Schmutz und Unreinheit theoretisiert

Ein Zugang zur Herausforderung der dualistischen Perspektive des westlichen modernen Denkens


Bachelorarbeit, 2018

41 Seiten, Note: 2

Diana Gold (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Cartesianische Dualismus, die moderne Welt und ihre Einteilung in Kategorien
2.1. Ambivalenz als Abfall der Moderne

3. Die strukturale Linguistik
3.1. Parole und Langue
3.2. Signifikant und Signifikat

4. Der französische Strukturalismus

5. Mary Douglas
5.1. Douglas‘ Vorstellungen von Schmutz und Unreinheit
5.1.1. Schmutz, Unreinheit, ‚rein‘ versus ‚sauber‘
5.1.2. Schmutz als Anomalie und als ambivalente Kategorie
5.1.3. Das bedrohliche Moment von Schmutz und Unreinheit
5.1.4. Natürliche Symbole
5.1.5. Die Reinheitsregeln
5.1.6. Reduzierte Reinheit
5.2. Überwindung der Subjekt-Objekt-Dichotomie?

6. Julia Kristeva
6.1. Der Poststrukturalismus
6.2. Kristevas psychoanalytischer semiologischer Zugang
6.2.1. Das Unbewusste und die Sprache
6.2.2. Der Signifikant Phallus
6.3. Subjektgenese und -erhaltung als nicht abgeschlossener Prozess
6.3.1. Das Weibliche und das Zerstörerische
6.3.2. Das Abjekt
6.3.3. Von der semiotischen Chora in die symbolische Ordnung
6.3.4. Symbolische und körperliche Abjektion
6.3.5. Unterschiedliche Symbolstrukturen
6.3.6. Subjekt-Objekt-Abjekt
6.4. Überwindung der Dichotomien

7. Thomas Csordas
7.1. Csordas‘ phänomenologischer Zugang
7.2. Die Rolle der Semiotik
7.3. Das methodologische Paradigma des Embodiment
7.3.1. Merleau-Ponty Phänomenologie
7.3.2. Die Phänomenologie
7.3.3. Leib / Körper
7.3.4. Das Vorobjektive
7.3.5 Das Unbewusste und das Vorobjektive
7.4. Das sakrale Andere
7.4.1. Unreinheit bzw. Schmutz und das sakrale Andere
7.5. Überwindung der Subjekt-Objekt-Dichotomie?

8. Conclusio
Douglas
Kristeva
Csordas
Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Vorstellungen über Reinheit und Unreinheit prägen die soziale, kulturelle und politische Struktur einer Gesellschaft. Was von einer Gesellschaft als unrein definiert und abgestoßen wird, ist soziokulturell konstruiert. “Filth represents a cultural location at which the human body, social hierarchy, psychological subjectivity, and material objects converge“ (Cohen 2005: viii). Materieller Schmutz oder Vorstellungen von Unreinheit generieren ein System der Inklusion, Exklusion und Unterdrückung von Menschen, Dingen und Ideen (vgl. ebd.: viiif). Schmutz zu theoretisieren ist also ein wertvolles Instrument, um eine Gesellschaft grundlegend zu verstehen und hat eine hohe kultur- und sozialanthropologische Relevanz.

Ich werde in der vorliegenden Arbeit die Konzeption von Schmutz bzw. Unreinheit aus strukturalistischer, poststrukturalistischer und phänomenologischer Perspektive analysieren. Ausgangspunkt meiner Betrachtungen sind die Theoriekonzepte von Mary Douglas, Julia Kristeva und Thomas Csordas.

Csordas kritisiert die bis dato aufgestellten Kulturtheorien, welche „(…) Geist, Subjekt und Kultur parallel neben und im Gegensatz zu Körper, Objekt und Biologie konstruieren“ (Csordas 1994b: 9 zit. nach Platz 2006:78). Dabei behandeln diese Kulturtheorien die Dualismen nicht gleichwertig, sondern messen Geist, Subjekt und Kultur eine höhere Bedeutung bei. Somit vermochten diese, egal ob sie der Sozialanthropologie, der Semiotik, der strukturalistischen, der poststrukturalistischen Anthropologie oder der kognitiven Anthropologie entsprangen, den cartesianischen Dualismus nicht zu überwinden (vgl. ebd.).

Die Überwindung der Subjekt-Objekt-Dichotomie ist zentrales Anliegen von Thomas Csordas‘ entwickelten Konzept des Embodiment. Die Dichotomie ist dem westlichen, modernen Denken eigen und entspringt dem cartesianischen Dualismus. Dabei handelt es sich um eine künstliche Trennung, die nicht den Bedingungen der menschlichen Existenz entspricht. Es ist ein spezifisch modernes, westlich-kulturelles Konzept, welches nicht der Vielfalt weltweiter soziokultureller Realitäten gerecht wird (vgl. Platz 2006:13).

Innerhalb der Anthropologie des Körpers versucht Csordas die Subjekt-Objekt-Dichotomie und somit das westliche, moderne Denken, mit dem methodologischen Paradigma Embodiment, zu überwinden (vgl. ebd.).

In meiner Bachelorarbeit werde ich einerseits der Konzeption von Schmutz und Unreinheit nachgehen und andererseits hinterfragen, inwiefern diese Kulturtheorien den cartesianischen Dualismus nicht überwinden konnten. Um diese Problemstellung abhandeln zu können, werde ich die Konzeption von Schmutz bzw. Unreinheit analysieren und auf die Subjekt-Objekt-Dichotomie eingehen. Meine Forschungsfrage lautet daher:

"Wie wird das Konzept Schmutz bzw. Unreinheit aus strukturalistischer, poststrukturalistischer und phänomenologischer Perspektive in Bezug auf die Körperanthropologie wahrgenommen? Inwieweit kann dabei die Subjekt-Objekt- Dichotomie überwunden werden?“

Eingangs gehe ich auf den Dualismus des westlichen, modernen Denkens ein und seinem Verhältnis zur Ambivalenz. Danach werde ich den Strukturalismus und seinen Bezug zur Sprache erklären, sowie Douglas‘ Rezeption des Strukturalismus. Des Weiteren gehe ich auf den psychoanalytischen, semiologischen und poststrukturalistischen Einfluss auf Kristevas Theorienbildung ein, um dann ihre Schmutzkonzeption zu bearbeiten. Im letzten großen Kapitel beschäftige ich mich mit Csordas Embodiment und wie sich innerhalb seines phänomenologischen Zugangs Schmutz bzw. Unreinheit konstituieren.

2. Der Cartesianische Dualismus, die moderne Welt und ihre Einteilung in Kategorien

In der Ethnologie wurde der menschliche Körper als Forschungsobjekt bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts vernachlässigt (vgl. Platz 2006: 16, 33). Der Grund dafür liegt 300 Jahre zurück und beruht auf dem cartesianischen Dualismus, welcher die künstliche Trennung von Geist und Körper propagiert und das moderne, westliche Denken und die Wissenschaft nachhaltig prägte. Der Mathematiker, Philosoph und gläubige Katholik René Descartes konnte auf diese Art und Weise die immaterielle Seele im Bereich der Theologie und den materiellen Köper, welcher den mathematischen Gesetzen unterliegt, im Bereich der Wissenschaft verorten. Der Geist ist individuell, existiert unabhängig von den äußeren Gegebenheiten und nimmt einen höheren Stellenwert ein als der Körper, der nur als Behältnis der Seele dient und somit sekundär bewertet wird. Der Körper wurde so der Natur und dem Individuum, der Geist der Kultur und Gesellschaft zugeordnet. Auf diese Weise entstanden weitere hierarchisierende Dualismen wie die Subjekt-Objekt-, die Natur-Kultur- und die Individuum-Gesellschaft-Dichotomie. Der Körper wurde auch in der Ethnologie der Natur und dem Individuum zugeordnet. Somit vernachlässigte die an Kultur und Gesellschaft interessierte Ethnologie den Körper in ihren Forschungen (vgl. ebd.: 15f).

2.1. Ambivalenz als Abfall der Moderne

Das Bestreben der Moderne die Welt in Dichotomien einzuteilen, hat vor allem Klassifizierung und Ambivalenz zur Folge (vgl. Bauman 2005: 32ff).

Laut Bauman ist Ambivalenz bedrohlich, da es sich der ordnenden Benennungs- und/ Klassifizierungsfunktion der Sprache entzieht. Indem Sprache diese Funktion erfüllt gibt sie der Welt eine Struktur, die dem Menschen diese bewohnbar macht. Eine Welt des Zufalls wäre bedrohlich für den denkenden und lernenden Menschen, da die Ereignisse unvorhersehbar seien und sich der Kontrolle des Menschen entziehen würden (vgl. ebd.: 12).

Dabei ist Ambivalenz Vorrausetzung und gleichzeitig Ergebnis des Prozesses des Ordnens und Klassifizierens der Welt in unterscheidbare Einheiten. Dies entspricht laut Bauman einem gewaltsamen Akt (vgl. ebd.: 13). Anomalien und Ambiguität sind Teil der Realität einer binären Wirklichkeitskonstruktion, das heißt, dass Klassifikationen immer Anomalien hervorbringen (vgl. ebd.: 104).

Das Benennen ist ein Akt, der die Welt in zwei Einheiten teilt. Die benennbaren Einheiten und die Einheiten, die keinen Namen haben. Dies ist ein Akt des Ein- und Ausschließens. Das Ambivalente ist dabei das Ausgeschlossene, Unnennbare. Das Ambivalente muss also verworfen werden, um eine Struktur zu erhalten und zu bilden (vgl. ebd.: 13f).

Die Nenn-(Trenn-)Funktion der erfahrbaren Welt in Einheiten scheint eine universelle Eigenschaft menschlicher Erkenntnis zu sein (vgl. ebd.: 11; Kozlarek 1997: 18). Denn erst durch die Benennung kann auf die beobachtbare Außenwelt durch den menschlichen Geist zugegriffen werden. Begriffe entstehen in der Wahrnehmung von Unterschieden in der Außenwelt. Wenn der Mensch nicht kalt von heiß unterscheiden könnte, würde es dafür auch keine Begriffe geben. Der anthropologische Strukturalismus legt diese Form der Erkenntnis der menschlichen Bewusstseinsbildung auf soziokulturelle Systeme um (vgl. Amborn 1987: 372).

Der kulturell bedingte Unterschied zu anderen Gesellschaften ist, dass das moderne, westliche Denken sich besonders stark für die Bildung von oppositionellen Dichotomien auszeichnet (vgl. Kozlarek 1997: 18). Die Einteilung und das Klassifizieren in Dichotomien ist nicht nur ein zentraler Bestandteil des modernen Denkens, sondern auch der modernen Praxis (vgl.: Bauman 2005: 22). Im Bestreben die Welt nach einem Entwurf zu gestalten, welches soziales, politisches und kulturelles Leben regelt und definiert, werden Dinge, Menschen, Ideen etc. ausgeschlossen und verworfen (vgl. ebd.: 22). Dies ist ein typischer Vorgang der modernen soziokulturellen Praxis und erzeugt Abfall, oder wie Bauman so schön sagt:

„Ambivalenz ist der Abfall der Moderne“ (Bauman 2005: 34).

Dies ist der Ausgangspunkt zur Konzeption von Schmutz und Unreinheit in den angesprochenen Theorien und soll Thema der folgenden Arbeit sein. Dabei werde ich weniger auf die moderne Praxis materiellen Abfall zu generieren eingehen, sondern dessen Konzeptionierung in den linguistisch und psychologisch geprägten Theorien des (Post-)Strukturalismus, sowie der Phänomenologie.

3. Die strukturale Linguistik

In diesem Kapitel möchte ich erst auf den Strukturalismus und seine Bedeutung für die strukturale Anthropologie von Lévi-Strauss eingehen, da diese theoretische Strömung unter anderem Grundlage zum Verständnis des theoretischen Konzepts von Schmutz und Unreinheit bei Mary Douglas, aber auch für Kristevas (post-)strukturalistische Konzeption des Abjekts ist.

3.1. Parole und Langue

Grundlage für Lévi-Strauss‘ Strukturalismus bilden die theoretischen Einsichten des Schweizer Linguisten Ferdinand Saussure (vgl.: Reinhardt 2008: 42). Die Grundannahmen des Strukturalismus leiten sich an seinem sprachtheoretischen Konzept ab, welcher „ (…) die moderne Sprachwissenschaft begründete “ (Suchsland 1992: 19). Saussures synchroner Zugang zur Sprache ist ein Bruch mit den traditionellen historischen Zugängen der Sprachwissenschaften. Er unterscheidet zwischen der langue, der Sprache, und der parole, das Sprechen (vgl. ebd.; Moebius / Reckwitz 2008: 11).

Parole ist eine psychische und physische Leistung des Individuums, wobei „(…) sich bei den sprechenden Personen Eindrücke bilden, die schließlich bei allen im wesentlichen (sic) die gleichen sind“ (Saussure 2001: 16). Diese Eindrücke sind im Grunde genommen Wortbilder, die alle Individuen, welche eine Sprache sprechen, teilen. Die Gesamtheit aller Wortbilder ist aber nur durch alle Individuen der gleichen Sprachfamilie erfassbar. Daraus ergibt sich ein vom Individuum losgelöstes, grammatikalisches System, die langue. Saussure schließt daraus, dass die Sprache dem Sozialen zugeordnet werden kann und das Sprechen dem Individuellem. Die Sprache ist dabei wesentlich und sozial und geht über das Individuelle hinaus. Sie existiert laut Saussure unabhängig von dem einzelnen Individuum und kann von ihm weder generiert noch verändert werden. Das Individuum ist nur passiver Absorber der Sprache (vgl. ebd.: 16f). „Die Sprache, vom Sprechen unterschieden, ist ein Objekt, das man gesondert erforschen kann (…) sie bildet ein System von Zeichen, in dem einzig die Verbindung von Sinn und Lautzeichen wesentlich ist (…)“ (ebd.: 17f).

Saussure sieht also die Sprache als ein vom Individuum unabhängiges Objekt und als ein „(…) codiertes und geregeltes System von Zeichen“ (Moebius / Reckwitz: 11). Er verortet somit seine Sprachwissenschaft in der Semiologie, die Lehre der Zeichen (vgl. ebd.) und bezeichnet die Sprachwissenschaft als „(…) eine Wissenschaft, welche das Leben der Zeichen im Rahmen des sozialen Lebens untersucht (…)“ (Saussure 2001: 19). Die Verknüpfung der Semiologie mit den Sozialwissenschaften ist zentraler Ausgangspunkt des sogenannten linguistic turn, der in der Anthropologie und in der Psychoanalyse Einzug hielt (vgl. Suchsland 1992: 19).

3.2. Signifikant und Signifikat

Das Zeichen ist laut Saussure die Verknüpfung von Vorstellung und Lautbild. Das Lautbild bezeichnet dabei die Vorstellung. Er unterscheidet zwischen dem Signifikanten (signifiant), das Lautbild und dem Signifikat, das Bezeichnete (signifié). Die Vorstellung, also das Signifikat, wird durch das Lautbild bezeichnet. Das Zeichen vereint eine bestimmte Vorstellung und ein bestimmtes Lautbild, und kann von anderen Zeichen, die wiederum andere Verknüpfungen beinhalten, differenziert werden. Diese Differenzierung bzw. Abgrenzung der Zeichen kann nur dadurch geschehen, dass sie aufeinander verweisen. Dabei kann sich der Inhalt des Zeichens, also die Vorstellung und Lautbild, verändern (vgl. Suchsland 1992: 20f). Die Verknüpfung von Lautbild und Vorstellung, also Signifikant und Signifikat ist aber insofern beliebig, als dass es keine natürliche Verbindung gibt, trotzdem sind diese zwei Komponenten des Zeichens laut Saussure eng miteinander verbunden (vgl. Saussure 2001: 78ff).

Die Zeichen verweisen aufgrund ihres differenziellen Charakters auf andere Zeichen. Das Unterscheiden und einander Zuordnen der Zeichen ist eine Grundvoraussetzung für das Denken, welches erst durch die Sprache ermöglicht wird:

„Ohne Sprache wäre Denken nicht möglich, denn Denken ist Abgrenzen, Unterscheiden und Verknüpfen voneinander unterschiedener Einheiten (...). Jedes sprachliche Zeichen verweist immer auf die anderen, mit denen es nicht identisch ist. Sprache ist ein Netz solcher Verweisungszusammenhänge“ (ebd.: 21).

Um die Bedeutung eines Zeichens zu erfassen, ist es also von Nöten, die Differenz zu anderen Zeichen zu bestimmen und nicht dessen Inhalt. Der relationale und oppositionelle Charakter von Zeichen wurde von Poststrukturalismus und Strukturalismus gleichermaßen aufgegriffen (vgl. Reinhardt 2008: 48).

Für die Kultur- und Sozialwissenschaften sind Saussures‘ Prinzip der Differenzierungs- und Beziehungseigenschaften von Zeichen und die Tatsache, dass sich Sinnzusammenhänge erst dadurch ergeben, von Bedeutung. Dies wird im weiteren Sinne auf allgemeine gesellschaftliche Phänomene umgelegt. Phänomene seien erst durch den Bezug und der Differenz zu anderen Phänomenen innerhalb einer Gesellschaft erklärbar (vgl. Moebius / Reckwitz 2008: 12).

4. Der französische Strukturalismus

Claude Lévi-Strauss übernimmt die strukturale Methode Saussures, verknüpft diese mit den Theorien Marcel Mauss und mit der Phonologie von Roman Jakobson, sowie mit der strukturalen Phonologie von Nikolai Trubetzkoy, und begründete somit die strukturale Anthropologie (vgl. Moebius / Reckwitz 2008: 129; Suchsland 1992: 28).

Sein Anliegen war es über die kulturelle Vielfalt hinaus universelle Denkmuster und Strukturen herauszuarbeiten (vgl. Kozlarek 1997: 56). Er erstellte unter der Zuhilfenahme der Linguistik eine Analogie der Denkmuster einer Gesellschaft und deren Strukturen. Zusammen mit der symbolischen Ethnologie von Clifford Geertz zählen sie zu den wichtigsten Einflüssen in der Etablierung der Anthropologie des Körpers (vgl. Eriksen 2007: 24; Platz 2006: 25ff). Er war davon überzeugt, dass alle kulturellen Repräsentationen Zeichensysteme sind, die der Sprache vergleichbar sind und weit über sie hinausgehen. Er verortet die universellen Regeln einer Kultur, also die grundlegende Struktur einer Kultur, dem Unbewussten und die erfahrbaren, historisch nachvollziehbaren Elemente einer Kultur dem Bewussten (vgl.: Kozlarek 1997: 55). Durch seine Analyse der Mythen kommt er zu der Erkenntnis, dass das menschliche Denken universell gleich funktioniert. Diese Annahme teilt er mit der Psychoanalyse (vgl. Chomsky 1971 zit. nach Suchsland 1992: 34).

Konkret übernimmt Lévi-Strauss Saussures Einsichten folgendermaßen:

Erstens rezipiert er den ahistorischen Zugang, also die Sprache zu einem gegebenen Zeitpunkt zu untersuchen, da nur so die grundlegenden Strukturen erfasst werden können (vgl. Reinhardt 2008: 43f).

Zweitens rezipiert er die Unterscheidung zwischen langue als System und parole. Lévi-Strauss übernimmt diese Einsicht in seiner Analyse der Verwandschaftssysteme und Mythologien, indem er von den verschiedenen Ausprägungen und Formen der Systeme absieht, um so die grundlegenden Strukturen, also die wesentlichen Aspekte der Systeme, herausarbeitet (vgl. ebd.).

Drittens entwickelte er, anhand der Einsicht, dass Differenz und die Bedeutung der Zeichen sich in deren Beziehung zu anderen ergeben, die binären Oppositionen (vgl. Suchsland 1992: 28). Auf die strukturale Anthropologie angewendet heißt das, dass man in einem Kommunikationssystem Einheiten sucht, die in ihrer Bedeutung eindeutig sind und eine Differenz bzw. Opposition zu anderen eindeutigen Einheiten bilden, wie z.B. Natur – Kultur (vgl. Reinhardt 2008: 49).

Viertens übernimmt er das Konzept der syntagmatischen Reihe und paradigmatischen Beziehung, für die er die Ausdrücke Metonymie und Metapher verwendet. Metonymie meint die relationale Stellung der Zeichen innerhalb eines (grammatikalischen) Systems, welche mehr oder weniger festgelegt ist. Die Metapher beruht auf der Ähnlichkeitsbeziehung zweier Ausdrücke innerhalb des Systems. Diese können untereinander ausgetauscht werden (vgl. Leach 1991: 53f; Suchsland 1992: 22).

5. Mary Douglas

Mary Douglas, eine Vertreterin der britischen Sozialanthropologie und Strukturfunktionalistin, greift einerseits die theoretischen Ansätze der symbolischen Anthropologie auf und andererseits den französischen Strukturalismus von Lévi-Strauss. In ihrem Werk Purity and Danger (1966) wendet sie den Strukturfunktionalismus nach Radcliffe Brown und den Strukturalismus von Lévi-Strauss an (vgl. Eriksen 2007: 24). Mary Douglas verfolgt den semantischen Ansatz in der Anthropologie des Körpers, welcher den Körper als Objekt sieht, der die soziale Ordnung repräsentiert. Die körperliche Praxis als Ausdrucksmittel und Kommunikationsform ist der verbalen Kommunikation dabei untergeordnet (vgl. Haller 2005: 99).

Der Funktionalismus und der Strukturalismus teilen die Suche nach Erklärungen für dualistische Konzepte in einer Gesellschaft. Sie suchen nach den Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen in einer Kultur, welche in ihrem wechselseitigen strukturellen Zusammenhang untersucht werden sollen. Die Funktionalisten waren dabei der Ansicht, dass Strukturen empirisch erfassbar seien, während die Strukturalisten meinten, dass diese Strukturen empirisch nicht erfassbar seien, also für die Mitglieder einer Gesellschaft und für den Wissenschaftler unsichtbar (vgl. Amborn 1987: 368f).

Mary Douglas sucht in ihrem Werk Purity and Danger, jenseits von individuellen Erlebniswelten, nach universellen Strukturen des Sozialen welche sich durch die symbolischen Konzeptionen der materiellen Umwelt einer Gesellschaft erschließt (vgl. Hahn 2011: 159f). Ihr Zugang ist zwar strukturfunktionalistisch, aber sie betreibt einen eher reduzierten Funktionalismus, insofern, als dass sie sich auf die Symbole in ihrer Funktion des sozialen Zusammenhalts konzentriert (vgl. ebd.: 162).

Es geht ihr keinesfalls darum, nur partielle Erklärungsversuche anzustreben, welche rituelle Verunreinigungen weder auf eine bestimmte Art von Schmutz, noch auf bestimmte kulturelle Kontexte reduzieren (vgl. Douglas 1985: 7). Sie sucht stattdessen nach einem systematischen Ansatz, der den gegebenen Komplex klassifizierender Symbole in Beziehung zu dem betreffenden sozialen System setzt. Dabei wurde sie von Evans-Pritchards strukturalen Zugang und sein Buch über das politische System der Nuer (1940) beeinflusst und weniger von Lévi-Strauss‘ strukturale Anthropologie (vgl. ebd.: 7f).

Von Evans-Pritchard hat sie ihren Zugang, dualistische Konzepte in Gesellschaften zu untersuchen. Sie tut dies anhand des Gegensatzpaares ‚rein‘ und ‚unrein‘ und versuchte anhand dieser Dichotomie die symbolischen Ordnungsprinzipien (indigener) Gesellschaften zu verstehen (vgl. Amborn 1987: 370).

5.1. Douglas‘ Vorstellungen von Schmutz und Unreinheit

In Mary Douglas‘ Werk Purity and Danger findet man unterschiedliche Konzeptionen von Schmutz.

Einerseits nennt sie den gegenständlichen Schmutz, der fehl am Platz ist[1] und Unreinheit, welche über die materielle Verunreinigung hinausgeht (vgl. Douglas 1985: 52). Zum Beispiel vergleicht sie christliche Reinheitsvorschriften, die eher auf Unreinheit des Geistes abzielen, also eine Art innere Verunreinigung vermeiden sollen, und die Reinheitsvorschriften von Religionen, die Verunreinigung im Kontakt mit unreinem Material, wie zum Beispiel Leichen, Blut, Speichel, etc. sehen (vgl. ebd.: 23).

Im Grunde subsumiert sie Schmutz, Unordnung, Bedrohung unter dem Begriff Unreinheit (vgl. Lagerspetz 2015: 91). Trotzdem spricht sie manchmal dezidiert von Schmutz und manchmal von Unreinheit. Diese beiden Begriffe bedeuten aber nicht das Gleiche, daher möchte ich kurz auf sie eingehen.

5.1.1. Schmutz, Unreinheit, ‚rein‘ versus ‚sauber‘

Der Begriff Schmutz stammt von dem spätmittelhochdeutschen Wort smuz und bezeichnete Feuchtigkeit bzw. feuchter Schmutz, Staub aufgeweichte Erde (vgl. Drosdowski 1995: 2965) oder auch eine fettige, klebrige Masse (vgl. Grimm 184-1961: Bd. 15, Sp. 1135-1137). Im allgemeinen Sinn ist Schmutz etwas, was irgendwo Unsauberkeit verursacht bzw. etwas verunreinigt. Das Wort wird aber auch im übertragenen Sinne, für unmoralische oder verwerfliche Taten oder Gedanken verwendet, wie sich in der Phrase schmutzige Gedanken wiederfindet (vgl. Drosdowski 1995: 2965).

Der Begriff Unreinheit wird eher in Bezug auf eine ungewünschte Vermischung von Stoffen und auch im religiösen Zusammenhang verwendet (vgl. ebd.: 3577).

Der Begriff rein wird im Unterschied zu sauber auch synonym für einen jungfräulichen Ideal- oder Ursprungszustand verwendet. Zwar kann Reinheit auch im Sinne von Sauberkeit einen Endzustand beschreiben, der aufgrund der Aktion des Säuberns erreicht wurde. Trotzdem können diese zwei Begriffe nicht synonym verwendet werden, da Reinheit auch die Bedeutung von Homogenität beinhaltet. Etwas ist rein, wenn es nicht vermischt ist. Als Beispiel nennt Lagerspetz reines Gold. Es ist rein im Sinne von rein von anderen Substanzen, aber kann auch gleichzeitig an der Oberfläche schmutzig sein (vgl. Lagerspetz 2015: 42). Unreinheit ist also ein Zustand von mehr oder weniger untrennbarer Vermischung.

Schmutz ist zwar materiell, aber kein bestimmter Stoff, sondern wird erst in Bezug auf das Wirtsobjekt als Schmutz identifiziert. Es handelt sich dabei um Komponenten, die voneinander unterschieden und getrennt werden können (vgl. ebd.:31).

Aufgrund der semantischen Unterschiede von Unreinheit und Schmutz werde ich mich auf Schmutz beziehen, wenn es um seinen materiellen Wert geht. Unreinheit werde ich für heterogene Stoffe bzw. als Gegensatz zu Reinheit verwenden.

5.1.2. Schmutz als Anomalie und als ambivalente Kategorie

Mary Douglas beschreibt Schmutz als ein Nebenprodukt, das beim Ordnen und Klassifizieren der Dinge entsteht (vgl. Douglas 1985: 53). Schmutz hat dadurch zwei Eigenschaften: Einerseits ist es eine Anomalie und andererseits ist es ambivalent. Als Anomalie kann man versuchen, eine neue Klassifikation zu finden, also dieser Anomalie einen neuen Platz in dem Wirklichkeitsmuster des Individuums oder der Gesellschaft zuzuweisen, also benennen. Das Benennen und Einordnen der Wahrnehmungen ist ein notwendiger Vorgang, um sich in der Welt zurechtzufinden.

„In einem Chaos sich ständig verändernder Eindrücke konstruiert jeder von uns eine stabile Welt, in der Gegenstände erkennbare Umrisse, einen festen Ort und Bestand haben (…) Im Verlauf des Lernprozesses werden die Gegenstände benannt“ (ebd.: 54).

Die Zweideutigkeit oder Ambivalenz einer Sache ist schwieriger einzuordnen, da man eine zweideutige Sache nicht eindeutig einer Klassifikation zuordnen kann. Diese werden laut Douglas in unserer Wahrnehmung entweder verworfen oder mit den übrigen Klassifikationen unseres Wirklichkeitsmusters in eine harmonische Beziehung gesetzt. Jedenfalls rufen sie in uns ein Unbehagen hervor, welche eine Reihe von Reaktionen auslöst, wie Lachen oder auch Schock (ebd.: 54f).

Doch im Grunde spielt laut Douglas die Unterscheidung zwischen Ambivalenz und Anomalie keine Rolle für die Konzeption von Schmutz bzw. Unreinheit. Als Beispiel nennt sie, angelehnt an Sartre, das Klebrige, wie zum Beispiel Sirup oder Honig. Diese Materialien können weder in die eine Kategorie der festen noch in die andere der flüssigen Materialien zugeordnet werden. Also ist ihr Charakter zweideutig, da sie beides sein können und anomal, da sie keiner Konsistenz zugeordnet werden können. Die bedrohliche Erfahrung des Klebrigen lässt die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt verschwimmen. „Seine Klebrigkeit lauert wie eine Falle: Es haftet wie ein Egel und hebt die Trennlinie zwischen mir und ihm auf“ (ebd.: 56).

Verunreinigungen gefährden die Grenzen der Strukturlinien einer Gesellschaft, welche eindeutig definiert werden müssen (vgl. ebd.: 149).

Laut Douglas verlangt der Mensch nach solchen Trennlinien und klaren Begriffen, um sich in seiner Welt zurechtzufinden. Die eindeutigen Kategorien, welche die Wirklichkeitsmuster der jeweiligen Gesellschaft bestimmen, können aber nicht den tatsächlichen Erfahrungen des Individuums entsprechen. Erfahrungen gehorchen keinem starren Ordnungssystem. Vielmehr sind sie von Ambiguität und Anomalie geprägt (vgl. ebd.: 210ff).

5.1.3. Das bedrohliche Moment von Schmutz und Unreinheit

Douglas beschreibt den Prozess des materiellen Schmutzes, sie spricht von Abfall, als einen Kreislauf der Undifferenziertheit zur Differenziertheit und wieder zur Undifferenziertheit. Das Moment der Differenziertheit ist dabei das Bedrohliche (vgl. Douglas 1985: 208f).

Douglas konzeptioniert Schmutz als Teile, die fehl am Platz sind. Das können Dinge wie Haare, Essen oder auch Verpackungen, sein. Wenn sie sich am rechtmäßigen Ort befinden, dann sind sie in einem Stadium der Undifferenziertheit und können einer Kategorie zugeordnet werden. Wenn diese Einheiten aber in Bezug auf ihren Ort bzw. ihres Wirtsobjekts different oder unpassend sind, dann ergibt sich ein bedrohliches Moment. Diese Dinge besitzen eine differente Identität und stören die Ordnung. Wenn diese Teile nun, etwa durch Verwesung, wieder einen ungetrennten Zustand annehmen, also ihre Identität verlieren, dann ergibt sich das Stadium der Undifferenziertheit. Douglas nennt als Beispiel Abfall, dessen Teile solange bedrohlich sind, solange ihnen ihre partielle Identität noch anhaftet. Diese Teile sind in einem weder-noch-Stadium, weder sind sie etwa als Gebrauchsgegenstände identifizierbar, noch sind sie schon untrennbar mit dem Abfallhaufen vereint. Erst wenn die Teile Teil von etwas anderem sind, stören sie die Ordnung nicht mehr. Sie gehören einer eindeutigen Kategorie an (vgl. Douglas 1985: 208f). Der Verlauf von Abfall ist also ein Prozess, der in von einer Formlosigkeit zu etwas Bedrohlichem und wieder in den Zustand der Formlosigkeit führt und dadurch wieder ungefährlich wird.

[...]


[1] Orig.: matter out of place (Douglas 2001: 36)

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Details

Titel
Schmutz und Unreinheit theoretisiert
Untertitel
Ein Zugang zur Herausforderung der dualistischen Perspektive des westlichen modernen Denkens
Hochschule
Universität Wien
Note
2
Autor
Jahr
2018
Seiten
41
Katalognummer
V444446
ISBN (eBook)
9783668818729
ISBN (Buch)
9783668818736
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mary Douglas, Julia Kristeva, Abjekt, Thomas Csordas, Embodiment, Merleau-Ponty, Saussure, Strukturalismus, Poststrukturalismus, Phänomenologie, Moderne, Ordnung, Unordnung, Denken, cartesianischer Dualismus, Subjekt, Objekt
Arbeit zitieren
Diana Gold (Autor), 2018, Schmutz und Unreinheit theoretisiert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444446

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