Achtsamkeitspraxis als methodische Ergänzung interkultureller Trainings


Bachelorarbeit, 2018
50 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literaturüberblick

3. Achtsamkeit als Methode interkultureller Trainings
3.1. Achtsamkeit
3.1.1. Überblick: Geschichte und Methoden
3.1.2. Methodenauswahl:
3.2. Interkulturelle Trainings
3.2.1. Überblick: Trainingstypen und Methoden
3.2.2. Methode: Visual Imagery
3.3. Zusammenführung
3.3.1. Interdisziplinärst: interkulturelle Trainings und Achtsamkeitspraxis
3.3.2. Voraussetzungen für die Integration von Achtsamkeit
3.3.3. Achtsamkeitsbasierte Übungseinheit eines interkulturellen Trainings

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

Anhang

Einleitung

Achtsamkeit als Konzept des vollkommenen und unvoreingenommenen Gewahrseins der inneren und äußeren Empfindung von Augenblick zu Augenblick (Kabat-Zinn, 2013, s. 76) verbreitet sich seit den 1980er Jahren in Medizin, Psychologie und Pädagogik im westlichen Kulturraum. In der Abschlussarbeit soll das Feld der Achtsamkeit mit dem der Interkulturalität zusammengebracht werden. Achtsamkeit fördert laut Heselmayer (2014) eine unvoreingenommene, reflektierte Haltung gegenüber sich selbst und Fremden - hier vor allem gegenüber Individuen fremder Kulturen. Diese Haltung steht in engster Verbindung zu interkultureller Kommunikation und Kompetenz, welche in einer Gesellschaft, die einen immer höheren Grad der kulturellen Diversität aufweist, zunehmend an Bedeutung gewinnt. Zwischen 1970 und 2015 steigt die Zahl der in Deutschland lebenden Menschen, die keine deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, von 4,5 Millionen Menschen auf 8,7 Millionen an. Dies entspricht einem relativen Zuwachs von knapp 4% auf einen Anteil von über 10,5% an der Gesamtbevölkerung (BİB - Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung - Abbildungen - Ausländische Bevölkerung in Deutschland, 1970 bis 2015). Ferner ermöglicht der Ausbau der internationalen Transportmöglichkeiten einen zunehmenden Kontakt von Menschen aus unterschiedlichsten kulturellen Kontexten. Dieser ist Z.B. im Tourismus oder in Bildungsaustauschprogrammen zu beobachten, überdies ist durch die moderne Informations- und Kommunikationstechnologie, wie Z.B. dem Internet, das Wissen und Bewusstsein über andere Kulturen in der Bevölkerung gestiegen. Der Informationsaustausch über nationale Grenzen hinweg wächst. Außerdem steigt die ökonomische Interdependenz in der Welt durch die Internationalisierung der Unternehmen und die zunehmende globale Handelsverflechtung. Letzteres wird deutlich durch zahlreiche Handelsabkommen, wie Z.B. der wirtschaftlichen europäischen Integration im Rahmen der Europäischen Union (EU) (Hammer 2007, s. 2-4).

Der Mensch wird heute wie noch nie Fremdheitserfahrung ausgesetzt, die es zu bewältigen gilt, wenn es nicht zu psychologischen Belastungen des Individuums kommen soll. In der Fachliteratur spricht man von der Bewältigung des Kulturschocks. In der Forschung ergeben sich Wissenslücken im Bereich Kulturschock. Prinzipiell geht es um die psychologische (Stress-)Belastung, die durch die Fremdheitserfahrung ausgelöst wird. Doch wie kann man die Erfahrung des Kulturschocks Vorbeugen oder lindern und was genau liegt diesem zugrunde (Pedersen 2006, s. 582)? Hier setzen interkulturelle Trainings als Instrumente interkultureller Kompetenzentwicklung an. Aufgrund ihrer zeitlichen Beschränkung ist die Effektivität interkultureller Trainings eingeschränkt. Meist beläuft sich die Dauer eines Trainings auf ein bis zwei Tage. Es wird kritisiert, dass die langfristige Wirkung dieser Trainingsformate gering ist. Um die Trainingsinhalte in den Alltag der Teilnehmer langfristig zu integrieren, wird in der vorliegenden Arbeit vorgeschlagen, die Methoden interkultureller Trainings durch Methoden der Achtsamkeitslehre zu ergänzen. Das Hauptziel dieser Ergänzung liegt darin, die Lebensweise der Teilnehmer durch das Training nachhaltig zu beeinflussen. Es geht darum, eine achtsamere Haltung im Alltag und im Kulturkontakt mit Menschen einzunehmen. Dies kann sowohl dadurch erreicht werden, dass den Teilnehmern Achtsamkeitsübungen mit auf den Weg gegeben werden, die sich leicht in den Alltag integrieren lassen, als auch durch den Einsatz erfahrungsorientierter Übungen, die ein tiefes Verständnis von Achtsamkeit im Bewusstsein der Teilnehmer erzeugen. Im Training wird durch eine achtsamkeitsbasierte interkulturelle Übungseinheit das Verständnis der Teilnehmer dafür gewonnen, warum Achtsamkeit im Kulturkontakt zu anderen Menschen hilfreich sein kann. Die Forschungsfrage der Abschlussarbeit konzentriert sich daher auf die Trainingskonzeption und Methodenentwicklung: Inwieweit können Methoden der Achtsamkeitspraxis als Ergänzung bereits bestehender Methoden interkultureller Trainings dienen? Indem also interdisziplinär gearbeitet wird, soll ein Synergieeffekt durch die Kombination der Methoden aus den Bereichen ״Achtsamkeit“ und ״Interkulturelles Training“ erzeugt werden und ein wissenschaftlicher Mehrwert durch einen Ergänzungsvorschlag der derzeitigen Methoden interkulturellen Lernens geschaffen werden. Die Arbeit dient als Beitrag zur nachhaltigen Verminderung des Konfliktpotentials zwischen Kulturen auf Mikro-Ebene, d.h. beim Kulturkontakt zwischen Individuen (vgl. Barmeyer 2012, s. 44).

Beide Themenbereiche werden zunächst einzeln behandelt. Hier soll in Kapitel 3 in Abschnitt 3.1. und 3.2. jeweils ein Überblick über das Thema und die existenten Methoden gegeben werden. Anschließend wird im entsprechenden Abschnitt überprüft, welche Methode und spezielle Übung am geeignetsten für eine spätere Konzeption einer zusammengesetzten Übungseinheit in Abschnitt 3.3. ist. In diesem Zusammenhang wird auf die Voraussetzungen für die Integration von Achtsamkeit in den interkulturellen Trainingskontext eingegangen. Des Weiteren wird die Schnittmenge beider Disziplinen erörtert und ein Vorschlag für eine achtsame Übungseinheit im Kontext interkultureller Trainings in Form einer praktischen Übungsanweisung erarbeitet.

2. Literaturüberblick

Ziel des Literaturüberblicks ist eine Analyse der bestehenden Literatur dahingehend, inwiefern die beiden Themenfelder ״Achtsamkeit“ und ״Interkulturelle Trainings“ bereits in empirischen Studien oder anderen wissenschaftlichen Arbeiten zusammengebracht wurden. Abschließend werden im Rahmen eines kurzen Fazits die zentralen Forschungslücken identifiziert, zu deren Schließung die vorliegende Arbeit beizutragen versucht.

Als erste und einzige empirische Studie, welche sich mit der Frage beschäftigt, ob Achtsamkeit interkulturelle Kompetenz steigern kann, gilt die Dissertation ״Using Mindfulness to Explore Worldview Perspective and Enhance Intercultural Competence“ von Heselmeyer (2014). Hier wird mit Hilfe des Modells der Entwicklungsstufen interkultureller Kompetenz von Bennett (2003) untersucht, inwieweit sich das interkulturelle Weltbild der Teilnehmer eines eintägigen Mindful-Multiculturalism Workshops[1] verändert. Die Resultate implizieren eine erste Unterstützung der Anwendung von Achtsamkeit in interkulturellen Trainings (Heselmeyer 2014, s. 180-181).

Eine der neuesten Ansätze bieten Dietz et al. (2017) mit der Veröffentlichung des Zeitschriftenaufsatzen ״Cross-cultural management education rebooted: Creating positive value through scientific mindfulness“. Ihre Vision ist es, 'scientific mindfulness manager' in Cross-Cultural Management (CCM) Trainings auszubilden, welche später einen positiven Mehrwert für das Unternehmen und seine stakeholder im internationalen Kontext kreieren. Hierbei werden zwei Konzepte zusammengeführt: Achtsamkeit wird mit 'scientific thinking' kombiniert. 'Scientific thinking' bezieht sich generell auf menschliches Verstehen auf kognitiver Ebene und dem Treffen von Entscheidungen. Dies geschieht u.a. auf Basis der kritischen Reflexion von Kausalitäten. Die Hauptfähigkeiten, welche 'scientific mindfulness' Managern zugeschrieben werden sind die Fähigkeiten des Perspektivenwechsels und der Reflexivität, d.h. dem Gewahrsein seiner eigenen Werte und Überzeugungen bei gleichzeitigem Bewusstsein über die Folgen seiner Handlungen für andere. Dietz et al. schlagen einige auf der Erfahrungsbasierten Lerntheorie von Kolb aufbauende Übungen für CCM-Training vor, deren Effektivität sie allerdings bisher noch nicht empirisch überprüft haben (Dietz et al. 2017, s. 127-135). Hier lässt sich eine Parallele zu Heselmeyer beobachten, die explizit auf die Wichtigkeit des experimentellen Lernens bei der Integration von Achtsamkeitsübungen hinweist (Heselmeyer 2014, s. 180-181). Schließlich findet sich noch solche Literatur, die auf den Zusammenhang von Stressbewältigungsstrategien und interkulturelles Lernen eingeht. Diese wird hier erwähnt, da einige Methoden der Achtsamkeitspraxis, wie Z.B. die achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung zu solchen Strategien zählen. Ward (2008) geht davon aus, dass kulturübergreifende Ortswechsel eine Reihe Stress auslösender Veränderungen für das Individuum mit sich bringen. Diese greifen die psychischen Ressourcen der Anpassungsfähigkeit des Individuums an. 'Falsche' Erwartungen gegenüber der Zielkultur stellen die Basis für das Erleben von Stress-Situationen dar. Außerdem wird untersucht, welche kulturübergreifende Bewältigungsstrategie am nachhaltigsten ist bzw. welche zu einer geringsten Stresswahrnehmung und letztlich zu weniger Depressionssymptomen führt. Hier wird auf die sekundären kognitiven Bewältigungsstrategien, welche meist die Veränderung der Wahrnehmung, Akzeptanz und die Neubewertung von Stresssituationen durch das Individuum zum Inhalt haben (Ward 2008, 190-193). Ward et al. untersucht cross-cultural adjustment und grenzt zwei Arten von Anpassung im fremdkulturellen Kontext ab: Psychologische und soziokulturelle Anpassung. Die psychologische Anpassung des Individuums gibt Auskunft über das Maß emotionaler Zufriedenheit und das allgemeine mentale Wohlfühlgefühl. Je höher diese Art der Anpassung ausfällt, desto weniger Stress wird empfunden. Die zweite, soziokulturelle Anpassungsfähigkeit, zeichnet sich durch die Fähigkeit des Individuums aus, sich der Kultur des Gastlandes in seinem Verhalten anzupassen bzw. in der neuen Umgebung interaktiv neue Verhaltenskodizes auszuhandeln (Ward et al. 1998, s. 278-281).

Es ergibt sich als Forschungslücke das Fehlen einer einschlägigen Methode, die sowohl die psychologische, als auch soziokulturelle Anpassung nachhaltig fördert. Im Mittelpunkt stehen hier die Stressbewältigungsstrategien, da die Methode dazu dienen soll, den Kulturschock als psychische Stressreaktion zu lindern. Es soll dargestellt werden, inwiefern Achtsamkeit eine Stressbewältigungsstrategie ist und darauf aufbauend eine Methode zur Entwicklung interkultureller Kompetenz durch Achtsamkeitsübungen ergänzt werden, bei welchen die Stressreduktion im Fokus steht. Zunächst gilt es zu überprüfen, welche und ob sich eine Methode der Achtsamkeitspraxis für diesen Zweck eignet.

3.Achtsamkeit als Methode interkultureller Trainings

Ziel dieses Kapitels ist die Konzeption einer Übungseinheit für ein interkulturelles Training, welche entsprechend eine bestimmte Methode der Achtsamkeitspraxis und eine Methode interkultureller Trainings integriert. Es gilt zu analysieren, ob eine Ergänzung der bisherigen Methoden interkultureller Trainings um das Achtsamkeitselement sinnvoll ist. Hierzu wird im Abschnitt 3.3.1. erörtert, inwiefern Achtsamkeitspraxis die kognitiven, affektiven und verhaltensorientierten Komponenten interkultureller Kompetenz schulen kann. Außerdem wird auf Basis der Frage, welche Achtsamkeitsmethode am besten den Kulturschock Vorbeugen kann, die Auswahl der Methode für die geplante Übungseinheit diskutiert und die Methode vorgestellt. Analog wird im Bereich interkultureller Trainings vorgegangen und eine geeignete Methode ausgewählt.

3.1. Achtsamkeit

"Die Achtsamkeitspraxis ist eine Erfahrung, die in gewisser Weise unbeschreibbar ist." (McCown et al. 2011, s. 87). Hier ist die nicht kognitive, begreifbare Dimension der Achtsamkeitspraxis gemeint. Es geht um ein implizites Wissen durch die Erfahrung des achtsamen Sein-Zustandes. Trotz dieser Limitation wird in diesem Kapitel versucht, ein Verständnis für das Thema Achtsamkeit zu erzeugen.

Ihren Ursprung findet die Achtsamkeitspraxis im Buddhismus. Dort hat sie die Bedeutung der ״inhaltsneutrale[n] Fähigkeit zum bewussten Beobachten“ (Zimmermann 2015, s. 11). Diese Inhaltsneutralität lässt die Achtsamkeit zu einer ideologieunabhängigen Fertigkeit des menschlichen Geistes werden und kann ferner als ״ein mentaler Zustand der Aufmerksamkeit und Offenheit" (Harris 2014, s. 44) verstanden werden. In diesem Zustand sind wir ״in vollständiger Bewusstheit bezüglich all dessen, was in uns und um uns von Moment zu Moment geschieht, also Bewusstheit darüber, was wir sehen, hören, fühlen und denken“ (Ricard 2015, s. 49).

Um den Kern der Achtsamkeitspraxis und damit die Basis für die unten aufgeführten Achtsamkeitsmethoden in der Tiefe zu verstehen, wird im Folgenden das Konzept aus der buddhistischen Perspektive näher beleuchtet. In der elementarsten Erscheinungsform ist Achtsamkeit mit dem Begriff Aufmerksamkeitsfokussierung erklärt. Diese gilt als die grundlegendste Funktion unseres Bewusstseins und als Voraussetzung für das Wahrnehmen irgendeiner Form von Objekten. In der buddhistischen Psychologie wird das Konzept Achtsamkeit in zwei Prozesse gegliedert: Zunächst wird der Prozess beschrieben, in dem durch einen äußerlichen Stimulus die Aufmerksamkeit geweckt wird. Hierbei bricht das Bewusstsein durch den dunklen Strom des Unterbewusstseins. Diese rudimentäre Form von Achtsamkeit ist entscheidend für den zweiten Prozess, dem assoziativen Denken. Der Geist betrachtet das Objekt und setzt es in Verbindung zu schon Erlebtem. Durch abstraktes Denken wird es in das Weltbild des Individuums eingeordnet. So gliedert sich der zweite Prozess in folgende Stadien: Zunahme von Detailwahrnehmung, Relation zum Individuum (Subjektivität), assoziatives und abstraktes Denken. Die letzten zwei Stadien werden durch die Achtsamkeitspraxis nach buddhistischen Vorbild von einer ungenauen, mit Vorurteilen behafteten Wahrnehmung in eine klare, unverfälschte Wahrnehmung des Augenblicks umgewandelt (Thera 1962, s. 24-26). Im Buddhismus werden vier Betrachtungsgegenstände der Achtsamkeit angesiedelt: Körper, Gefühle, Gedanken und Geisteszustand. Letzteres meint die Beobachtung des Bewusstseinszustandes bezüglich der Konzentration, des Gewahrseins und Gefühlsregungen (Thera 1962, s. 61-75).

3.1.1. Überblick: Geschichte und Methoden

Der Buddhismus feiert seinen Siegeszug im Westen nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit dem Zen-Boom der 50er Jahre und den Revolutionären der 60er Jahre rücken die östlichen Lehren ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit. Durch politisches Exil und Immigration kommen Ende der 60er Jahre neue Lehrer aus den unterschiedlichsten, östlichen Traditionen in die USA und machen so ihre Lehre dem Westen zugänglich. In den 70er Jahren ist eine Institutionalisierung des Buddhismus zu beobachten, die dem Buddhismus in Amerika seine grundlegende, bis heute gültige Form gibt. In den 80er und 90er Jahren erfährt der Buddhismus einen Reifeprozess, in dem Fehltritte vieler spiritueller Lehrer bezüglich sexueller Lehrer-Schüler-Beziehungen enthüllt werden. Es entstehen allgemeingültige Leitfäden und Praktiken. Außerdem entwickelt sich in diesem Prozess eine neue Bewegung, die säkulare Spiritualität, und mit ihr wachsen die achtsamkeitsbasierten Interventionen (McCown et al. 2011, 104-136).

Achtsamkeit als Praxis in der westlichen Welt - entkoppelt vom Buddhismus - siedelt sich vor allem in der Medizin, der Psychologie und der Pädagogik an. Vorreiter ist der Molekularbiologe Prof. Dr. Jon Kabat-Zinn, der Ender der 1970er Jahre in den USA das Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) Programm entwickelt (Aßmann 2015, s. 59). Daraufhin entstehen andere achtsamkeitsbasierte Therapie- und Bildungsformen wie der Dialektisch-Behavioralen Therapie, der Metakognitiven Therapie, der Compassion Focused Therapy und der Akzeptanz- und Comittmenttherapie (Witkiewitz et al. 2017, s. 11).

3.1.2. Methodenauswahl: MBSR

Um die Auswahl der Methode Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR) zu begründen, gilt es zunächst den Begriff Kulturschock näher zu untersuchen, denn das Lernziel der geplanten achtsamkeitsbasierten interkulturellen Übungseinheit ist im Grunde eine Linderung des Kulturschocks. Dieser bezieht sich auf die psychische Reaktion des Individuums auf interkulturellen Kontakt meist im fremdkulturellen Kontext. Diese äußert sich in ״Verunsicherung, Unwohlsein, Verwirrung, Hilflosigkeit, Frustration, Isolation“ und ist manchmal von ״physischen Beeinträchtigungen wie Leistungsdefizit, Schlaflosigkeit und Reizbarkeit oder gar Krankheit begleitet“ (Barmeyer 2012, s. 105-106). Pedersen (2006, s. 580) weist darauf hin, dass der Term acculturative stress wohl die treffendere Bezeichnung für den Bedeutungsinhalt des Wortes Kulturschock ist. Acculturative stress betont den Zusammenhang der Stresssituation mit dem Prozess der Akkulturation.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: W-kurve (Kopper 1997a)

Dieser Anpassungsprozess an eine fremde Kultur über die Zeit ist oft anhand der ״W- Kurve“ dargestellt - das bekannteste Kulturschock-Modell. Dieses Modell schließt neben dem Fremdkulturschock auch den Eigenkulturschock bei der Reintegration im Heimatland mit ein (Kopper 1997b). In Abbildung 2 wird die W-Kurve abgebildet. Es wird der mentale Zustand, hier die Zufriedenheit des Individuums über die Zeit dargestellt. Der Fremdkulturschock ist durch den Punkt c und der Eigenkulturschock durch den Punkt F gekennzeichnet.

In der Abschlussarbeit wird der Begriff Kulturschock im Kontext des psychologischen Stresses verwendet, der sich in den oben genannten Gefühlsregungen und physischen Beeinträchtigungen äußert. Als Lernziel mit Bezug auf Abbildung 1, lässt sich also formulieren, dass die Verringerung der Amplitude durch ein achtsamkeitsbasiertes, interkulturelles Training erstrebenswert ist.

Stress ist im allgemeinen Sprachgebrauch ein Sammelbegriff für alle belastenden Lebensumstände. Allerdings wird hier differenzierter auf den Begriff eingegangen: Stress wird als Reaktion des Organismus (Körper und Geist) auf Stressauslöser definiert. Der von Hans Selye in den 50er Jahren geprägte Begriff Stressauslöser oder Stressor kann sowohl ein inneres als auch ein äußeres Ereignis sein. Die Reaktion auf diesen bezeichnet Selye als Allgemeines Adaptionssyndrom. Er behauptet, dass die Reaktion des Organismus auf den Stressauslöser nichts anderes als ein Versuch der Anpassung an die Anforderungs- oder Belastungssituation ist (zit. n. Kabat-Zinn 2013, 381-384). Achtsamkeit, d.h. wertfreies Beobachten und die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen, die Lebenssituation klar überschauen zu können nehmen dem Stressauslöser an negativer Gewichtung. Sie eröffnet einen Raum, den Spielraum für eine kreative Aktion im Gegensatz zu einer automatischen Reaktion aus Stressmustern heraus (Lehrhaupt und Meibert 2014, s. 54). Deutlich wird der Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und Stress in einem Ausspruch des römischen Philosophen Epiktet: "Der Mensch wird nicht durch die Ereignisse selbst verstört, sondern durch die Haltung, die er ihnen gegenüber einnimmt." (Braza et al. 1999, s. 51) Nach Braza et al. (1999) liegt die Ursache für Stress im Geist und in der Art und Weise, wie ein Individuum Lebenssituationen interpretiert. Der menschliche Körper reagiert physiologisch auf die Gedanken, welche meist in der Vergangenheit oder Zukunft verweilen und somit vom gegenwärtigen Moment ablenken. Achtsamkeit lehrt das Individuum selbst zum Beobachter der eigenen Gedanken zu werden, diese bewusst loslassen zu können und infolgedessen die negativ fokussierte Aufmerksamkeit, welche den Stress verursacht, zu lösen (Braza et al. 1999, s. 57). Es liegt nahe, eine solche Methode der Achtsamkeitspraxis für die Abschlussarbeit auszuwählen, welche sich auf die Reduktion von Stress spezialisiert. Dieses Kriterium erfüllt die Methode MBSR (Mindfulness Based

Stress Reduction) - zu Deutsch: Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion. Durch buddhistische Achtsamkeitskonzepte inspiriert, entwickelt der Molekularbiologe Prof. Dr. Jon Kabat-Zinn 1979 das achtwöchige Schulungsprogramm MBSR im Gruppenformat an der Medizinischen Fakultät der Universität von Massachusetts in Worcester. Dort gründet er die Stress Reduction Clinic und erforscht hier die MBSR-Methode. Heute ist die heilsame Wirkung der Achtsamkeitspraxis bei zahllosen Erkrankungen, wie Z.B. Depressionen, Angststörungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Aids, Krebserkrankungen und allgemeiner Stress-Symptome empirisch nachgewiesen. Ferner ist MBSR als Achtsamkeitsschulungsprogramm weltweit am meisten verbreitet und untersucht (Lehrhaupt und Meibert 2014, s. 17-18). Das 8-wöchige Programm lässt sich in neun Kurseinheiten gliedern. Einmal in der Woche besuchen die Teilnehmer eine Kurseinheit von Zweieinhalbstunden. Zwischen der sechsten und siebten Woche wird eine ganze Tageseinheit eingeschoben. Eine Kurseinheit unterteilt sich in folgende Blö>Betrachtungsgegenstände der Achtsamkeit aus dem Buddhismus zurückgegriffen: Körper, Gefühle, Gedanken und Geisteszustand (McCown et al. 2011, s. 274-275).

Zur Konzeption der achtsamkeitsbasierten, interkulturellen Übungseinheit werden drei formale Achtsamkeitsübungen aus dem MBSR-Curriculum ausgewählt, um so eine zeitlich begrenzte und dennoch intensive Übungseinheit zu erstellen. Zwei der Achtsamkeitsübungen werden als einführende Übungen in die Achtsamkeitspraxis dienen, die unverändert übernommen werden können. Um den Kursteilnehmern nach einer theoretischen Einführung in das Thema Achtsamkeit die lebendige Erfahrung davon zu ermöglichen, ist die Unterrichtung reiner Achtsamkeitsübungen als Vorläufer zur interkulturellen Achtsamkeitsübung notwendig (Lehrhaupt und Meibert 2014, s. 21). Hierfür bieten sich die Übungen ״Achtsames Essen“ (s. Anhang 1) und ״Körper-Scan“ (s. Anhang 2) an, da sie mehrere Sinne ansprechen und so das erfahrungsorientierte Lernen unterstützen und den Lernprozess intensivieren.

Die erste Übung ״Achtsames Essen“ wird der Einfachheit halber mit einer Rosine durchgeführt. Sie dient zur Veranschaulichung, wie Menschen die Augenblicke ihres Lebens mit allen Sinnen mehr oder weniger bewusst wahrnehmen, d.h. sehen, hören, schmecken, tasten und riechen. Beispiele der häufigsten Kommentare der Teilnehmer zu dieser Übung wie "Ich dachte immer, dass ich Rosinen hasse" (Lehrhaupt und Meibert 2014, s. 24) oder "Ich habe nicht gewusst, wie süß eine Rosine sein kann" (Lehrhaupt und Meibert 2014, s. 27) verdeutlichen, wie diese Übung erste Erkenntnisse im Hinblick auf hinderliche Überzeugungen bzw. geistige Schranken bringen kann. Unsere Wahrnehmung entsteht durch negative oder positive Konditionierung aus der Vergangenheit. Vorlieben oder Abneigungen erscheinen uns real, weil unser Geist an sie gewöhnt ist. Achtsamkeit bringt Lebendigkeit in jeden Augenblick und lässt uns mit einer frischen, vorurteilslosen Haltung Dinge erfahren, so wie sie gerade sind, ״und nicht so, wie wir denken, dass sie sind“ (Lehrhaupt und Meibert 2014, s. 27).

Die zweite Übung, der Körper-Scan, stärkt die werturteilsfreie Körperwahrnehmung. Sie steigert das Körper- und Lebensgefühl des Individuums und schult gleichzeitig die Gabe der Aufmerksamkeitsfokussierung, in dem diese nacheinander auf verschiedene Körperteile gerichtet wird. Insgesamt macht der Körper­Scan das Individuum mit Konzentration, stille und Achtsamkeit vertraut und dient so als adäquater Einstieg in die formale Achtsamkeitspraxis (Kabat-Zinn 2013, s. 114-117).

Schließlich dient die dritte Übung der Kultivierung der Beobachtungsgabe und heißt Das Gewahrsein erweitern (s. Anhang 3). Sie wird als eine Kernpraxis der MBSR- Methode in ״Achtsamkeit lehren“ von McCown et al. (2011, s. 398-405) ausführlich dargestellt. Das Lernziel der Übung ist die Erweiterung der Aufmerksamkeit auf innere Ereignisse, wie Z.B. Gedanken, Emotionen und Körperempfindungen und äußere Ereignisse, wie Geräusche. Es geht darum, die Vergänglichkeit dieser zu beobachten und sich in jedem Moment mehr auf das einzulassen, ״was wir sind, jenseits von allem Wollen, Haben und Tun.“ (McCown et al. 2011, s. 399) Diese Übungen fördern die psychologische Anpassung im fremdkulturellen Kontext nach Ward (2008). Letztere Übung fungiert in der Zusammenführung beider Disziplinen als Ergänzung einer im Abschnitt 3.2.2. erläuterten Methode interkultureller Trainings, der Visual-Imagery Methode. Hier wird nicht mehr im Detail auf die Übung und ihre Eignung im interkulturellen Kontext eingegangen, da erst im Abschnitt 3.3.1. Interdisziplinarität: interkulturelle Trainings und Achtsamkeitspraxis erläutert wird, wie diese Achtsamkeitsübungen die Komponenten interkultureller Kompetenz schulen kann. In diesem Abschnitt stand die Begründung der Methodenwahl MBSR im Vordergrund.

3.2. Interkulturelle Trainings

Um das Thema interkulturelle Trainings vorzustellen, muss zunächst der Begriff Kultur definiert werden, zumal im Rahmen der Trainings auftretende Schwierigkeiten im Kulturkontakt analysiert werden. Hierfür eignet sich der erweiterte Kulturbegriff, nach dem Kultur "ein für eine größere Gruppe von Menschen gültiges Sinnsystem oder [...] eine Gesamtheit miteinander geteilter verhaltensbestimmender Bedeutungen" (Grosch et al. 2000, s. 5-6) ist. Es wird angenommen, dass mit diesem Kulturbegriff die Gesamtheit der Lebensweise einer Gruppe erfasst wird, welche sich nicht nur äußerlich im Verhalten widerspiegelt, sondern auch in geteilten Einstellungen und Weltbildern. Man geht also nicht von einer einzigen Nationalkultur aus, sondern von einem Orientierungssystem, dass auch für bestimmte Subkulturen in einer Gesellschaft oder einer Organisationskultur gelten kann. Das Ziel interkultureller Trainings besteht also darin, dieses Sinn- bzw. Orientierungssystem offenzulegen (Grosch et al. 2000, s. 5-6) und die interkulturelle Kompetenz der Teilnehmer zu entwickeln (Barmeyer 2012, s. 90). Hierfür verbinden die Trainer bei der Konzeption der Trainings Methoden der frontalen Wissensvermittlung mit erfahrungsorientiertem Lernen (Bosse 2011, s. 25). Als Grundlage wird hier die Bereitschaft der Teilnehmer, ״eigene Normen und Auffassungen zu hinterfragen [...] und die anderer Gruppen [...] zu akzeptieren, zu verstehen und als ebenbürtig zu achten“ (Barmeyer 2012, s. 55) vorausgesetzt. Diese Haltung wird als Ethnorelativismus bezeichnet. Bezüglich des Ausdrucks Interkultureller Kompetenz, wird zwischen dem Begriff einer allgemein-kulturellen interkulturellen Kompetenz, welche ״die Verbesserung der Kommunikation mit Angehörigen beliebiger Kulturen“ (Barmeyer 2012, s. 86) und dem der kulturspezifischen interkulturellen Kompetenz unterschieden. Letztere bezieht sich auf die Handlungs- und Kommunikationskompetenzen im Kontext einer expliziten Zielkultur. Neben den klassischen Begriffsdefinitionen finden sich Modelle, welche interkulturelle Kompetenz in Teilkompetenzen bzw. -komponenten gliedern, sowie solche, die Entwicklungsstadien interkultureller Kompetenz beschreiben (Bosse 2011, s. 61). Als Grundlage dient hier das Komponentenmodell interkultureller Kompetenz nach Barmeyer (2012) und Kammhuber (2000). Dieses nimmt an, dass sich interkulturelle Kompetenz aus drei Komponenten zusammensetzt: Der kognitiven, affektiven und verhaltensorientierten Komponente. Dieses wird im Abschnitt 3.3.1. näher erklärt.

3.2.1. Überblick: Trainingstypen und Methoden

Zunächst wird ein historischer Rückblick über die Entstehung interkultureller Trainings gegeben. Inhaltlich geht die Entwicklung von einem ersten hauptsächlich faktenorientierten Landeskundeseminar in den 40er Jahren zu einem Persönlichkeitsentwicklungsseminar in den 70er Jahren über, welches die Vermittlung von Faktenwissen vernachlässigt. Heute werden sowohl die kognitive, als auch die emotionale Komponente angesprochen und somit verschiedene Lernmethoden kombiniert.

[...]


[1] Mindful-Multiculturalism Workshop: eintägiger Workshop interkulturellen Lernens, der Achtsamkeitsübungen in Übungen interkultureller Kompetenzentwicklungen integriert; empirische Forschung von Heselmeyer und Czyszczoń (2011)

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Achtsamkeitspraxis als methodische Ergänzung interkultureller Trainings
Hochschule
Universität Passau  (Lehrstuhl für interkulturelle Kommunikation)
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
50
Katalognummer
V444912
ISBN (eBook)
9783668823334
ISBN (Buch)
9783668823341
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Buddhismus, interkulturelle Kommunikation, Achtsamkeit, Interkulturelles Training, Mindfulness, MBSR, Zin, mindfulness based stress reduction, interdisziplinär
Arbeit zitieren
Katharina Renke (Autor), 2018, Achtsamkeitspraxis als methodische Ergänzung interkultureller Trainings, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444912

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