Tierische Gefährten. Die bio-psycho-sozialen Wirkungszusammenhänge von Mensch-Tier-Interaktionen


Bachelorarbeit, 2018
88 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Mensch-Tier-Beziehung
1.1 Von Jägern und Sammlern - Ein Erklärungsansatz
1.2 Die Liebe zur Natur - Die Biophilie-Hypothese
1.3 Ansätze aus der Bindungstheorie und die Regulation von Emotionen
1.4 Die Kommunikation zwischen Mensch und Tier

2 Die physiologische Wirkung von Tieren auf den Menschen
2.1 Einfluss auf die sympatho-adrenerge Stressachse
2.2 Hormonelle Effekte der Mensch-Tier-Beziehung
2.3 Auswirkungen von Oxytocin auf den Menschen
2.4 Einfluss auf das Immunsystem des Menschen
2.5 Risiken der Tierhaltung und des Tierkontakts
2.6 Schlussfolgerung der physiologischen Wirkung

3 Psychologische und soziale Wirkung von Tieren auf den Menschen
3.1 Interaktion und Aufmerksamkeit
3.2 Förderung von Empathie
3.3 Reduktion von Furcht und Angst
3.4 Einfluss auf depressive Zustände
3.5 Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit
3.6 Schlussfolgerung der psychologischen so sozialen Wirkung

4 Anwendungsbereiche der Mensch-Tier-Interaktion
4.1 Allgemeine Anwendungsbereiche
4.2 Der Einsatz von Tieren im Krankenhaus
4.2.1 Tierbesuch im intensivmedizinischen Bereich
4.2.2 Anwendung in der Chirurgie und bei chronisch kranken Kindern
4.3 Heimtiere in Pflege- und Altenheimen
4.3.1 Heimtiere bei Demenzkranken
4.3.2 Hundebesuchsdienst in der Altenpflege
4.4 Soziales Lernen mit Insekten
4.4.1 Vorteile der Insekten gegenüber anderen Tieren
4.5 Fürsorgebauernhöfe
4.5.1 Zielsetzung der pädagogischen Arbeit
4.5.2 Auswirkung der Nutztiere auf die Helfenden

5 Zusammenfassung der bio-psycho-sozialen Wirkungszusammenhänge

Literaturverzeichnis

Manchmal sitzen sie vor dir, mit Augen, so hinschmelzend, so zärtlich und so menschlich, dass sie dir beinahe Angst machen, denn es ist unmöglich zu glauben, dass da keine Seele in ihnen ist.

Théophile Gautier (1811 - 1872)

Einleitung

Der Alltag von Marie[1] ist eingeschränkt, durch die immer wiederkehrenden Panikattacken und Depersonalisation traut sie sich kaum allein aus dem Haus. Zu viele Reize gibt es außerhalb der eigenen vier Wände, die zu Panikattacken führen können. Vor allem wenn sie in Depersonalisation[2] (ICD-10, 2017) fällt, fühlt sie sich dem Ganzen oft ausgeliefert. Sie kann weder Orte, noch Entfernungen richtig einschätzen und dies führt oft dazu, die eigentlich gewohnten Umgebung nicht mehr richtig nutzen zu können (Grunert, 2017, http://tierischehelfer.com). Marie leidet unter posttraumatischer Belastungsstörung (kurz PTBS). In ihrer Vergangenheit erlitt sie mehrere extrem belastende Ereignisse, jahrelange Vernachlässigung, emotionaler und sexueller Missbrauch sowie Essstörung und Depression. Sie berichtet davon, oft das Gefühl zu haben, neben sich zu stehen oderwie gelähmt zu sein.

Seitdem der Hund Conrad in ihr Leben getreten ist, hat sich vieles verändert. Durch eine spezielle Ausbildung ist der Labrador in der Lage, kleinste Veränderungen des Körpers wahrzunehmen und anzuzeigen. Das hilft ihr dabei, eine frühzeitige Panikattacke zu erkennen und darauf zu reagieren, indem er zum Beispiel das entsprechende Medikament bringt oder sie aus der angstauslösenden Situation, zum Beispiel einer Menschenmenge, entfernt. Seitdem der Assistenzhund tagtäglich an ihrer Seite ist, schafft sie es sogar wieder einkaufen zu gehen. Durch die spezielle Ausbildung des Hundes, ist es auch rechtlich gestattet, Geschäfte zu betreten. Die Panikattacken sind nun weniger geworden, was Marie einen großen Gewinn an Selbstständigkeit bringt. Ganz frei von Angst ist sie natürlich nicht, doch Conrad hilft ihr, alles etwas erträglicher zu machen. Sie fühlt sich weniger hilflos und nicht mehr mit ihrer Erkrankung allein gelassen. Sie war seitdem Conrad da ist, nicht einmal mehr in der Notaufnahme, weshalb sie früher ständig wegen der Panikattacken gelandet ist, sogar der Rettungswagen musste oft gerufen werden, weil sie ohne Medikamente keine Beruhigung fand. Doch jetzt hat sie Conrad, der mehr als nur ein Freund für sie geworden ist. Er ist Alltagbegleiter auf allen Wegen, Krankenpfleger, er bringt die Notfallmedizin, er ist ihr Retter auf vier Pfoten (Grunert, 2017, http://tierischehelfer.com).

Dass Tiere menschliches Wohlbefinden und die gesamte Entwicklung des Menschen positiv beeinflussen und sogar heilende Fähigkeiten besitzen, ist keine neue Erkenntnis. Tiere wurden bereits im 8. Jahrhundert in Belgien zu therapeutischen Zwecken eingesetzt (Greiffenhagen, 1991, s. 14). Quäker gründeten 1792 in England eine Einrichtung für Geisteskranke, das sogenannte ״York Retreat“. Den Behandlungsmethoden zufolge, wurden die Erkrankten dazu aufgefordert, sich um die Gärten und Kleintiere der Einrichtung zu kümmern, denn die Mönche des Klosters gingen der Annahme nach: ״Den in der Seele und am Körper Beladenen hilft ein Gebet und ein Tier“ (zit. nach Greiffenhagen, 1991, s. 14). Mitte des 20. Jahrhunderts kamen Tiere erstmals in New Yorker Krankenhäusern zum Einsatz, hier dienten sie der Genesung von Kriegsveteranen zur Aufarbeitung emotionaler Traumata. Sie bekamen das Gefühl, wieder gebraucht und akzeptiert zu werden, indem sie sich um die Tiere kümmerten (McCulloch, 1983, s. 26).

Dies ist nur ein Bruchteil von Geschichten, welch positive Effekte ein Tier auf erkrankten Personen verdeutlicht. Doch wieso sind so zahlreiche Phänomene zu beobachten? Was geschieht im menschlichen Körper und in der Psyche, wenn er im regelmäßigen Kontakt zu einem Tier steht und wie verständigen sich Mensch und Tier eigentlich? Welche körperlichen, psychischen und sozialen Auswirkungen kann ein Tier bewirken und wie können wir diese Erkenntnis in der Anwendung der tiergestützten Intervention nutzen? Von zentraler Bedeutung ist der Aspekt, wie sich der regelmäßige Kontakt auf die körperliche Gesundheit und auf die Psyche des Menschen auswirkt, denn Wissenschaftler*innen behaupten, das ״Zusammenleben von Menschen untereinander, sowie das Zusammenleben zwischen Mensch und Tier ermöglicht eine bessere Qualität des Lebens“ (zit. nach Olbrich und Otterstedt, 2003, S. 13). Aus Platzgründen wird auf die ausführliche Entstehungsgeschichte der Domestikation von Tieren verzichtet, es wird auch keine bestimmte Tierart fokussiert. Es werden einige Aspekte der Mensch­Tier-Beziehung aufgegriffen, um herauszufinden, ob der Mensch eine Neigung zum Tier besitzt, also ob er sich zu Tier hingezogen fühlt und warum. Im zweiten Teil wird auf die physiologischen Wirkungen von Mensch-Tier­Interaktionen anhand von verschiedenen Studien eingegangen um herauszufinden, ob positive körperliche Auswirkungen beim Menschen zu beobachten sind. Der dritte Teil befasst sich mit den psychologischen und sozialen Effekten von Interaktionen mit Tieren. Reicht die bloße Anwesenheit eines Tieres aus oder welche Kriterien müssen erfüllt werden, um einen positiven Effekt zu erlangen? Im letzten Teil werden verschiedene Anwendungsbereich in der praktischen Arbeit mit Tieren vorgestellt, hier wird sich auf einige Beispiele beschränkt, die von einigen vielleicht kontrovers aufgefasst werden.

Auf die ausführliche Tierethik muss leider aus Platzgründen verzichtet werden, ebenso auf die ausführlichen hygienischen Bedingungen in der Arbeit mit Tieren. Ich erhoffe mir mit der vorliegenden Bachelorarbeit einen umfangreichen Einblick in die biologischen, psychologischen und sozialen Wirkungsmechanismen geben zu können und einen Anreiz zu schaffen, dass in diesem Bereich weiter geforscht wird und sich die Tiergestützte Intervention tiefgreifender in das Gesundheits- und Pflegesystem etabliert oder auch nur eine Überlegung bietet, sich mit Tieren zu beschäftigen oder sich sogar eins anzuschaffen.

1 Die Mensch-Tier-Beziehung

1.1 Von Jägern und Sammlern - Ein Erklärungsansatz

Seit dem 5. Jahrhundert beschäftigt sich die Philosophie, später Anthropologie mit dem Wesen des Menschen (Schneider und Vernooij, 2013, s. 2). In Abgrenzung zum Tier wurde dies über viele Jahrhunderte bestimmt. Begründet wurde es damit, dass der Mensch ein Bewusstsein von sich selbst, von Raum und Zeit sowie der ihn umgebenen Wirklichkeit entwickelt habe. Er verfüge, im Vergleich zu tierischen Arten, über ein differenziertes Kommunikationssystem und sei in der Lage, seine Umwelt aktiv zu gestalten und seine Lebensbedingungen im positiven oder negativen Sinne durch sein ״offenes Verhaltensrepertoire“ zu beeinflussen (Vernooij, 1983, s. 17f.). Heute sind diese Kriterien zum Teil widerlegt und nicht mehr haltbar. Die Frage nach dem Bewusstsein von Tieren wurde vielfältig erforscht und man kann anhand der Forschung aufzeigen, dass zumindest bei höheren Tieren (Säugetiere mit höherer Entwicklungslinie (Willig, 2013, https://www.biologie-seite.de) Vorformen des Bewusstseins von sich selbst gegeben sind (Heidiger, 1984, s. 284f.).

Die Kommunikationsfähigkeit bei Tieren ist im Rahmen ihrer Lebenssituation um ein Vielfaches leistungsfähiger, als ursprünglich gedacht (Frisch, 1923, s. 1ff.). So zum Beispiel erforschte Lorenz das Aufforderungsverhalten von Tieren (Lorenz, 1953, s. 13). Verschiedene Dressurakte bei Zirkustieren zeigen, dass das Verhaltensrepertoire von Tieren erweiterbar ist, jedoch auch die Verhaltensweisen von Tieren, die mit Menschen Zusammenleben. Die Geschichte der Mensch-Tier-Beziehung ist wechselseitig und teilweise auch widersprüchlich. Sie bewegt sich zwischen zwei Polen: ״Der Verwendung der Kontrolle einerseits und der Sehnsucht nach dem ,Bruder Tier‘, der Hingabe andererseits“ (zit. nach Körner, 1996, S.32).

Somit scheinen Mensch und Tier eine grundlegende Tendenz zu besitzen, sich einander nahe zu sein. Doch wieso streben Menschen solche Beziehungen an und wie sind diese überhaupt möglich? Dem heutigen Forschungsstand nach, wurde nachgewiesen, dass die ״Sozialfähigkeit von Menschen und anderen Wirbeltieren in sehr ähnlichen, stammesgeschichtlich oft herkunftsgleichen Strukturen und Mechanismen wurzelt, und dass auch das typisch menschliche Interesse an der Nähe zur Natur und zum Tier ein evolutionär begründetes Wesens- und Artmerkmal des Menschen darstellt“ (zit. nach Kotrschal, 2009, s. 55). Dadurch entwickelt sich ein Bewusstsein, das den damaligen Jäger-und Sammler-Vorfahren sehr nahekommt und zwar, dass Menschen und andere Tiere ziemlich gleich sind. Wenn man die Evolution der Wirbeltiere, von den Fischen zu den Vögeln und Säugetieren beobachtet, so fällt zwar auf, dass sie der Anpassung an ihre Umwelt optisch sehr verschieden sind, das ״Wirbeltier-Modell“ (sprich Regelmechanismen und Gehirn) jedoch verändertet sich über die vielen Jahre der Stammesgeschichte erstaunlich wenig (Kotrschal, 2009, S.55). Da Menschen und Tiere den längsten Teil ihrer evolutionären Geschichte zusammenlebten, sind Menschen biophil (Wilson, 1984. In: Schneider und Vernooij, 2013, s. 4) und entwickelten ein Gehirn, was die Fähigkeit zu Sprache, Symbole und Mythen aufweist. Als generelles Merkmal der Kultur von Jägern und Sammlern kann gelten, dass sie Tiere als denkende und beseelte Kreaturen betrachten, die dem Menschen nicht nur verwand, sondern auch gleichwertig sind. Dadurch lädt der Jäger ״Schuld“ auf sich, wenn er ein Tier zu Nahrungszwecken tötet und braucht nun angemessene und gleichwertige Entschuldungsrituale (ebd.) um die ״Geister der Toten“ (Tier und Mensch) wieder zu versöhnen, um somit Unheil von sich abzuwenden (ebd.).

Diese Erkenntnisse scheinen einen Ansatz bieten zu können, weshalb sich der Mensch zum Tier hingezogen fühlt, im nächsten Teil wird ausführlicher auf das Bedürfnis, mit Tieren in Kontakt zu treten eingegangen.

1.2 Die Liebe zur Natur - Die Biophilie-Hypothese

Der Verhaltensbiologe und Begründer der Soziobiologie Edward 0. Wilson hat im Jahr 1984 herausgefunden, dass der Mensch über Millionen von Jahren eine biologisch fundierte Verbundenheit zur Natur und alle innewohnenden Lebewesen entwickelt hat (Wilson, 1986. in: Schneider und Vernooij, 2013, S.4). Dabei haben sich in der Stammesgeschichte nicht nur Erfahrungen in physiologischen und morphologischen Merkmalen niedergelegt, sie macht sich auch in psychischen sowie sozialen Prozessen, zum Beispiel den Bindungsprozessen bemerkbar (Olbrich und Otterstedt, 2003, S.69). Nach Wilson (1984, 1993) und Kellert (1993,1997) handelt es sich bei der Biophilie nicht um einen einfachen Instinkt, sondern vielmehr um ein komplexes ״Regelwerk, welches das Verhalten, die Gefühle, aber auch die geistigen Fähigkeiten, die Ästhetik und sogar die spirituelle Entwicklung des Menschen betrifft“[3] (zit. nach Wilson und Kellert, 1993. in: Schneider und Vernooij, 2013, s. 4f.). Sie belegen aufgrund von Feldexperimenten und Beobachtungen, dass Menschen ein Bedürfnis danach haben, mit anderen Lebewesen in Verbindung zu sein. Jedoch nicht ausschließlich mit Lebewesen selbst, sondern auch eine Verbundenheit mit Ökosystemen, Landschaften oder Flabitaten - die Leben ermöglichen. Kellert und Wilson unterscheiden im Jahr 1993 neun Perspektiven (wovon im nachfolgenden einige erläutert werden) von der Beziehung zwischen Mensch und Natur, wovon jede intensiv erlebt wird und jeweils eine spezifische Bewertung von Natur beinhaltet. Zudem hat jede ihren eigenen adaptiven Wert, der für den Erhalt der eigenen Existenz sowie für den Erhalt des gesamten Ökosystems relevant ist. (Kellert und Wilson, 1993, s. 7 ff.).

Die utilitaristische Perspektive bringt den Nutzen zum Ausdruck, den die Natur für den Erhalt und die Sicherheit der Existenz bietet. Und zwar, wenn Menschen ein Tier des Felles oder des Fleisches wegen jagen und töten, um sich davon zu ernähren und zu kleiden oder auch die Fähigkeiten der Tiere nutzen, zum Beispiel als unterstützende Arbeitskraft, um den Erhalt oder eine Verbesserung des täglichen, menschlichen Lebens und des Gemeinwohls zu sichern (Kellert und Wilson, 1993. In: Olbrich und Otterstedt, 2003, s. 70). Die Tatsache, dass sich Menschen von der Schönheit der Natur und physischer Flarmonie angesprochen fühlen, bezieht sich auf die ästhetische Perspektive. Eine Berglandschaft, ein Sonnenuntergang, ein galoppierendes Pferd ergreifen und lösen ein Gefühl aus, dass gewahr werden lässt, sich in etwas Idealem zu befinden, etwas, das menschliches Empfinden bereichert (ebd., s. 71). Das Erleben einer tief empfundenen Verbundenheit zur Natur, beschreibt die humanistische Perspektive. Es kann zur Fürsorge, zur Bindung und zum Altruismus tendieren und mit der Bereitschaft etwas zu teilen, verbunden sein. Es zeigt einen wichtigen adaptiven Wert von Biophilie für die Erhaltung des Lebens (ebd.).

Moralisch, ist die Beziehung zur Natur vielmehr auch von Verantwortlichkeit oder gar von Ehrfurcht vor dem Leben zu werten. Gemeint ist damit, ein Gefühl zu verspüren, beispielsweise, wenn sich ein hungriges Kätzchen bemerkbar macht oder ein Hund an der Tür winselt, weil er vielleicht hinaus möchte. Es ist doch geradezu unmöglich, dies zu ignorieren. Der moralische Bezug zum Leben geht manchmal mit der Bewusstheit einer spirituellen Komponente, das Empfinden von Harmonie und einer größeren Ordnung einher, in der Mensch und Natur stehen. Vielleicht findet man in diesem Bezug zum Leben die Grundlage für Ethik, allerdings vorrangig im Sinne einer Einbettung in eine kosmologische Ordnung (ebd.). Aber auch die (spirituelle) Ehrfurcht vor und ethische Verantwortung für die Natur sollte beachtet werden (Kellert, 1993. In: Schneider und Vernooij, 2013, S.7). Denn das, was uns die Natur gibt, sollte der Mensch ihr auch ein Stück weit zurückgeben, indem er sie schützt.

Dies waren nur einige der Perspektiven, die eine Form von Bezugnahme zwischen Mensch und Natur darstellt und zeigt, dass verschiedene Formen der Verbundenheit gleichzeitig oder auch interaktiven Charakter haben können, wenn es um die Erhaltung, Sicherung und Verbesserung des menschlichen Lebens oder das überleben einer ganzen Spezies geht (Olbrich und Otterstedt, 2003, s. 72). Wenn man die große Bedeutung dieser evolutionären Verbundenheit zwischen Mensch und Natur berücksichtigt, so dürfte es nicht verwundern, dass im heutigen Zeitalter der Massenmedien, der Urbanisierung und Industrialisierung, die Begegnung mit Tieren einerseits eine sichtbar positive und bereichernde Wirkung mit sich bringen kann (Schneider und Vernooij, 2013, s. 5). Andererseits muss jedoch auch der Aspekt beachtet werden, zu welchem Zweck und in welchem Ausmaß die Tiere produziert werden. Wenn man (abgesehen vom Nutzen des Fleisches) allein schon die ״Heimtier“-Produktion bedenkt, wie viele Hunde, Katzen und auch exotische Tiere im Ausland gezüchtet und auf dem Schwarzmarkt verkauft werden, weil sich manche daran erfreuen, einen Affen oder einen Leoparden zu halten, dessen artgerechte Haltung keinesfalls gewährleistet werden kann und dies auch nicht gewollt ist. Oder viel schlimmer noch, wenn Tiere aus der freien Wildbahn gefangen und getötet werden, zum Beispiel wegen des Felles oder bei manchen Tierarten, das Horn entfernt und das tote Tier einfach zurückgelassen und ״weggeschmissen“ wird.

Doch abgesehen von diesen negativen Aspekten der Industrialisierung kann man nach diesen Erkenntnissen die positiven Effekte von Tieren so verstehen, dass sie als wichtiger Bestandteil der Natur die Lebenssituationen des Menschen vervollständigen oder ergänzen und sie tragen dazu bei, eine evolutionär bekannte und gewohnte Situation zu schaffen, die das Wohlbefinden steigert (Beetz. In: Olbrich und Otterstedt, 2003, s. 76). Vielleicht bei Menschen, die das Bedürfnis zum Angeln haben. Es geht nicht primär darum, Fische zu fangen, sondern darum, die Natur zu genießen.

Jedoch könnte eine mögliche Grenze der Biophilie-Hypothese die Tatsache sein, dass nicht bei allen Menschen eine ausgeprägte Anziehung zur Natur gegeben ist, zum Beispiel bei Menschen, die in Großstädten aufwachsen und sich nicht vorstellen können, später einmal auf dem Land zu wohnen. In Ergänzung zur Biophilie-Hypothese erklärt Beetz unter dem Gesichtspunkt der Untersuchung von Einflussmöglichkeiten durch die Interaktion mit Tieren, eröffnet sich ein vielversprechender Ansatz, der im Gegensatz zur Biophilie- Hypothese nicht zwingend die natürliche Affinität zur belebten Natur widerspiegelt (Olbrich und Otterstedt, 2003, s. 76f.). Nun kommen wir zu einer tiefer gehenden Untersuchung der Mensch-Tier-Interaktion, um herauszufinden, ob allein die Anwesenheit eines Tieres ausreicht, um positive Effekte zu erzielen.

1.3 Ansätze aus der Bindungstheorie und die Regulation von Emotionen

Durch die wachsende Forschung an psychischen Prozessen in den letzten Jahrzehnten, wie soziale Kompetenz, emotionale Intelligenz sowie Emotionen und Bindungen, wurde erkannt, dass Bindungen an andere Personen eine signifikante Rolle in der psychischen Gesundheit spielen (Beetz. In: Olbrich und Otterstedt, 2003, S.77). Die Bindungstheorie besagt, dass die Erfahrung früher Bindungen bzw. das Fehlen einer solchen Bildung an eine oder mehrere Bezugspersonen signifikanten Einfluss auf die sozioemotionale Entwicklung eines Kindes haben kann (Bölling-Bechinger, 1998; Spangier, 1999a; Steele et al., 1999; Suess, 1999, 2001 ). Dahingehend können Menschen jedoch auch zu Tieren eine tiefgreifende Beziehung aufbauen, die positive Auswirkungen auf emotionale und soziale Bedürfnisse haben. Noch bietet die Forschung keine ausreichende theoretische Basis zur Erklärung dieser Beziehungen, jedoch scheint die Bindungstheorie einen Ansatz bieten zu können (Beets, in: Olbrich und Otterstedt, 2003, s. 76 ff.). Die Bindungstheorie geht evolutionär gesehen auf die Untersuchungen von Mutter-Kind-Bindungen in Bezug auf die Überlebensfunktion zurück. Bowlby (1979, s. 129) entwickelte das bio­psychologische Konstrukt ״Bindung“ zwar vorrangig an der engen Beziehung zwischen Mutter und Kind, jedoch erweiterte er den Begriff ״Bindung“ darüber hinaus als ein ״essentielles, lebenslanges menschliches Bedürfnis, das in allen engen, emotionalen Beziehungen zwischen Menschen eine Rolle spielt“ (Julius et al., 2014 zit. nach Bowlby, 1979, s. 129).

Bindungsverhaltensweisen bei Kindern sind nicht nur von physiologischen Bedürfnissen abhängig, sondern können unabhängig vom Alter des Kindes, die Fähigkeit beinhalten, Bindungen zu anderen Personen aufzubauen. Dies ist eine grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung einer funktionierenden Persönlichkeit und psychischer Gesundheit (Beets in: Olbrich und Otterstedt, 2003, s. 76 ff.). Darüber hinaus fungiert die Bindungsfigur als ״sicher Basis“, zu der das Kind immer wieder zurückkehren kann und erlaubt ihm somit möglichst angstfrei seine Umwelt erkunden zu können. Gerade aus lernpsychologischer Sicht ist dies wichtig, da Lernprozesse von angstauslösenden Stressoren massiv behindert werden (Ainsworth, 1963. in: Julius et al., 2014, s. 115). Und auch die Art der Bindungserfahrung dienst später als Grundlage des sozialen und emotionalen Verhaltens als Erwachsener und bildet den Grundstein für die Fähigkeit, Gefühle wahrzunehmen, zu bewerten und auch darauf angemessen zu reagieren und auch für die Qualität der Sozialbeziehungen wird davon beeinflusst (Schneider und Vernooij, 2013, s. 10).

Während des ersten Lebensjahres entwickelt sich eine Bindung zu einer Bezugsperson - meistens zur Mutter - die auf Signale des Kindes mit Pflegeverhalten (stillen, wickeln etc.) reagiert. Der Säugling versucht dadurch eine aktive Nähe zur Bezugsperson herzustellen und zu halten, da sie neben einer sicheren Basis zur Regulation vor allem von negativ besetzten Emotionen durch Zuwendung und Nähe dient (Beetz. In: Olbrich und Otterstedt, 2003, s. 77f.). In der Regel unterscheidet man zwischen einem sicheren Bindungsmuster und drei unsicheren Bindungsmustern. Während sicher-gebundene Kinder wegen ihrer Erfahrungen Vertrauen in ihre Bezugsperson oder Bindungsfigur haben und sich deshalb auf Trennung dieser Person einlassen können, haben unsicher-gebundene Kinder keine zuverlässige und vertrauensvolle Basis zu ihrer Bindungsfigur. Diese Ausprägung ist vom Verhalten der Bindungsfigur, vor allem der mütterlichen Feinfühligkeit (was bedeutet, die kindlichen Bedürfnisse zu erkennen und darauf angemessen zu reagieren) abhängig (ebd., s. 78). Mit zunehmender Bindungserfahrung entwickelt das Kind ein internales Arbeitsmodell von sich selbst und der Bindungsfigur, in dieses werden verschiedene Erfahrungen gespeichert. Im Idealfall wird das Kind dann ein zusammenhängendes und anpassungsfähiges Bild der Wirklichkeit entwickeln. Es ist nachgewiesen, dass sicher-gebundene Kinder in Anforderungssituationen in der Lage sind, emotionale und kognitive Bewertungsprozesse zu integrieren, während unsicher-vermeidend-gebundene Kinder die Informationen nur eingeschränkt oder gar verfälscht wahrnehmen (Spangier, 1999. In: Olbrich und Otterstedt, 2003, S. 78) und können diese nicht zur Bewertung der Situation heranziehen. In einer sicheren Bindung ermöglicht erst die Kommunikation mit der Bindungsfigur eine gesunde psychische Entwicklung. Durch die Entwicklung des eigenen Arbeitsmodells wird die Regulation von Emotionen durch die Bindungsfigur internalisiert und ermöglicht dann durch die Kommunikation die Selbstregulation innerhalb der Person (Beetz. In: Olbrich und Otterstedt, 2003, s. 79). Also kann man daraus schließen, dass sicher-gebundene Kinder mehr soziale Kompetenzen entwickeln, sind freundlicher, zugewandter, kooperativer und empathischer, als unsicher-gebundene Kinder (Fremmer- Bombikund Grossmann, 1991; s. 299 f.; Spangier und Grossmann, 1995. In: Olbrich und Otterstedt, 2003, s. 78).

Gerade eine Integration von Emotion und Kognition ist notwendiger Bestandteil einer gut funktionierenden Persönlichkeit. Hier kann die Interaktion mit einem Tier dazu dienen, die notwenige Balance von Bindung und Emotion herzustellen und aufrechtzuerhalten. Der Umgang mit Tieren beruht nahezu ausschließlich auf nonverbaler Kommunikation (Beets. In: Olbrich und Otterstedt, 2003, s. 81), welche vorrangig bei der Vermittlung von Beziehungsaspekten herangezogen wird. Hier ist der Mensch weniger auf eine kognitive, sondern eher auf eine intuitive Einschätzung des Gegenübers angewiesen. Solche erfahrungsgeleiteten Prozesse werden durch den Beziehungsaufbau zu einem Tier notwendigerweise automatisch trainiert und auch die Fähigkeit von Intelligenz gefördert (ebd.).

Die gewonnenen Erfahrungen können nun auf den Umgang mit und die Beziehungen zu Menschen projiziert werden. Man geht davon aus, dass Kinder, die mit Tieren aufwuchsen, vermehrt Empathie zeigten (Poresky und Hendrix, 1989, s. 931 ff.) und durch nonverbaler Kommunikation schon sehr früh lernten, die Bedürfnisse ihres Tiers und somit auch die Bedürfnisse anderer Menschen besser zu verstehen (Paul, 1992. In: Olbrich und Otterstedt, 2003, s. 81). Poresky (1996, s. 159ff.) stellt fest, dass die soziale Entwicklung von Kindern durch die Beziehung zu einem Haustier erheblich beeinflusst werden kann. Tiere zeigen Zuneigung, unabhängig von gesellschaftlich vermittelten Wert-und Normvorstellungen und vermitteln dem Kind somit bedingungslose Akzeptanz, welche ausschlaggebend für eine gesunde, emotionale Entwicklung ist. Anders als das verbale Kommunizieren, kann die nonverbale Kommunikation schwer verfälscht und somit sensibler auf den tatsächlichen Zustand oder das Verhalten reagiert werden. Dies zeigt dem Menschen, dass er sich beim Tier nicht verstellen kann oder muss und spiegelt somit seinen wahren emotionalen Zustand wieder, worauf das Tier entsprechend reagiert. Der Mensch erhält somit eine ehrliche Rückmeldung und erlaubt, seine Emotion in sein Verhalten zu integrieren, was wiederum Authentizität fördert (ebd.). Nicht zu vergessen, muss auch das Tier berücksichtigt werden, nicht immer kann und wird es adäquat auf die Gefühlswelt des Menschen reagieren können, doch ist es durch sein Verhalten ein zuverlässiger und kontingenter Interaktionspartner, der ziemlich einfach eingeschätzt werden kann (Beetz, in: Olbrich und Otterstedt, 2003, s. 82).

Tiere werden als Gefährten wahrgenommen, die ohne Rücksicht auf kognitive Wertung, Empathie geben und bedingungslose Wertschätzung vermitteln. Sie können als sicherer Bezugspunkt, als bedeutender Beziehungspartner vor allem für unsicher-gebundene Kinder fungieren, spenden Trost, geben Sicherheit und Zuwendung und dies in einem vergleichbar empfundenen Maße wie eine sichere Bindungsfigur (Beetz, 2002. In: Olbrich und Otterstedt, 2003, s. 83). Jedoch sollte auch immer der Aspekt bedacht werden, dass auch Tiere nicht auf Knopfdruck, sofort und immer zur Seite stehen, wenn man gerade das Bedürfnis hat. Sie brauchen auch ihren Rückzugsort und fungieren keinesfalls als Bindungsersatz, sondern können ergänzend zur Bindungsfigur wirken. Und dies, wie die Forschungen belegen, vor allem dann, wenn das Kind eine Beziehung zum Tier aufbaut. Somit kann nicht gesagt werden, die bloße Anwesenheit eines Tieres reicht aus, um einen signifikant positiven Effekt zu erzielen.

Im Nachfolgenden und abschließenden Teil der Erklärungsansätze spielt die Tatsache, überhaupt mit Tieren zu kommunizieren eine Rolle oder verhalten sie sich völlig willkürlich?

1.4 Die Kommunikation zwischen Mensch und Tier

Viele Definitionen beschreiben Kommunikation im Allgemeinen als einen Vorgang, der zum Zwecke der Informationsvermittlung zwischen mindestens zwei Personen abläuft und in der Regel verbal stattfindet. Der hier genannte Begriff ist mehr unter sozialer Kommunikation zu verstehen, den Rosenbusch & Schober wie folgt beschreiben: ״Allgemein ist unter Kommunikation eine gerichtete Informationsübertragung und damit ein Einfluss von einem Sender­System auf ein Empfänger-System zu verstehen. Als kommunikativ wird das Verhalten bezeichnet, dass vom Sender eindeutig beabsichtigt gezeigt wird, um eine spezifische Botschaft an den Empfänger zu übermitteln“ (zit. nach Rosenbusch und Schober, 1994, s. 16 ff.).

Somit kann man sagen, im weiteren Sinne wird Kommunikation als ein Vorgang bezeichnet, in dem Informationen nicht unbedingt ausgetauscht, sondern lediglich gesendet und empfangen werden (Vernooij, 2004, s. 9). Zentraler Prozess ist die Umwandlung von Gedanken, Bedürfnissen, Worten, Impulsen, Zeichen und Symbole, die vom Gegenüber erkannt und verstanden werden. Eine wesentliche Rolle spielen dabei auch individuelle Signale, die zusätzlich zu den offiziellen Symbol- und Zeichensystemen ausgesendet werden. Das können, in Bezug auf die Sprache zum Beispiel Lautstärke, Tonfall oder Betonung aber auch Mimik und Gestik sein und wird unter dem Begriff der ״nonverbalen Kommunikation“ zusammengefasst, man kann diese aber auch als sprachbegleitende Signale verstehen (Schneider und Vernooij, 2013, s. 16 ff.). Obwohl Tiere nicht in der Lage sind, in sprachlicher Form mit dem Menschen zu kommunizieren, so findet dennoch zwischen beiden eine begrenzte Form von Informationsaustausch statt. Die Weitergabe von Informationen bedient sich offensichtlich an nonverbalen Sprachsystemen, Zeichen und Signalen. Dabei ist bekannt, dass Tiere sehr wohl auch die Lautstärke der verbalen Sprache des Menschen verstehen und interpretieren (man denke an einen Flund, der ausgeschimpft wird, weil er im Flaus etwas kaputt gemacht hat), womit sie jedoch auf ihrer nonverbalen Art und Weise reagieren können (Schneider und Vernooij, 2013, S.17).

Mit der menschlichen Kommunikation, vor allem mit den psychologischen Aspekten befasst sich Watzlawick, Beavin und Jackson mit den fünf pragmatischen Axiomen, von denen die folgenden drei auf die Kommunikation zwischen Mensch und Tier zur Anwendung kommen:

- Man kann nicht-nicht-kommunizieren
- Jede Kommunikation hat einen Inhalts-und einen Beziehungsaspekt und
- man bedient sich digitaler und analoger Informationsobjekte (Watzlawick et al., 1969, s. 50f., 53f., 61 f.).

Zum ersten Axiom beschreiben die Wissenschaftler, dass jedes Verhalten Mitteilungscharakter hat. ״Man kann sich nicht nicht kommunizieren“ (zit. nach Watzlawick, 1969, s. 51). Geht man davon aus, dass jedes Verhalten Mitteilungscharakter hat, so kann man auch sagen, man kann sich nicht nicht verhalten. Jede Ausdrucksform, ob Nichthandeln, schweigen oder auf den Boden schauen, drücken etwas aus. Was wiederum den Adressaten beeinflusst und dieser kann somit auch nicht nicht reagieren und kommuniziert somit auch (ebd.).

Unabhängig von verbalen Äußerungen, teilt der Mensch durch nonverbales Verhalten etwas mit, dies gilt auch im wechselseitigen Umgang mit höheren Tieren (gemeint sind Hunde, Katzen, Pferde). Auch das Tier teilt mit seinem Verhalten, sei es Abwendung, Schläfrigkeit oder dass es mit sich selbst beschäftigt ist, etwas mit (Schneider und Vernooij, 2013, s. 17). Tiere können dadurch mitteilen, dass sie zum Beispiel gerade nicht spielen wollen und Ruhe brauchen, wenn sie sich an einen ruhigen Platz im Raum zurückziehen.

Zur zweiten Form der Kommunikation sagen die oben genannten Wissenschaftler*innen, dass jede Form der Kommunikation einen Inhalts- und Beziehungsaspekt hat (Watzlawick, 1996, s. 53 f.). Zum Inhaltsaspekt sagt man, er vermittelt die Daten, die wiederum vom Beziehungsaspekt zu deuten sind (ebd., s. 55). Unter Tieren, bei denen die gedankliche Weitergabe von sachlichen Inhalten nicht wechselseitig möglich ist, ist gerade der Beziehungsaspekt von großer Bedeutung. Dabei werden einfache Formen der Sachinformation durch das entstandene Signalsystem übermittelt. In den letzten Jahren zeigt die Forschung, dass Tiere sehr lern- und anpassungsfähig gegenüber menschlichem Verhalten geworden sind. Vor allem bei Flunden, Pferden und Katzen hat sich gezeigt, dass sie in der Lage sind, sehr sensibel auf menschliche Zeichen und Signale reagieren. Körner meint, ״die äußerst präzisen Wahrnehmungen des Flundes, der die feinsten Signale für sich auswertet, der Stimmungen sensibel wahrnimmt und mikroskopische Bewegungen erkennt, wecken zuweilen die Floffnung auf eine genaue ,sprachlose' Verständigung, wie sie nicht einmal unter Menschen vorkommt“ (zit. nach Körner, 1996, s. 121). Gerade im Zusammenhang mit dem Kontaktaufbau spielt dieser Grundsatz eine wichtige Rolle, die es ermöglicht, eine Beziehung zum Tier aufzubauen (Schneider und Vernooij, 2013, s. 18). Jedoch kann man nicht immer davon ausgehen, dass der Hund auch immer jedes körperliche Signal richtig deutet und auswertet. Wie oft ist es passiert, dass man aufspringt, wenn das Telefon klingelt und der Hund im gleichen Atemzug zur Tür rennt, weil er vielleicht annimmt, es geht nach draußen. Vermutlich braucht es auch eine gewissen Zeit zum gegenseitigen Kennenlernen, bis der Hund die Signale des Menschen richtig deutet.

Zur dritten und letzten Kommunikationsart gilt es zuerst von digitaler und analoger Kommunikation zu unterscheiden. Bei der digitalen Kommunikation wird dem Mitteilungsinhalt eine relativ willkürliche Ausdrucksform, wie zum Beispiel eine Ziffer oder ein Wort zugeordnet. So entstehen klar definierte Symbolsysteme, die jedoch dem anderen Kommunikationspartner bekannt sein müssen. Das ist in der analogen Kommunikationsform anders. Hier ist die Kennzeichnung nicht willkürlich festgelegt, vielmehr ״weisen Inhalt und Ausdrucksform ein Ähnlichkeitsverhältnis auf, dass Objekt und Kennzeichnung eine Form von Gleichartigkeit aufzeigt und so ohne Nutzen von festgelegten Symbolsystemen (u.a. Worten) übermittelt und verstanden werden können“ (zit. nach Schneider und Vernooij, 2013, s. 18). Also kann digitale Kommunikation nur stattfinden, wenn alle beteiligten Kommunikationspartner dieselbe Sprache sprechen oder gelernt haben, welche Bedeutung ein bestimmtes Wort oder Symbol hat. Die analoge Kommunikation ist demgegenüber mit jedem Lebewesen möglich und wird i.d.R. auch richtig verstanden, egal in welchem Land oder welcher Kultur (zum Beispiel das Lächeln). Die analoge Kommunikation bedient sich nonverbaler Ausdrucksweisen wie Mimik, Gestik, Körperhaltung und Bewegungen aber auch Geruch und Geschmack, worauf Tiere besonders reagieren, denn sie verfügen ausschließlich über analoge Kommunikationsmöglichkeiten. Sie definieren ihre Beziehung zu anderen Tieren (egal ob Gleichartigen oder Rudelfremden) mit ihren analogen Sinnesmöglichkeiten und reagieren auf kleinste, für den Menschen kaum wahrnehmbare Signale.

Ein besonderes Beispiel verdeutlicht, dass analoge Kommunikation möglich ist und nicht viel Übung und Erfahrung braucht. Bohnet schildert ein Ereignis, als er anfing einen Wildvogel (ein Rotkehlchen) regelmäßig zu füttern und dieses ihn dann regelmäßig durch den Garten verfolgte. Anfänglich gab er ihm das Futter erst auf den Boden, später hängte er einen Meisenknödel an einen Baum auf. Er zeigte auf den Baum und habe sich dann entfernt. Der Vogel blickte vom Boden zum Baum hinauf und sei dann dahingeflogen (Bohnet. In: Rosenbergerund Otterstedt, 2009, s. 210).

Neue Beobachtungen über Pferde zeigen, dass sie ihre Artgenossen beobachten und dass dies für ihr eigenes Verhalten relevant ist. Pferde beobachten ihre Gruppenmitglieder (vor allem die ranghöheren) genauer in der Interaktion mit Menschen, als rangniedrigere oder fremde Pferde. Wenn man also will, dass einem das Pferd folgt, ist es nicht unbedingt nötig, die Sprache der Pferde zu sprechen. Bohnet meint, was der Mensch mit dem Pferd macht, indem er sich in einer bestimmten Körperhaltung hinstellt, macht er auch in Bezug auf andere Tiere und auch bei Menschen, dies ist nicht pferdespezifisch (Rosenbergerund Otterstedt, 2009, s. 212).

Somit ist bewiesen, dass Tiere, zumindest der hier vorgestellten Arten, sehr wohl in der Lage sind, den Menschen zu verstehen.

Anhand dieser ersten Ergebnisse kann man verdeutlichen, dass Tiere das menschliche Leben seit Anbeginn der Menschheit ergänzen und bereichern. Sie sind ein Teil des menschlichen Lebens und helfen zusätzlich, den Umgang mit anderen Menschen zu verbessern. Doch weit darüber hinaus wird im nächsten Abschnitt dieser Arbeit die physiologische Wirkung von Tieren auf den Menschen untersucht. Welchen Einfluss kann der regelmäßige Umgang mit einem Tier auf den körperlichen Zustand eines Menschen nehmen und kann ein Mensch durch ein Tier sogar wieder gesund werden?

2 Die physiologische Wirkung von Tieren auf den Menschen

Für die Lebenszufriedenheit und das Wohlbefinden ist es notwendig, eine sinnvolle Aufgabe und ein sozial günstiges Wohnumfeld zu haben aber auch beruflichen und privaten Stress zu bewältigen (Schwarzkopf und Weber, 2003, s. 8). Der Umgang und die Versorgung von Tieren kann als sinnvolle Aufgabe wahrgenommen werden und gibt zusätzlich das Gefühl, gebraucht zu werden. So können auch allgemeine Erfahrungen im pflegerischen Umgang entwickelt, geübt und verinnerlicht werden. Zusätzlich stärkt dies das Selbstvertrauen und die Selbstachtung (Rosenkoetter, 1991, s. 42ff.). Zudem wird dadurch auch meist den eigenen Lebensumständen und Bedürfnissen mehr Aufmerksamkeit geschenkt und es wird zunehmend darauf geachtet, für sich selbst besser zu sorgen (Chinnerund Dalziel, 1991, s. 13ff.).

In einer amerikanischen Studie gaben von 1.500 Teilnehmenden 99% an, ihr Tier als Familienmitglied anzusehen und 90% glaubten, dass ihr Tier auf ihre momentane Stimmung reagieren (Voith, 1985, s. 289 ff.). Von den über 60­jährigen Befragten mit Flund, gaben 25% an, dass sie dem Tier ihre Ängste und Sorgen mitteilen und von ihnen sprachen mehr als die Hälfte regelmäßig mit ihrem Flund (Flübner, 1999. In: Schwarzkopf und Weber, 2003, s. 8f.). Dies spiegelt sich in der Beurteilung der eigenen Gesundheit wieder. Zu den Gesundheitsangaben schätzten ein Drittel von den 120 Teilnehmenden ihren Gesundheitszustand sehr gut und 39% gut ein. In der Vergleichsgruppe von älteren Menschen ohne Besitz eines Heimtiers gaben nur 10% sehr gut und 30% gut an. Zudem waren aus medizinischer Sicht in Art und Anzahl der chronischen Erkrankungen keine signifikanten Unterschiede der beiden Gruppen festzustellen (ebd.). Darüber hinaus konnte gezeigt werden, dass der Medikamentenverbrauch bei chronisch Erkrankten mit Heimtier deutlich geringer war und somit auch weniger Kosten entstanden (Fritz et al., 1995, s. 459ff.). Jedoch gibt es hier keine genauen Angaben.

In einer Befragung berichten über 46% der Probanden mit Katze und 40% mit Hund über einen deutlichen Zuwachs an neu gewonnenen Sozialkontakten (Claus, 2000. In: Schwarzkopf und Werber, 2003, s. 9). Die Anschaffung eines Heimtiers in einer Familie wird eine deutliche Zunahme an Freude, Spaß aber auch Verantwortung und gegenseitige Absprachen über die Pflege seitens der Familienmitglieder beschrieben. Bratko et al. (1999, s. 211 ff.) beschreiben die Haltung eines Heimtiers als eine wichtige Ergänzung zu den übrigen Kontaktfeldern eines Menschen und beeinflussen das soziale Wohlbefinden häufig sehr gewinnbringend. In einer Langzeitstudie im Jahr 1996 analysierten erstmalig Headey und Grabka anhand der Daten des sozioökonom¡sehen Panels den Zusammenhang von Heimtierhaltung und Gesundheit. Gemessen wurden die Langzeitauswirkungen die Inanspruchnahme der Häufigkeit des Gesundheitsversorgungssystems, übereinen Zeitraum von 7 Jahren machten rund 10.000 Teilnehmende Angaben zur Heimtierhaltung und ihrer Gesundheit. Dabei stellte man fest, dass es einen signifikanten Gewinn für das gesunde Wohlbefinden gab und eine Einsparung von 10% an Arztkontakten im Vergleich zu denen, die keine Tiere hatten (Headey et al., 2003. In: Schwarzkopf und Weber, 2003, s. 9). Zudem zeigen andere Untersuchungen eine positive Wirkung der Heimtierhaltung, darunter stellte man bei den Teilnehmenden geringere Blutdruckwerte, bessere Cholesterin- und Blutfettwerte (Anderson, 1992, s. 298ff.), geringere Medikamenteneinnahme und mehr körperliche Bewegung fest als bei Teilnehmenden ohne Heimtierhaltung (Montague, 1995, s. 89 ff.). Jedoch kann nicht ausgeschlossen werden, dass Menschen, die sich gesünder, aktiver und fitter fühlen eher dazu neigen, sich ein Tier anzuschaffen als Erkrankte oder Beeinträchtigte (Schwarzkopf und Weber, 2003, s. 8 ff.). Sicherlich ist auch davon auszugehen, dass eine Tieranschaffung nicht immer einfach ist. Man muss die Zeit bedenken, die man für das Tier einplanen muss, den Kostenfaktor (nicht nur Futter, sondern auch Versicherung, Steuern und Tierarztkosten), die Hygienebedingung, dann stellt sich die Frage ob man selbst überhaupt in der Lage ist, sich ein Tier anzuschaffen (zum Beispiel, wenn jemand aus beruflichen Gründen nur selten zu Hause ist) und auch die Art des Tieres sollte gut überlegt sein, denn für eine alte, gebrechliche Frau wäre ein Rotweiler wohl eher ungeeignet, da sie beim Gassi-Gehen (sollte dies überhaupt noch möglich sein) nicht die zwingend notwendige Kontrolle über das Tier hätte. Die hier aufgeführten Untersuchungen basieren leider überwiegend auf Erzählungen und es gibt keine ausschlaggebenden Messungen für die gesundheitsfördernden Effekte, die auf die Tierhaltung zurückzuführen sind. Zusätzlich ist nicht bekannt, wie die Ergebnisse gemessen worden, denn die bloße Befragung der Teilnehmenden halte ich für eher kontraproduktiv.

Im Folgenden werden daher Untersuchungen mit genauen Messungen vorgestellt, um physische Effekte anhand von klaren Fakten zu beweisen, jedoch möchte ich die genauen Zahlen nicht aufführen, da dies sonst zu weit in den medizinischen Bereich mündet. Es wird nun die Bewältigung von Stress unter Einfluss eines Tieres in den Blick genommen.

2.1 Einfluss auf die sympatho-adrenerge Stressachse

In den letzten Jahren gibt es zunehmende Untersuchungen, in denen physiologische Effekte, unter Einfluss von Tieren auf den Menschen erforscht wurden (Julius et al., 2014, s. 75 ff.). Zum größten Teil beziehen sich die physiologischen Parameter auf die Aktivierung sowie Deaktivierung der Stresssysteme (Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenachse sowie symphatiko-adrenergen Achse[4] ). Für die Aktivität der Stressachse wurden als Indikator entweder kardiovaskuläre Parameter (worauf sich ein Großteil der Forschungen bezieht) wie Blutdruck und Flerzfrequenz oder neuroendokrine Variablen, wie die Konzentration der Flormone Epinephrin, Norepinephrin und Kortisol im Speichel oder im Blut gemessen. Folgende Studie wurde danach unterteilt, ob die Effekte unter Normalbedingungen (zum Beispiel während einer Ruhephase) oder unter einer stressauslösenden Situation (Zum Beispiel während einer Prüfungssituation) erhoben wurden. In einigen Studien wurden auch mögliche Auswirkungen auf die Hauttemperatur und den Hautwiderstand untersucht. Alle Ergebnisse dieser Studien sind eindeutig:

״Menschlicher Kontakt zu Tieren hat das Potenzial, die Aktivität des sympathischen Nervensystems zu reduzieren und damit physiologische Stressreaktionen abzupuffern“ (zit. nach Julius et al., 2014, s. 76).

Friedmann et al. (1983, s. 461 f.) untersuchten, ob sich der Blutdruck von Kindern durch die Anwesenheit eines Hundes veränderte während sie lasen oder sich ausruhten. Wenn der Hund von Anfang an dabei war, stellte man einen niedrigeren Blutdruck fest, als wenn der Hund erst zum späteren Zeitpunkt des Experiments dazu kam. Kaminski et al. (2002, s. 312 ff.) untersuchten die psychologischen und physiologischen Reaktionen von Kindern, während sie in stationärer Behandlung waren und einerseits an einer spieltherapeutischen und einer tiergestützten Intervention teilnahmen. Nur bei der Interaktion mit Tieren konnten die Forscher eine geringere Herzfrequenz und andere positive Effekte feststellen. Des Weiteren wurde der Blutdruck an Harzpatient*innen in stationärer Behandlung unter drei Bedingungen getestet: Zum einen befanden sich die Patientinnen in einer routinemäßigen Pflegesituation oder sie erhielten Besuch von einer fremden Person mit Hund, oder von dergleichen Person ohne Hund.

[...]


[1] Die hier aufgeführten Namen wurden geändert.

[2] Es handelt sich um eine neurotische Störung, bei der sich die geistige Aktivität, der Körper oder die Umgebung in ihrer Qualität verändert haben, und unwirklich, wie in weiter Ferne oder automatisiert erlebt werden. Die Patienten klagen am häufigsten über den Verlust von Emotionen, über Entfremdung und Loslösung vom eigenen Denken, vom Körper oder von der umgebenden realen Welt. (vgl. F48.1 ICD-10)

[3] ״Biophilia, if it exists, and I believe it exists, ist he innately emotional affiliation of human beings to other living organisms. Innate means hereditary and hence part of ultimate human nature. [...] Biophilia is not a single instinct but a complex of learning rules that can be teased apart and analyzed individually." (Wilson, 1993, S.31) ״The human need to nature is liked to [...] influence oft he nature world on our emotional, cognitive, aesthetic, and even spiritual development." (Kellert, 1993, S.42)

[4] Das sympathiko-adrenerge System ist für die schnelle, nahezu verzögerungsfreie Alarmreaktion verantwortlich, die vom Gehirn [...] praktisch alle Organe des Körpers erreichen und diese damit auf Flucht- oder Kampfbereitschaft umstellt. Es kommt zur Ausschüttung von Adrenalin und zum Anstieg von Blutdruck und Herzschlagrate (Selye, 1951). Für nähere Erläuterung sieht Kapitel 3 und 6 in Julius et al., 2014.

Ende der Leseprobe aus 88 Seiten

Details

Titel
Tierische Gefährten. Die bio-psycho-sozialen Wirkungszusammenhänge von Mensch-Tier-Interaktionen
Autor
Jahr
2018
Seiten
88
Katalognummer
V445396
ISBN (eBook)
9783668821316
ISBN (Buch)
9783668821323
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tierische, gefährten, wirkungszusammenhänge, mensch-tier-interaktionen, Bindung, Besuchsdienst, Hormone, Sympathie, Emotionen, Immunsystem, gesundheitliche Auswirkungen, Hunde, tiergestützte Aktivität, tiergetützte Therapie, tiergestützte Pädagogik, Insekten, soziales Lernen, Kindergarten, Reduktion von Angst, Vertrauen, Aufmerksamkeit, Empathie, Stressreduktion, Biophilie-Hypothese, Oxytocin, Depression, Tierbesuchsdienst, Intensivmedizin, Altenheim, Fürsorgebauernhöfe
Arbeit zitieren
Belinda Peter (Autor), 2018, Tierische Gefährten. Die bio-psycho-sozialen Wirkungszusammenhänge von Mensch-Tier-Interaktionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445396

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