Wie beeinflussen bearbeitete Bilder auf Instagram das Schönheitsideal von Mädchen?

Eine qualitative Interviewstudie


Fachbuch, 2019
125 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Kurzbeschreibung / Abstract.

Abbildungsverzeichnis.

1 Relevanz und Zielsetzung der Arbeit.
1.1 Vorgehensweise in der Arbeit
1.2 Gendergerechte Formulierung.

2 Theoretischer Rahmen und Forschungsstand.
2.1 Die vernetzte Mediengesellschaft
2.2 Jugend als Lebensphase.
2.3 Gesellschaftliche Schönheitsideale.

3 Methodische Vorgehensweise.
3.2 Auswahl der Interviewpartnerinnen und Interviewsituation.
3.3 Qualitative Inhaltsanalyse.

4 Interpretation der Ergebnisse.
4.1 Nutzung und Bedeutung.
4.2 Schönheitsideale und Bewertung.
4.3 Authentizität und Bildbearbeitung.
4.4 Sonstige.

5 Zusammenfassung und Ausblick.
5.1 Das Praxisprojekt #instagirls.
5.2 Fazit

6 Literaturverzeichnis.

Anhang.

6.1 Leitfadengestütztes Einzelinterview...
6.2 Transkribierte Interviews.
6.3 #instagirls – Ablaufplan..
6.4 Flyer zum Praxisprojekt #instagirls.

Kurzbeschreibung / Abstract

Soziale Netzwerke gehören in unserer heutigen Gesellschaft zum Alltag. Als jederzeit verfügbare Applikationen des Smartphones verändern sie das Medienhandeln der Menschen und wirken als zusätzliche Sozialisationsinstanz vor allem im Jugendalter stark ein. Die kostenlose Foto-App Instagram ist besonders bei jugendlichen Mädchen beliebt und ermöglicht das Konsumieren und Teilen von Bildinhalten. Durch die simplen, appintegrierten Fotobearbeitungsmöglichkeiten ist auf Instagram vor allem eine Bilderwelt zu finden, deren Schwerpunkte auf Schönheit und Ästhetik liegt. Accounts zu Themen wie Fitness, Ernährung, Make-Up und Mode zählen hier zu den beliebtesten Profilen unter jungen Mädchen. Da Jugendliche besonders in der Phase der Pubertät auf der Suche nach Orientierung mit speziellen Herausforderungen konfrontiert sind, beschäftigt sich die vorliegende Ausarbeitung mit dem Einfluss von Instagram auf die Lebenswelt jugendlicher Mädchen zwischen 12 und 16 Jahren. Anhand von sieben geführten Leitfadeninterviews wird im Rahmen einer qualitativen Forschung analysiert, wie jugendliche Mädchen Instagram nutzen und welche Wirkung der alltägliche Konsum der idealisierten Bilder auf sie hat. Wie das Smartphone grundsätzlich die Lebenswelten der Menschen prägt und welche Herausforderungen in der Lebensphase der Jugend an junge Individuen herangetragen werden, bilden hierbei die theoretischen Grundlagen. Hinzu kommt die Frage nach den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen das Schönheitsideal entsteht, inwiefern Medien zur Verbreitung und Reproduzierung von manipulierten Idealbildern beitragen und wie diese auf junge Mädchen und Frauen einwirken.

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Social networks are part of everyday life in our society today. As applications of the smartphone they are available at any time, they change people's media behavior and, as an additional socialization instance, have a strong impact, especially in adolescence. Especially the free photo app Instagram is popular with teenage girls and allows the consumption and sharing of image content. The simple, app-integrated photo editing on Instagram allows to find a world, whose emphasis is on beauty and aesthetics. Accounts about topics such as fitness, nutrition, make-up and fashion count among the most popular profiles for young girls. Since adolescents are faced with specific challenges, especially in the phase of puberty when they search for orientation, the present article deals with the impact of Instagram on the lives of adolescent girls aged between 12 and 16 years. Based on seven structured interviews, qualitative research is used to analyse how adolescent girls use Instagram and what effect the everyday consumption of idealised images has on them. How the smartphone fundamentally shapes people's lifestyles and which challenges are presented to young individuals in the life phase of youth build the theoretical foundations. Additionally, there are the questions of social conditions under which the ideal of beauty arises, how the media contributes to the distribution and reproduction of manipulated ideal images, and how these affect young girls and women

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Dimensionen der Medienbildung.

Abbildung 2: Möglichkeiten der Instagram-Nutzung.

Abbildung 3: Beispielpost von @bibisbeautypalace.

Abbildung 4: Instagram Profilseite.

Abbildung 5: Instagram Fotofiltermöglichkeiten..

Abbildung 6: Beispielpost Bikini Bridge.

Abbildung 7: Beispielpost Thigh Gap..

Abbildung 8: Beispielpost Collarbone Challenge.

Abbildung 9: Beispielpost Gerda von Germanys Next Topmodel 2018..

Abbildung 10: Evolution-Kampagne von Dove.

Abbildung 11: Beispielpost zu #notheidisgirl

Abbildung 12: Beispielpost von @celestebarber.

Abbildung 13: Ablauf der qualitativen Inhaltsanalyse.

1 Relevanz und Zielsetzung der Arbeit

Instagram – die kostenlose Foto- und Videoplattform hat in Deutschland mittlerweile eine aktive Nutzendenzahl von 15 Millionen Menschen erreicht. Weltweit sind es sogar 700 Millionen aktive Nutzendenkonten (vgl. Erxleben 2017: 1; Roth 2017: 1). Circa die Hälfte aller Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 19 Jahren gehört zu den regelmäßigen Anwendenden, wobei der Großteil Mädchen zwischen 14 und 15 Jahren ausmacht. Somit ist das Netzwerk ‚Instagram‘ nach ‚WhatsApp‘ die zweitbeliebteste Social-Media-Anwendung deutscher Mädchen (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2016: 31-32). Hierbei fällt auf, dass vor allem Themen wie Selfies, Beauty und Stars den Mittelpunkt in deren Medienerleben bilden.

Soziale Netzwerke prägen somit auch das Schönheitsideal vieler junger Mädchen und Frauen. Auffällig ist besonders bei den geposteten Fotos auf Instagram, dass in der Masse ein plattformspezifisches Schönheitsideal vermittelt wird, welches häufig realitätsfern und illusionär erscheint. Bilder werden ‚aufgehübscht‘ und die erfolgreichen Accounts wirken oftmals unnatürlich schön, glatt und makellos. Zeitgleich sind diese Profile die Vorbilder und Idole der Mädchen, was zu einem hohen Druck führen kann. Denn gerade die Phase der Pubertät ist geprägt von Unsicherheiten und Zweifel, da sich der eigene Körper und das Selbstbild verändern. „Die Frage nach der Wirkung auf andere gewinnt in der Adoleszenz an Brisanz und spitzt sich häufig auf das äußere Erscheinungsbild zu. Das eigene Aussehen bzw. die körperliche Entwicklung wird einer permanenten und überaus kritischen Selbstbeobachtung unterzogen“ (klicksafe 2015a: 43). Schaut man sich die Studien über einen Zeitverlauf an wird deutlich, dass die Zufriedenheit der pubertären Mädchen in Bezug auf den eigenen Körper über die Jahre stetig abgenommen hat (vgl. Schlör 2016: 1). Laut der 2017 veröffentlichten ‚StatusOfMind‘-Studie der Royal Society For Public Health (RSPH) aus Großbritannien ist Instagram der negative Spitzenreiter unter den sozialen Netzwerken, wenn es um die Auswirkungen auf die mentale Gesundheit geht (vgl. Royal Society For Public Health 2017: 18). Gerade die Flut an perfektionierten Bildern lässt in Mädchen und Frauen den Gedanken wachsen, dass ihre Körper mit denen der anderen Nutzenden nicht mithalten können und sie nicht gut genug seien. Ein Großteil der Mädchen ist unzufrieden mit dem Gewicht und wäre gerne schlanker (vgl. Bauer Media Group 2009: 45-50). Die subjektiv empfundene Problematik mit der Figur und dem eigenen Körpergewicht spielt bei beiden Geschlechtern eine Rolle, kommt aber speziell bei Mädchen und jungen Frauen stärker zum tragen. „Diese Orientierung steht allerdings in mehr oder weniger ausgeprägtem Gegensatz zum biologischen normalen Wachstumsprozess des weiblichen Körpers in der Pubertät, der in dieser Zeit durchschnittlich elf Kilo an Körperfetten zunimmt“ (Klicksafe 2015a: 43). Unter diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, dass Mädchen bewusst ist, dass Körper und Aussehen der Personen in Zeitschriften, Magazinen, auf Plakaten oder in sozialen Netzwerken in Wirklichkeit vielleicht nicht wie abgebildet aussehen, sondern mit Hilfe von Bildbearbeitungstools verändert wurden. „Bilder in den Medien sind heute teilweise so stark manipuliert, dass es sich so anfühlt, als ob ‚Schönheit‘ unerreichbar sei“ (Dove 2016: 1). Diese unrealistische Art der Darstellung ins Besondere von Frauen und ihren Körperformen hat eine große Auswirkung auf die eigene Selbstwahrnehmung. „Die meisten Bilder von Frauen, die wir in den Medien sehen, sind nicht das Resultat von gutem Make-up und vorteilhafter Belichtung, sondern das Ergebnis von Computernachbearbeitung, bekannt als ‚Airbrushing‘“ (Dove 2016: 1). Das kostenlose Bildernetzwerk ist bekannt für die Fülle an hoch-ästhetischen Fotos, die mit appintegrierten Bearbeitungsfiltern versehen sind und knüpft an die bereits häufig in Studien gestellte Frage nach der Wirkung der Medien auf das Körperbild ihrer RezipientInnen an. Die Untersuchungen fokussierten sich jedoch bislang hauptsächlich auf die Medien Fernsehen und Zeitschriften und sollen sich in der vorliegenden Arbeit auf die Onlineinhalte von Instagram beziehen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es demnach herauszufinden, inwiefern sich der alltägliche Gebrauch der Fotoapp Instagram auf Mädchen im pubertären Alter auswirkt. Im Gesamten wurde folgende übergeordnete Forschungsfrage untersucht: Vermittelt das soziale Netzwerk Instagram weibliche Schönheitsideale und inwiefern beeinflusst die aktive Nutzung in diesem Kontext das Leben von jugendlichen Mädchen in der adoleszenten Phase? Trotz zunehmender Beliebtheit und immer verbreiteterer Nutzung von Instagram mangelt es an Forschungsergebnissen zur Nutzungsart und der Wirkung von Instagram auf jugendliche Mädchen. An dieser Stelle knüpft die vorliegende Forschungsarbeit an und stellt weitere Fragen in den Fokus: Welche Bedeutung hat das soziale Bildernetzwerk ‚Instagram‘ für Mädchen in der Adoleszenz und wie und wofür nutzen Sie das Netzwerk genau? Ebenfalls wird der Frage nachgegangen, inwiefern den Mädchen die selbstverständliche Anwendung von Bildbearbeitung bewusst ist und ob auch sie ihre Bilder vor dem Veröffentlichen nachbearbeiten. Es soll versucht werden einen Zusammenhang zwischen den Schönheitsidealen von Instagram und der eigenen Körperzufriedenheit der Mädchen zu bilden. Ebenso wird die Auswirkung auf die eigene aktive Lebensgestaltung untersucht und der Hypothese nachgegangen, ob die Social-Media-Nutzung den Schönheitsdruck verstärkt oder wo lediglich Befürchtungen und Vermutungen beginnen. Medien als wichtige, zusätzliche Sozialisationsinstanz und Instagram, als aktuelles Trendnetzwerk bei adoleszenten Mädchen tragen somit zur Vermittlung von gesellschaftlichen Normierungen und Standards bei. Durch das Medium werden Rollenvorbilder und gesellschaftliche Vorgaben und Erwartungen an Mädchen gestellt. Es stellen sich demnach auch die Fragen, welche gesellschaftlichen Bilder auf Instagram vermittelt werden, ob Instagram auch Freiräume für die weibliche adoleszente Entwicklung bietet und wie Sozialarbeiter_innen mit diesen Herausforderungen umgehen können.

1.1 Vorgehensweise in der Arbeit

Die vorliegende Masterthesis wird in drei Teilbereiche abgetrennt. Beginnend mit dem Theorieteil wird der Fokus zunächst auf die Thematik der Mediengesellschaft gelegt. Um nachvollziehen zu können, welche Bedeutung die Sozialisation durch das Internet und der alltägliche Gebrauch des Smartphones für Jugendliche hat, wird im folgenden Abschnitt ein theoretischer Einstieg zum Thema Social Media und Mediensozialisation gegeben. Auch die Bedeutung von Medienkonvergenz und die Wichtigkeit von Medienkompetenz werden fokussiert. Anschließend wird der Fokus auf den Fotodienst Instagram gelegt und die möglichen Funktionen und Begriffe dargelegt. Ebenso werden aktuelle Nutzendenzahlen und bisherige wissenschaftliche Erkenntnisse erläutert.

Der zweite Theorieteil behandelt das Thema der Jugendphase, erläutert die besonderen Entwicklungsaufgaben, vor denen junge Menschen im adoleszenten Alter stehen und geht auf die spezifische Phase der weiblichen Adoleszenz und den damit verbundenen gesellschaftlichen Bedingungen und Anforderungen in Bezug auf Schönheit und Körperbild ein. Im letzten Abschnitt des Theorieteils wird abschließend ein Blick auf das gesellschaftliche Schönheitsideal und die dadurch entstehende Körperunzufriedenheit geworfen. Es wird skizziert, wie sich das Schönheitsideal im Zeitverlauf gewandelt hat und welches Ideal aktuell in unserer Gesellschaft vorherrscht. Anschließend wird das Idealbild der Frau im medialen Kontext beleuchtet. Auch werden weitere Instagram-Phänomene und Kampagnen aufgezeigt, die den Trend und Sehgewohnheiten im Kontext von Schönheitsidealen zu durchbrechen versuchen. Aufbauend auf diesen Kenntnissen wird im zweiten, dem empirischen Teil dieser Ausarbeitung, die methodische Vorgehensweise der durchgeführten Interviewstudie erläutert. Anschließend werden im letzten Teil der vorliegenden Thesis die Studienergebnisse analysiert und ausgewertet. Die Forschungsergebnisse werden weiter mit der Theorie verknüpft, diskutiert und in Zusammenhang gesetzt. Abschließend erfolgt eine kurze Vorstellung des durchgeführten Präventionsprojekts #instagirls und ein Gesamtfazit der Ausarbeitung.

1.2 Gendergerechte Formulierung

Die vorliegende Forschungsarbeit orientiert sich am Leitfaden für eine gendergerechte Formulierung der Stabsstelle für Gleichstellung und Gender Studies der Donau-Universität Krems und trägt somit zur Geschlechtergleichstellung und zu einem achtsamen Sprachgebrauch bei. Als wichtigstes Instrument menschlicher Kommunikation transportiert Sprache nicht nur Inhalte und Informationen, sondern auch Werte und Normen einer Gesellschaft. In ständiger Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Sprache kann sie jedoch auch zur Verfestigung und/oder Veränderung dieser beitragen. Im Folgenden wird in dieser Arbeit bewusst die männliche Verallgemeinerung umgangen und durch genderneutrale Schreibweisen wie z.B. durch die Person, der Mensch ersetzt. Zusätzlich wird die Schreibweise des ‚Gender Gaps‘ verwendet, d.h. zwischen der weiblichen und der männlichen Form wird ein Unterstrich gemacht, der alle Geschlechtsidentitäten sichtbar machen soll, z.B. Instagramnutzer_innen. ‚Performing the Gap‘ lässt also zusätzlich den Raum für Menschen, die sich nicht in einer der beiden bipolaren Geschlechterzuweisungen zuordnen möchten und steht so für endlose Geschlechtervielfalt (vgl. Czepa/Gindl 2015: 3-8).

2 Theoretischer Rahmen und Forschungsstand

Als Fundament zur vorliegenden Masterarbeit, werden im folgenden Abschnitt die wichtigsten theoretischen Überlegungen sowie die damit in Zusammenhang stehenden bisherigen Forschungsergebnissen dargelegt. Einzuordnen ist diese Ausarbeitung dem Bereich der Medienwirkungsforschung, die seit je her neue Erscheinungsformen von Medien auf ihre möglichen Effekte untersucht. Oftmals gehen diese neuen Erscheinungsformen in der öffentlichen Diskussion mit negativen Wirkungsannahmen einher, besonders wenn es sich um junge Rezipient_innen handelt, die digitale Medien nutzen. „Diese vorschnelle Verurteilung der Mediennutzung Jugendlicher ist symptomatisch für das medienpädagogische Nachdenken unter Erwachsenen. Weil die digitalen Informationsströme eine vertraute Welt der Verarbeitung von Nachrichten in wenigen Jahren auf den Kopf gestellt haben, wird oft vorschnell angenommen, die Auswirkungen müssten verheerend sein.“ (Wampfler 2014: 7).

2.1 Die vernetzte Mediengesellschaft

Das Internet ist nicht mehr wegzudenken und gehört zum Alltag der meisten Menschen völlig selbstverständlich dazu. Für viele ist das Smartphone der erste Gegenstand den sie nutzen, wenn sie morgens aufwachen und für viele Personen auch der letzte, wenn sie schlafen gehen. Schon längst hat es Einzug in die Privatleben genommen und so passiert es immer häufiger, dass Familienfeiern, Arzttermine oder selbst die Pizzabestellung über eine Smartphoneapp organisiert werden. Die Weiterentwicklung des Internets hin zum Web 2.0 kann nicht nur als weitere Entwicklungsstufe angesehen werden, sondern führte zu einer grundlegenden Veränderung der Internetnutzung. Waren zuvor die Internetakteure klar in Sender und Empfänger getrennt, sind die Übergänge heute fließend und haben eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Alle Informationskonsumierenden können im ‚Mitmach-Web 2.0‘ heute problemlos eigene Inhalte erstellen und auf Plattformen wie YouTube, Facebook und Instagram veröffentlichen. Das führt dazu, dass die Endanwender_innen ebenso die Möglichkeit haben, vom reinen Konsumierenden zum Produzierenden werden zu können.

Wird im Folgenden von ‚Social Media‘ bzw. ‚digitaler Kommunikation‘ gesprochen, stützt sich die vorliegende Masterthesis auf die Definition von Boyd und Ellison, 2013, die Social Media als soziale Netzwerke definieren, die drei Bedingungen erfüllen:

1. Eindeutig identifizierbare Plattformprofile, die durch die Nutzenden mit Inhalten gefüllt werden (entweder durch das System selbst, die Profilinhaber oder Drittnutzenden)
2. Beziehungen und Verbindungen zwischen Plattformnutzenden werden öffentlich ausgedrückt und sind für andere einsehbar und nachvollziehbar
3. Nachrichtenflüsse aus selbstgenerierten Inhalt von Nutzenden sind sichtbar und werden zum Konsum und Interaktion bereitgestellt

Dieser Definition nach gehören auch Instant-Messaging-Dienste wie WhatsApp oder Bilderportale wie ‚Instagram‘ zu der Gruppe der sozialen Netzwerke. Demnach bilden diese Social-Media-Dienste den Schwerpunkt im Bereich des Web 2.0, die vor allem die jüngeren Nutzenden ansprechen und nutzen (vgl. Hein 2007: 4-9).1 Nahezu alle Jugendlichen in Deutschland besitzen aktuell ein eigenes Smartphone. Das war vor 20 Jahren noch anders: Damals besaßen nur ca. 8% der Jugendliche ein eigenes Mobiltelefon, welches weder mit einer Kamera, einer Google-Funktion oder überhaupt einer Internetanbindung ausgestattet war (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2017: 3). Was zu dieser Zeit also die Ausnahme darstellte und nur wenigen vorbehalten war, ist heutzutage unverzichtbares, zentrales Element in Jugendkulturen. Als fester Bestandteil der Alltagskommunikation in unserer Gesellschaft, gewinnt das Smartphone inklusiver aller Onlineinhalten an großer Bedeutung. Vor allem die Jugendgeneration der Digital Natives, die mit internetfähigen Mobiltelefonen bereits aufgewachsen sind, sind nahezu vollausgestattet mit den digitalen Alltagsbegleitern und nutzen im hohen Maße Soziale Netzwerke und dessen Funktionen. Die Altersgruppe der 14-29-jährigen bildet die Gruppe mit der höchsten Onlinenutzungszeit pro Tag (vgl. ARD/ZDF-Multimedia 2017: 3). Grenzt man die Altersgruppe weiter auf die 12-19jährigen ein, liegt die tägliche Onlinezeit im Jahr 2017 nach eigenen Angaben im Durchschnitt bei 221 Minuten (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2017: 30). Obwohl der Begriff ‚Digital Native‘ in der Literatur oft mit Widersprüchen verbunden ist, wird er in der vorliegenden Masterthesis als sinnvoller Begriff erachtet, da nicht nur die tägliche und allgegenwärtige Internetnutzung der Generationsunterscheidung dient, sondern insbesondere die Sozialisation durch Internetmedien. Als ‚Digital Natives‘ wird folglich die Jugendgeneration bezeichnet, die nie gelernt hat ohne das Internet zu leben, die geprägt ist durch Internetbekanntschaften, Online-Communities und Suchmaschinen und wie selbstverständlich in der Onlinewelt mitwirkt. Diese Generation, die zwischen 1980-2000 geboren wurde, wird oftmals auch als ‚Generation Y‘ bezeichnet, deren besonderes Merkmal die rasante Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik ist. Im besonderen Fokus hierbei stehen die Kinder, die nach der Jahrtausendwende geboren sind, da ab diesem Zeitpunkt das Internet in nahezu jedem Haushalt mit Kindern verfügbar war (vgl. Hurrelmann/Quenzel 2016: 69).

2.1.1 Aufwachsen in einer Medienwelt

Durch Internetangebote und Technologien wie Blogs, Tweets, Wikis, Navigationsgeräte und Sprachsteuerungen hebt sich der Sozialisierungsprozess dieser Generation von vorherigen in hohem Maße ab. Neben klassischen Sozialisationsinstanzen wie Familie, Schule und Peer-Group spielen Medien im Sozialisationsprozess eine besondere Rolle und leisten einen wesentlichen Beitrag zur Identitätsarbeit Jugendlicher. Besonders im Jugendalter nimmt die Bedeutung der Medien im Sozialisationsprozess stark zu und übertrifft die Bedeutsamkeit der Eltern und der Schule. Die Freunde und das soziale Umfeld bilden unhinterfragt die wichtigste Sozialisationsquelle in der Adoleszenz, sind jedoch dicht gefolgt von dem Wirkungseinfluss der Medien auf die jugendliche Identitätsarbeit (vgl. Mikos 2010: 10). Auf der Suche nach dem eigenen Selbst durchlaufen Menschen im Jugendalter verschiedene Aushandlungs-, Positionierungs- und Abgrenzungsprozesse. Auf Basis der Rezeption ausgewählter Internetplattformen und Profilseiten vollziehen sich diese Prozesse unterbewusst und geben identitätsprägende Orientierung. Ebenso geben die Onlineplattformen die Möglichkeit, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen, sich darzustellen und zu inszenieren. Das Netz der unendlichen Möglichkeiten kann als Spielraum und Erprobungsort für verschiedene Rollen und Identitäten angesehen werden. Ebenso bedient es das Bedürfnis, eigene Autonomie erleben zu können sowie sich selbst als kompetent und selbstbestimmt zu erleben. Diese Entwicklungsaufgaben können als charakteristisch für die Jugendphase betrachtet werden und sind im nächsten Kapitel detaillierter beschrieben. Internet ist selbstredend Teil jugendlicher Lebenswelt und es wird keine Unterscheidung zwischen Onlinewelt und Offlinewelt vollzogen (vgl. Wampfler 2014: 20-23). Vielmehr werden Medien als allgegenwärtig wahrgenommen und durch diese permanente Verschränkung von Online- und Offlineinhalten entsteht ein medialer (Handlungs-) Raum, indem die Mediennutzung in alltägliche, soziokulturelle Kontexte eingebettet ist (vgl. Wagner 2013: 14). Messen analog geprägte Generationen z.B. dem klassischen Buch meist mehr Wertigkeit bei, macht es für ‚Digital Natives‘ keinen Unterschied, ob die Wörter auf Papier aufgedruckt oder in Form eines E-Book-Readers oder Tablets abgebildet sind. Hinzuzufügen ist grundsätzlich jedoch, dass es nicht eine Generation gibt, in der alle Personen die gleichen Merkmale besitzen und jede Altersgruppe aus verschiedenen Untergruppen und Individuen mit unterschiedlichen Einstellungen und Interessen besteht. Jugendgruppen sind in ihrer Art und Weise sehr unterschiedlich digitalisiert, was auch von regionalen und sozialen Faktoren abhängt. Jedoch bleiben Jugendliche nicht ausschließlich beeinflusst von den sozialen Gegebenheiten ihres Wohnumfelds. Durch das riesige globale und ortsunabhängige Internet haben Jugendliche, die sich vor allem nicht für den Mainstream interessieren, die Möglichkeit zu ganz anderen Subkulturen. Sie können im Internet demnach auch auf Gleichgesinnte treffen, die sich fernab der Masseninteressen einem anderen Themengebiet und einer anderen Denkweise bedienen. Als Werkzeug zu persönlichem Empowerment eröffnet so das Internet „Handlungsoptionen, die primär mit ihrer Identität und ihrer persönlichen Entwicklung zu tun haben, nicht aber mit ihrer Ausbildung oder Bildung.“ (Wampfler 2014: 24). So kann der Zugang zum grenzenlosen Internet für Jugendliche die Möglichkeit bereitstellen abseits von etablierten Bildungsstrukturen die eigene Persönlichkeit zu stärken, soziale Netzwerke zu bilden, vielfältige Kompetenzen zu entwickeln und an Handlungsfähigkeit zu gewinnen.

„Technologien bestimmen nicht, wie Menschen denken und leben.
Aber sie hat einen Einfluss darauf, welche Gedanken nahe liegend
und welche Handlungen einfach sind.“

(Wampfler 2014: 27)

2.1.2 Das Smartphone als Alleskönner

Dank dem unglaublichen Funktionsumfang des Smartphones ist es zum wichtigsten Gegenstand geworden und vereint als Alleskönner immer mehr Medientätigkeiten wie z.B. Spielen, Fernsehen, Musik hören und Fotografieren (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2017: 7-9). Benötigte man bspw. zum digitalen Spielen vor einigen Jahren noch Strom aus der Steckdose, einen Monitor oder einen Fernseher ist das Spielen auf dem Smartphone heute ganz unkompliziert zum geschätzten Pausenfüller geworden. ‚Casual Games‘, sogenannte Gelegenheitsspiele, sind heutzutage sehr beliebt, da sie leicht zugänglich, oftmals kostenlos spielbar und kurzweilig sind. Dieses Zusammenwachsen der Medienbereiche und dessen mobile Verfügbarkeit wird als ‚Medienkonvergenz‘ bezeichnet (vgl. Schuegraf 2008: 18). Die Verschmelzung der bisher getrennt betrachteten Kommunikations- und Medienbereiche führt zu einem allgemeinen Medienwandel, der zusätzlich die Grenzen zwischen Individual- und Massenmedien auflöst. Diese Entgrenzung geschieht nicht nur auf räumlicher und zeitlicher Ebene, sondern auch in sozialer Hinsicht, was zu komplexeren Medienumgebungen führt und neue Herausforderungen mit sich bringt. Menschen müssen demnach Kompetenzen entwickeln, um diese neuen Gegebenheiten zu überblicken und in mediatisierten Lebenswelten ihre Handlungsfähigkeit zu erhalten (vgl. Wagner 2013: 16). Durch die Ablösung der Medien von Zeit und Raum ist der Konsum gewisser Medien von jedem Ort ständig möglich. Nutzende können sich heutzutage die favorisierten Inhalte jederzeit abrufen und eigenen Inhalt direkt am Smartphone spontan produzieren und veröffentlichen. Der Austausch und die Kommunikation mit anderen, ob medial oder non-medial, ist die wichtigste Beschäftigung Heranwachsender, dicht gefolgt von der Vorliebe für Unterhaltung. Besonders jugendliche Mädchen legen großen Wert auf Onlinekommunikation. (vgl. Otto 2014: 68; Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2017: 11-12, 30-31).

„Bei Mädchen steht die Kommunikation deutlich im Vordergrund – hierauf entfällt knapp die Hälfte der im Netz verbrachten Zeit, ein Drittel auf Unterhaltung […]“ (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2017: 31)

Das menschliche Bedürfnis nach Kommunikation und dem eingehen von Beziehungen und Interaktionen ist durch das Internet nicht in den Hintergrund gerückt. Es lässt sich aber nicht übersehen, dass sich Kommunikationsformen verändert haben und bestimmte menschliche Eigenschaften, Verbindungen und Interaktionen nun besser sichtbar werden. Vergleicht man die klassische Kommunikation und die Kommunikation in sozialen Netzwerken lassen sich verschiedene Unterschiede feststellen. Bspw. fehlen in der Kommunikationsform oftmals Informationen zu Mimik, Gestik, Körpersprache und Intonation. Auch die Reichweite des Kommunikationsinhaltes und die Tatsache der Öffentlichkeit spielen eine tragende Rolle in veränderten Kommunikationsprozessen. Diskussionen finden heutzutage oftmals im öffentlichen Raum statt, z.B. unter Social-Media-Beiträgen. Diese Kommentare sind in der Regel für ein größeres Publikum sichtbar und sind dauerhaft niedergeschrieben. Hinzu kommt, dass die Autor_innen nicht immer identifizierbar sind. Diese ganzen Aspekte führen dazu, dass die Kommunikation sich in ihrer Form entscheidend weiterentwickelt, vor allem, wenn sich der Blick auf den Bereich der Messaging-Dienste wie z.B. ‚WhatsApp‘ konzentriert. War es beim SMS-Schreiben damals noch die Regel sich kurz zu halten um Kosten zu sparen, verläuft die digitale Kommunikation heute über Internetdienste nahezu uneingeschränkt und Gespräche und Chats werden mit Videos, Bildern, Sprachnachrichten und Links angereichert (vgl. Wampfler 2014: 18-20). Wo im Gerätebesitz zwischen Jungen und Mädchen oder dem Bildungsniveau kaum Differenzen feststellbar sind, lassen sich hingegen in der Art der Nutzung des Smartphones jedoch unterschiedliche Vorlieben feststellen. Ein gesteigertes Informationsbedürfnis lässt sich bei Mädchen besonders in folgenden Bereichen feststellen: Probleme, die sie selbst betreffen, aktuelles Weltgeschehen, Ausbildung und Beruf, Musik, Umwelt, Ernährung, Lokalpolitik, Mode und Stars (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2017: 16). Die Social Media App Instagram zeichnet sich vor allem durch diese beiden Hauptfunktionen aus: Kommunikation und Information.

„Zu den beliebtesten Internetangeboten Jugendlicher gehören YouTube, WhatsApp und Instagram, wobei letzteres aufgrund der Vorliebe von Mädchen zu Fotos bei diesen deutlich beliebter ist“

(Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2017: 33)

2.1.3 Die Bedeutung der Medienkompetenz

Das Durchdringen der Medien aller Lebensbereiche der Menschen und die stetige, rasante technologische Weiterentwicklung ist eine große Herausforderung. Vor diesem Hintergrund und angesichts der Massenverbreitung digitaler Onlinemedien wird der Erwerb von Medienkompetenz immer wichtiger. Sie wird immer mehr als unumgängliche Schlüsselkompetenz in unserer Gesellschaft angesehen, ähnlich wie die Kompetenz des Schreibens oder Lesens.

„Wer weniger Unterstützung und Anleitung im Umgang mit digitaler Kommunikation erhält, läuft Gefahr, vor allem negativ beeinflusst zu werden.“

(Wampfler 2014: 36)

Betrachtet man den Einfluss, den digitale Medien auf Jugendliche haben, gibt es viele Faktoren, die mitbedacht werden müssen. Ein wichtiger Aspekt besteht in dem Vorhandensein einer digitalen Kluft, die sich aus den verschiedenen qualitativen und quantitativen Zugängen von Jugendlichen zum Internet ergibt. Der Internetzugang alleine ist hierbei nicht der ausschlaggebende Faktor, sondern vielmehr die Einzelkompetenzen der Medienkompetenz. Welche Teilbereiche sich aus dem Überbegriff der Medienkompetenz ergeben, skizziert folgende Grafik von Blume, 2018, die sich an das Medienkompetenzmodell nach Baake, 1999 anlehnt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Dimensionen der Medienbildung

Quelle: http://bobblume.de/2018/01/30/digital-5-dimensionen-der-medienbildung

Dieses Modell zeigt deutlich, dass sich der Begriff der Medienkompetenz nicht rein auf technische Fähigkeiten bezieht, wie es in der Allgemeinheit oft fehlinterpretiert wird. Vielmehr fasst dieser Begriff verschiedene Aspekte zusammen, die unterschiedlich ausgeprägt sind und miteinander in Beziehung stehen. Die Dimensionen der Medienkompetenz stehen also in direktem Bezug und sind voneinander abhängig. „Jeder Teilbereich spielt also nicht „nur“ deshalb eine Rolle, weil er die gegenwärtigen Entwicklungen abbildet und Zugang zur bestehenden Kultur, Bildung etc. verschafft, sondern auch deswegen, um die Kompetenzen der Menschen […] zu schulen, die in der heutigen Zeit benötigt werden, um an der Gesellschaft teilzuhaben, zu partizipieren, Werte und Haltungen zu entwickeln und mit anderen in Kontakt zu treten.“ (Blume 2018: 1). Bereits während den ersten Medienkontakten in der Kindheit bestehen in diesem Bereich große Unterschiede, die sich auf die berufliche und persönliche Zukunft auswirken. Durch das pädagogische Handeln der Eltern werden diese zudem verstärkt. So kommt es häufig vor, dass die Medienausstattung in bildungsschwächeren Familien sehr verbreitet und aktuell ist, jedoch die Zeit für die Begleitung der Mediennutzung fehlt. In bildungsstärkeren Familien wird die Mediennutzung hingegen differenzierter und enger begleitet und der Medienkonsum der Kinder gezielt beeinflusst (vgl. Wampfler 2014: 36). Die durchgeführte Interviewstudie dieser Ausarbeitung beleuchtet insbesondere den Teilaspekt der Medienreflexion der befragten Mädchen.

2.1.4 Instagram

Das Smartphone als persönliches Medium gibt Jugendlichen die Möglichkeiten ihre Freundschaften und Beziehungen abgelöst von der elterlichen Kontrolle zu knüpfen, zu pflegen und zu intensivieren. Sie können jederzeit und an jedem Ort mit einem ständigen Strom aus Neuigkeiten aus ihrem privaten Umfeld versorgt werden, ohne große Zugangshürde oder zusätzlichen Kosten. Die kostenlose Foto- und Videoapp bildete im Jahr 2017 Platz 2 der beliebtesten Smartphone-Apps und wird vor allem von der Altersgruppe der 14-15-jährigen genutzt (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2017: 33). Instagram gehört seit knapp sechs Jahren zum Facebook-Unternehmen, dessen Nutzendenzahlen seit einiger Zeit rückläufig sind und stellt eine gute Alternativplattform besonders für junge Nutzende dar. Die Anzahl der Instagram-User steigt seit dem Kauf 2012 jährlich in beachtlicher Anzahl und das Bildernetzwerk hat in Deutschland mittlerweile eine aktive Nutzendenzahl von 15 Millionen Menschen erreicht. Weltweit sind es sogar 700 Millionen aktive Accounts (vgl. Erxleben 2017: 1; Roth 2017: 1). Ca. jede/r zweite Heranwachsende zwischen 14-15 Jahren hat ein eigenes Instagram-Profil (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2017: 36). Für die Mehrheit der Instagram-User steht hierbei der Kontakt zum individuellen Umfeld an erster Stelle. Instagram fungiert hier wie eine Art ‚Newsletter‘ des privaten Freundeskreises, wodurch die Jugendlichen stetig über Veränderungen und Aktivitäten informiert sind. Es zählt zu den asymmetrischen Netzwerken im Internet, was meint, dass User A User B folgen kann, User B aber nicht unbedingt User A folgen muss (anders als z.B. bei Facebook) (vgl. Hu/Manikonda/Kambhampati 2014: 596). Ein Instagram-Beitrag ohne Bild oder Video ist nicht möglich, da das Netzwerk in erster Linie auf visuelle Inhalte setzt und sich so von anderen sozialen Internetangeboten abgrenzt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Möglichkeiten der Instagram-Nutzung

Quelle: https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2017/JIM_2017.pdf

Darüber hinaus folgen Jugendliche insbesondere Menschen und Profilseiten, die zu einem bestimmten Thema etwas posten, das sie interessiert. Das sind häufig Profilseiten, die nicht an eine bestimmte Person geknüpft sind, sondern sich einem gewissen Themengebiet widmen. Zu den größten Accounts in Deutschland mit den meisten Abonnenten gehören vor allem Profile von (Internet-) Stars und Prominenten. Weltweit belegen die obersten Plätze der erfolgreichsten Instagram-Accounts gemessen an ihrer Followerzahl vor allem Singende, Schauspielende und Fußballspielende (vgl. Statista 2018: 1). Auch Internetstars, wie z.B. YouTuber oder Influencer sind bei jungen, weiblichen Instagram-Nutzenden sehr beliebt. Hierzu gehören zum Beispiel die Accounts von Dagmar Ochmanczyk alias @dagibee oder Bianka Heinicke alias @bibisbeautypalace, die ihren Inhaltsschwerpunkt beide auf Beauty und Lifestyle setzen und ihren Bekanntheitsgrad vor allem durch die Videoplattform YouTube erreichten (vgl. Priebe 2018: 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Beispielpost von @bibisbeautypalace

Quelle: https://www.instagram.com/p/BhQ58_sBc5Z/?taken-by=bibisbeautypalace

„Da Smartphones die Erzeugung nutzergenerierter Webinhalte fördern, stellen sie ein besonders komfortables Werkzeug für die Selbstpräsentation im Social Web dar.“

(Wampfler 2014: 69)

Selbst aktiv posten oder kommentieren macht jedoch nur rund ein Fünftel aller Instagram-Nutzenden dieser Altersgruppe (vgl. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest 2017: 37).

2.1.4.1 Der Account– die Profilseite - Follower

Da Instagram Teil des Facebook-Konzerns ist, kann eine Anmeldung entweder über ein bestehendes Facebook-Konto erfolgen oder aber in Form einer Neuregistrierung. Anders als bei Facebook jedoch treten die User meistens nicht mit ihrem Vor- und Nachnamen in Erscheinung, sondern entscheiden sich für einen Nickname, einem Online-Künstlernamen, der bei Instagram immer mit einem @-Zeichen beginnt und nur einzigartig vergeben wird. Er darf außer (Unter-) Strichen und Punkten keine Sonder- oder Leerzeichen enthalten. Des Weiteren muss ein Profilname vergeben werden. Dieser kann mit dem Nickname übereinstimmen, darf aber frei ausgefüllt werden und ist nicht einzigartig. Diese beiden Angaben zählen zu den wichtigsten Profilinformationen, da sie die einzigen Inhalte sind, die Instagram bei der Suche berücksichtig. Unter der Angabe des Profilnamens auf der Profilseite gibt es zudem die Möglichkeit, eine individuelle Accountbeschreibung zu erstellen, für die 150 Zeichen zur freien Verfügung stehen. Meistens lassen sich hier die Hobbies, das Alter und der Wohnort der/des Profilinhabenden lesen, angereichert durch Emojis. Ein Profilbild gehört ebenfalls zu einem gefüllten Instagram-Account, wird kreisrund in der oberen linken Ecke der Profilseite angezeigt und zeigt meistens die Person selbst oder ein (Firmen-) Logo. Im oberen Bereich sieht man zudem die Anzahl der bereits erstellten Beiträge, die Anzahl der Abonnenten und die Anzahl der abonnierten Seiten. Seit Ende 2017 hat Instagram eine neue Funktion implementiert, die es ermöglicht, selbst erstellte Stories als Highlights auf der eigenen Profilseite zu archivieren. Direkt unter der Story-Highlights-Anzeige werden die veröffentlichten Beiträge als Übersicht angezeigt, geordnet nach Aktualität.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Instagram Profilseite

Quelle: Eigene Darstellung

Eine weitere wichtige Entscheidung bei der Accounterstellung ist es, das eigene Konto in den Privatmodus oder den öffentlichen Modus zu versetzen. Ist ein Konto öffentlich, können alle Instagramnutzende den Accountinhalt ohne Einschränkung einsehen. Bilder, Videos und Stories sind weltweit für andere Instagram-User sichtbar. Im Privatmodus sind lediglich Nutzername, Profilname, Profilbild, Profilbeschreibung und die Anzahl der Beiträge, Abonnenten und Abonnements öffentlich, was häufig zu weniger Followern führt, da die Inhalte nicht direkt eingesehen werden können und Accountbesitzende im Vorfeld der potenziell folgenden Person zustimmen müssen.

Die häufigste Nutzungsart von Jugendlichen in Bezug auf Instagram ist die ‚Follow‘-Funktion. Über 80% der Jugendlichen zwischen 12-19 Jahren verfolgen die Aktivitäten von Menschen, die sie aus ihrem persönlichen Umfeld kennen. Das bedeutet, dass die Jugendlichen aktiv auf einem anderen Instagram-Profil den ‚Folgen‘-Button drücken und somit über alle Neuigkeiten, die dieses Profil kreiert, informiert werden. Die Begrifflichkeiten ‚folgen‘, ‚followen‘ und ‚abonnieren‘ werden hierbei synonym verwendet. Hat ein Account demnach viele Follower, ist dessen Inhalt für eine große Menschenmenge auf Instagram interessant und hat demnach eine große Reichweite.

2.1.4.2 Hashtags und Stories

Ein Hashtag (Zusammensetzung aus hash für Doppelkreuz/Raute und tag für Markierung) steht für ein Schlagwort und beginnt immer mit dem #-Zeichen. Hinter dem Rautezeichen folgen Zahlen, Buchstaben, Abkürzungen oder Begriffe, die ohne Leerzeichen verschiedene Inhalte zu einem bestimmten Thema, Veranstaltung
oder Ort verknüpfen soll. Hashtags werden in vielen verschiedenen sozialen Netzwerken genutzt, um die Suche nach weiteren Themen zu diesem Hashtag zu vereinfachen und/oder eigene Inhalte (schneller) auffindbar zu machen. Ein Beitrag kann bei Instagram mit bis zu 20 Hashtags versehen werden und verlinkt so gleiche Inhalte miteinander. Seit Anfang des Jahres 2018 ist es nicht nur möglich anderen Profilseiten zu folgen, sondern auch gezielt Hashtags zu abonnieren. Schaut man heutzutage bspw. eine bestimmte TV-Sendung oder besucht man eine Großveranstaltung oder ein Event, ist es nicht unüblich, dass im Vorfeld ein offizieller Hashtag von Veranstaltenden/Produzierenden angegeben wurde, der alle Onlineinhalte der Besuchenden, Teilnehmenden und Zuschauenden miteinander verknüpft. Durch das Auflisten von vielen Hashtags unter einem Beitrag kann somit die Reichweite erhöht werden.

„Ohne den Einsatz relevanter Hashtags war es auf Instagram lange nicht möglich Erfolg zu haben – denn ohne Tags hat niemand außer deinen treuen Anhängern die Bilder zu Gesicht bekommen. Hast du passende Hashtags verwendet, erhöhte sich die Reichweite um Längen. Hashtags waren der maßgebliche Faktor für Reichweite.“

(Bauer 2017: 1)

Mit der Einführung eines neuen Algorithmus, der für die Sichtbarkeit des Beitrags von besonderer Bedeutung ist, hat sich die Dynamik auf Instagram geändert. Waren bis dahin viele der Beiträge häufig mit vielverwendeten Hashtags wie #follow4follow oder #likeforlike ausgestattet, um weitere neue Follower zu akquirieren, führen diese aktuell eher zum gegenteiligen Effekt. Wie der neue Algorithmus im Detail funktioniert, lässt sich nur erahnen, er zeigt jedoch eindrücklich, dass nicht nur die Qualität und die Chronologie der Beiträge ein Erfolgsfaktor ist, sondern auch maschinelle, programmierte Prozesse, die oft außerhalb unseres Wissens liegen und nicht immer nachvollziehbar sind. Es liegt die Vermutung nahe, dass die angezeigten Beiträge, die sich vorher chronologisch in den eigenen Newsfeed geordnet haben, nun nach der von Instagram eingeschätzten Relevanz für das eigene Konto angezeigt werden. Inwiefern ein Post für Nutzende von Bedeutung sein könnte, basiert auf den gesammelten Nutzendendaten und dem somit entstandenen Nutzungsprofil (vgl. Bauer 2018: 1).

Durch Instagrams Story-Funktion, die im Jahr 2016 implementiert wurde, wird den Nutzenden das sehr spontane ‚aus dem Moment heraus‘-veröffentlichen ermöglicht (vgl. Bauer 2018: 1, Roth 2017: 1). Es handelt sich hierbei um Bilder- und Videobeiträge die, anders als bei den klassischen Beiträgen, innerhalb von 24 Stunden nach dem veröffentlichen wieder vom eigenen Account verschwinden. Es gibt den Nutzenden die Möglichkeit kleinere, in ihren Augen unbedeutendere Beiträge zu veröffentlichen, die oftmals kleinere Tagesaktivitäten oder kurze Mitteilungen beinhalten, die eben nur in dem aktuellen Moment relevant sind. Seit der Implementierung 2016 entwickelt sich die Story-Funktion immer mehr zum Instagram-Highlight und wird derzeit von mehr als 300 Millionen Usern täglich verwendet, Tendenz steigend. Mittlerweile ist es sogar möglich, einzelne Stories als Highlight auf der eigenen Profilseite über den Ablaufzeitraum hinaus festzuhalten und zu archivieren (vgl. Bauer 2018: 1). Für Jugendliche gehört das Story-Verfolgen zum Instagram-Alltag. So können sie Ihren Vorbildern und Stars nah sein und mitverfolgen, was diese zu welcher Zeit an welchem Ort erleben.

2.1.4.3 Instagrams schöne Bilderwelten

Ein besonderes Merkmal von Instagram, welches wie bereits angesprochen das Netzwerk von anderen Social Media Plattformen abhebt, ist dessen Fokussierung auf Bilderwelten. Kein Post entsteht ohne das dazugehörige Bildmaterial und der Text ist lediglich die Bildunterschrift. Der Trend, vermehrt Bilder, Symbole und Grafiken darzustellen, rückt jedoch in der gesamten digitalen Kommunikationswelt in den Mittelpunkt und ersetzen so auch häufig das gesprochene Wort (siehe Emojis, Smileys etc.) (SaferInternet.at 2016: 4). Apps wie Instagram sind durch die bereits eingebundenen Bildbearbeitungsmöglichkeiten sehr beliebt und führen dazu, dass die meisten Bilder, die dort veröffentlicht werden im Vorfeld verändert wurden. Kaum ein Foto wird ohne Filter (vorgefertigte Bearbeitungsvorlagen) und Effekte (z.B. Weichzeichner) online gestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Instagram Fotofiltermöglichkeiten

Quelle: Eigene Darstellung

Das führt in der Masse dazu, dass Instagram eine Fotowelt abbildet, die aus besonders ästhetischen, als schön empfundenen Bildern besteht, die oftmals wenig mit dem realen Erscheinungsbild zu tun haben. Dass vor allem diese makellosen Bilder gut bei den Instagramnutzenden ankommen, zeigen die Likezahlen. So führen insbesondere die perfekten, hübschen, glanzvollen Bilder zu einer großen Reichweite und somit zu Erfolg und Anerkennung auf Instagram. Um diesem Perfektionsanspruch noch mehr gerecht zu werden, gibt es weitere Apps und Programme, die heutzutage mit den einfachsten Mitteln durchschnittliche Fotos sehr professionell und formvollendet wirken lassen. Dabei ist das Durchschauen und Aufdecken solcher Bildveränderungen in der Praxis oft schwer bis unmöglich (vgl. SaferInternet.at 2016: 6).

„Zu schön, um wahr zu sein. Fast alle Aufnahmen, die in der Werbung zu sehen sind, wurden stark bearbeitet, um den gängigen Schönheitsidealen zu entsprechen. Auch Jugendliche selbst streben bei eigenen Fotos
nach Perfektion“

(SaferInternet.at 2016: 4)

Bezieht sich dieser ‚Aufhübschungsprozess‘ auf Menschen, wird schnell deutlich, dass Personenbilder häufig nicht das Ergebnis guter Fotografie, vorteilhaften Posen und Lichtverhältnissen sind, sondern das Resultat von Bildnachbearbeitung (vgl. Dove 2016: 1). Was vor einigen Jahren lediglich Grafikdesigner_innen vorbehalten war, die mit aufwändigen Programmen wie Photoshop o.ä. arbeiten, ist heutzutage auf jedem Smartphone mit kostenlosen Apps in wenigen Sekunden möglich. Das führt dazu, dass selbst die Endnutzer_innen ohne großen Bekanntheitsgrad in wenigen Sekunden ein professionell wirkendes, makelloses Bild veröffentlichen können. Demnach bezieht sich die Möglichkeit des ‚Verschönerns‘ nicht nur auf die mediale Welt der (Internet-) Stars und Prominenten, sondern hat auch Einzug in die Mediennutzung von Privatpersonen erhalten. Diese verbreitete Manipulation und Retuschierung von Bildern, die besonders bei Instagram mit einer gewissen Selbstverständlichkeit einher geht, führt dazu, dass sich das Schönheitsideal verändert und ein Körperbild angestrebt wird, dass teilweise unrealistisch und unerreichbar ist. So wird ein wirklichkeitsfremder, idealistischer Maßstab gesetzt, der sich aus Bilderwelten ableitet, die auf optischer Manipulation und Täuschung beruhen und allen Nutzenden mit minimalem Aufwand möglich sind.

2.2 Jugend als Lebensphase

Die Phase der Jugend im menschlichen Lebenslauf ist besonders bedeutsam für den weiteren Werdegang der Person. Sie ist oftmals geprägt von Unsicherheit, Veränderung und Gegensätzen. Das Gehirn verändert sich, hormonelle Entwicklungen finden statt und die Geschlechtsreife tritt ein. Neben diesen biologischen Entwicklungsprozessen finden auch zahlreiche weitere Veränderungsvorgänge auf verschiedenen Ebenen wie z.B. der psychosozialen und der entwicklungspsychologischen statt. Die vorliegende Forschungsarbeit bezieht sich auf die Lebensphase zwischen dem Ende der Kindheit und dem Beginn des Erwachsenenstatus. Häufig werden für diesen Zeitraum die Begriffe ‚Adoleszenz‘, ‚Pubertät‘ oder auch ‚Jugend‘ synonym verwendet, unterscheiden sich jedoch in einigen Punkten voneinander: „Der Begriff Jugend bezeichnet die zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter liegende Altersphase und kann als biologisches, entwicklungspsychologisches, soziologisches, kulturelles oder historisches Phänomen verstanden werden. Altersmäßig lässt sich die Jugendphase nur sehr unscharf abgrenzen (ca. 12 bis 25 Jahre), da die Zugehörigkeit zur Gruppe der Jugendlichen von unterschiedlichen Faktoren abhängt. […] Der Begriff der Pubertät bezieht sich demgegenüber eher auf den biologischen Reifungsvorgang des Jugendalters. Pubertät bezeichnet ein biologisches Geschehen, welches in erster Linie durch die Entwicklung der Fortpflanzungsfähigkeit und ihrer Begleiterscheinungen, aber auch durch einen Wachstumsschub gekennzeichnet ist. Während die physiologisch- geschlechtliche Entwicklung meist schon im Alter von 17/18 Jahren beendet ist (bei Mädchen früher als bei Jungen), sind die sozialen und emotionalen Folgen noch keineswegs bearbeitet. Der Begriff Adoleszenz bezeichnet eben diese Sozialen und emotionalen Folgen der biologischen Reifung und in einem weiteren Sinne die psychosozialen Reifungsprozesse des Heranwachsenden in ihrer Gesamtheit, Pubertät bezeichnet vor allem das biologische Geschehen und Adoleszenz den entwicklungspsychologischen, psychosozialen Aspekt dieses Alters“ (Maas 2003: 24).

2.2.1 Die besonderen Entwicklungsaufgaben

Um eine Verbindung zwischen den gesellschaftlichen Anforderungen und den spezifischen Bedürfnissen der Individuen zu schaffen, werden in dieser Lebensphase verschiedene Entwicklungsaufgaben gefordert. Sie beschreiben die typischen körperlichen, sozialen und psychischen Anforderungen der Gesellschaft und dienen als Orientierungsgrößen für das eigene Handeln. Sie lassen sich in „vier zentrale Entwicklungsaufgaben unterscheiden, die sich in unterschiedlicher Ausprägung und in allen Lebensphasen identifizieren lassen“ (Hurrelmann/Quenzel 2016: 25):

1. Qualifizieren:

a. Übernahme von aktiven Tätigkeiten, die das eigene Bedürfnis befriedigen und einen Mehrwert für die Gesellschaft bilden
b. Schulung und Entfaltung von sozialen und intellektuellen Kompetenzen zur schulischen und beruflichen Bildung

2. Binden:

a. Aufbau einer Identität durch die Entwicklung eines Selbstbildes von Psyche und Körper
b. Annehmen des eigenen Körpers und dessen Veränderungen
c. Aufbau von erfüllenden Bindungen zu anderen (geliebten) Menschen (Paarbeziehungen und Freundschaften)
d. emotionale und soziale Ablösung von den Eltern/Herkunftsfamilie

3. Konsumieren:

a. Entwicklung von sozialen und psychischen Strategien zur Regeneration und Entspannung
b. Entwicklung eines eigenen Lebensstiles
c. Fähigkeit zum produktiven, selbstbestimmten Umgang mit Angeboten aus Wirtschaft, Freizeit und Medien

4. Partizipieren:

a. Entwicklung eines eigenen Normen- und Wertesystems
b. Fähigkeit zur aktiven Mitgestaltung von sozialen Lebensbedingungen und der Gemeinschaft

Die beschriebenen Entwicklungsaufgaben nach Hurrelmann/Quenzel, 2016 müssen von den Heranwachsenden erkannt und verstanden werden. Durch das Annehmen und Übertragen in konkrete Handlungen findet eine Identifizierung mit ihnen statt. So werden die Entwicklungsaufgaben durch die verschiedenen Sozialisationsinstanzen wie Schule, Familie oder auch Medien an Jugendliche herangetragen und beziehen sich auf aktuell-bestehende gesellschaftliche Rollenvorschriften und Normen. Der gesellschaftliche Konsens urteilt demnach darüber, wann, wie und welcher Entwicklungsschritt stattfinden sollte. Heutzutage ist dieses Kollektivurteil dank unserer individualisierten Gesellschaft offener und interpretationsfähiger als in vergangenen Epochen, jedoch werden weiterhin klassische Rollenbilder und gesellschaftliche Schablonen als erfolgreiche Zielsetzung für Jugendliche betrachtet. Demnach bestimmen diese sozialen Erwartungen und Vorgaben den individuellen Lebensverlauf der Jugendlichen und wirken sich massiv auf die Richtung der jugendlichen Entwicklung aus. Da gesellschaftliche Normvorgaben kulturell so stark in unserem System verankert sind, kann sich dem kein Mensch komplett entziehen, was zu einem starken Spannungsfeld führt (vgl. Hurrelmann/Quenzel 2016: 24-25). Vergleicht man diese vier zentralen Entwicklungsaufgaben mit dem Medienhandeln von Jugendlichen, wird deutlich, dass das Internet mit seinen vielen Möglichkeiten und Angeboten jede Aufgabe bedienen kann. Jugendliche treten in die Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt, die maßgelblich für die eigene Entwicklung sind.

2.2.2 Die weibliche Jugend heute

Besonders in der weiblichen Adoleszenz besteht ein Spannungsverhältnis zwischen ‚individueller Realität‘ und ‚gesellschaftlicher Normalität‘, welches in der vorliegenden Forschung besonders betrachtet wird. Je nach unterschiedlichem ökonomischen, politischen, kulturellen oder sozialen Bedingungen haben diese verschiedenen Ausprägungen, jedoch lassen sich aktuell für Deutschland verschiedene gesellschaftliche Erwartungen und Vorgaben für jugendliche Mädchen bzw. junge Frauen erkennen. Die Spielräume zur Gestaltung des eigenen Lebenslaufes haben sich zwar ausgedehnt, aber beziehen sie sich in „ihren Projekten, in ihren Entscheidungen und in ihrem Handeln auf Leitbilder, kollektive Projekte und gesellschaftlich-normative Diskurse und Deutungsmuster.“ (Keddi 2003: 37). Traditionelle Leitbilder von Frauen wie z.B. das Rollenbild der Hausfrau, Ehefrau und Mutter existieren aktuell weiterhin, werden aber um individualisierte Lebensentwürfe bereichert. Mädchen haben heutzutage ein größeres Angebot an Leitbildern und kollektiven Projekten, befinden sich aber oftmals auch in einem Widerspruch, wie das Beispiel des Entwurfs der ‚guten Mutter – selbstständige Frau‘ zeigt. Ganz selbstverständlich werden Beruf und Ausbildung zu einem Bestandteil von Frauenleben, aber die Zuständigkeit für Kinder liegt weiterhin eher bei der Frau (vgl. Keddi 2003: 38). Im Fokus dieser Arbeit stehen jedoch die äußerlichen Anforderungen und Erwartungen, die an junge Mädchen herangetragen werden. Diese beziehen sich in hohem Maße auf den Körper, das Aussehen und das Styling wie Klamotten, Make-Up und Frisuren. Dass die Bedeutung dieser Themen vor allem mit dem Eintritt in die Jugendphase zunimmt, zeigen vor allem Studienergebnisse, die den Zusammenhang von Gewicht und eigener Einschätzung diesbezüglich untersucht haben.

„Der Gedanke, zu dick zu sein, steigt insbesondere bei den Mädchen mit zunehmendem Alter deutlich an.“

(Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen und ANAD e.V. Versorgungszentrum Essstörungen 2016: 11)

Ca. ein Drittel der unter 10-jährigen hat den Gedanken, zu dick zu sein. Dieser Wert verdoppelt sich fast, wenn man den Blick auf die 10-jährigen richtet. Ab diesem Alter nimmt die Häufigkeit des Gedankens zu dick zu sein bis zum Alter der Volljährigkeit im Durchschnitt zu (vgl. Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen und ANAD e.V. Versorgungszentrum Essstörungen 2016: 11). So bilden die Jahre der Pubertät für die Identitätsentwicklung junger Mädchen die stärkste Gefahr. Obwohl die Mädchen in unserer aktuellen Gesellschaft zu starken Individuen heranreifen, stolpern sie in ihrer Entwicklungsphase dennoch über Klischees und gesellschaftliche Erwartungshaltungen gegenüber Frauenrollen und Frauenkörpern, die für die meisten veraltet, überholt oder unerreichbar sind. Welche gesellschaftlichen Schönheitsideale aktuell heranwachsenden Mädchen auferlegt werden, wird weiter in Kapitel 2.3 beschrieben.

2.3 Gesellschaftliche Schönheitsideale

2.3.1 Schönheitsideale und Körperzufriedenheit

Jede Zeitepoche, jede Kultur und jede Gesellschaft hat ihre vorherrschenden Schönheitsideale. Sie zeigen die allgemeine Vorstellung des Schönen, welches sich in erster Linie auf das Aussehen des Körpers und des Gesichts bezieht. Die Wahrnehmung dessen, was die Gesellschaft als Schön empfindet verläuft jedoch nicht rein objektiv, sondern wandelt sich ständig.

„Als in der Nachkriegszeit der Luxus der Fernreise aufkam, wollten die Leute plötzlich braun sein. Heute, wo wir Angst vor Hautkrebs haben, kommen uns gebräunte Menschen einfach nur stark gealtert vor, die helle, unbeschädigte, makellose Haut ist das neue Ideal. In Schwellenländern ziehen sich die Einwohner Nylonstrümpfe über die Arme, damit ihre Haut heller wirkt. Denn Hellhäutigkeit lässt auf Menschen schließen, die in geschlossenen Räumen arbeiten – und ein Bürojob bedeutet Wohlstand.“ (Prüfer 2015: 1)

Körperfülle war bis ins 17. Jahrhundert ein Zeichen von Reichtum und symbolisierte Macht. Nahrung stand zu diesem Zeitpunkt nicht in ausreichender Menge zur Verfügung und so spiegelte Schlankheit die Armut wieder. Weiße Haut galt als rein, sauber und unverbraucht. Erst ab dem späten 19. Jahrhundert erst setzte sich das Ideal des disziplinierten, fleißigen Bürgers durch und Übergewicht wurde zum Indikator für Maßlosigkeit und Faulheit. Menschen mit mehr Körperfülle galten als träge und undiszipliniert, was sich bis in die heutigen Gesellschaftsideale wiederfinden lässt. In den 1920er Jahren wirkte das körperliche Schönheitsideal in Deutschland so stark, dass einige Frauen ihre Brüste kaschierten, weil Rundungen dem erstrebten Körperbild nicht entsprachen. Ein flacher Busen, eine jungenhafte, androgyne Körperfigur und wenig Taille galten als besonders attraktiv. Aufgrund des zweiten Weltkrieges wurde durch den Nahrungsmangel kurzzeitig der Trend zum Schlanksein unterbrochen und das gesellschaftliche Schönheitsideal orientierte sich anschließend an Frauen wie Marylin Monroe, die für ihre weiblichen Rundungen, ihr Sexappeal und ihre blonden Locken bekannt war und mit einer Konfektionsgröße 42 als Sinnbild für Weiblichkeit stand. In den 1960er Jahren setzt sich jedoch der Trend hin zum schlanken Körper weiter fort bis in die 1990er Jahre, in denen noch schlankere, androgyne und sehr magere Körperformen als Ideal angesehen wurden. Das britische Model Kate Moss gilt als Schönheitsideal dieser Zeit. Mit dem aufkommenden Aerobic-Trend in den 1980er Jahren wurde neben dem Merkmal Schlankheit auch ein weiteres Schönheitskriterium aufgestellt: Fitness, welches jedoch ebenso schnell wieder abebbte. Dieser Wandel im gesellschaftlichen Bild von Schönheit und Attraktivität zeigt, dass die Ideale wandelbar und veränderbar sind und sich jeweils aus den gesellschaftlichen Gegebenheiten ableiten. Erst ab dem 21. Jahrhundert sind erste Diskurse über die Auswirkungen dieser Idealbilder bekannt und haben in den letzten Jahren stark zugenommen (vgl. Schritt 2011: 72f). Fernsehsendungen wie ‚Germanys Next Topmodel‘, welche aktuell in der 13. Staffel läuft, verstärken zudem den Druck auf junge Mädchen, indem sie nicht nur ein strenges Körperideal vorgeben, sondern auch ein fragwürdiges Frauenbild vermitteln. Betrachtet man die Veränderungen des Idealbilds vom weiblichen Körper innerhalb der letzten Jahrhunderte, lässt sich dennoch eine Konstante deutlich erkennen.

„Frauen waren und sind dazu angehalten, ihren Körper dem Idealbild anzupassen, auch wenn sie dafür Anstrengungen und Schmerzen in Kauf nehmen müssen“ (Schritt 2011: 80)

Zwar muss in diesem Zusammenhang auch erwähnt werden, dass es ebenso für Jungen und Männer gesellschaftliche Schönheitsideale gibt, diese aber deutlich offener und weniger wirkungsmächtig als für Mädchen und Frauen sind. Der Druck auf das körperliche Idealbild des Mannes hat sich seit den 1990er Jahren verstärkt, wirkt jedoch bis heute nicht annähernd so extrem kontrollierend und vorschreibend wie weibliche Körperideale, da Männer im Vergleich zu Frauen sehr viel stärker zusätzlich nach Geld, Macht und Erfolg beurteilt werden (vgl. Schritt 2011: 78). Dies zeigt sich auch in verschiedenen Studien, die Jungen und Mädchen gleichermaßen zur eigenen Körperzufriedenheit oder dem Diäthalten befragt haben. Im Vergleich von 2006 zu 2009 sank die Körperzufriedenheit bei Mädchen im Alter von 16-17 Jahren von 69% auf 48%. Im Gegenzug steigerte sich der Wunsch nach einem ‚flachen Bauch‘ und ‚schlanker sein‘ deutlich. Gewicht und Figur spielen also eine maßgebliche Rolle bei der Bewertung des eigenen Aussehens. Mädchen beginnen ihre Diätkuren teilweise bereits im Alter von elf Jahren und ca. die Hälfte aller befragten Mädchen finden sich ‚zu dick‘, wobei angemerkt wird, dass 78% der Teilnehmerinnen normalgewichtig sind. Vergleicht man diese Werte mit denen gleichaltriger Jungen zeigt sich, dass diese kaum Veränderungen in Ihrer Körperzufriedenheit zeigen und generell zufriedener mit dem eigenen Aussehen sind (vgl. Bauer Media Group 2009: 43-53). Besonders Mädchen in der Phase ihrer Pubertät haben mit speziellen Spannungen zu kämpfen. Aufgrund ihrer natürlichen, körperlichen Entwicklung und dem biologischen normalen Wachstumsprozess verändert sich der eigene Körper grundlegend. Die Brust wächst und der gesamte Körper wird rundlicher, was tendenziell ihrem Bild von Schönheit nicht entspricht. Durchschnittlich nimmt der weibliche Körper in dieser Entwicklungsphase elf Kilo an Körperfett zu, was wiederum zu Unsicherheiten und Unzufriedenheit führt (vgl. Klicksafe 2015a: 43).

2.3.2 Jung, fit und schlank - Das aktuelle Schönheitsideal

Schönheitsideale orientieren sich an gesellschaftlichen Gegebenheiten bzw. wird oftmals das als schön empfunden, was derzeit als Zeichen von Luxus, Reichtum
oder Disziplin gilt. Besonders in unserer westlichen Welt, in der wir vom Nahrungsangebot bereits übersättigt sind, gilt Schlankheit als Körperideal. Hierbei lässt sich feststellen, dass Schlankheit immer extremer ausgelegt wird und das stetige Streben danach zu einem gesundheitsgefährdenden Lifestyle führen kann.

„Das Streben nach dem Dünnsein kann tödlich enden. Denn nach wie vor ist die Magersucht unter allen psychischen Erkrankungen diejenige mit der höchsten Sterblichkeit.“

(Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen und ANAD e.V. Versorgungszentrum Essstörungen 2016: 6)

Auch Fitness, Sportlichkeit und Muskulosität zählen heute zu den gesellschaftlichen Schönheitsstandards bei Frauen. Als drittes Merkmal rückt das Jungsein immer mehr in den Fokus. So haben Schönheitskorrekturen, vor allem altersbedingte wie bspw. Lidstraffung und Faltenauffüllung stark zugenommen. Auch jedes vierte Mädchen zwischen 11-17 Jahren würde eine Schönheits-OP durchführen lassen, wenn es diese geschenkt bekäme (vgl. Bauer Media Group 2009: 51).

Des Weiteren lassen sich vereinzelt folgende gesundheitsgefährdende Körpertrends bei jugendlichen Mädchen beobachten:

Bikini Bridge:

Als ‚Bikini Bridge‘ bezeichnet man die herausstehenden Hüftknochen, auf denen die Unter- oder Bikinihose im Liegen aufliegt. Je stärker die Hüftknochen herausstehen desto besser bildet sich eine Brücke über dem Bauch, die Luft zwischen Hose und Unterleib lässt (vgl. Grass 2016: 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Beispielpost Bikini Bridge

Quelle: https://www.instagram.com/p/Bhjzy7ZHuH1/?taken-by=_amy3011

Thigh Gap:

Die ‚Thigh Gap‘ bezeichnet die entstehende Lücke, die im Stand mit geschlossenen Beinen zwischen den Oberschenkeln entsteht (vgl. Grass 2016: 1; Kohout 2016: 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Beispielpost Thigh Gap

Quelle: https://www.instagram.com/p/BhUSx4xAJwS/?taken-by=softskinjourney_

Collarbone Challenge:

Die ‚Collarbone Challenge‘ ist ein Wettbewerb, indem junge Frauen versuchen so viele Münzen wie möglich auf ihrem Schlüsselbein zu balancieren. Je mehr die Schlüsselbeinknochen hervorstehen und je dünner die Mädchen sind, desto mehr Münzen passen darauf (vgl. Grass 2016: 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Beispielpost Collarbone Challenge

Quelle: https://www.instagram.com/p/BWDgqMXgh2S/?taken-by=r_mauuureen

Die beschriebenen Trends propagieren alle ein extrem mageres, schlankes Schönheitsideal, welches wenig mit einem gesunden Lebensstil zu tun hat. Die Körpertrends sind teilweise nur mit Extremsport und einer drastischen Reduktion der Kalorienzufuhr erreichbar, manche Trends sind aufgrund biologischer Gegebenheiten auch komplett unerreichbar und andere nur mit dem gezielten Abbau von Muskulatur (vgl. Grass 2016: 1; Kohout 2016: 1). Bilder, Tipps und Tricks zu diesen Trends lassen sich unter den dazugehörigen Hashtags vor allem auf Instagram finden, welches sich wie bereits beschrieben auf Körperlichkeit und Ästhetik spezialisiert hat. Stimmt das eigene Körperbild mit diesem überein, kann dies für die Einzelperson auch eine Art kulturelles Kapital darstellen. So wird der Person mehr Akzeptanz und Prestige zugesprochen und das Entsprechen des Idealbildes wird oftmals als Faktor für innere Qualitäten des Menschen interpretiert. Frauen werden häufiger als Männer nach ihrem äußerlichen Erscheinungsbild beurteilt und die gesellschaftliche Anerkennung ist mitunter davon abhängig (vgl. Schritt 2011: 80f). Neben den klassischen Schönheitsidealen, die sich bereits seit einiger Zeit halten, rückt ein Schönheitsattribut immer weiter in den Vordergrund: Gesundheit. So lassen sich in den Medien zunehmend Artikel, Bilder und Berichte zu Themen wie Ernährung und Sport finden. Auch die psychische Gesundheit nimmt an Bedeutung zu, was der Trend zu Meditation, Achtsamkeit und Körperbewusstsein zeigt. Es lässt sich demnach festhalten, dass sich ein leichter Umbruch des Schönheitsideals abzeichnet, wobei sich das klassische Schönheitsideal weiterhin durchsetzt, jedoch immer mehr Gegenbewegungen in Form von Werbekampagnen, Dokumentationen und kritischen Stimmen stattfinden. Auch der Wunsch nach einer Kennzeichnungspflicht für bearbeitete Fotos in den Medien in Form eines Logos oder eines Wasserzeichens wird immer stärker. So wünschen sich z.B. mehr als zwei Drittel der Teilnehmenden der ‚StatusOfMind‘-Studie solch einen Hinweis auf Fotos in den Medien (vgl. Royal Society For Public Health 2017: 24). Mit Hilfe dieser Lösungsansätze sollen die Risiken der Instagramnutzung eingedämmt und das Positive mehr in den Vordergrund gestellt werden.

2.3.3 Mediales Frauenbild und Gegenbewegungen

Wirft man einen Blick in die großflächige, globalisierte Medienlandschaft, könnte man annehmen es gäbe vor allem einen Typ Frau, welche als Stellvertreterin für die durchschnittliche Frauenwelt stehe. In der Regel sind die dargestellten Frauen medial konstruiert und bringen folgende Attribute mit: groß, blond, blauäugig, schlank, jung, gesund, faltenfrei, geschminkt, sexy und sportlich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 9: Beispielpost Gerda von Germanys Next Topmodel 2018

Quelle: https://www.instagram.com/p/BfeJ-WfHkdV/?hl=de&taken-by=gerda.topmodel.2018

Der mediale Konstruktionsvorgang bedeutet in diesem Kontext nicht zwingend einen bewussten, aktiven Vorgang, sondern die Vermittlung und Weitergabe von Normen, Werten und gesellschaftlichem Konsens. Die gezeigten, vermeintlichen Durchschnittsbilder der Frauen in den Medien haben sich zwar über die letzten Jahre hin deutlich geändert, dennoch werden Frauen weiterhin übermäßig oft in einer sehr geschlechterstereotypen Weise dargestellt und auf ihr Aussehen reduziert. Frauenstereotype sind zwar vielfältiger geworden, jedoch erfolgt die geschlechtliche Zuordnung weiterhin sehr ausdrücklich und wird nur selten erweitert und aufgebrochen (vgl. Dorer/Marschik 1999: 2-5). Angereichert werden diese gesellschaftlichen Erwartungshaltungen zusätzlich durch die Tatsache, dass die Vorlagen der Frauenbilder auf Zeitschriften und auf Werbetafeln oft am Computer entstehen und mit Hilfe von Bildbearbeitung extremisiert werden. Die abgebildeten Frauen haben häufig nur noch wenig mit dem Model zu tun, welches abgelichtet wurde. So sieht selbst das abgebildete ‚Covergirl‘ in Wirklichkeit nicht aus wie das Bild von ihr auf der Titelseite, weil sie ihr ideales, makelloses Aussehen ebenfalls in erster Linie durch die digitale Nachbearbeitung erhielt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 10: Instagrampost von @abnehmtastisch

Quelle: https://www.instagram.com/p/Be6KHrxH2gP/?taken-by=abnehmtastisch

Diese perfektionierten Bilder sind allgegenwärtig. Sie sind auf Anzeigetafeln oder in Form von Schaufensterpuppen in der Fußgängerzone, in Werbespots oder Musikvideos im Fernsehen oder im Internet, speziell auf Social-Media-Plattformen wie Instagram zu finden. Die Medien gelten seit jeher als Spiegel der Gesellschaft. Sie sind von Menschen gemacht und geben aktuelle gesellschaftliche und individuelle Lebenswelten wieder. Mit ihrer rasanten Entwicklung bestimmen sie jedoch nicht nur diesen Wandel, sondern sind auch gleichzeitig Objekte dieses Umbruchs, da sie inhaltlich auf diese Veränderungen reagieren und ihre Produktions-, Vermittlungs- und Unterhaltungsleistungen daran anpassen (vgl. Dorer/Marschik 1999: 2). „Für das Individuum wiederum sind die Medien eine der wichtigsten Quellen, aus denen sie einerseits ihre Verunsicherung, andererseits aber auch das Wissen über neue Möglichkeiten des Umganges mit dieser gesellschaftlichen Veränderung beziehen. Denn es sind die Medien, die uns die neuen Herausforderungen und Vorschläge zu ihrer Bewältigung ins Haus liefern und uns damit, ob wir wollen oder nicht, konfrontieren“ (Dorer/Marschik 1999: 2). So verfestigen die Medien Vorstellungen von normierten Geschlechterbildern und Körperidealen und tragen damit maßgeblich zur Definition von Frauen bei. Für Jugendliche ist dieses Leitbild ein großer Bestandteil im Aushandlungsprozess mit der eigenen Identitätsfindung. Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass seit Jahren zunehmend immer schlankere Frauen in den Medien dargestellt werden, obwohl der durchschnittliche Frauenkörper nicht diesem Bild entspricht. Hinzu kommt der Aspekt, dass bei den heutigen Bildern oftmals die Grenze zwischen der idealisierten Fiktion und der Realität verschwimmt, da nahezu alle medial-gezeigten Bilder bearbeitet wurden. Mit einfachen Funktionen und simplen Bearbeitungsapps entsteht ein völlig neues, verändertes Foto, was in der Gesamtheit dazu führt, dass die dargestellte Illusion zum Schönheitsideal wird. Diese universelle Anwendung fotografischer Techniken trägt dazu bei, dass in unseren Vorstellungen ein Bild von Schönheit geformt wird, was fernab der Realität liegt. Treten Mädchen und Frauen hier in Vergleichsprozesse, können sie meist nur schlechter abschneiden. So ist es nicht verwunderlich, dass die eigene Körperzufriedenheit junger Frauen seit Jahren rückläufig ist. Menschen, die anders aussehen als es die Medien vorgeben, werden oftmals ausgegrenzt, abgewertet und diskriminiert. Der Einfluss der medial-verbreiteten Schönheitsidealen wird demnach als sehr hoch eingeschätzt und kann zu Frust und Unzufriedenheit bei Jugendlichen führen, da der Wunsch nach körperlicher Attraktivität eng mit dem Wunsch nach sozialer Anerkennung verknüpft ist (vgl. Klicksafe 2015a: 47).

[1] Der Vollständigkeit halber wird angemerkt, dass sich das Internet derzeit bereits in der dritten Entwicklungsstufe befindet. Das Web 3.0, welches als ‚Semantic Web‘ bezeichnet wird, kann den nutzergenerierten Inhalt mit Hilfe der künstlichen Intelligenz verknüpfen, auswerten und sinnvoll weiterverarbeiten (vgl. Rohles 2008: 1).

Ende der Leseprobe aus 125 Seiten

Details

Titel
Wie beeinflussen bearbeitete Bilder auf Instagram das Schönheitsideal von Mädchen?
Untertitel
Eine qualitative Interviewstudie
Autor
Jahr
2019
Seiten
125
Katalognummer
V445139
ISBN (eBook)
9783956877155
ISBN (Buch)
9783956877179
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schönheitsideal, Social Media, Instagram, Frauenbild, Authentizität
Arbeit zitieren
Corinna Schaffranek (Autor), 2019, Wie beeinflussen bearbeitete Bilder auf Instagram das Schönheitsideal von Mädchen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445139

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