Das Problem der Literarisierungen in Wolfgang Koeppens "Jakob Littners Aufzeichnung aus einem Erdloch"


Hausarbeit, 2004

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Chronologische Übersicht der verschiedenen Ausgaben

2. Entstehungsphase beider Texte

3. Transformation: vom Erlebnisbericht Bericht zum ›Roman‹
3.1 Textvergleich und Analyse
3.1.1 Erste Texpassage: Littners Verhaftung
3.1.2 Zweite Textpassage: Zugfahrt zur polnischen Grenze
3.1.3 Dritte Textpassage: Littner in Prag

4.1 Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse
4.2 Fazit

5. Bibliographie

1.1 Einleitung

In der frühen Literatur überlebender Opfer der Shoah nach 1945 stechen bestimmte Besonderheiten ihrer Texte hervor. Es handelt sich um authentische Erlebnisberichte der ›Kronzeugen‹ des Holocausts. Sie zeichnen sich aus durch einen oftmals nüchternen, dokumentarisch-sachlichen, darstellenden Stil. Es wird berichtet über das Leiden in Konzentrationslagern und Ghettos. Diese frühen Dokumente sind geprägt von der Idee, das Andenken an die Opfer des Holocausts aufrecht zu erhalten und - wichtiger noch - die verantwortlichen Täter zu nennen und sie somit individuell verantwortbar für ihre Verbrechen zu machen.

Walter Poller (Arztschreiber im KZ Buchenwald) beschäftigt sich 1946 mit der Frage, wie man diese unfassbaren Verbrechen überhaupt glaubhaft jemandem ver- mitteln könne und wie man Gerechtigkeit - wenn überhaupt - erwirken könne, mit dem Schluss:

»Und es blieb und bleibt nur eine einzige Mög- lichkeit, den Wahrheitsbeweis für das zu er- bringen, was unglaubliche Wahrheit ist, [...], auch dem letzten anständigen Deutschen die maskenlose Fratze des Nationalsozialismus aufzuzeigen.

Und diese Einzige Möglichkeit ist: Alle noch le- benden Konzentrationäre müssen unabhängig voneinander unter Eid zu Protokoll vernom- men werden. Es ist genau festzulegen, was

sie persönlich sahen, erlebten, durchlitten. Und was dann deckungsgleich bekundet wird, das mag der Staat in dem einzigen Buch do- kumentarisch niederlegen zur Kenntnis derer, die die Verantwortung für das Schicksal des deutschen Volkes tragen. [...] ich will es hier doch niederschreiben, [...], wie ich es erlebte, ohne etwas zu verschweigen und ohne etwas hinzuzusetzen.«1

Unter diesem Eindruck eines authentischen Erlebnisberichts erscheint 1948 Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch. Es handelt von der Leidensgeschichte eines renommierten deutsch-jüdischen Briefmarkenhändlers aus München mit pol- nischer Staatsbürgerschaft, der im März 1939 Deutschland Richtung Osten verlas- sen muss und in Zbaracz - in der heutigen Ukraine gelegen - das ganze Ausmaß des NS-Terrors erlebt, in einem kleinen Kellerloch versteckt, überlebt und 1945 als überlebender Zeuge der Verbrechen in seine Heimat München zurückkehrt.

Wie man heute weiß, sind die Aufzeichnungen in Hinblick auf Authentizität des Erlebten in dem Bewusstsein zu lesen, dass ein Erlebnisbericht des realen Littner im Hintergrund in Form eine 183-seitigen Typoskripts existierte Dieses wurde aber literarisch von Wolfgang Koeppen überarbeitet und zu einer neuen Geschichte - Koeppens Geschichte, wie er selbst sagt, zu seinem ›Roman‹.3

Ziel dieser Arbeit ist, diese Transformation darzulegen, die Unterschiede zwischen Koeppens ›Roman‹ und Littners Originalmanuskript herauszuarbeiten und die Fra- gen zu beantworten: Ist es für die historische Beurteilung der Shoah problematisch, ein literarisch bearbeitetes Zeitzeugnis 1948 als authentischen Erlebnisbericht aus- zuweisen? Und warum bekennt sich Koeppen damals nicht namentlich zu seiner Autorschaft, wie es beispielsweise bei Hilde Huppert / Arnold Zweig4 der Fall war? Methodisch sollen beide Texte exemplarisch auf literarisierende Eingriffe Koeppens verglichen und analysiert werden, nach allgemeinen und detaillierten sowie forma- len und inhaltlichen Aspekten.

1.2 Chronologische Übersicht der verschiedenen Ausgaben

Um Missverständnisse und Verwirrungen im Verlauf der Untersuchungen zu vermeiden, sollen hier kurz die untersuchten Ausgaben chronologisch aufgelistet und äußerlich Unterschiede bereits festgehalten werden:

1948 — Erstausgabe: Jakob Littner Aufzeichnungen aus einem Erdloch, Kluger Verlag, München.

1985 — unveränd. Nachdruck der Erstausgabe: Jakob Littner Aufzeichnungen aus einem Erdloch, Kupfergraben Verlagsgesellschaft, Berlin.

1992 — Wolfgang Koeppen: Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch. Unveränd. Nachdruck der Erstausgabe. Mit einem Vorwort von Wolfgang Koeppen; auf dem Buchumschlag als ›Ro- man‹ bezeichnet. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.

1994 — identisch mit der Ausgabe von 1992, aber der Begriff ›Roman‹ ist vom Umschlag getilgt. 2002 — Jakob Littner Mein Weg durch die Nacht. Ein Dokument des Rassenhasses. Hrsg. von Roland Ulrich und Reinhard Zachau, Metropol Verlag, Berlin.

2002 — Wolfgang Koeppen Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch. Mit einem Nachwort von Alfred Estermann. Auf dem Umschlag steht abermals ›Roman‹. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main.

Die Ausgaben von 1948 und 1985 sind in Textgestalt und Inhalt identisch. Es sind die Veröffentlichungen des von Koeppen literarisch bearbeiteten Originalmanu- skripts Jakob Littners. Dennoch beinhalten einige Exemplare der Auflage von 1948 »ein Blatt mit einem Widmungstext [für die Opfer aus Littners Familie - Anmerk. von mir], der aus jenem Littnerschen Original stammte, das dem Verlag übergeben worden war«.5

Alle, im Suhrkamp Verlag erschienenen Ausgaben unterscheiden sich im Beson- deren durch ein neues Vorwort Koeppens aus dem Jahr 1991, sowie einem neuen Titel, worin sich der Autor der Erstausgabe nun als Titelfigur in Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch wieder findet. Des Weiteren taucht der Zusatz ›Roman‹ auf den Umschlägen der Ausgaben von 1992 und 2002 auf. Es liegt also ein Gattungswechsel vor: vom authentischen Erlebnisbericht zur fiktiven Erzählung eines Romans. Die Suhrkamp-Ausgabe von 2002 enthält zusätzlich ein Nachwort von Alfred Estermann (Buchwissenschaftler an der Uni Mainz), welches die For- schung zu Littner und Koeppen darlegt. Von einem »unveränderten Nachdruck der Erstausgabe« kann also in Hinblick auf die o. g. Unterschiede nicht die Rede sein. Alle bisher genannten Ausgaben enthalten als Haupttext denselben Text wie die Erstausgabe von 1948. Lediglich die 1996 in der Colloquia Germanica erschie- nen Auszüge aus dem Originalmanuskript Littners, sowie das 2002 in Buchform erschienene Werk Mein Weg durch die Nacht stammen allein von Littner. Im We- sentlichen haben wir es also mit zwei Haupttexten zu tun. Einmal dem zuerst 1948 veröffentlichten, literarisch von Koeppen überarbeiteten - im weiteren Verlauf der Arbeit mit ›KL‹ bezeichnet, und dem erst posthum wieder entdeckten (1996) Origi- naltext von Littner (2002) - im Folgenden durch ›L‹ gekennzeichnet. Die in Zitaten verwendeten Seitenangaben bei KL beziehen sich auf die Ausgabe von 1985 und im Fall L auf die Ausgabe von 2002.

In den weiteren Abschnitten der Arbeit sollen Entstehungszeit und -prozess beider Werke dargestellt und beide Texte verglichen werden, um dann zum Schluss zu einer Beurteilung in Hinblick auf die Fragestellung zu gelangen.

2. Entstehungsphase beider Texte

Um bei der Analyse der Texte nicht vorschnell zu urteilen, sollen hier gesellschaftliche und politische Faktoren der frühen Nachkriegsjahre, die u.U. bei der Entstehung von Littners und Koeppens Texten von Bedeutung sein können mit in die Beobachtungen und Beurteilung einfließen.

Als Jakob Littner im August 1945 nach München zurückkehrt ist Deutschland stark zerstört. Es herrscht soziales Elend und eine »innere Spaltung Deutschlands«6 vollzieht sich durch die verschiedenen Konzepte von Verwaltung und Demokrati- sierung innerhalb der Besatzungszonen. Zu dieser Zeit verfasst Littner innerhalb von zwei Monaten akribischer Arbeit sein Manuskript Mein Weg durch die Nacht. Ein Dokument des Rasssenhassses. Erlebnisbericht, aufgezeichnet von J. Littner. 7 Er zeigt hier eine, durch seine Religion geprägte versöhnliche Haltung den Deut- schen gegenüber, die u.a. im Vorwort zum Ausdruck gebracht wird: »Wenn ich ei- nen kleinen Beitrag zur Versöhnung der Menschheit gegeben haben sollte, so wäre das mein schönster Lohn.« (L S. 13). Ulrich spricht in diesem Kontext von einer »geistige(n) Problemlage: Die jüdischen Mitbürger hatten, um wieder in die Lebens- gemeinschaft der Deutschen aufgenommen zu werden, den Völkermord im Zeichen der Versöhnung darzustellen.«8 In der Folgezeit versucht er einen Verleger für seine Aufzeichnungen zu gewinnen. Nach einem Gutachten9, demzufolge das Typoskript überarbeitet werden sollte, um drucktauglich zu sein, kommt Littner letztendlich in Kontakt mit dem neugegründeten Kluger Verlag, wo Koeppen tätig ist. Im April 1947 wird man sich vertragseinig, dass Werk L einer redaktionellen Bearbeitung zu unterziehen. Es werden 5000 RM für diesen Auftrag veranschlagt.10

Als das Werk 1948 - nun literarisch überarbeitet und einen neuen Titel tragend erscheint, sind die Folgeprozesse des Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunals noch nicht abgeschlossen und die Bevölkerung ist stark gebeutelt durch die Währungsre- form. Das Buch findet nicht den gewünschten Absatz, obwohl die äußeren Umstän- de dafür sprechen. Die Menschen sind begierig nach Literatur, und auf Grund der extremen Materialknappheit in fast allen Bereichen des täglichen Lebens wird auch Papier von den Alliierten Militärbehörden nach bestimmten Kriterien vergeben. Da sie eine programmatische »Umerziehungs- und Aufklärungsstrategie«11 verfolgen, werden Verlage, die Opfer-Biographik im Programm führen, bevorzugt behandelt. Es ist beabsichtigt, dass sich die Deutschen mit ihrer jüngsten Vergangenheit aus- einandersetzen. Doch dies geschieht nicht, das Buch verkauft sich schlecht. Es sind aus dieser Zeit bisher nur insgesamt vier Rezensionen bekannt.12

3.1 Transformation: vom Erlebnisbericht Bericht zum ›Roman‹

In diesem Abschnitt soll auf die Techniken, die der Schriftsteller Koeppen bei seiner literarischen Umgestaltung an Littners Quelltext (L) anwendet, eingegangen wer- den. Da es sich bei seinem Schaffen um den Auftrag handelte, Littners Typoskript drucktauglich zu machen, musste sich Koeppen mit zweierlei Problemen bei der Überarbeitung auseinandersetzen, die Döring als »sprachliche Täuschungshand- lung«13 und »Darstellungsproblem in gleich doppelter Hinsicht«14 betrachtet: Ei- nerseits sollte der Inhalt des Erlebten so glaubhaft und authentisch wie möglich geschildert werden, zum Anderen sollte aber auch der Anschein erweckt werden, hier sei ein Briefmarkenhändler und kein Schriftsteller am Werk, um seine Tätigkeit als ›Ghostwriter‹ zu verschleiern.

3.2.1 Textvergleich und -analyse

Zwischen Littners Mein Weg durch die Nacht und Koeppens Aufzeichnungen aus einem Erdloch lassen sich äußerlich und formal auf ersten Blick folgende allge- meine Unterschiede festhalten: Littners Bericht (L) ist ein chronologisch zusam- menhängender, fortlaufender, im Präteritum verfasster Text. Man findet fortweg Datums- und Ortsangaben. Littner dokumentiert Korrespondenzen zwischen ihm und Familienangehörigen und verweist auf wichtige Dokumente (vgl. L S. 136). Koeppen reduziert diese Korrespondenzen auf den Briefwechsel mit seinem Sohn. Auch bricht er die Struktur des fortlaufenden Textes zugunsten eines fragmenta- rischen, abschnitthaften Aufbaus. Schon auf den ersten Blick erkennt man bei ihm die großen Absätze zwischen einzelnen Textabschnitten (3 - 4 Leerzeilen), welche manchmal nur einen Satz beinhalten können (vgl. KL S. 64). Der abschnitthafte Textaufbau erweckt den Eindruck, dass hier Koeppens Littner Tagebuch zu führen scheint, da manchmal eine gewisse zeitliche Distanz zwischen den Aufzeichnungen der Abschnitte zu liegen scheint. Er verwendet Perfekt und Präsens als Tempora, was dem Leser eine zeitliche Nähe zum Geschehen suggeriert. Es wird in wechseln- der Quantität und sprachlicher Qualität festgehalten, was Littner erlebt, empfindet. Bei der folgenden Textanalyse werde ich versuchen, auch bisher weniger unter- suchte Textstellen einzubringen.

3.2.2 Erste Passage: Littners Verhaftung

Koeppen bringt verschiedene Erzählebenen zusammen, wie der Vergleich verschiedener Textpassagen verdeutlicht. Ein frühes Beispiel hierfür findet sich in der Schilderung der Festnahme Littners in seiner Münchner Wohnung:

»Es war noch dunkel, als es an meiner Tür läutete. Ich wachte auf und sah, daß es erst fünf Uhr war. Ich wußte sofort, daß etwas furchtbares auf mich zukam. Es gab ein altes Gerücht, nach dem man um diese Zeit »ab- geholt« wird. Ich habe dem Gerücht nicht geglaubt. Ich habe es nicht beachtet. Aber jetzt, als im schlafenden Haus meine alte Türglocke so merkwürdig schrill und fremd zu hören war, da wußte ich, es ist wahr, es ist so, sie sind da! Ich rannte zur Tür, als ob ich den Lärm der Glocke ersticken wollte. Es war, als ob ich mich vor dem schlafenden Haus eines Läutens schämte, das die Abholung der Diebe ankündigt. Sicher war es auch Furcht, panische Furcht, die mich zur Tür rennen ließ, wie einer Rettung entgegen; denn das Unver- meidliche schnell geschehen, damit es vorbei ist. Meine nackten Füße liefen über den Tep- pich, wie über brechendes Eis.

[...]


1 Poller (1960)[3] Koeppen (1992, 1994, 2002) ›Vorwort‹.

2 Zachau (2002a) S. 176 3

4 Huppert (1990)

5 Estermann (2002a) S. 151 4

6 Ploetz (1998) S. 1399

7 Estermann (2002b) S. 189 5

8 Ulrich (2002) S.202

9 Estermann (2002a) S. 141 f. Döring (2001) S. 273

10 Estermann (2002a) S. 141 f. Döring (2001) S. 273

11 Döring (2001) S. 265 6

12 Estermann (2002a) S. 154 9, 10 13, 14

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Problem der Literarisierungen in Wolfgang Koeppens "Jakob Littners Aufzeichnung aus einem Erdloch"
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
19
Katalognummer
V44401
ISBN (eBook)
9783638420099
ISBN (Buch)
9783640419708
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Problem, Literarisierungen, Wolfgang, Koeppens, Jakob, Littners, Aufzeichnung, Erdloch
Arbeit zitieren
Thorsten Klasen (Autor), 2004, Das Problem der Literarisierungen in Wolfgang Koeppens "Jakob Littners Aufzeichnung aus einem Erdloch", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44401

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