Grenzen der Toleranz. Alltagsrassismus im Unterricht besprechen


Unterrichtsentwurf, 2018
30 Seiten, Note: 1,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Unterrichtseinheit Rassismus
2.1 Die unterschiedlichen Formen von Rassismus
2.2 Verankerung im Bildungsplan
2.2.1 Inhaltsbezogene Kompetenzen
2.2.2 Prozessbezogene Kompetenzen

3 Alltagsrassismus
3.1 Definition Alltagsrassismus
3.2 Stundenentwurf Alltagsrassismus

4 Fazit

5 Tabellarischer Unterrichtsentwurf

6 Anhang Unterrichtsmaterial
6.1 Rassismusskala (M2)
6.1.1 Personenbeschreibungen
6.1.2 Rassismusskala Auswertung
6.2 Rassismusquiz Kahoot

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Bei den Bundestagswahlen 2017 konnte die AFD für viele überraschend 12,6 % erreichen. Durch dieses gute Abschneiden der AFD bei den Wahlen stellen sich viele Menschen die Frage, wie weit rechtsextremes Denken noch heutzutage in Deutschland verbreitet ist und wie groß der rechtsextreme Sektor ist.

Dabei sind Rassismus und Ausgrenzung nicht nur im rechtsextremen Sektor verankert, sondern in allen Teilen der Gesellschaft verbreitet. So finden laut der 2016 durchgeführten Mitte-Studie 32,1 % der Befragten, dass die Ausländer nur nach Deutschland kommen, um den deutschen Sozialstaat auszunutzen. 12 % sind der allgemeinen Auffassung, dass die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen sind. Die Hälfte aller Teilnehmer gibt an, sich durch die vielen Muslime wie ein Fremder im eigenen Land zu fühlen und 58,5 % sind der Ansicht, dass Sinti und Roma zu Kriminalität neigen.

Doch nicht nur der Rassismus nach der Abstammung oder „Rassezugehörigkeit“ ist in Deutschland vertreten. So finden 36,2 % aller Befragten, dass Ehen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren nicht erlaubt sein sollten und 40,1 % geben an, dass sie es ekelhaft finden, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen.

Erschreckend und alarmierend ist hierbei nicht nur der jeweils große Prozentsatz an Zustimmung, sondern auch die Tatsache, dass diese Werte allesamt seit Beginn der Datenerfassung gestiegen sind. So waren 2009 21,4% aller Teilnehmer der Auffassung, dass Muslimen die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden sollte, während es 2016 41,4 % waren. Die Zahl der Befürworter für ein Zuwanderungsverbot von Muslimen hat sich somit fast verdoppelt. Während 2011 noch 25,8 % angaben, dass der Staat bei der Prüfung von Asylanträgen nicht großzügig sein sollte, so waren 2016 80,9% dieser Auffassung.[1]

Betrachtet man diese Entwicklung, so wird es umso wichtiger, dass bereits in der Schule ein Beitrag zu weniger Rassismus und mehr Toleranz geleistet wird.

Im Folgenden möchte ich aufzeigen, welche Begriffe für die Unterrichtseinheit Rassismus notwendig sind und wie das Thema Rassismus im Bildungsplan verankert ist. Abschließend zeige ich anhand einer exemplarischen Unterrichtsstunde, wie dieses Thema für die SchülerInnen aufbereitet und behandelt werden könnte, indem man durch eine Unterrichtsstunde zum Alltagsrassismus einen Bezug zur Lebenswelt der SchülerInnen herstellt.

2 Unterrichtseinheit Rassismus

Rassismus findet sich in den unterschiedlichsten Bereichen der Gesellschaft und Lebenswelt von jedem Einzelnen. Ob Rassismus am Arbeitsplatz, Rassismus in der Politik oder im Freundeskreis, jeder Mensch begegnet ihm in unterschiedlichen Ausformungen.

Im Folgenden möchte ich zunächst die klassische Definition von Rassismus erläutern und anschließend daran auf die inzwischen entstandenen unterschiedlichen Klassifizierungen von Rassismus eingehen. Abschließend möchte ich aufzeigen, auf welche Art und Weise sich Rassismus manifestieren kann.

2.1 Die unterschiedlichen Formen von Rassismus

„Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden des Opfers, mit der seine Aggression gerechtfertigt werden soll.“[2]

Der Mechanismus des Rassismus beruht auf vier miteinander verbundenen Bestandteilen:

- Der nachdrücklichen Betonung von Unterschieden und damit einer Kategorisierung
- Der Wertung dieser Unterschiede, folglich einer Hierarchierung
- Eine Verallgemeinerung dieser Unterschiede und Übertragung auf alle Angehörigen der betreffenden Gruppe
- Das Verwenden dieser Unterschiede gegen andere, um daraus Nutzen zu ziehen, woraus Diskriminierung oder Gewalt resultiert.[3]

Die einzelnen Elemente kann man noch nicht als Rassismus betrachten, nur die Verknüpfung dieser vier Phänomene. Der wahre Zweck des Rassismus ist die Unterdrückung und Ausgrenzung von Andersartigen. Indem diese auf einzelne Merkmale reduziert werden wird ihre Individualität geleugnet. Die jeweiligen Merkmale werden mit negativen Eigenschaften gekoppelt um Gründe zu schaffen, diese Minderheiten „abzuwerten, zu benachteiligen, auszuschließen oder Gewalt auszuüben -zum Vorteil der eigenen Gruppe, zur Selbsttaufwertung oder Verteidigung von Privilegien.“[4]

Neben der allgemeinen Definition von Rassismus haben sich im Laufe der Zeit verschiedene Klassifizierungen von Rassismus herauskristallisiert. So wird inzwischen unterschieden zwischen dem biologischen Rassismus, dem kulturalistischen Rassismus, dem latenten Rassismus, dem institutionellen Rassismus, dem multilateralen Rassismus und dem Alltagsrassismus[5].

Der biologische Rassismus orientiert sich am Modell der Tier- und Pflanzenwelt und nimmt eine Klassifikation der Menschengruppen ausgehend von einer bestimmten Rassezugehörigkeit vor. Laut dem biologischen Rassismus ist dabei eine Rasse einer anderen überlegen und dazu berechtigt andere als minderwertig eingestufte Rassen zu dominieren. Inzwischen wurde wissenschaftlich erwiesen, dass es bei den Menschen keine verschiedenen Rassen gibt. Dennoch basieren zahlreiche Äußerungen, Meinungen oder Vorurteile gegenüber anderen Gruppen weiterhin auf der biologischen Argumentation.

Der kulturalistische Rassismus zielt nicht darauf ab, dass eine Gruppe einer anderen überlegen ist, sondern zeigt vermeintliche Unvereinbarkeiten der Lebensweise oder Traditionen zwischen verschiedenen Gruppen auf. Der Gegenüber wird dabei nicht als eindeutig minderwertig bezeichnet, doch wird er als so verschieden angesehen, dass jegliches gemeinsame Agieren oder Zusammenleben als unmöglich wahrgenommen wird.

Da solch offene Formen des Rassismus inzwischen gesellschaftlich immer mehr kritisiert werden, wurden offene Anfeindungen oder explizite Formulierungen immer mehr in implizite Diskriminierungen und verstecke Formen von Rassismus umgewandelt. So finden zwar keine offensichtlich feindseligen oder diskriminierenden Handlungen mehr statt, doch führen auch Äußerungen, die subtilen Rassismus beinhalten zu einem Klima der Ambivalenz und unterschwelligen Unterstellungen. Dieser sogenannte latente Rassismus ist es, „der ein wichtiges Hindernis darstellt, sich mit den Opfern zu solidarisieren und sich gegen Diskriminierung zu wehren“[6]

Der institutionelle Rassismus ist wie der Name bereits suggeriert in den Strukturen öffentlicher und privater Institutionen verankert. Sie haben sich

aufgrund historischer und gesellschaftlicher Macht- und Gewaltverhältnisse entwickelt und in dem ökonomischen sowie kulturellen und politischen Aufbau einer Gesellschaft und deren Institutionen manifestiert (institutionalisiert).[7]

Obwohl nicht offensichtlich als rassistisch erkennbar, beeinflussen diese bewusst oder unbewusst die Meinungen und das Verhalten der sich in diesen Institutionen befindlichen Individuen. Auch umgekehrt lässt sich ein Effekt feststellen.

Der multilaterale Rassismus, oder auch Opferrassismus, entsteht nicht auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft, sondern bei denen, die Opfer von struktureller Diskriminierung oder interpersonellen Aggressionen sind. Hierbei bilden die von Rassismus betroffenen Mitglieder einer bestimmten Gruppe selbst eine aggressive Feindseligkeit gegenüber der Mehrheit aus. Besonders im Migrationskontext lässt sich diese Form des Rassismus feststellen. Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass die den multilateralen Rassismus ausübende Gruppe oftmals nicht die soziale Macht hat, um Andere oder die Mehrheit strukturell benachteiligen zu können. Daher manifestiert sich der multilaterale Rassismus oftmals in interpersonellen Aggressionen.[8]

Rassismus, egal von welcher Art er ist, kann sich auf drei verschiedene Weisen manifestieren. Rassismus in Form von Vorurteilen, Rassismus als Verhalten und Rassismus als Ideologie. Diese können sowohl gleichzeitig, als auch unabhängig voneinander auftreten.

Der Rassismus in Form von Vorurteilen basiert wie der Name bereits suggeriert auf Vorurteilen. Diese entspringen Stereotypen, also hartnäckigen kollektiven Bildern oder Vorstellungen, welche aus Verallgemeinerungen oder groben Vereinfachungen von Merkmalen einer bestimmten Gruppe entstehen. Während Stereotype keine direkte abwertende Haltung besitzen und nur einen Aspekt einer bestimmten Gruppe beschreiben, so bilden Vorurteile verallgemeinerte Urteile über eine Gruppe, die automatisch auf alle Mitglieder dieser Gruppe übertragen werden. Rassismus in Form von Vorurteilen äußert sich also in einer bereits bestehenden Haltung gegenüber eine Person mit einer bestimmten Gruppenzugehörigkeit, unabhängig davon, ob diese Person alle Merkmale besitzt.

Werden die bestehenden Vorurteile mit einer Handlung verknüpft, die darin resultiert, dass der Gegenüber in seiner Würde verletzt oder ungleich behandelt wird, so führt dies zu einer Diskriminierung des Gegenübers, dem Rassismus als Verhalten. Diese Diskriminierung ist das „Resultat eines Machtgefälles zwischen dem- oder derjenigen, der/ die sie ausübt, und dem- oder derjenigen, der/die sie erleidet.“[9] Der Rassismus als Verhalten ist eine konkrete Handlung rassistischer Diskriminierung und Gewalt. Hierbei kann man verschiedene Formen und Ausübungen der Gewalt unterscheiden, wie z.B. Beleidigungen, Ausgrenzungspraktiken, tätlichen Gewalthandlungen und Völkermord.[10]

Der Rassismus als Ideologie zeigt sich besonders in Publikationen und den Medien in Form von Theorien und rassistischen Denkweisen, welche als Grundsätze und Weltanschauungen verbreitet werden. Diese dienen dem Zweck, Ungleichbehandlungen zu begründen und zu rechtfertigen, indem sie unüberwindbare biologische oder kulturelle Unterschiede als Argumente ins Feld führen. […Sie] verbergen Abweichungen innerhalb einer Gruppe oder auch Gemeinsamkeiten zwischen den Gruppen.[11]

Ebenfalls wird der Holocaust banalisiert oder geleugnet.

2.2 Verankerung im Bildungsplan

Die SchülerInnen zur Gestaltung eines selbstbestimmten und verantwortungsbewussten Lebens, sowie zu einer ethisch-moralischen Urteilsbildung zu befähigen, gehört zu den zentralen Aufgaben der schulischen Bildung.

Die Begriffe “Freiheit, Gerechtigkeit und Verantwortung“ bilden dabei die wichtigsten Leitbegriffe des Faches Ethik, sowie die Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt (BTV), die eine differenzierte Auseinandersetzung der SchülerInnen mit dem Eigenem und dem Anderen zum Ziel hat.[12]

Im Folgenden möchte ich einen Einblick in die im Bildungsplan Ethik für Baden- Württemberg verankerten inhaltsbezogenen und prozessbezogenen Kompetenzen geben, die unter Berücksichtigung der Leitbegriffe des Faches Ethik durch das Thema “Rassismus und Toleranz“ im Ethik- und Philosophieunterricht behandelt werden.

Die in den nächsten Kapiteln erörterten Kompetenzen in ihrer Funktion als Methodik und Standards für den Ethikunterricht werden in der nachfolgenden Abbildung visualisiert.

Abbildung 1: Zusammenhang zwischen Kompetenzen, Leitbegriffen und dem Ziel des Ethikunterrichts

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: 1 Bildungsplan 2016: 7

2.2.1 Inhaltsbezogene Kompetenzen

Die für die ethisch-moralische Urteilsbildung wichtigen Standards werden in den inhaltsbezogenen Kompetenzen benannt. Das Thema “Rassismus“ lässt sich zu verschiedenen inhaltsbezogenen Kompetenzen im Bildungsplan einordnen.

Bereits in der 7./8./9. Klasse gibt es die Kompetenz Ich und Andere, in welcher die SchülerInnen sich mit den Themen Identität, Individualität und Rolle sowie Gerechtigkeit auseinandersetzen sollen.

In Bezug auf das Thema der Identität sollen die SchülerInnen dazu in der Lage sein,

(1) ausgehend von der eigenen Person identitätsstiftende Merkmale herausarbeiten und sich zu ihrem Einfluss auf die Individualität äußern

(z.B. Begabungen, Stärken, Schwächen, Einschränkungen, Wertvorstellungen, Interessen, Herkunft, soziales Umfeld, Alter, Geschlecht) […]

(4) Möglichkeiten und Gefahren für die Einzelne oder den Einzelnen innerhalb verschiedener sozialer Beziehungen identifizieren und bewerten (z.B. Freundschaften, Peergroups, Familie, Verein, Klasse)

(5) allgemeine Bedingungen für ein verantwortliches Miteinander erläutern und begründen (z.B. Respekt, Achtung, Fairness, Gerechtigkeit).[13]

Indem die SchülerInnen sich mit dem Thema Rassismus auseinandersetzen, reflektieren sie automatisch sowohl über eigene als auch fremde identitätsstiftende Merkmale. Hierbei kann man gemeinsam darüber diskutieren, welche Vorteile aber auch Gefahren diese Merkmale haben und wie diese sich auf verschiedene Gruppen und die Gruppenbildung auswirken. Ebenfalls kann mit den SchülerInnen besprochen werden, was Gerechtigkeit im Hinblick auf vermeintliche „andersartige“ Menschen (z.B. physisch, sexuell oder kulturell) in der heutigen Gesellschaft bedeutet. Ziel dieser Diskussion ist, dass die SchülerInnen verschiedene Aspekte und Formen von Gerechtigkeit beschreiben, sowie bestehende, auf Rassismus beruhende Ungerechtigkeiten in ihrem Lebensumfeld erkennen können und im Bezug darauf Handlungsalternativen aufzeigen und entwerfen. Dies geschieht indem sie ihr eigenes Verständnis von Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit in Bezug auf ihre Lebenswelt erläutern und mit dem Verständnis anderer vergleichen. Im Zuge dessen sollen die SchülerInnen zudem unterschiedliche Formen von Gerechtigkeit, wie

[...]


[1] Vgl. Decker, Kiess, Eggers und Brähler 2016: 34- 51

[2] Memmi 1994: 225

[3] Vgl. Argumente & Kultur gegen Rechts 2015: 7

[4] Eisengräber 2015: 8

[5] Anmerkung: Die Definition zum Alltagsrassismus befindet sich aus logischen Gründen auf Seite 14 der vorliegenden Hausarbeit.

[6] Eckmann und Davolio 2009: 22

[7] Odoi 2004

[8] Vgl. Eckmann und Davolio 2009: 22

[9] Eckmann und Davolio 2009: 20

[10] Vgl. Eckmann und Davolio 2009: 20

[11] ebd.: 20

[12] Vgl. Ministerium für Kultus, Jugend und Sport 2016: 3-5.

[13] Ministerium für Kultus, Jugend und Sport 2016: 13f

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Grenzen der Toleranz. Alltagsrassismus im Unterricht besprechen
Note
1,3
Jahr
2018
Seiten
30
Katalognummer
V444928
ISBN (eBook)
9783668818149
ISBN (Buch)
9783668818156
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rassismus, Alltagsrassismus, Gattaca, Unterrichtsentwurf, Kahoot, Grenzen, Toleranz, Bildungsplan, Schule
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Grenzen der Toleranz. Alltagsrassismus im Unterricht besprechen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444928

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Grenzen der Toleranz. Alltagsrassismus im Unterricht besprechen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden