Gentrifizierung - ein gesellschaftliches Problem. Warum kommt es im Ruhrgebiet in Städten wie Dortmund kaum zur Gentrifizierung?


Hausarbeit, 2017

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärung und Ablauf der Gentrifizierung
2.1 Definition
2.2 Ablauf

3. Gentrifizierung im Ruhrgebiet
3.1 Das Ruhrgebiet
3.2 Die Stadt Dortmund
3.2.1 Der Phoenix-See
3.2.2 Die Nordstadt

4. Fazit und Zukunftsprognose

5. Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Der doppelte Invasions-Sukzessions-Zyklus

Abbildung 2: Das Phoenix-Gelände früher

Abbildung 3: Der Phoenix-See heute

1. Einleitung

Gentrifizierung wird immer mehr zum Problem in deutschen Großstädten. Sie beschreibt eine bestimmte Form der Verdrängung von alteingesessenen Bewohnern in zentral gelegenen Stadtteilen. Viele Großstädte haben in den letzten Jahren einen Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen, wodurch die Nachfrage nach Wohnraum gestiegen ist und weiter ansteigt. Durch den ausgeprägten Wunsch Vieler zentral zu wohnen, ist der Wohnungsmarkt gerade in diesen Teilen einer Stadt besonders angespannt. Oft werden die Mietpreise entsprechend erhöht, es werden Modernisierungen vorgenommen und die Viertel wandeln sich zu einer Wohngegend mit einer einkommensstärkeren Bevölkerung. Bekannte Beispiele für die Gentrifizierung von Stadtteilen sind Berlin Prenzlauer Berg oder in Hamburg das Schanzenviertel.

Im Ruhrgebiet allerdings ist dieses Phänomen deutlich weniger vertreten. Dabei bieten durchaus Stadtteile wie die Dortmunder Nordstadt genügend Potential.

Es stellt sich die Frage wieso im Ruhrgebiet kaum Gentrifizierung stattfindet. Eine Frage, die in dieser Hausarbeit aufgegriffen wird.

Zu Beginn erfolgt die Definition des Begriffs „Gentrifizierung“. Im Anschluss werden der Ablauf beziehungsweise die Phasen der Gentrifizierung erläutert. Hierzu wird auch auf das Invasions-Sukzessions-Zyklus-Modell Bezug genommen. Im Hauptteil werden die Besonderheiten des Ruhrgebiets vorgestellt und ein erster Ansatz geschaffen, warum es dort bisher kaum zur Gentrifizierung gekommen ist. Schließlich wird der Schwerpunkt auf die Stadt Dortmund gelegt. Hierbei werden zwei verschiedene Stadtteile aufgegriffen. Einerseits wird der Stadtteil Hörde behandelt und die hier vorhandene Gentrifizierung durch den Phoenix-See beschrieben. Im Anschluss wird der Fokus auf die Nordstadt Dortmunds gelegt und erörtert, wieso es in diesem Stadtteil trotz des vorhandenen Potenzials bisher nicht zu einer Gentrifizierung gekommen ist. In einer Schlussbetrachtung wird der Ablauf in Frage gestellt. Zuletzt wird eine Zukunftsprognose für die Stadt Dortmund aufgestellt. Wird im Stadtteil Hörde eine abschließende Gentrifizierung stattfinden und wird sich das Phänomen in Zukunft auch im Dortmunder Norden Einzug halten?

2. Begriffserklärung und Ablauf der Gentrifizierung

Im Folgenden werden Definitionen und der Ursprung des Begriffes „Gentrifizierung“ erläutert. Weiterhin soll klar werden wieso Gentrifizierung heute immer mehr zum Problem vieler Großstädte wird. In einem weiteren Unterpunkt wird der typische Ablauf nach dem Drei-Phasen-Modell von Berry (1985) sowie der Invasions-Sukzessions-Zyklus erläutert.

2.1 Definition

Für den Begriff Gentrifizierung gibt es keine einheitliche Definition. Der Geograph spricht von einer Gentrifizierung, wenn die alteingesessene Bevölkerung eines Stadtteils durch neue, wohlhabende Einwohner ersetzt wird.[1] Aktuell steht das Phänomen wieder verstärkt in der öffentlichen Diskussion und wirft sowohl gesellschaftspolitische als auch städtebauliche Fragestellungen auf.

Der Ausdruck Gentrifizierung wird schon seit vielen Jahren angewandt. Geprägt wurde er von der britischen Soziologin Ruth Glass in den 1960er Jahren. Sie beobachtete die Veränderungen einer Bevölkerungsschicht in einem Londoner Stadtteil. Der Begriff gilt besonders Ende der 70er in den USA als stark umstritten. Er stehe für ein schnelles Ansteigen des Anteils an Bewohnern der (oberen) Mittelschicht in ehemaligen Arbeiterwohngebieten, begleitet von einer Umgestaltung des Wohnungsbestandes durch Modernisierungen, Neubau von Eigentumswohnungen und einer Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen.[2] Andere Autoren, wie Peter Marcuse, sprechen sogar von ´Verdrängungsprozessen´ als Wesen der Gentrifizierung.[3]

In den letzten Jahren hat sich der Trend zur Gentrifizierung vor allem dadurch verstärkt, dass die sogenannten „Millennials (Geburtsjahre 1980-2000)“ ins arbeitsfähige Alter gekommen sind und lieber in die Städte als in Außenbezirke gezogen sind. Dies lag vor allem an vielversprechenderen beruflichen Perspektiven in den Innenstädten, der besseren Infrastruktur mit Schulen, Kindergärten etc. sowie an der Möglichkeit, Lebenserhaltungskosten zu reduzieren, z.B. durch Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs. Sie suchten nach preiswertem Wohnraum an zentralen Orten mit guter Infrastruktur, an denen sie kein Auto brauchen.[4] Es stellt sich allerdings die Frage, warum der Gentrifizierung gerade aktuell eine besondere Bedeutung zukommt. In der jüngeren Vergangenheit haben sich die durchschnittlichen Studienzeiten deutlich verlängert und die Anzahl der Studierenden bzw. alleinlebenden Personen nimmt ständig zu. Die Zahl der kleineren Haushalte nimmt daher ebenfalls zu und drängt auf den Wohnungsmarkt, sodass dort ein starker Wettbewerb mit denalteingesessenen Mietern entsteht.[5]

Ein gutes Beispiel für einen Stadtteil, in dem eine Gentrifizierung stattgefunden hat, stellt der Stadtteil Prenzlauer Berg in Berlin dar.

2.2 Ablauf

Der Prozess der Gentrifizierung verläuft in mehreren Phasen, begleitet durch die sogenannten sozialen Gruppen der „Pioniere“ und der „Gentrifier“. Als Pioniere werden in diesem Zusammenhang aber keine Truppengattungen der Bundeswehr verstanden, sondern junge Menschen, die sich nicht scheuen, neues Terrain zu betreten. Sie ziehen als erstes in das Gebiet und gestalten es ganz nach ihren Vorstellungen. Sie sind in der Regel kinderlos und verfügen nur über ein geringes Einkommen. Nach Dangschat und Blasius haben Pioniere eine hohe Schulbildung, haben aber in der Regel noch keine gesicherte berufliche Position. Gentrifier hingegen haben danach ein hohes und sicheres Einkommen und eine gute Arbeitsstelle. Sie entwickeln jedoch erst Interesse für das Viertel, wenn die Attraktivität erhöht ist.[6]

Es finden sich eine Reihe von Phasenmodellen der verschiedensten Autoren. Es werden in der Literatur drei oder vier Phasen unterschieden. Eine der besten Beschreibungen entwickelte Berry 1985.[7] Auf diese wird im Folgenden vertieft eingegangen. Sie besteht aus drei Phasen.

In der ersten Phase wird der Stadtteil von den Pionieren besiedelt. Die Mietpreise bewegen sich in dieser Phase auf niedrigem Niveau. Es gibt viel Leerstand und die Gebäude sind zu einem größeren Teil heruntergekommen. Einige gelten trotzdem als architektonisch reizvoll und werden von Zuziehenden zu niedrigsten Preisen gekauft und nach und nach von ihnen modernisiert. Die Veränderungen sind hier aber noch sehr gering und werden von der Öffentlichkeit daher kaum wahrgenommen. Das Image bleibt unverändert.

In der zweiten Phase ziehen weitere Pioniere zu und auch erste Gentrifier interessieren sich für das Gebiet und siedeln um. Der einst hohe Leerstand nimmt ab. Die Gentrifier lehnen im Gegensatz zu den Pionieren eine soziale Mischung in ihrem Gebiet eher ab. Makler und Investoren beginnen sich von außerhalb für das Gebiet zu interessieren und spekulieren auf Modernisierungen. Auch Medien werden auf die Veränderungen aufmerksam und durch vereinzelt neue Geschäfte, Bars und Kneipen beginnen sich Touristen für das Viertel zu interessieren. Laut Friedrichs gilt das Quartier dann in dieser Phase als Geheimtipp.[8] Es beginnt die Verdrängung von älteren Bewohnern und Haushalten niedrigen Einkommen.

In der dritten Phase letztlich ziehen weitere Gentrifier zu und die letzten ursprünglichen Einwohner werden verdrängt. Die Veränderungen oder auch Verbesserungen werden nun für jeden deutlich sichtbar, da aufwändige Modernisierungen erfolgen. Medien und Stadtverwaltung haben ein großes Interesse an dem Gebiet. Die Preise steigen deutlich an[9]. Auch alteingesessene Einzelhandelsgeschäfte oder Gastronomiebetriebe werden durch die Gentrifier übernommen. So werden die Pioniere wiederum von den Gentrifiern verdrängt, da gegensätzliche Lebensstile aufeinandertreffen oder da Gentrifier, wie Dangschat sagt, sich mit größerer wirtschaftlicher Kraft durchsetzen würden.[10]

Laut Friedrichs ist es nicht möglich, alle Sachverhalte (Veränderungen der Miethöhen, Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen etc.) mit nur einer Theorie zu klären. Bei einer Einschränkung auf den Bevölkerungsaustausch in einem Viertel würden sich zwei Theorien anbieten. Die Theorie des Nachbarschaftswandels sowie der Invasions-Sukzessions-Zyklus.[11] Auf letzteren wird im Folgenden genauer eingegangen.

Bei der Theorie des Invasions-Sukzessions-Zyklus bedeutet der Begriff Invasion, dass eine kleine Gruppe Menschen in ein Wohngebiet eindringt. Mit dem Ausdruck Sukzession wiederum ist gemeint, dass die ursprüngliche Bevölkerung abnimmt und die eben genannte Gruppe deren Wohnungen bezieht, bis diese das Wohnviertel eindeutig dominieren. Erstmals aufgegriffen wurde das Modell von "Clay" 1979. Auch er ging bei dem Prozess der Gentrifizierung von zwei Gruppen aus, die nacheinander in das Viertel eindringen, die Pioniere und die Gentrifier. Es sei hier in Bezug auf eine Gentrifizierung quasi ein doppelter Invasions-Sukzessions-Zyklus entstanden.[12]

Die folgende Abbildung soll dies verdeutlichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Der doppelte Invasions-Sukzessions-Zyklus[13]

3. Gentrifizierung im Ruhrgebiet

Nachdem ersichtlich geworden ist, was Gentrifizierung bedeutet und wie ein solches Szenario in aller Regel abläuft, wird im Folgenden analysiert, warum diese Art von Stadtteil-Aufwertung im Ruhrgebiet nur selten und nicht in dieser Ausprägung vorkommt. Die Besonderheiten des Ruhrgebiets werden dargestellt, und es wird erläutert, wieso die Voraussetzungen einer Gentrifizierung hier weniger gegeben sind. Weiterhin wird der Fokus auf die Stadt Dortmund gelegt und nach einem Überblick über die Stadt im Allgemeinen wird das Hauptaugenmerk auf zwei Stadtteile Dortmunds gesetzt. Als Erstes wird es um den eher südlichen Stadtteil Hörde gehen, in welchem schon Ansätze einer Gentrifizierung deutlich wurden und zuletzt wird die Dortmunder Nordstadt untersucht und die Frage beantwortet, wieso es dort trotz der vielen erfüllten Voraussetzungen bisher nicht zur Gentrifizierung gekommen ist.

3.1 Das Ruhrgebiet

Das Ruhrgebiet, umgangssprachlich auch „Ruhrpott“ und „Revier“ genannt, besteht aus vielen zusammengewachsenen Großstädten im Westen Deutschlands im Bundesland Nordrhein-Westfalen. Dazu zählen zum Beispiel die Städte Dortmund, Essen und Bochum. Das Ruhrgebiet hat einen überregionalen Bekanntheitsgradund viele meinen der gängigen Klischees zufolge "Der Ruhrpott steht für Kohle und Stahl, ist staubig und schmutzig"[14]. Es sei eine industriell geprägte Region mit wenig Lebensqualität[15]. Bei einer Umfrage der Funke Mediengruppe in "Der Westen" stellte sich genau das Gegenteil heraus. Das sei doch alles veraltet und stimme nicht mehr, meint ein Essener. Und auch eine belgische Reisegruppe habe nicht erwartet, dass die Landschaft so schön sei. Für den einen oder anderen sei es sogar mittlerweile ein ganz besonderes Reiseziel mit tollen Seen, Ausflugsmöglichkeiten und viel Kultur.[16]

Trotzdem nehmen die Wenigsten das Ruhrgebiet heute so wahr. Wer keine Verbindung zum Revier hat oder je dort gewesen ist, folgt mit seiner Meinung häufig den hartnäckigen Klischees.

Ist das der Grund warum es hier bisher kaum zur Gentrifizierung gekommen ist? Das Image spielt sicherlich eine Rolle, doch geht man bei einer Gentrifizierung doch eigentlich von einem recht schlechten Image eines Viertels als Ausgangssituation aus. Somit müsste das Ruhrgebiet, beziehungsweise Stadtteile dessen, sich geradezu perfekt für eine Wandlung in Form der Gentrifizierung eignen.

Eine weitere Voraussetzung für eine Gentrifizierung ist ein angespannter Wohnungs- und Immobilienmarkt und ein solcher ist im Ruhrgebiet nicht flächendeckend vorhanden.[17] Doch um dem Revier neue Perspektiven zu eröffnen, wünschen Viele einen solchen Wandel bestimmter Stadtteile. Auch in der Landesinitiative „Creative.NRW“ und in der Wirtschaftsförderung „Metropole Ruhr“ versuchte man seit vielen Jahren Methoden zu finden, dass junge Kreative zur Aufwertung alter Stadtquartiere beitragen.[18] Abgesehen von einem angespannten Wohnungsmarkt sind eine weitere Ausgangslage für Gentrifizierung heruntergekommene Stadtteile. Hiervon gibt es im Ruhrgebiet mehr als genug, und dennoch fehlen zumeist die für eine Gentrifizierung notwendigen Rahmenbedingungen. Hierzu zähle unter anderem die Nähe zu Szenekneipen, Cafés und Clubs, führte Ralf Ebert vom Dortmunder Planungsbüro Stadtart aus.[19] Nur wenige Stadtteile im Revier weisen Ansätze von einem „Kreativquartier“ auf. Auch die Kreativen selbst fühlen sich im Ruhrgebiet wohl nicht besonders willkommen, da die Kreativwirtschaft dort keine wichtige Rolle spielt. Aufträge bleiben aus und in der Folge verlassen junge Leute aus der Kreativwirtschaft das Revier und wenden sich anderen Regionen und Städten zu, in denen sie bessere Einkommens- und Entfaltungsmöglichkeiten finden.[20]

Eine Vielzahl an Immobilien im Ruhrgebiet stehen leer und würden viele Möglichkeiten für Kreative bieten. Doch die Stadtverwaltungen verhalten sich in erster Linie wie Unternehmen, die einen Konkurrenzkampf mit anderen Städten führen, dabei wird ein starker Focus auf die Wirtschaftförderung gelegt, der sich städtebauliche Entwicklung zumeist unterzuordnen hat. Den leerstehenden Immobilien, auch "Schrottimmobilien" genannt, werden oftmals irgendwelche Hoffnungswerte in der Zukunft zugeschrieben und viele verschuldete Ruhrgebietsstädte führen einen Wettbewerb untereinander um öffentliche Fördergelder für Infrastruktur oder Kulturprojekte. Dabei sind Leerstände Räume voller Möglichkeiten und ein Raum erhält durch die Nutzung erst seinen Wert. Nutzungen durch soziale und kulturelle Basisinitiativen seien ganz besonders wertvoll für die Städte, meint das Netzwerk "Recht auf Stadt - Ruhr". Solche Initiativen würden meistens jedoch nicht als Bereicherung, sondern als Problem wahrgenommen, aus Angst gefährliche Orte zu etablieren.[21] Eigentlichen bieten hohe Leerstände und günstige Mieten im Revier die besten Voraussetzungen für Künstler und Künstlerinnen. Doch bei so hohen Leerständen ist eher die Frage, wer diese nutzen soll, denn "neue Impulse und ein interessantes Publikum finden ´Kreative´ eher in echten Großstädten."[22]

3.2 Die Stadt Dortmund

Die Stadt Dortmund liegt am Rande des Ruhrgebiets und umfasst insgesamt 12 Stadtbezierke und 62 Stadtteile. Sie ist mit über 600.000 Einwohnern die größte Stadt im Revier.[23] Die Stadt bietet eine Vielzahl an Kultur- und Freizeitmöglichkeiten. Diverse Museen, wie das Deutsche Fußballmuseum und beispielsweise das Konzerthaus Dortmund gelten als beliebte Ziele für Einheimische und Touristen. Aber auch für Naturliebhaber hat Dortmund Einiges zu bieten. Fast die Hälfte des Stadtgebiets besteht aus Freiflächen. Hier findet man etliche Parks, wie den Westfalenpark oder den Westpark sowie Seen, wie den Phoenix-See.[24]

Jeder verbindet Dortmund als erstes mit Fußball und dem BVB, doch gilt Dortmund auch als Studentenstadt. Es gibt immer mehr Studenten an der Technischen Universität und an der Fachhochschule Dortmund. Allerdings gestaltet sich hier die Wohnungssuche für Studenten im Vergleich deutlich einfacher, da der Wohnungsmarkt bei Weitem nicht so angespannt ist wie in München oder Hamburg. Die Mieten liegen durchschnittlich bei 7,73 Euro pro Quadratmeter.

Doch in den letzten Jahren habe sich auch hier die Wohnsituation verschärft, geht aus einem Artikel der Süddeutsche Zeitung aus März 2017 hervor. Die mehr als 2800 Plätze in Studentenwohnheimen seien belegt und es gebe lange Wartelisten. An preiswertem Wohnraum gebe es trotzdem ein ausreichendes Angebot. Es gibt also weiterhin eine Vielzahl leerstehender Wohnungen, allerdings dann eventuell nicht in der beliebtesten Lage.[25]

In Dortmund gelten nur vereinzelt innenstadtnahe Gebiete als attraktive Wohnlagen. Hierzu zählt das Kreuzviertel und das Kaiserviertel. In diesen Stadtteilen hat eine Art Gentrifizierung bereits stattgefunden, allerdings nicht mit so massiven Veränderungen wie beispielsweise in Berlin Prenzlauer Berg. Daher trifft der Begriff der Gentrifizierung hier eher weniger zu. Solche oder auch tiefgreifendere Veränderungen wünschen sich Unternehmen und die Stadtverwaltung in Dortmund für bestimmte Stadtteile wie die Nordstadt.

Trotz der Attraktivität durch Kunst und Kultur und obwohl die Stadt als Studentenstadt zählt, unter denen sich bekanntlich viele der oben genannten Kreativen befinden, ist es also kaum zu Aufwertungen in Form von Gentrifizierungen gekommen. Eine Ausnahme bildet der Stadtteil Hörde. Hier ist vor einigen Jahren der Phoenix-See entstanden und Veränderungen in Form einer Gentrifizierung sind in vollem Gange. Auf die Aufwertungsprozesse in Hörde rund um den Phoenix-See und warum sich ein solcher Wandel in der Nordstadt als schwierig gestaltet, wird im Folgenden vertieft eingegangen.

3.2.1 Der Phoenix-See

Einer der 12 Stadtteile Dortmunds ist "Hörde". Er liegt im Süden der Stadt, etwa fünf Kilometer von der Innenstadt entfernt und hat ca. 54.000 Einwohner.

Früher wurde das Leben hier vor allem durch die Stahlindustrie geprägt. Zwei Industrieflächen namens Phoenix-Ost und Phoenix-West und ein Kernbereich in der Mitte bildeten den Stadtteil. Eine Fläche galt hier als Hochofenstandort, die andere als Stahlstandort.[26]

Die Industriegeschichte nahm aber bereits 2001 ein Ende und die 200 Hektar große Fläche bot genug Platz für Neues. Schon im Jahr 2000 wurden Konzepte für das Gelände entwickelt, bis 2004 schließlich die Stadt Dortmund das Grundstück kaufte. Stückweise entstanden Wohngebiete, Dienstleistungsanbieter und Freizeitmöglichkeiten um einen künstlich angelegten See auf 96 Hektar auf dem Gelände Phoenix-Ost. Nach der Befüllung des Sees 2010, wurde er am 9. Mai 2011 für die Öffentlichkeit freigegeben.

Mittlerweile hat sich der See und das Umfeld soweit entwickelt, dass die neuen, aber auch die alteingesessenen Bewohner die rund um den See angelegten Fuß- und Radwege für Spaziergänge und Sportaktivitäten nutzen können und drei Spielplätze Raum für Kinder Aktivitäten bieten. An der Promenade laden diverse Gastronomen zum Verweilen mit Blick auf das Wasser ein. Die neuen Einfamilienhäuser, Doppelhaushälften und Mehrfamilienhäuser sowie die luxuriösen Stadtvillen und Terrassenhäuser bieten neuen Wohnraum für Einwohner mit entsprechenden Einkommen.[27]

Die folgenden Abbildungen zeigen das Phoenix-See-Gelände früher (2005) im Vergleich mit dem daraus entstanden Gebiet heute (2015).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Das Phoenix-Gelände früher[28]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Der Phoenix-See heute[29]

Doch weckte diese starke Aufwertung nicht nur Begeisterung. "Im Grunde genommen hat hier eine Gentrifizierung wie aus dem Lehrbuch stattgefunden", sagte Florian Matzner, Leiter des Kunstprojekts "Emscherkunst" in einem Interview mit der Zeitung Welt.[30] Die Häuser mit Blick auf den See können sich die wenigsten Menschen im Revier leisten und auch die Mieten in den Häusern der ehemaligen Stahlarbeiter, die hinter den Villen stehen, seien gestiegen.[31] Zu den industriellen Zeiten wollte hier bis auf die Arbeiter von Phoenix-Ost niemand in den damals rußgeschwärzten Häusern wohnen. Heute ist das Gebiet begehrter als je zuvor und Politik und Verwaltungen lassen zu, dass ältere Menschen und Einkommensschwache gegen gutverdienende Ärzte und Anwälte ausgetauscht werden. Die Stadt Dortmund hat in der öffentlichen Diskussion die Ängste der Betroffenen um eine Gentrifizierung in Hörde nie wirklich wahrgenommen und zurückgewiesen. Die Aufwertungsprozesse in Seenähe zeigen, was aus dieser Ignoranz entstanden ist. Aber auch der Mieterverein Dortmund meint, "dass mit dem Premiumstandort auch Premiummieten, Premiumpreise und letztendlich Premiummenschen nach Hörde kommen. Sie könnten alles verdrängen, dass nicht das Etikett Premium trägt."[32] Die Veränderung sei aber so nicht beabsichtigt, man würde sie nur billigend hinnehmen, meint Susanne Frank, Professorin im Fachgebiet Stadt- und Regionalsoziologie der TU Dortmund. Man habe daher keinen Sozialplan aufgestellt, um die alteingesessenen Familien zu schützen. Ziel sei es gewesen, neue, stabile Bevölkerungsgruppen anzuziehen.[33]

[...]


[1] Vgl. Reinke, S.: Wie wird ein Arbeitervorort zum Szeneviertel?, Internet-Ressource, Stand: 05.11.2010, https://www.wr.de/staedte/dortmund/wie-wird-ein-arbeitervorort-zum-szeneviertel-id3907617.html, Letzter Zugriff 29.10.2017, S. 1.

[2] Vgl. Blasius, J.; Dangschat, J. (1990): Gentrification. Frankfurt/Main, New York, S. 11.

[3] Vgl. Holm, A. (2013): Wir bleiben alle!, 2., unveränd. Aufl., Münster, S. 7.

[4] Vgl. o. V.: Gentrifizierung – demografischer Wandel in amerikanischen Städten, Internet-Ressource, http://www.urban-hub.com/de/cities/gentrifizierung-pro-und-kontra/?gclid=EAIaIQobChMIs9vt9JGW1wIVKRbTCh1NOgUFEAMYASAAEgKC1_D_BwE, Letzter Zugriff 29.10.2017, S. 2.

[5] Vgl. Blasius, J. (1993): Gentrification und Lebensstile. Wiesbaden, S. 24.

[6] Vgl. ebd. S. 31–32.

[7] Vgl. ebd. S. 34.

[8] Vgl. Friedrichs, J.: Gentrifizierung (Friedrichs 2000), Internet-Ressource, Stand: 22.01.2014, http://stadtsoziologie.ch/gentrifizierung-friedrichs/, Letzter Zugriff 29.10.2017, S. 2.

[9] Vgl. Friedrichs, J.; Kecskes, R. (1996): Gentrification. Wiesbaden, s.l., S. 19.

[10] Vgl. Dangschat: Gentrifizierung (Dangschat 1988), Köln, Stand: 18.07.2013, http://stadtsoziologie.ch/gentrifizierung-dangschat/, Letzter Zugriff 29.10.2017, S. 2.

[11] Vgl. Friedrichs; Kecskes (1996): Gentrification, S. 15.

[12] Vgl. ebd. S. 16.

[13] Blasius (1993): Gentrification und Lebensstile, S. 36.

[14] Kannengießer, F.: Gängige Ruhrgebiet-Klischees sind heute längst überaltert, Internet-Ressource, Stand: 27.08.2016, https://www.derwesten.de/staedte/bochum/gaengige-ruhrgebiet-klischees-sind-heute-laengst-ueberaltert-id12137406.html, Letzter Zugriff 02.11.2017, S. 2.

[15] Vgl. ebd. S. 2.

[16] Vgl. ebd. S. 2.

[17] Vgl. o. V.: Realize Ruhrgebiet, Internet-Ressource, Stand: unbekannt, https://www.rechtaufstadt-ruhr.de/realize-ruhrgebiet/, Letzter Zugriff 29.10.2017, S. 1.

[18] Vgl. o. V.: Gentrifizierung: Träume vom Prenzlauer-Berg | Ruhrbarone, Internet-Ressource, Stand: 13.12.2011, https://www.ruhrbarone.de/gentrifizierung-traeume-vom-prenzlauer-berg/36249, Letzter Zugriff 04.11.2017, S. 1.

[19] Vgl. ebd. S. 1–2.

[20] Vgl. ebd. S. 2.

[21] Vgl. o. V.: Realize Ruhrgebiet, S. 1–2.

[22] Vgl. ebd. S. 3.

[23] Vgl. o. V.: Dortmund knackt wieder die 600.000 Einwohner-Marke: Untersuchung zur Bevölkerungsentwicklung in Großstädten - Nordstadtblogger, Internet-Ressource, Stand: 13.12.2016, http://nordstadtblogger.de/dortmund-knackt-wieder-die-600-000-einwohner-marke-untersuchung-zur-bevoelkerungsentwicklung-in-grossstaedten/, Letzter Zugriff 07.11.2017, S. 1.

[24] Vgl. Dortmund, S.; Dortmund-Agentur: Freizeit & Kultur - Stadtportal dortmund.de, Internet-Ressource, Stand: 07.11.2017, https://www.dortmund.de/de/freizeit_und_kultur/start_fk/index.html, Letzter Zugriff 07.11.2017, S. 1.

[25] Vgl. Süddeutsche.de GmbH; Munich; Germany: Pott, hömma!, Internet-Ressource, Stand: 24.03.2017, http://www.sueddeutsche.de/bildung/tipps-fuer-die-uni-stadt-dortmund-pott-hoemma-1.2210782, Letzter Zugriff 07.11.2017, S. 1.

[26] o. V.: Leben in Hörde - Hörde - Stadtbezirksportale - Leben in Dortmund - Stadtportal dortmund.de, Internet-Ressource, Stand: 07.11.2017, https://www.dortmund.de/de/leben_in_dortmund/stadtbezirke/stbzportal_hoerde/leben_in_hoerde/index.html, Letzter Zugriff 08.11.2017, S. 1–2.

[27] Jaquet, P.: Phoenix-See in Dortmund, Internet-Ressource, Stand: o. l. A., http://www.ruhr-guide.de/freizeit/seen-und-fluesse/phoenix-see-in-dortmund/21888,0,0.html, Letzter Zugriff 08.11.2017, S. 1–2.

[28] o.V.: DL_FrankGreiwe.pdf, Internet-Ressource, Stand: 12.07.2013, http://www.bbsr.bund.de/BBSR/-DE/Veroeffentlichungen/IzR/2012/11_12/Inhalt/DL_FrankGreiwe.pdf?__blob=publicationFile&v=2, Letzter Zugriff 08.11.2017, S. 1.

[29] ebd. S. 1.

[30] o. V.: Emscherkunst: „Eine Gentrifizierung wie aus dem Lehrbuch “ - WELT, Internet-Ressource, Stand: 01.01.2016, https://www.welt.de/regionales/nrw/article155850831/Eine-Gentrifizierung-wie-aus-dem-Lehrbuch.html, Letzter Zugriff 08.11.2017, S. 3.

[31] Vgl. ebd. S. 3.

[32] o. V.: DL_FrankGreiwe.pdf, S. 10.

[33] Vgl. Hoock, S.: Der feine Phoenix-See bedeutet Verdrängung der kleinen Leute, Internet-Ressource, Stand: 02.06.2014, https://www.derwesten.de/staedte/dortmund/der-feine-phoenix-see-bedeutet-verdraengung-der-kleinen-leute-id9422297.html, Letzter Zugriff 08.11.2017, S. 2.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Gentrifizierung - ein gesellschaftliches Problem. Warum kommt es im Ruhrgebiet in Städten wie Dortmund kaum zur Gentrifizierung?
Hochschule
EBZ Business School (ehem. Europäisches Bildungszentrum der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V444925
ISBN (eBook)
9783668827486
ISBN (Buch)
9783668827493
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ruhrgebiet, Dortmund, Phönixsee, Nordstadt, Gentrifizierung
Arbeit zitieren
Sina Schulze (Autor), 2017, Gentrifizierung - ein gesellschaftliches Problem. Warum kommt es im Ruhrgebiet in Städten wie Dortmund kaum zur Gentrifizierung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444925

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