Formen der Macht in der Schule nach Michel Foucault. Wie wird Macht in der Schule umgesetzt?


Hausarbeit, 2018
26 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Macht nach Michel Foucault
2.1 Michel Foucault
2.2 Erläuterung des Machtbegriffs

3. Institutionelle Macht
3.1 Disziplinarmacht/ -gesellschaft
3.2 Kontrollgesellschaft

4. Vom Lehrer ausgehende Macht
4.1 Symmetrieantinomie
4.2 Autonomieantinomie

5. Strategien gegen Macht
5.1 Beobachterperspektive
5.2 Selbstbestimmung

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema dieser Hausarbeit lautet „Formen der Macht in der Schule nach MichelFoucault“. Gewählt habe ich es, da in der Schule das Thema Macht ein Tabuthema ist,obwohl diese überall vorhanden ist. Im Kontext Förderschule spielt Macht eine große Rol-le vor allem in der Arbeit mit Schüler/innen mit komplexer Behinderung. Hier meinen diePersonen, die mit dieser Personengruppe arbeiten, dass sie nur das Beste wollen unddadurch Arbeiten und Handlungen übernehmen, obwohl der Schüler/in es vielleicht selbstkönnte. Es wird teilweise nur die Abhängigkeit dieser Personen gesehen. So wird zumTeil auch über den Köpfen dieser Menschen entschieden ohne sie zu fragen oder inKenntnis zu setzen. Elias hat es in seinem Zitat auf den Punkt gebracht: „Insofern als wirmehr von anderen abhängig als sie von uns, mehr auf andere angewiesen sind als sie aufuns, haben sie Macht über uns, ob wir nun durch nackte Gewalt von ihnen abhängig ge-worden sind oder […] durch unser Bedürfnis nach […] Gesundung […] und Abwechslung“(Elias 1986, 97). Denn auch „Die Lexika sagen im Wesentlichen zwei Dinge: Macht seiVerfügung über andere Personen oder Sachen, […]“ (Hentig 1982, o. S.).

Diese Arbeit beschäftigt sich mit Macht und den Formen nach Michel Foucault. Darüberhinaus wird aufgezeigt, wie sie in der Schule umgesetzt wird. In diesem Fall wird die Me-soebene von Schule untersucht, also welche strukturelle Gegebenheiten der Macht vor-handen sind, gefolgt von der Mikroebene von Macht, also den Beziehungen bzw. dasVerhältnis zwischen Lehrkräften und Menschen mit Behinderung. Darauf basierend wer-den Strategien aufgezeigt um diese aufzuheben. Daraus ergeben sich folgende Fragen:Welche Formen der Macht gibt es in der Schule? Gibt es Möglichkeiten diese auszuglei-chen?

Dadurch das Foucault verschiedene Formen von Macht identifiziert hat, wird in dieserArbeit nur auf die Disziplinarmacht eingegangen. Der Machtbegriff wird ebenfalls auf dieWerke „Überwachen und Strafen“ sowie „Analytik der Macht“ von Foucault reduziert. DesWeiteren wird sich auf keine andere Machtbestimmung, wie beispielsweise die von We-ber, Elias, etc. bezogen, da dies der Rahmen der Hausarbeit nicht zulässt. Bei der Diszip-linarmacht wird sich allgemein auf das Schulsystem in Deutschland bezogen und nichtexplizit auf die Förderschule. Dies liegt daran, dass alle Schulformen gemeinsame Vorga-ben haben, die sie umsetzen müssen. Denn in Förderschulen gibt es genauso Strukturenin Form von Fächern, Zeiteinteilung, Noten bzw. Zeugnissen, Klassen etc. Es wird auchnicht nach unterschiedlichen Förderschwerpunkten und Behinderungsformen differenziert,weil alle Schüler/innen mit Behinderung in unterschiedlichen Ausmaßen von irgendeinerForm von Macht betroffen sind. So wird Macht nicht auf der Makroebene von Schule un-tersucht, also welche Auswirkungen Staat, Gesellschaft, Wirtschaft usw. auf die Schulehaben.

Foucault ist im Bezug zur Schule immer noch aktuell, da ein Teil seiner Disziplinarmacht immer noch im Schulsystem umgesetzt wird, wie etwa die Zeiteinteilung durch Stundenpläne oder die Klassenzusammensetzung nach Alter, Entwicklungsstand etc. Dies ist auch in Förderschulen so, da hier auch erst einmal nach Behinderungsart und dann nach Entwicklungs- und Leistungsstand sortiert wird. Im Zuge der Inklusion ändert sich einiges, aber grundlegende Strukturen sind immer noch vorhanden. Allerdings vollzieht sich in Schulen ein Wandel dahingehend, dass sich vermehrt mit Schulentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit usw. auseinandergesetzt wird, deswegen findet auch Deleuzes Ansatz der Kontrollgesellschaft Berücksichtigung in dieser Arbeit.

Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine auf Literatur basierte Arbeit. Dabei ist die Me-thode dieser wissenschaftlichen Arbeit das hermeneutische, also Quellen untersuchendeVorgehen. Es wurde sich deshalb hauptsächlich auf Foucault und Sekundärliteratur überihn bezogen. Allgemein wurde sich auf Quellen aus der Sonder-, Heilpädagogik und all-gemeinen Pädagogik bezogen aber auch zum Teil aus der Soziologie.Die Arbeit beschäftigt sich zunächst allgemein mit Foucault und seinem Machtbegriff inden o.g. Werken, damit man Überblick bekommt mit welchem Machtverständnis fortge-führt wird. Es folgt eine genaue Darstellung der Disziplinarmacht sowie der Kontrollgesell-schaft in der Schule auf der Mesoebene, dabei werden die verschiedenen Formen dieserbeschrieben. Als nächstes rückt die Mikroebene in den Blickpunkt. Hier werden die Be-ziehungen zwischen Lehrkräften und Schüler/innen mit Behinderung besonders unter denAspekten von Stellvertretung und Selbstbestimmung analysiert. Dadurch wird die Proble-matik von Menschen mit Behinderung beschrieben. Als Lösungsvorschläge dient dasnächste Kapitel, da hier zwei Strategien des Machtausgleichs beschrieben werden, die andas vorige Kapitel anknüpfen. Zum Schluss wird ein Fazit gezogen.

2. Macht nach Michel Foucault

Im nachfolgenden Kapitel wird sich mit Michel Foucault beschäftigt. Dazu wird zunächst etwas über sein Leben und Wirken dargestellt sowie die philosophische Tradition Foucault dessen. Anschließend wird sein Machtbegriff genauer analysiert und erläutert. Dazu muss gesagt werden, dass Foucault keine Theorie über Macht verfasst hat, sondern eine Analyse dieser. Als Grundlage dafür dient sein Werk „Überwachen und Strafen“ von 1975 sowie das Werk „Analytik der Macht“ in der Ausgabe von 2017.

2.1 Michel Foucault

Michel Foucault ist am 15. Oktober 1926 in Poitiers in Frankreich geboren. 1946 nahm ersein Studium an der Ecole Normale Supérieure (ENS) auf (vgl. Kammler u.a. 2014, 1f).Seine wichtigsten Lehrer waren Louis Althusser, Jean Hyppolité und Maurice Merleau-Ponty. 1951 schloss er sein Studium im Fach Philosophie ab und 1952 erhielt er sein Dip-lom in Psychopathologie (Mazumdar 1998, 79). Im Oktober 1952 übernahm er die Stelle als Assistenzprofessor für Psychologie an der Universität Lille (vgl. Kammler u.a. 2014, 2).

Es folgten Stellen in Uppsala, Warschau und Hamburg dort arbeitete er als Direktor anverschiedenen französischen Kulturinstituten. 1962 trat er eine Professur für Psychologiean der Universität Clermond-Ferrand an. Nach und nach setzt er sich in Opposition zu derüberwiegend philosophischen Strömung mit Jean-Paul Sartre als prominentestemn Ver-treter auseinander. Foucault wird häufig auch als Strukturalist bezeichnet und stellt sich zudieser Zeit sozusagen als Anti-Sartre dar. Von 1966 bis 1968 ist Foucault Professor fürPhilosophie in Tunis, 1968 leitet er das Institut für Philosophie an der Reformuniversität inVincennes (bei Paris) (vgl. Mazumdar 1998, 79 f). 1970 wird er auf den Lehrstuhl für die„Geschichte der Denksysteme“ am Pariser „College de France“ berufen. In den nächstenJahren vereinbart er die Machtakzentuierung in seiner Arbeit und die Darstellung von Dis-kursen mit seinem politischen, öffentlichen Engagement, in dem er sich mit den Verhält-nissen in Gefängnissen, den Auswirkungen rassistischer Tendenzen, der Situation poli-tisch Gefangener usw. beschäftigt (vgl. Kammler u.a. 2014, 5 ff). Am 25. Juni 1984 stirbtFoucault in Paris (vgl. Mazumdar 1998, 82).

Foucault lässt sich am ehesten in die kritische Tradition der Philosophie einordnen, die auf Kant zurückgeht. Sein unternehmen könnte man auch „kritische Geschichte des Denkens“ nennen (vgl. ebd., 498). Unter denken versteht er den Akt (vgl. ebd.)

„[…] der ein Subjekt und ein Objekt in all ihrer verschiedenen möglichen Beziehungen zueinander setzt, dann wäre eine kritische Geschichte des Denkens eine Analyse der Bedingungen, unter denen bestimmte Beziehungen von Subjekten zu Objekten in dem Maße geformt und verändert werden, wie diese konstitutiv für ein mögliches Wissen sind“ (ebd.).

Es geht also darum den Modus der Subjektivierung zu bestimmen, denn dieser unterscheidet sich je nachdem um welches Wissen es sich handelt. Des Weiteren geht es darum zu bestimmen, welche Bedingungen etwas zum Objekt eines möglichen Wissens werden kann (vgl. Mazumdar 1998, 498 f). Damit ist die Objektivierungsweise gemeint, die sich je nach der Art des Wissenstypus, um den es sich handelt unterscheidet. Hierbei sind Subjektivierung und Objektivierung nicht voneinander unabhängig. Daraufhin hat Foucault eine Analyse der Subjektivierung- und Objektivierungsprozesse begonnen1 (vgl. ebd., 499 f). Mit einer von diesen Arbeiten beschäftige ich mich im Nachfolgenden genauer und zwar mit dem Werk „Überwachen und Strafen“.

2.2 Erläuterung des Machtbegriffs

Foucault beschreibt in „Überwachen und Strafen“ eine veränderte Strategie der Macht-ausübung, die Ende des 18., Anfang des 19.Jahrhunderts zunehmend beginnt sichdurchzusetzen. An der Stelle offener und direkter Gewaltausübung tritt ein anonymes,entkörperlichtes System von Macht, das - hinter der Forderung nach formal gleichenRechten für alle Bürger - Differenzierungen, damit Ungleichheiten und Macht sichert, aus- baut und legitimiert. Träger dieser Veränderungen sind zunächst institutionalisierte Diszip- linen (Gefängnisse, Armeen, Schulen, Spitäler, Fabriken); ihnen obliegt es, eine neueÖkonomie der Macht zu etablieren, die geeignet ist eine quantitativ und an Komplexitätständig zunehmende Gesellschaft nicht bloß zu kontrollieren, sondern auch die Effektivitätder Nutzbarmachung individueller und gesellschaftlicher Kräfte zu steigern (vgl. Foucault2016/ vgl. Kammler u.a. 2014, 68 - 79/ vgl. Ruoff 2009, 40 f/ vgl. Saar 2017, 157 - 173).Aus diesen Institutionen entwickelt sich die Disziplin als ein verallgemeinerbares Prinzip,eine spezifische Technik der Macht:

„Wir können sagen, dass die Disziplin das einheitliche technische Verfahren ist, durch welches die Kraft desKörpers zu den geringsten Kosten als ‘politische’ Kraft zurückgeschraubt und als nutzbare Kraft gesteigertwird. Das Wachstum einer kapitalistischen Wirtschaft hat die Eigenart der Disziplinargewalt hervorgerufen,deren allgemeine Formeln, deren Prozeduren zur Unterwerfung der Kräfte und der Körper, deren ‘politischeAnatomie’ in sehr unterschiedlichen politischen Regimen, Apparaten oder Institutionen eingesetzt werdenkönnen“ (Foucault 2016, 284).

Dieses technische Verfahren beruht auf einem hierarchischen Netz von Positionen, Ab-ständen und Beziehungen durch rigorose Strukturierung von Raum - zur Zuteilung eineseindeutig bestimmbaren Ranges - demnach ist nicht die Person einmalig, sondern derRang, die Position, die von beliebig austauschbaren Personen eingenommen wird unddiese definiert und Zeit zur Kontrolle und Effektivitätssteigerung der Tätigkeiten. Instru-mente zur Platzierung des Körpers in diesem Netz von Relationen sind die hierarchischeÜberwachung und die normierende Sanktion (vgl. Foucault 2016, 279-284/ vgl. Ruoff2009, 147). Die hierarchische Überwachung ersetzt direkte Gewalt tendenziell durch ge-genseitige, möglichst lückenlose Kontrolle und Archivierung des so erworbenen Wissens.Die Zweiteilung zwischen denen, die Macht ausüben und denen, die sie erleiden, weichteinem System, in dem jeder in abgestuftem Ausmaß Träger, Objekt und Instrument derMacht ist (vgl. Foucault 2016, 226 ff). „Denn die Überwachung beruht zwar auf Individuen,doch wirkt sie wie ein Beziehungsnetz von oben nach unten und bis zu einem gewissenGrade auch von unten nach oben und nach den Seiten“ (ebd., 228). Das eben erwähnteNetz hält das Ganze zusammen und durchsetzt es mit Machtwirkungen, die sich gegen-seitig stützen. Die Macht ist in der hierarchisierten Überwachung der Disziplinen keineSache, die man innehat also kein Eigentum, das man überträgt; sondern eine Maschine-rie, die funktioniert (vgl. ebd., 228).

Nachdem erläutert wurde wie sich die Strategie der Machtausübung verändert hat, wirddaraufhin versucht eine Definition von Macht zu bilden. Eine Analyse der Macht mussFoucaults Ansicht nach andere Wege suchen, jenseits von Zuschreibungen anhand vonGesetz, Regeln und Verboten. Die Frage nach der Macht muss folglich anders gestelltwerden, sie darf sich nicht auf rechtssoziologische oder ethnologische Betrachtungenbeschränken. Darüber hinaus stellt sich ein zweites Problem im Umgang mit der Machtdar. Sie wird innerhalb der Gesellschaft überwiegend als restriktiv und negativ verstanden(vgl. Foucault 2017, 221 f). Wie dies dann in der ultima ratio aussehen konnte schildert Foucault zu Beginn seines Werkes „Überwachen und Strafen“. Der Vatermörder Damiens wurde für sein deviantes Verhalten mit den peinlichen Strafen belegt, die nach größtenQualen seinen Tod zur Folge hatte (vgl. Foucault 2016, 9 - 43). Diese rechtliche Fixierungim Umgang mit Delinquenten repräsentierte zum einem die Macht des Herrschers, führteaber eben auch zu jener negativen Besetzung des Begriffes in der Folgezeit. Daher, soFoucault, muss die Beschränkung, die lediglich auf die Repräsentation von Macht in Formvon Gesetz, Regel, Souverän und Verbot beruht zu Gunsten einer Analyse ersetzt wer-den, die nach den positiven Mechanismen der Macht sucht (vgl. Foucault 2017, 224 f).

Für die Neuzeit bis in die Gegenwart bedeutet dies einen ständigen Wandel der Macht-formen. War den Mächtigen noch daran gelegen, den Körper des Delinquenten dem Volkals Zeichen ihrer Herrschaft und der damit einhergehenden Strafgewalt zu präsentieren,machten sie ihn zum Objekt für jegliche Form devianten Verhaltens. Doch waren dieseMethoden kostspielig, äußerst aufwendig und dazu zum Teil auch für den Absolutistengefährlich, wenn die Begeisterung für das Schauspiel in Sympathie für den Verurteiltenumschlug. Im Zuge einer sich immer mehr herausbildenden gesellschaftlichen Struktur,trat das Theater des Schreckens in den Hintergrund zugunsten einer weniger Aufsehenerregenden Form der Bestrafung (vgl. Foucault 2017, 228). Diese Form der Machtaus-übung änderte sich bei modernen Staaten, welche auf eine etablierte Machttechnik zu-rückgriffen, die sogenannte Pastoralmacht2 (vgl. Foucault 2017, 248 f).

Daraufhin entschied sich Foucault nach dem ‚Wie‘ der Macht als Ausgangspunkt zu fra-gen. Der Vorteil dieser Herangehensweise liegt auf der Hand. Die Fragen nach dem ‚Was‘und ‚Warum‘, der Suche nach ihrem Wesen, ihrer gemeinsamen Ursache führten zwangs-läufig immer wieder zum Ergebnis, einen Begriff zu erhalten, der auf Gesetze, Institutio-nen oder Ideologien zurückführte und daher beschränkt blieb (vgl. Foucault 2017, 251).„Die Frage lautet nicht, wie Macht sich manifestiert, sondern wie sie ausgeübt wird, alsowas da geschieht, wen jemand, wie man sagt, Macht über andere ausübt“ (ebd.). Er un-terscheidet folglich drei verschiedene Formen von Macht: Die Macht über Dinge entschei-den und verfügen zu können bezeichnet er als Fähigkeit. Die Zweite findet er in denKommunikationsbeziehungen in Form von Sprache und Zeichen. Drittens sieht er sie inden Machtbeziehungen zwischen Individuen, was auf eine wechselseitige Beeinflussungder jeweiligen Handlungen schließen lässt. Alle drei Bereiche, sind für sich eigenständig,dürfen nicht wahllos miteinander vermischt werden, auch wenn sie in einem gewissenBeziehungsgefüge zueinanderstehen. Sie stärken sich vielmehr gegenseitig und ergän-zen sich, indem sie als Instrument der jeweils anderen Form dienen (vgl. ebd., 252 f).

Demnach muss Macht immer wieder neu entdeckt und erfunden werden. Sie ist damitgleichzeitig auch nicht an einen bestimmten Bereich von Personen oder Institutionen perse gebunden. In Machtbeziehungen ist entscheidend, dass das Handeln nicht direkt und unmittelbar auf dem Gegenüber einwirkt, sondern auf dessen beabsichtigte Handlung.

Gewalt oder Konsens sind zwar nicht ausgeschlossen um Machtinteressen durchzuset-zen, aber sie sind lediglich Mittel oder Wirkung und niemals das Prinzip der Macht ansich. Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass Macht im Sinne Foucaults darauf abzieltdas Handeln des Gegenübers zu beeinflussen. Der Ansatz muss um den Aspekt der Frei-heit erweitert werden. Denn Handeln, so Foucault, setzt das freie Subjekt als Eigenschaftfür jede Handlung voraus. Daher kann auf Sklaven auch niemals Macht ausgeübt werden,sondern lediglich Zwang, da diese nicht über die Fähigkeit des Frei-Seins verfügen. Frei-heit und Macht schließen sich daher also nicht aus und dürfen auch nicht als ein grundle-gender Gegensatz verstanden werden. Dennoch bedeutet das, die Freiheit muss sichzugleich immer wieder gegen eine völlige Machtausübung zu Wehr setzen oder diesezumindest immer wieder hinterfragen und prüfen (vgl. Foucault 2017, 255 - 263).

Geht man den Gedankengang Foucaults weiter, so kommt man zu folgenden Entschluss:Der Mensch ist ein handelndes Wesen, an sich wie auch an anderen. Damit erzeugt eralso ständig Machtbeziehungen, sobald er auf das Handeln anderer einwirkt. Je nachdemüber welches Potential er verfügt, wird der andere in seiner Freiheit umso mehr beschnit-ten. Unter Potential können dann auch die strategischen Überlegungen verstanden wer-den, die darauf bedacht sind, erwartetes Verhalten ebenso wie die Wahl von bestimmtenMitteln, die die Handlung beeinflussen können, ins Kalkül zu ziehen. Das Gegenüber sei-nen Handlungsmöglichkeiten zu berauben wäre ein weiteres strategisches Mittel um dieeigene Machtbeziehung noch effizienter gestalten zu können (vgl. Foucault 2017, 261).

Auch in der Schule finden sich diese Formen wieder. Wie das im Einzelnen aussieht, wird in den nächsten Kapiteln noch ausführlicher geklärt.

3. Institutionelle Macht

Im nachfolgenden Kapitel wird die Disziplinarmacht/ -gesellschaft nach Foucault dargestellt und wie diese in der Schule umgesetzt wird. Danach wird von Gilles Deleuze „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ aufgezeigt und wie sich die Schulen seiner Meinung nach verändern werden weg von der Disziplinargesellschaft.

3.1 Disziplinarmacht/ -gesellschaft

Im Nachfolgenden wird erläutert, was man unter Disziplinarmacht nach Foucault versteht.Anschließend findet einer Herausarbeitung statt, welche Rolle die Schule dabei spielt undwie diese angewendet wird. Wie oben bereits erwähnt, gibt es keine Freiheit ohne Macht.Die neu erworbene Freiheit des Individuums hat allerdings einen Preis und zwar, dassdem Körper wieder eine besondere Aufmerksamkeit zukommt. Das Interesse liegt hierbeiin der Nutzbarmachung des gelehrigen Körpers (vgl. Foucault 2016, 174 f). Foucault ver-steht darunter folgendes: „Gelehrig ist ein Körper, der unterworfen werden kann, der aus-genutzt werden kann, der umgeformt und vervollkommnet werden kann“ (ebd., 175). Die- se Ausrichtung zielt auf eine Steigerung der Effizienz, der Ökonomie sowie der Organisa- tion ab (vgl. Foucault 2016, 174 f). Das Ziel liegt in der Dressur des Körpers. Die Entde-ckung des ökonomischen und nützlichen Körpers, der in zahlreichen Institutionen wieSchule, Gefängnis uvm. den Mitteln der milden Abrichtung unterliegt (vgl. Ruoff 2009,149). Die hieraus entstehende Machtform ist nach Foucault die Disziplinarmacht, welchedie Macht der milden Mitteln ist (Foucault 2016, 173 - 181). Dabei besitzt die Disziplinar-macht einen dezentralen und depersonalisierten Charakter (vgl. Ruoff 2009, 149). DieDisziplinarmacht ist ein Kennzeichen für die Disziplinargesellschaft, die auf der Umfor-mung der Individuen und ihrer Anpassung an normative Vorgaben beruht (vgl. Kammleru.a. 2014, 275). „Hier regiert die Norm, die über Disziplinartechniken Konformität der Indi-viduen herstellt. Disziplin wird, […], zum allgemeinen Vergesellschaftungsmodus moder-ner, normativ integrierter Gesellschaften“ (ebd.).

Nachdem erläutert wurde, was Foucault unter Disziplinarmacht versteht, folgt eine Dar-stellung der Techniken der Disziplin im Bezug zur Schule nach Foucault, dabei wird zu-nächst auf „Die Kunst der Verteilung“ (Foucault 2016, 181) eingegangen. Dieser beginntmit der Verteilung der Individuen im Raum. Hierbei werden Menschen durch die Technikder Klausur diszipliniert ein Beispiel dafür ist die Schule (vgl. ebd.). Eine weitere Technikist die Parzellierung von Menschen oder auch das Prinzip der elementaren Lokalisierung,diese bearbeitet ebenfalls den Raum wie die Klausur nur noch viel feiner und geschmeidi-ger (Foucault 2016, 183). „Jedes Individuum seinen Platz und auf jeden Platz ein Indivi-duum. Gruppenverteilungen sollen vermieden […] werden. […] Es geht darum, die Anwe-senheit und Abwesenheit festzusetzen und festzustellen […] jeden Augenblick das Ver-halten eines jeden überwachen, abschätzen und sanktionieren zu können […]“ (ebd., 183 f). Dadurch organisiert die Disziplin einen analytischen Raum (vgl. Foucault 2016, 184.).Im Bezug zur Schule wäre dies ein Klassenzimmer mit bestimmter Sitzordnung (vgl. Kup-fer 2011, 71). Die Klassenräume sowie deren Gestaltung strukturiert Beziehungen zwi-schen Schüler/innen und Lehrkräften wie auch zwischen den Schüler/innen untereinanderund sind dadurch nie unschuldig. Darüber hinaus formt sie Wahrnehmungs-, Denk- sowieVerhaltensweisen und erzeugt Selbstbilder wie auch Selbstverständnisse, welche demSubjekt wiederum Haltungen und Handlungsweisen aufzwingen (vgl. Grabau/ Rieger-Ladich 2014, 64).

Eine weitere Technik ist die Verknüpfung von Einheit mit vgl. Kupfer 2011, 71). Foucaultspricht dabei von der Einheit als Rang. Er erläutert, dies folgender Maßen: Der Schulraumverflacht sich, was heißen soll, dass die Klassen homogener werden und mehr aus indivi-duellen Elementen bestehen, die unter dem Blick des Lehrers geordnet. Diese Ordnungvollzieht sich dadurch, dass jeder Schüler/in nach dem Alter, Leistung sowie Benehmenbeurteilt wird und verschiedene Ränge erhält, die sich immer wieder ändern (vgl. Foucault2016, 187 f). Hieraus entsteht eine andere Art der Wissensvermittlung und der Machtaus- übung. Es organisierte sich eine neue Ökonomie der Lernzeit. Durch den Umbau des Schulraums zu einer Lernmaschine erfolgte gleichzeitig ein Umbau zu einer (vgl. Foucault2016, 188) „Überwachungs-, Hierarchisierungs- und Belohnungsmaschine“ (ebd., 189).Die Kontrolle von Tätigkeiten trat zur räumlichen Disziplinierung hinzu. Zu den Disziplinie-rungstechniken zählen hierbei die Zeitplanung in Form von Festsetzungen von Rhythmen,den Zwang zu bestimmten Tätigkeiten sowie die zeitliche Durcharbeitung von Tätigkeitenund Wiederholungszyklen (vgl. Kupfer 2011, 72). Ein Beispiel hierfür sind die Stundenplä-ne in Schulen (vgl. Kupfer 2011, 72). „Schließlich erzeugt die Disziplin die Zusammenset-zung der Kräfte zur Herstellung eines leistungsfähigen Apparates“ (ebd., 73). Dadurchwird jeder einzelne Körper zu einem Element, dass man an andere Elementen platzieren,bewegen sowie anschließen kann, damit Kräfte geballt werden können (vgl. Kupfer 2011,73). Im großen Ganzen lässt sich nach Foucault sagen, dass die Disziplin mit ihrer Kör-perkontrolle eine Individualität mit vier Merkmalen produziert (vgl. Foucault 2016, 216):„[…] Individualität ist zellenförmig […]; sie ist organisch […]; sie ist evolutiv […]; sie istkombinatorisch […]“ (ebd.). Um dies zu erreichen, setzt die Disziplin vier große Technikenein und zwar die Konstruktion von Tableaus, vor Schreibung von Manöver, Einsetzungvon Übungen sowie Anordnung von Taktiken (vgl. ebd., 216).

Im Nachfolgenden wird auf „Die normierende Sanktion“ (Foucault 2016, 229) nachFoucault eingegangen. „Die Strafe der Disziplin sind aber nicht nur eine verkleinerteNachahmung der Gerichtsstrafen, sondern sie haben ihre Eigentümlichkeiten. Unter dasSternsystem der Disziplin fällt Nicht-Beobachtung, die Abweichung von der Regel“ (ebd.231). Dadurch ist folglich alles strafbar, was nicht konform ist. Bei Schüler/innen kann esein ‚Fehler‘ sein, der einen kleinen Verstoß darstellt oder die Unfähigkeit, der Erfüllungeiner Aufgabe bedeutet. Die Bestrafung im Disziplinarsystem beruht auf rechtlichen undnatürlichen Gesichtspunkten. Unter dem rechtlichen Gesichtspunkt ist eine ‚künstliche‘Ordnung gemeint, die sich durch ein Gesetz, ein Programm, ein Reglement zum Aus-druck bringt. Natürliche Prozesse beruhen auf der Ordnung, die beobachtbar ist, also dieDauer einer Lehre oder die Zeit einer Übung, dass versteht er unter natürlichen Gesichts-punkten (vgl. ebd., 231 f).

Ein weiterer Punkt ist, dass die Disziplinarstrafe die Aufgabe hat eine Reduktion von Ab-weichungen hervorzubringen, welche korrigierend wirkt. Dabei liegt eine Bevorzugung derDisziplinarsysteme in Bestrafungen, die im Bereich des Übens fallen sowie der Intensivie-rung, Vervielfältigung und Wiederholung des Lernens (vgl. ebd., 232).Die nächste Form der Bestrafung, konkret der Disziplin hat die Schule sehr weit getriebenund zwar hat sie das System von Vergütung und Sanktion sowie von Dressur und Besse-rung quantifiziert und in ein Zahlensystem ausgebaut. Hierbei findet eine Quantifizierungvon Leistungen und Verhaltensweisen auf einer Skala zwischen gut und schlecht statt,also um eine Verteilung zwischen zwei Polen und zwar positiv und negativ (vgl. Foucault 20.6. 232 ff). „Das lückenlose Strafsystem, das alle Punkte und alle Augenblicke der Dis ziplinaranstalten erfaßt und kontrolliert, wirkt vergleichend, differenzierend, hierarchisierend, homogenisierend, ausschließend“ (ebd., 236).

[...]


1 Diese sind in „Die Ordnung der Dinge“, „Wahnsinn und Gesellschaft“, „Geburt der Kliniken“ und „Überwachen und Strafen“ nachzulesen.

2 Weitere Ausführungen in Geschichte der Gouvernementalität I

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Formen der Macht in der Schule nach Michel Foucault. Wie wird Macht in der Schule umgesetzt?
Autor
Jahr
2018
Seiten
26
Katalognummer
V444161
ISBN (eBook)
9783668814882
ISBN (Buch)
9783668814899
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Behinderung, Macht, Schule, Foucault, Person, Kontrollgesellschaft, Fremdbestimmung/ Selbstbestimmung, Disziplinarmacht
Arbeit zitieren
Nadine Huber (Autor), 2018, Formen der Macht in der Schule nach Michel Foucault. Wie wird Macht in der Schule umgesetzt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444161

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