Serenus Zeitblom. Die zweite Hauptfigur in Thomas Manns "Doktor Faustus"


Hausarbeit, 2010

17 Seiten, Note: 2,5

Jana Mussik (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Serenus Zeitblom
2.1 Biographie
2.2 Erzählerrolle
2.3 Beziehung zu Thomas Mann
2.4 Beziehung zu Adrian Leverkühn
2.5 Problem der Glaubwürdigkeit

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Am 23. Mai 1943 beginnt Thomas Mann seinen neuesten Roman, am gleichen Tag lässt er auch seinen fingierten Biographen Serenus Zeitblom sein Lebenswerk schreiben. Thomas Mann arbeitet fast vier Jahre an dem Werk mit dem Titel Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde. Beinahe täglich setzt er sich daran, erleidet zwischendurch eine Lungenerkrankung und trotz schwerer Operationen setzt er nur drei Monate aus. Endlich bringt Thomas Mann am 29. Januar 1947 die letzte Zeile zu Papier und auch der Zweite Weltkrieg hat ein Ende gefunden.

Thomas Mann wollte einen Roman seiner Epoche schreiben, „verkleidet in die Geschichte eines hoch-präkeren und sündigen Künstlerlebens“.[1] Es wurde sein großer Altersroman, sein „Lebensbuch“.[2]

Doch neben seinem Titelhelden Adrian Leverkühn gibt es noch eine zweite, sehr wichtige Figur – die des Biographen Zeitblom. Auch sein Leben spielt in der Betrachtung einer ganzen Gesellschaft eine wichtige Rolle. Im Rahmen dieser Arbeit soll die Romanfigur Serenus Zeitblom näher betrachtet werden. Seine eigene Biographie soll dabei als erstes dargestellt und auch seine Funktion in der Erzählerrolle soll erläutert werden. Im Anschluss möchte ich versuchen, auf die Beziehung zum realen Thomas Mann, wie auch zum Romanhelden Adrian Leverkühn näher einzugehen. Abschließend soll dann das Problem der Glaubwürdigkeit des Ich-Erzählers betrachtet werden.

2. Serenus Zeitblom

In den Aufzeichnungen Thomas Manns ist erst ab Seite 111 die Rede von der Erzähler-Figur Serenus Zeitblom. Die meisten anderen Figuren tauchen wesentlich früher auf. Dabei ist er eines der wichtigsten Bestandteile des Romans. Er ist es, der sich der schweren Aufgabe annimmt, diese Biographie zu schreiben. Als Beweggrund sagt er selbst: „Ich habe ihn geliebt“[3] und bezieht sich dabei auf seinen geschätzten Freund Adrian Leverkühn. Doch ist das allein der Grund, aus dem er sich einer Aufgabe widmet, die anscheinend so sehr seinem Naturell widerspricht? Er selbst sagt, dieser Stoff sei seinem Wesen zu tiefst fremd. Ist es wirklich der liebevolle Wunsch, das Andenken des Verstorbenen zu wahren? Und wie kann es sein, dass er Handlungen, zum Teil auch Monologe Leverkühns, wie zum Beispiel das Teufelsgespräch so präzise wiedergeben kann? Anhand der eigenen Lebensgeschichte und auch der Beziehung zu seinem Freund sollen diese Frage thematisiert werden.

2.1 Biographie

Serenus Zeitblom hat es sich selbst zur großen Aufgabe gemacht, das Leben seines Freundes Adrian Leverkühn aufzuschreiben und so für die Nachwelt festzuhalten. Doch anders, wie es in den meisten Biographien üblich ist, beschränkt er sich dabei nicht auf eine Zusammenstellung der Lebensdaten und wichtiger Ereignisse im Leben Leverkühns, sondern sieht sich selbst ebenfalls als einen nicht unbedeutenden Aspekt hinsichtlich der Biographie. Er selbst ist mit dem Gegenstand, Adrian Leverkühn, sehr wohl vertraut. Sie wuchsen zusammen auf, verbrachten Kinder- und Jugendzeit zusammen. Er, Zeitblom, ist somit ein Teil der Lebensgeschichte von Leverkühn und somit wird auch seine eigene Biographie Gegenstand der auferlegten Aufgabe.

Obwohl er diesen Aspekt für sehr wichtig hält und ihn tatsächlich vielen anderen voranstellt, widmet er sich erst im zweiten Kapitel seiner eigenen Biographie. Zeitblom ist der Meinung, um Adrian Leverkühn zu verstehen und letztlich auch seine eigenen Beweggründe verstehen zu können, sich dieser Aufgabe angenommen zu haben, müsse der Leser auch seine Lebensgeschichte kennen, die ja in großen Teilen mit der Leverkühns verknüpft ist.

In dem Moment, in dem der Leser Serenus Zeitblom kennenlernt, am 23. Mai 1943, sitzt er an seinem Schreibtisch in seinem Studierzimmer und beginnt mit dem Schreiben der Biographie seines Freundes. So weit lässt sich die äußere Situation des Schreibers gut bestimmen. Er ist Altphilologe und Gymnasialprofessor im vorzeitigen Ruhestand. Seine Tätigkeit als Lehrer nahm er 1914 in Freising in Bayern auf, geboren wurde er jedoch in Kaisersaschern bei Merseburg 1883. Sein Vater, der Apotheker Wohlgemut Zeitblom, erzog seinen Sohn trotz des lutherischen Umfeldes katholisch.

Sein Freund Adrian ist nur zwei Jahre älter als er, sie besuchen gemeinsam die Schule und dann auch die Universität. Mit einigen Unterbrechungen verbringen sie gemeinsame Jahre in Halle, Leipzig und München. Zeitblom beschreibt, vermutlich nicht ohne Stolz, Adrian hätte sich nur von ihm und einen weiteren Bekannten Rudolf Schwerdtfeger duzen lassen.

1910 „gesteht“ Serenus Adrian, dass er gerne heiraten möchte, Helene Ölhafen sei ein „braves Mädchen.“[4] Adrian antwortet darauf: „Wundervoll […]. Guter Jüngling, du willst dich ehelich verheiraten. Was für eine rechtschaffene Idee!“[5] Beinahe klingt es so, als hätte er sich eine Erlaubnis von seinem geschätzten Freund eingeholt. Später besuchen Serenus und Helene Adrian in Palestrina. Die Eheleute bekommen drei Kinder, die Söhne dienen dem Nationalsozialismus.

Auch Zeitblom selbst verbrachte einige Zeit an der Front, allerdingt bereits zwischen 1914-1915, aufgrund einer Typhuserkrankung wurde er vorzeitig entlassen. Schon in diesen Jahren machte er sich viele Gedanken um Deutschland und die Zukunft des Landes.

Seine enge Bindung zu Adrian wird auch gerade dann deutlich, wenn er die Gespräche zwischen diesem und Rudolf Schwerdtfeger weitergibt. Es wirkt beinahe so, als wäre er eifersüchtig auf die Beziehung der beiden Freunde. Stets hat er Einblick in die Tätigkeiten und auch in das Werk des hochverehrten Leverkühns. Doch sein letztes, „ Dr. Fausti Weheklag “, setzt er ganz direkt in Verbindung mit dem Untergang Deutschlands und der Deutschen. Den alternden und vom Wahnsinn bereits gezeichneten Adrian sieht er nur noch zwei Mal, doch wird er von ihm nicht mehr erkannt. Es bleibt ihm nur noch 1940 an der Beerdigung teilzunehmen.

Sämtliche Informationen über den zu schreibenden Gegenstand entnimmt er nicht nur seinen eigenen Erinnerungen, sondern auch den Unterlagen und Schriften Leverkühns, die ihm dafür zur Verfügung stehen. So wird auch plausibel gemacht, wieso er so detailliert Auskunft über Ereignisse geben kann, an denen er nicht einmal teilgenommen hat. Nun ist es an ihm, das Andenken seines Freundes zu bewahren und wie er hofft, auch zu verbreiten.

2.2 Erzählerrolle

Wie bereits genannt ist der Chronist und Ich-Erzähler des Werkes Serenus Zeitblom, der pensionierte Gymnasialprofessor. Er stellt das Leben eines Freundes dar und interpretiert dies gleichzeitig. Eine objektive Sichtweise ist im Grunde nie möglich, da er selbst oft Teil der Handlung ist. Oft schweift er ab und beschreibt die Gesellschaft, Kultur oder die Politik seiner Zeit. Die Art seines Erzählens scheint nicht ganz zu dem Bild zu passen, das er dem Leser von sich geben wollte. Aus seinen Beschreibungen heraus wirkt er bieder, nüchtern und ordentlich. Doch seine Erzählungen, vor allem, wenn es um Adrian geht, wirken merklich nervös, ungeduldig und gerade am Anfang noch reichlich unstrukturiert. Er scheint, alles auf einmal und dann doch lieber gar nichts mehr erzählen zu wollen, als fühle er sich nicht wohl in seiner Haut. Der einfühlsame Leser könnte das natürlich darauf zurückführen, dass ihm der Stoff wohl sehr nahe geht und es unmöglich sein muss, ein objektives Bild zu geben, da er ja wie schon genannt stets selbst betroffen war. Er ist auch gleichzeitig mithandelnde Figur, somit wird das unmittelbare Erlebnisfeld Adrians erweitert. Auch wenn es für den Leser vielleicht etwas befremdlich wirkt, dass der Biograph auch sein eigenes Leben mit in die Handlung einfließen lässt, tut er dies immer nur in Maßen. Insgesamt erzählt er recht wenig von persönlichen Bewandtnissen. Bei genauerer Beobachtung fällt auf, dass er nur dann aus dem eigenen Leben schöpft, wenn es auch Adrian direkt betrifft. Er berichtet von Adrians Umgebung und dem gemeinsamen Bekanntenkreis.

Um die Illusion eines Biographen auch tatsächlich wirken zu lassen, musste Thomas Mann dafür sorgen, dass sich diese „Zwischenfigur“ auch von ihm, dem realen Autor, unterscheidet. Er musste eine Möglichkeit finden, wie sich der fingierte Erzähler Zeitblom von ihm abhebt und so schuf er einen ganz eigenen Schreibstil. Er musste einen Stil kreieren, von dem er annahm, dass so ein 60jähriger Altphilologe schreiben würde. Einer, der sich seiner Aufgabe zwar bewusst war, sich dieser aber alles andere, als gewachsen fühlte.

Gerade in den ersten Kapiteln des Romans wird dieser „Serenus-Zeitblom-Stil“[6] sehr streng durchgeführt und deutlich. Die Sätze sind ganz besonders lang, kompliziert und verschachtelt. Die Ausdrucksweise ist gediegen und dem Leser wird sehr schnell klar, dass es sich um eine Person mit hoher Bildung und einem gewissen Alter handelt. Dazu kommen „ein beträchtlicher Einschlag von Pedanterie“,[7] aber auch von Sentimentalität und Zuneigung. Dieser ganz eigene Erzählstil hat auch die Aufgabe, eine gewisse Distanz zum Gegenstand selbst, zu Adrian Leverkühn zu schaffen. Doch wird er schon bald von Thomas Mann durchbrochen oder gar gänzlich aufgehoben, da es gerade durch diese Distanz nicht möglich ist „den Gegenstand ausreichend zu beleuchten“.[8] Das Ergebnis ist also eine Mischung aus Thomas-Mann-Schreibstil und dem frei erfundenen Zeitblom-Stil. Letzterer schlägt gerade dann immer besonders durch, wenn er von sich selbst oder von seinen Gefühlen Adrian gegenüber spricht. Der Zeitblom-Stil tritt zurück, wenn von Handlungen die Rede ist, die Adrian direkt betreffen, also seine Ansichten oder auch Beschreibungen der Kompositionen. Der Schreibstil ändert sich wieder, wenn nun Zeitblom selbst über eben diese Ansichten oder Kompositionen urteilt. Auch hat so manch andere Figur ihren ganz eigenen Erzählstil, doch zumeist verschmelzen sie kaum noch erkennbar mit dem des fingierten Erzählers oder des realen Autors.

[...]


[1] Inge DIERSEN: Thomas Mann. Episches Werk, Weltanschauung, Leben. 3. Überarb. Aufl. Berlin 1985. S. 264.

[2] Ebd.

[3] Thomas MANN: Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde. Frankfurt/Main 1999. Hier S. 11.

[4] MANN: Doktor Faustus. S. 191.

[5] Ebd.

[6] Inge DIERSEN: Thomas Mann. Episches Werk, Weltanschauung, Leben. 3. Überarb. Aufl. Berlin 1985. Hier S. 286.

[7] Ebd.

[8] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Serenus Zeitblom. Die zweite Hauptfigur in Thomas Manns "Doktor Faustus"
Hochschule
Universität Leipzig  (Geisteswissenschaftliches Institut)
Veranstaltung
Thomas Manns Doktor Faustus
Note
2,5
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V444958
ISBN (eBook)
9783668816862
ISBN (Buch)
9783668816879
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Serenus Zeitblom, Doktor Faustus, Faust, Thomas Mann, Adrian Leverkühn
Arbeit zitieren
Jana Mussik (Autor), 2010, Serenus Zeitblom. Die zweite Hauptfigur in Thomas Manns "Doktor Faustus", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/444958

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