachts Faserland: Einordnung der Romane durch einen Exkurs zur Popliteratur und den Vergleich mit Christian Krachts "Faserland".
7. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Leitfrage unter Synthese der soziologischen und literarischen Erkenntnisse.
Schlüsselwörter
Generation Y, Generationenroman, Popliteratur, Soziologie, Arbeitswelt, Identitätsstifter, Selbstoptimierung, Digital Natives, Leif Randt, Kristine Bilkau, Christian Kracht, Leistungsgesellschaft, prekäre Existenzen, Generation Golf, Faserland.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht das mediale und soziologische Konstrukt der "Generation Y" und vergleicht dieses Bild mit der Darstellung junger Erwachsener in aktuellen deutschen Gegenwartsromanen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der Generationsbegriff, die Auswirkungen einer leistungsorientierten Arbeitswelt auf die Lebensentwürfe junger Menschen, der Einfluss digitaler Medien auf Kommunikation und Identität sowie die Abgrenzung zur Popliteratur der 1990er Jahre.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es aufzudecken, ob die soziologischen Beschreibungen der Generation Y – etwa ihre Anpassungsfähigkeit, ihr Egotaktik-Verhalten oder ihr politisches Desinteresse – tatsächlich in der literarischen Produktion der Gegenwart wiederzufinden sind.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin wendet eine interdisziplinäre, literatursoziologische Vorgehensweise an, um gesellschaftliche Wandel und literarische Fiktion in Korrelation zu setzen.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil analysiert zunächst die soziologische Theorie, betrachtet dann die medialen Debatten in Zeitungen und untersucht schließlich detailliert zwei repräsentative Romane ("Schimmernder Dunst über CobyCounty" und "Die Glücklichen") sowie einen Vergleichsroman ("Faserland").
Welche Schlüsselbegriffe sind charakteristisch?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie "Egotaktik", "Leistungsdruck", "Prekariat", "Selbstoptimierung" und die Rolle des digitalen Wandels für die Identitätsbildung.
Wie unterscheidet sich die Generation Y von früheren Generationen?
Laut den analysierten Quellen zeichnet sich die Generation Y durch eine stärkere betriebswirtschaftliche Logik, den Zwang zum permanenten "Selbstmanagement" und eine stärkere Orientierung am Privaten bei gleichzeitigem politischem Desinteresse aus.
Was ist die zentrale Erkenntnis zu den untersuchten Romanen?
Die Autorin stellt fest, dass die Romane die soziologische Diagnose der Generation Y (Anpassung, Oberflächlichkeit, Unsicherheit) widerspiegeln, dabei jedoch die Figuren oft in einer "sprachlosen" oder "roboterhaften" Art darstellen, die eine tiefere existenzielle Not oft hinter einer glatten Fassade verbirgt.
Welche Bedeutung hat das "Faserland" für den Vergleich?
Krachts Roman dient als historische Vergleichsgröße (Popliteratur der 90er), um aufzuzeigen, wie sich jugendlicher Protest oder dessen Ausbleiben von einer drogeninduzierten Flucht hin zur strukturellen Anpassung an einen neoliberalen Arbeitsmarkt gewandelt hat.
- Arbeit zitieren
- Ronja Menzel (Autor:in), 2017, Generation Y. Literarische und Soziologische Aspekte eines Begriffes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/443983