Wie baut ein Lehrer Vertrauen zu Erstklässlern auf? Möglichkeiten zur Vertrauensentwicklung in den ersten Schulwochen


Seminararbeit, 2004
25 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Vertrauen?
2.1 Vertrauen als soziale Einstellung
2.2 4 Merkmale von Vertrauen

3. Situative Komponenten für die Vertrauensentwicklung
3.1 Freiwilligkeit
3.2 Machtverteilung
3.3 Beziehungsdauer
3.4 Kommunikationsmöglichkeiten
3.5 Organisatorisches Umfeld

4. Differentialpsychologischer Ansatz
4.1 Individuelle Vertrauenstendenz
4.2 Implizite Vertrauenstendenz
4.3 Qualität des Anfangskontaktes

5. Möglichkeiten zur Vertrauensentwicklung im Schulalltag
5.1 Die erste Begegnung: Besuch der Lehrerin im Kindergarten
5.2 Die „Schulkinder“ besuchen ihre Klassenlehrerin in der Grundschule
5.3 Der erste Schultag
5.4 Die ersten Schulwochen

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

Wie baut ein Lehrer Vertrauen zu Erstklässlern auf?

1. Einleitung

Der Begriff Vertrauen ist aus unserem Alltagsleben nicht wegzudenken, sein Einfluss ist geradezu gewaltig und taucht in allen Lebensbereichen auf und hat eine umfassende Ambiguität. Eine Fülle von Komponenten entscheiden im alltäglichen Leben darüber, ob eine zwischenmenschliche Beziehung gelingt oder scheitert. Dies gilt auch für die Schule und die Interaktion zwischen Schülern und Lehrern, da Vertrauen eine notwendige Basis für ein gutes Lehr- und Lernklima darstellt. Diese Arbeit soll einen Einblick in die Thematik „Wie baut ein Lehrer Vertrauen zu Erstklässlern auf?“ schaffen, da insbesondere die Vertrauensentwicklung im Alter von 5 bis 9 Jahren für den Grundschulunterricht von Bedeutung ist. Ein treffendes Zitat von Covey (1989) unterstreicht diese Aussage mit folgenden Worten:

„Suddenly I saw things differently, and because I saw differently, I thought differntly, I felt differently, I behaved differntly.”

Neben der Definition von Vertrauen, sollen die situativen Komponenten für die Vertrauensentwicklung vorgestellt werden. Ferner möchte ich den differentialpsycholo-gischen Ansatz darstellen, der für das Verständnis der Vertrauensentwicklung von Wichtigkeit ist. Im Anschluss werden Möglichkeiten zur Vertrauensentwicklung im Schulalltag vorgestellt. Hierbei werden praktische Anregungen gegeben, die aus dem vorhergehenden theoretischen Teil abgeleitet und somit für die Vertrauensentwicklung geeignet sind. Bei diesem Punkt wird das Augenmerk auf das Thema der Arbeit gelegt, da die Anregungen für eine erste Klasse gedacht sind und diese die wichtigsten Wochen im Schulleben der Schüler und des Lehrers sind. In diesem Fall müssen sich Lehrer auf die jungen Schüler einstellen und die neuen Grundschüler müssen sich an ihren Lehrer gewöhnen. Da dieser Fall eine spezielle Situation darstellt, sollen Anregungen vorgestellt werden, so dass der Übergang für die Kindergartenkinder in das Schulleben reibungslos gelingt.

Wie baut ein Lehrer Vertrauen zu Erstklässlern auf? 2

2. Was ist Vertrauen?

Der Begriff „Vertrauen“ wird im alltäglichen Leben häufig verwendet, jedoch ist es schwierig den Begriff zu erklären und es gibt verschiedene Ambiguitäten was „Vertrauen“ aussagt. Insbesondere in der Wissenschaft gibt es verschiedene Definitionen, wie dieser Begriff zu verstehen ist.

In den meisten Fällen wird die Bedeutung von Vertrauen erst bewusst, wenn negative Erfahrungen gemacht und Enttäuschungen hingenommen wurden. Dies geschieht nicht ausschließlich in zwischenmenschlichen Freundschaften, sondern auch in beruflichem Umfeld oder im Schulleben, wo Vertrauen entgegengebracht wird.[1]

Im Alltag ist Vertrauen ein Begriff, mit dem eine starke und intensive Zuwendung zu einer bestimmten Person umschrieben wird. Des Weiteren gehören hierzu ein fester Glaube und Erwartung, dass jemand zuverlässig ist, einem hilft und ehrlich ist. Zu diesem Punkt gehört auch neben Zuverlässigkeit, auch ein bestimmter Umfang an Risiko, damit Vertrauen zustande kommen kann.[2]

Das Vertrauensgefühl wird umso einschneidender erlebt, je ähnlicher das Wahrgenommene zum erhofften Verhalten steht. Insbesondere trifft dies bei Familienmitgliedern, Freunden und der Verwandtschaft zu. Diesen Menschen im unmittelbaren Umfeld, wird eine besondere Offenheit gezeigt, so dass sie die Möglichkeit haben anders zu handeln als fremde Menschen.

So erklärt sich auch, dass fremden Personenkreisen wie Vorgesetzten oder Lehrern eine andere Offenheit entgegengebracht wird und ihnen nicht schnell vertraut werden kann, da dieses zwischenmenschliche Verhältnis für die betroffene Person eine Zwangsgemeinschaft ist und sie nicht einzuschätzen weiß, inwiefern echtes Vertrauen aufgebaut werden kann. So kann gesagt werden, dass „Vertrauen“ im Alltag eine große und ausschlaggebende Rolle spielt, die im Folgenden näher wissenschaftlich definiert und erläutert werden soll.

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2.1 Vertrauen als soziale Einstellung

„Vertrauen ist eine soziale Einstellung, die aus den gemachten Sozialisationserfahrungen einer Person resultiert.“[3]

Vertrauen kann hierbei als soziale Komponente verstanden werden, was mit dem Drei- Komponenten-Modell von Rosenberg und Hovland erläutert werden kann. Hierbei weist das Drei-Komponenten-Modell eine kognitive, eine emotionale und eine behaviorale Komponente auf. Diese drei Komponenten sind wie folgt zu verstehen. Die kognitive Komponente von Vertrauen beschreibt Meinungen oder Erfahrungen über den Interaktionspartner. Mit anderen Worten ist die kognitive Komponente eine inhaltliche Variable, die das Vertrauen beeinflusst. Die affektive Komponente beschreibt Gefühle, wie zum Beispiel „In meiner neuen Klasse fühle ich mich wohl.“ oder Empfindungen. Sie ist somit eine gefühlsmäßige Variable und kann mit dem „Gefühl im Bauch“ kollationiert werden. Bei der behavioralen Komponente bezieht sich diese auf Absichten, auf das offene Verhalten, gegenüber einer bestimmten Person[4] und ist eine verhaltenswirksame Variable[5] im Vertrauenskontext. Die anschließende Abbildung 1 verdeutlicht die drei Komponenten zwischenmenschlichen Vertrauens als soziale Einstellung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Die drei Komponenten zwischenmenschlichen Vertrauens[6]

Vertrauen ist nach dem Drei-Komponenten-Modell eine soziale Einstellung, die je nach Situation unterschiedlich stark gewichtet werden kann. Die Komponenten werden von einigen Autoren für unterschiedlich gewichtig gehalten und einer bestimmten Bedeutung zugeordnet (z.B. McGregor, 1983; Deutsch, s. Kap. 4.2.4).[7]

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2.2 4 Merkmale von Vertrauen

Martin Schweer hat vier Merkmale formuliert, die im folgenden Teil dazu dienen sollen, das zwischenmenschliche Vertrauen mit ihren unterschiedlichen Merkmalen zu verstehen. Die Einzelmerkmale sind Risiko, Beziehungsdauer, Reziprozität und Bereichsspezifität. Barry R. Schlenker, Bob Helm und James T. Tedschi haben dies wie folgt zum Ausdruck gebracht.

„ Vertrauen bezieht sich auf zukünftige Handlungen anderer, die der

eigenen Kontrolle entzogen sind und daher Ungewissheit und Risiko bergen.“[8]

Vertrauen beinhaltet ein gewisses Risiko, damit sich eine Vertrauensbeziehung entwickeln kann. Ein Risiko liegt immer dann vor, wenn ein Vertrauensvorschuss innerhalb einer Beziehung missbraucht werden kann und die Situation somit unsicher oder risikoreich ist. Ein Partner muss grundsätzlich „den ersten Schritt wagen“ und einen Vertrauensvorschuss leisten, damit eine solche Situation zu Stande kommen kann. Die darauf folgende Handlung zeigt dem Partner, ob sich der Vertrauensvorschuss gelohnt hat. Die Partner müssen testen, in wie fern sie die Vertrauenswürdigkeit des anderen überprüfen können.[9] Nichts desto trotz darf nicht unterschätzt werden, dass es fatale folgen haben kann, wenn das Vertrauen missbraucht worden ist, da der Schaden wesentlich größer ist, als die Ausbeute der eigentlich vertrauensfördernden Handlung.[10]

Die Reziprozität (Gegenseitigkeit) ist eine weitere Komponente. „Wer einem Interaktionspartner gegenüber eine Vorleistung vertrauensfördernder Verhaltensweisen zeigt, erwartet, dass der Partner ebenfalls mit vertrauensfördernden Verhaltensweisen reagiert. Im positiven Fall kommt es so zu einer reziproken Eskalation von Vertrauen.“[11]

„ Trust … is a belief tht the other will do for you what you just did for him, and since you do not know when this will occur, trust appears not to be time-bound.”[12]

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Vertrauen kann sich schneller und intensiver entwickeln, wenn beide Interaktionspartner davon überzeugt sind, dass sie das Gleiche voneinander erwarten können. Somit wird in einer Interaktionsbeziehung davon ausgegangen, dass eine Vorleistung vom Partner erwidert werden sollte, damit Vertrauen bestehen kann. Diese Erwartungshaltung bei dem Merkmal der Reziprozität wird von Koller wie folgt zum Ausdruck gebracht.

„ Trust is a person`s expectation that an interaction partner is able and willing to behave promotively toward the person, even when the interaction partner is fress to choose among alternative behaviours that could lead to negative consequences for the person. The degree of trust can be said to be higher the stronger the individuals hold the expectation.”[13]

Dieses Merkmal der Reziprozität geht auf der Theorie des Sozialen Austausches hervor, wobei beide Partner das Beste für sich aus der Beziehung erwarten. Somit ist Reziprozität ein gegenseitiges „Geben und Nehmen“, was von den Partnern wahrgenommen werden muss, damit die Partner zufrieden mit sich und der Beziehung sind. So gibt der eine Partner einen Vertrauensvorschuss und erwartet, dass sich sein Partner vertrauenswürdig erweist und das Vertrauen erwidert.[14] Das Verhalten der beiden Partner ist besonders wichtig für das eigene Wohlbefinden, darum ist die subjektiv wahrgenommene Reziprozität für die Zufriedenheit von großer Wichtigkeit. Es ist somit egal, ob das Verhalten der beiden Interaktionspartner tatsächlich reziprok ist, da nur das tatsächlich Wahrgenommene die Partner beeinflusst.

Eine vertrauensvolle Beziehung entsteht in den meisten Fällen, wenn sich die beiden Partner über einen längeren Zeitraum kennen und sich somit Vertrauen entwickeln kann. Aus dem Grund hat Eugen Rosenstock-Huessy die Beziehungsdauer mit Vertrauen wie folgt in Zusammenhang gebracht. In einer Beziehung wissen die Partner durch eine Art „Wechselspiel“ von Vertrauensvorschuss und vertrauensstiftender Handlung ob sie dem Partner vertrauen können. Durch die immer wiederkehrenden Situationen von Vertrauensvorschuss und der vertrauensstiftenden Handlung, kann nach einem längeren Zeitraum von einem stabilen Vertrauensverhältnis gesprochen werden. Vertrauen reift durch bereits gemachte Erfahrungen, so dass es zu einem stabilen Vertrauenszustand kommt.

[...]


[1] vgl. Schweer, Martin K.W. / Thies, Barbara (1999): Vertrauen – die unterschätzte Kraft. Walter-Verlag:

Düsseldorf. S.12.

[2] vgl. Schweer, Martin K.W. (1999): „Trau, schau, wem…?!“ Vertrauen: Zur alltäglichen Bedeutung eines

vertrauten Phänomens. Institut für Erziehungswissenschaft. Cloppenburg. S.6.

[3] vgl. Schweer, Martin K.W. / Padberg, Jutta (2002): Vertrauen im Schulalltag. Eine pädagogische

Herausforderung. Luchterhand: Neuwied. S.9.

[4] ebd. S.10.

[5] vgl. Thies, Barbara (2002): Vertrauen zwischen Lehrern und Schülern. Waxmann: Münster. S.41.

[6] vgl. Schweer, Martin K.W. / Padberg, Jutta (2002): Vertrauen im Schulalltag. Eine pädagogische

Herausforderung. Luchterhand: Neuwied. S.11.

[7] vgl. Thies, Barbara (2002): Vertrauen zwischen Lehrern und Schülern. Waxmann: Münster. S.41.

[8] vgl. Schweer, Martin K.W. / Padberg, Jutta (2002): Vertrauen im Schulalltag. Eine pädagogische

Herausforderung. Luchterhand: Neuwied. S.13.

[9] vgl. Schweer, Martin K.W. / Thies, Barbara (1999): Vertrauen – die unterschätzte Kraft. Walter-Verlag:

Düsseldorf. S.23.

[10] ebd.

[11] vgl. Schweer, Martin K.W. / Padberg, Jutta (2002): Vertrauen im Schulalltag. Eine pädagogische

Herausforderung. Luchterhand: Neuwied. S.17.

[12] Jackson, D.D. (1966) S.26. In: Stumpf, Luitgard (2000): Mentale Repräsentation von Vertrauen. Eine

entwicklungspsychologische Studie bei Kindern. Peter Lang: Frankfurt am Main. S.22.

[13] Koller, M.(1988) S.(266). In: Stumpf, Luitgard (2000): Mentale Repräsentation von Vertrauen. Eine

entwicklungspsychologische Studie bei Kindern. Peter Lang: Frankfurt am Main. S.22.

[14] vgl. Abb.5: Die Reziprozität interpersonalen Vertrauens aus: Schweer, Martin K.W. / Padberg, Jutta

(2002): Vertrauen im Schulalltag. Eine pädagogische Herausforderung. Luchterhand: Neuwied. S.17.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Wie baut ein Lehrer Vertrauen zu Erstklässlern auf? Möglichkeiten zur Vertrauensentwicklung in den ersten Schulwochen
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta  (Institut für Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
Vertrauen in der Schüler - Lehrer - Beziehung
Note
1,5
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V44466
ISBN (eBook)
9783638420594
ISBN (Buch)
9783638596695
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit wurde im Rahmen meines Lehramtsstudiums verfasst. Die Arbeit beschäftigt sich mit der Vertrauensbildung im Schulalltag, sowie deren Schwierigkeiten. Das besondere Augenmerk liegt hierbei auf den Möglichkeiten zur Vertrauensentwicklung in den ersten Schulwochen!
Schlagworte
Lehrer, Vertrauen, Erstklässlern, Möglichkeiten, Vertrauensentwicklung, Schulwochen, Schüler, Beziehung
Arbeit zitieren
Simone Hummert (Autor), 2004, Wie baut ein Lehrer Vertrauen zu Erstklässlern auf? Möglichkeiten zur Vertrauensentwicklung in den ersten Schulwochen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44466

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