Viele Menschen fliehen vor Krieg, instabilen politischen Verhältnissen, Verfolgung oder Armut, die in ihren afrikanischen oder nahöstlichen Herkunftsländern herrschen, und sie sind fest entschlossen, sich hier in Europa eine neue, ungefährlichere und stabilere Existenz aufzubauen. Deutschland alleine hat im Jahr 2015 eine Million dieser nach Europa drängenden Flüchtlinge aufgenommen. Der Druck, so große Mengen von Neuankömmlingen integrieren zu müssen, rührt primitive Ängste an – etwa die Sorge, ob dafür überhaupt ausreichende Ressourcen verfügbar sind. Den entsprechenden Sorgen geben rechtsextreme Gruppen einen rassistischen Anstrich. Insbesondere, wenn die Andersartigkeit der Flüchtlinge deutlich erkennbar ist, wird ihr Zustrom dann schnell als eine Gefahr für die Identität Deutschlands erlebt.
Vor diesem Hintergrund stelle ich mir im Rahmen der Vorlesung „Sozialpsychologie und Mikrosoziologie menschlicher Interaktion“ und der daraus entstehenden Hausarbeit die Frage, ob die verbreiteten Ängste vor Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, fehlenden Lebensperspektiven und Terror ausreichend sind, um die zunehmende rassistische und rechtsextremistische Gewalt vor allem in Ostdeutschland zu erklären.
In dieser Hausarbeit werde ich mit Hilfe des psychoanalytischen Erklärungsmodells von Whitebook (2018) versuchen, diese Frage zu beantworten. Als Einstieg werde ich meine persönlichen rassistischen und rechtsextremistischen Erfahrungen in der Stadt Schwedt in Brandenburg darstellen. Im Anschluss werde ich einen Überblick über den aktuellen Stand rassistischer und rechter Gewalttaten in den neuen Bundesländern seit 2015 geben und unterschiedliche Erklärungsversuche für Rassismus und Rechtsextremismus, der soziale, gesellschaftliche und politische Komponenten beinhaltet, eingehend beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
1.0 EINLEITUNG
2.0 FALLBEISPIEL AUS PERSÖNLICHER ERFAHRUNG
3.0 AKTUELLE SITUATION IN DEN NEUEN BUNDESLÄNDERN
4.0 RASSISMUS IN DEUTSCHLAND
4.1 SITUATION NACH DER WIEDERVEREINIGUNG DEUTSCHLANDS
4.2 FORMIERUNG UND AUFSTIEG DES RECHTSPOPULISMUS UND NEUER RECHTER BEWEGUNGEN
4.3 FLUCHT- UND MIGRATIONSBEWEGUNGEN NACH DEUTSCHLAND UND EUROPA
5.0 PSYCHOANALYTISCHE ÜBERLEGUNGEN
5.1 WHITEBOOKS ERKLÄRUNGSMODELL: THEORETISCHE GRUNDLAGEN
6.0 SCHLUSSBETRACHTUNGEN UND FAZIT
7.0 LITERATUR
8.0 LINKS
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit soziale Krisenerscheinungen wie Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot ausreichen, um die zunehmende rassistische und rechtsextremistische Gewalt – insbesondere in Ostdeutschland – zu erklären, oder ob tiefsitzende destruktive Potenziale der Menschheit eine maßgebliche Rolle spielen.
- Analyse der rassistischen und rechtsextremistischen Gewalt in Deutschland seit 2015.
- Psychoanalytische Betrachtung der menschlichen Destruktivität anhand des Erklärungsmodells von Joel Whitebook.
- Verbindung von persönlichen Erfahrungen mit einer breiteren gesellschaftspolitischen Analyse.
- Diskussion über die Rolle von Flucht- und Migrationsbewegungen bei der Entstehung von Angst und Abwehrreflexen.
- Kritische Reflexion über die Wirksamkeit bisheriger Präventionsmaßnahmen gegen Rechtsextremismus.
Auszug aus dem Buch
5.1 Whitebooks Erklärungsmodell: Theoretische Grundlagen
Whitebooks Erklärungsmodell - die Destruktivität der Menschheit - ist im psychoanalytischen Diskurs nicht gänzlich unbekannt. Schon Sigmund Freud thematisierte in seinen frühen kulturtheoretischen Werken die antisoziale Kraft des Seelenlebens. Ausgangslage für Freuds Überlegungen waren die Schrecken des Großen Krieges, in dem die aus dem 19. Jahrhundert stammende fortschrittsgläubige Weltsicht des Bürgertums unterging.
Freud entwickelte seine Konzepte des Wiederholungszwangs, der negativen therapeutischen Reaktion, des primären Masochismus und natürlich des Todestriebs. André Green beschrieb diese Arbeit Freuds als die Arbeit des Negativen (Green, 1999).
Obwohl Freuds Bemühungen von Anfang an von Analytikern unterschiedlicher Couleur sehr kritisiert und er als anthropologischer Pessimist bezeichnet wurde, sind seine späteren kulturtheoretischen Schriften zu der Hypostasierung der antisozialen Kräfte des Seelenlebens auf diese ersten Bemühungen zurückzuführen (vgl. Whitebook, 2018). Die antisozialen Mächte des Seelenlebens waren Freud offenkundig selbstverständlicher als ihre Gegenkräfte, so dass er einiges an Anstrengung aufbieten musste, um diesen angemessen Rechnung zu tragen. Um seine Gedanken zu konkretisieren, schrieb Freud im November 1914 an Lou Andreas-Salomé:
„Ich zweifle nicht daran, dass die Menschheit auch diesen Krieg verwinden wird, aber ich weiß sicher, dass ich und meine Altersgenossen die Welt nicht mehr froh sehen werden. Es ist zu garstig; das Traurigste daran aber, dass es gerade so ist, wie wir uns nach den von der Psychoanalyse geweckten Erwartungen die Menschen und ihr Benehmen vorstellen sollten. Wegen solcher Einstellung zu den Menschen habe ich in Ihren frohen Optimismus nie einstimmen können. Mein geheimer Beschluss war: da wir die gegenwärtig höchste Kultur nur mit einer enormen Heuchelei behaftet sehen, so taugen wir organisch nicht für diese Kultur“ (Freud 1966a, S. 22 f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1.0 EINLEITUNG: Der Autor führt in die Problematik der zunehmenden rassistischen Gewalt in Deutschland ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach den Ursachen, insbesondere unter Rückgriff auf psychoanalytische Erklärungsmodelle.
2.0 FALLBEISPIEL AUS PERSÖNLICHER ERFAHRUNG: Hier werden rassistische Anfeindungen und die persönlichen Erfahrungen des Autors in Schwedt (Uckermark) geschildert, die als Ausgangspunkt für die theoretische Auseinandersetzung dienen.
3.0 AKTUELLE SITUATION IN DEN NEUEN BUNDESLÄNDERN: Dieses Kapitel bietet einen Überblick über die statistische Entwicklung rechtsextremistischer Straftaten und diskutiert die Problematik der polizeilichen Erfassung und die Wahrnehmung der Gewalt vor Ort.
4.0 RASSISMUS IN DEUTSCHLAND: Die historische Einordnung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit nach 1945 sowie die Entwicklung der gesellschaftlichen Stimmung nach der Wiedervereinigung stehen hier im Fokus.
4.1 SITUATION NACH DER WIEDERVEREINIGUNG DEUTSCHLANDS: Es wird untersucht, wie Unsicherheit und Verteilungskonflikte nach der Wiedervereinigung zu einem Anstieg von Fremdenfeindlichkeit und dem Sündenbock-Mechanismus beigetragen haben.
4.2 FORMIERUNG UND AUFSTIEG DES RECHTSPOPULISMUS UND NEUER RECHTER BEWEGUNGEN: Dieses Kapitel analysiert den politischen Erfolg rechter Parteien und Bewegungen sowie deren Rolle bei der Vergiftung des gesellschaftlichen Diskurses.
4.3 FLUCHT- UND MIGRATIONSBEWEGUNGEN NACH DEUTSCHLAND UND EUROPA: Die Auswirkungen der Fluchtbewegungen seit 2015 und die damit einhergehende Dominanz regressiven Denkens in der Gesellschaft werden beleuchtet.
5.0 PSYCHOANALYTISCHE ÜBERLEGUNGEN: Der Autor führt verschiedene psychoanalytische Erklärungsansätze ein, um das komplexe Phänomen des Rassismus tiefergehend zu durchdringen.
5.1 WHITEBOOKS ERKLÄRUNGSMODELL: THEORETISCHE GRUNDLAGEN: Eine detaillierte Darstellung des Modells von Joel Whitebook zur „Destruktivität der Menschheit“ und dessen Einordnung in die psychoanalytische Tradition.
6.0 SCHLUSSBETRACHTUNGEN UND FAZIT: Das Fazit bestätigt, dass soziale Krisen allein nicht ausreichen, um Rassismus zu erklären, und unterstreicht die Relevanz der Triebtheorie für das Verständnis aktueller gesellschaftlicher Prozesse.
Schlüsselwörter
Rassismus, Rechtsextremismus, Psychoanalyse, Destruktivität der Menschheit, Joel Whitebook, Migration, Identität, Fremdenhass, Ostdeutschland, Triebtheorie, Wiedervereinigung, Antisemitismus, Soziale Krisen, Rechtspopulismus, Innere Gewalt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Ursachen für den Anstieg rassistischer und rechtsextremistischer Gewalt in Deutschland, wobei der Fokus auf einer psychoanalytischen Erklärungsebene liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind Rassismus, die Auswirkungen der Wiedervereinigung, rechtspopulistische Bewegungen, Fluchtmigration und die psychoanalytische Theorie der menschlichen Destruktivität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, ob klassische soziale Krisenfaktoren zur Erklärung rassistischer Gewalt ausreichen oder ob tieferliegende psychologische und destruktive Triebstrukturen eine entscheidende Rolle spielen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt einen interdisziplinären Ansatz, der persönliche Erfahrung (Autoethnographie) mit sozialwissenschaftlichen Analysen und psychoanalytischen Erklärungsmodellen kombiniert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine Bestandsaufnahme der Gewaltsituation, die Analyse politischer Entwicklungen seit der Wiedervereinigung sowie die theoretische Fundierung durch das Erklärungsmodell von Joel Whitebook.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich über Begriffe wie Rassismus, psychoanalytische Sozialtheorie, Destruktivität und gesellschaftliche Regression charakterisieren.
Wie prägten die eigenen Erfahrungen des Autors in Schwedt die Forschungsarbeit?
Die rassistischen Anfeindungen, die der Autor als Psychologe in Schwedt selbst erfahren musste, dienen als empirischer Ausgangspunkt, um die abstrakte Gewaltproblematik konkret zu veranschaulichen.
Warum bezieht sich der Autor so intensiv auf Joel Whitebook?
Der Autor wählt Whitebooks Modell, da es seiner Ansicht nach am besten geeignet ist, die Verbindung zwischen individueller Triebstruktur und aktueller politischer Situation zu erklären.
Wie bewertet der Autor die bisherigen Präventionsmaßnahmen?
Der Autor kritisiert, dass bestehende Präventionsmaßnahmen, die sich primär auf Antisemitismus konzentrieren, angesichts der neuen Qualität und des Ausmaßes rassistischer Gewalt zu kurz greifen.
- Arbeit zitieren
- Daniel Apobona Awenva (Autor:in), 2018, Rassistische und rechtsextremistische Gewalt in den neuen Bundesländern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445056