Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen. Überlegungen zu problematischen Kollektivkonstruktionen


Bachelorarbeit, 2018

49 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bestandsaufnahme

3. Antisemitismus
3.1 Antisemitismus und Islamismus
3.2 Islamismus und Antiimperialismus

4. Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen
4.1.1 „Neuer“ oder „Klassischer Antisemitismus“?
4.1.2 Kollektivkonstruktionen
4.1.3 Israelbezogener Antisemitismus
4.1.4 Externe Indoktrination
4.1.5 Zusammenfassung
4.2 Problematische pädagogische Haltungen und Interventionen

5. Interventionen
5.1 Förderung der Ambiguitätstoleranz – Ansätze der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA)
5.1.2 Zusammenfassung des Interviews
5.2 Das Nahost-Projekt an der „Problemschule“

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Während der Antisemitismus in beiden Hälften Deutschlands1 nach dem zweiten Weltkrieg scheinbar, zumindest öffentlich, von einer relativen Kommunikationslatenz2 geprägt war, brach sich, etwa ab dem Zeitpunkt der „2. Intifada“, auch im wiedervereinigten Deutschland immer häufiger ein Antisemitismus unter Menschen mit meist türkisch/arabischen Migrationshintergrund öffentlich Bahn. In diesem Zusammenhang war oftmals von einem „neuen Antisemitismus“ die Rede.

In den Fokus von Überlegungen und Untersuchungen gerieten dabei insbesondere „muslimische Jugendliche“, deren Verhalten diesbezüglich als auffälliger als das von Erwachsenen galt.

In dieser Arbeit wird obiger Begriff ohne Anführungsstriche genutzt werden, da er mittlerweile im wissenschaftlichen Diskurs gebräuchlich und darüber hinaus auch sehr nützlich zu sein scheint: Er bezeichnet eine Kollektivkonstruktion, die Jugendlichen selbst von Bedeutung ist, wie die, u.a. in Kapitel 4 aufgeführten, Ergebnisse qualitativer Untersuchungen nahelegen. Unabhängig von der religiösen Praxis und konkreten Herkunft der Eltern identifizierten sich die jugendlichen Interviewpartner darin als Muslime3, was als „ Selbstidentifizierung gegenüber der Mehrheitsgesellschaft 4 einen Zweck erfüllen mag, häufig aber auch als Erklärungsmodell für eigene antisemitische Haltungen dient. Mit diesem Begriff soll nicht impliziert werden, dass die Theologie des Islam ursächlich für Antisemitismus ist. Allerdings stellt das Judentum scheinbar eine essentielle Differenzkonstruktion dar, die der Rückversicherung einer „muslimischen“ Identität dient (siehe Kapitel 4).

Die Konfrontation mit antisemitischen Haltungen muslimischer Jugendlicher ruft bei Sozialpädagogen und Lehrkräften häufig eine Überforderung hervor. Eine gefühlt mangelhafte Interventionsberechtigung kann zu einer sowohl wohlwollenden, als auch ausgrenzenden, stereotypisierenden Kulturalisierung der Akteure führen, die in beiden Fällen keinen sinnvollen pädagogischen Handlungsspielraum eröffnet (siehe Kapitel 4.2).

Ausgehend von der Frage, in wie weit ein spezifisch muslimischer Antisemitismus existiert, sowie von den Ergebnissen diverser bereits vorliegender qualitativer Studien, möchte diese Arbeit verdeutlichen, in wie weit Kollektivkonstruktionen muslimischer Jugendlicher antisemitische Haltungen befördern. Der Blick auf ein Nahost-Projekt an einer Schule in Berlin und auf die Arbeit der „Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus“ (KIgA) schließlich wird zeigen, wie diese Erkenntnisse in pädagogischen Interventionen und Bildungsarbeit berücksichtigt werden (können).

2. Bestandsaufnahme

Antisemitismus wurde in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg in erster Linie als ein Problem unter „Ewiggestrigen“, meist Rechtsextreme, angesehen. Auch bei dem Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge 2000 vermutete Paul Spiegel, damaliger Präsident des Zentralrats der Juden, die Täter zunächst im rechtsradikalen Milieu5. Tatsächlich gestanden 2 muslimische Jugendliche später die Tat und dies stellte eine Zäsur dar6, die erst heute langsam auch in der Statistik antisemitischer Straftaten Berücksichtigung findet. Bislang wies die Polizeistatistik 95% der antisemitischen Übergriffe als dem rechtsradikalen Politspektrum zu7, weil ungeklärte Motivlagen automatisch diesem zugeordnet wurden8. Diese Einschätzung geht an dem Eindruck Betroffener vorbei. In einer quantitativen Studie, die im Auftrag des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus (UEA) für die Bundesregierung erstellt wurde9, berichteten 3% der Befragten von eigenen Erlebnissen körperlicher Übergriffe, die Beschreibung der Täter wurde zu 81% als muslimische Person oder Gruppe beschrieben10 und bei den Tätern handelte es sich in der Mehrzahl um Jugendliche11. Zudem konstatierten die Befragten eine Zunahme des Antisemitismus (78%) und 83% gingen auch von einer zukünftig weiteren Zunahme aus12.

Woran es liegt, dass die Mehrheitsgesellschaft diesen vermeintlichen Alarmismus nicht im gleichen Ausmaß teilt, darüber ließe sich länger spekulieren. Antisemitische Übergriffe werden häufig als bedauerliche Ausnahmeerscheinungen oder als nicht von allgemeinem Belang de-thematisiert13. Die „Neue Züricher Zeitung“ titelte 2009 nach einer Welle von Übergriffen in Frankreich von „ jüdisch-muslimischen Spannungen 14 “. Das Problem des Antisemitismus als ethnischen Konflikt unter zwei mutmaßlichen „Fremdgruppen“ auszulagern, ist auch eine Möglichkeit, das Thema zu relativieren. Ein Blick in das benachbarte Frankreich der vergangenen Jahre reicht, um erkennen zu müssen, dass sich sowohl die erschreckenden Taten von Privatpersonen ohne die Behauptung eines politischen Anspruchs sich anhand klassischer antisemitischer Topoi ereigneten (etwa die antisemitische Idee, Juden hätten stets Geld und dieses sei bei ihnen zu bekommen, führte, im Zusammenspiel mit Judenhass, zu u.a. dem Überfall auf das Ehepaar Pinto15 und den grausamen Toden von u.a. Ilan Halimi16 und der Holocaustüberlebenden Mireille Knoll17 ), als auch einige islamistische Attentate sich ausdrücklich gegen Juden richteten (z.B. der Anschlag auf eine jüdische Schule in Toulouse 201218, die Morde in einem jüdischen Supermarkt19, sowie die Auswahl des Tatorts Bataclan in Paris 201520 ). Der Umstand, dass die Täter alle einen muslimischen Hintergrund hatten, ist eine unangenehme Tatsache, die von Rechtspopulisten nur zu gerne ausgenutzt wird, wobei es beispielsweise der AfD dabei eher um eine Begründung für ihre Forderung nach weniger Zuwanderung, als um die Bekämpfung von Antisemitismus gehen dürfte21, während es liberalen Kräften schwerfällt „ zu akzeptieren, dass auch Opfer von Rassismus antisemitisch sein können22.

In der besagten Studie wünschen sich 87% der Befragten mehr Bildungsangebote für die nichtjüdische Bevölkerung in Deutschland23. Der UEA geht davon aus, „ dass Antisemitismus mittlerweile als eigenständiges pädagogisches Bildungsfeld betrachtet werden kann24.

3. Antisemitismus

Eine allgemein gültige Definition von »Antisemitismus« existiert nicht “ schreibt der „Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus“ (UEA) im Auftrag der Bundesregierung25.

Es existiert allerdings eine „Arbeitsdefinition Antisemitismus“, die die OSZE und EUMC („European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia“, heute FRA – European Union Agency for Fundamental Rights) 2015 veröffentlicht haben und die die Identifizierung von, sozusagen, „praktischem“ Antisemitismus anschaulich definiert, dabei israelbezogenen Antisemitismus einschließt26. Deutschland hat sich 2017 dem inhaltsgleichen Text der internationalen Definition von Antisemitismus der Internationalen Allianz für Holocaustgedenken (International Holocaust Remembrance Alliance - IHRA) angeschlossen: „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen. Darüber hinaus kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein.“27

Auch laut dem Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn ist jede Antisemitismustheorie nur eine Teilanalyse28. Die Schwierigkeit einer Allgemeindefinition ist auch in den verschiedenen Formen des Antisemitismus begründet: Idealtypisch lassen sich inhaltliche „Begründungen“ für Antisemitismus unterscheiden in religiösen, sozialen, politischen, nationalistischen, rassistischen, sekundären und antizionistischen Antisemitismus29.

Die geläufigste Definition von Antisemitismus, gerade in pädagogischen Zusammenhängen, kam stets der Definition des rassistischen Antisemitismus am nächsten. Antisemitismus wird häufig als eine „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“30, als ein Vorurteil gegen eine Minderheit verstanden, seine Bearbeitung wurde größtenteils unter antirassistischer Arbeit subsummiert31. Gleichzeitig mutete eine Beschäftigung mit Antisemitismus vielen wie eine Beschäftigung mit der Vergangenheit an. Dabei ließe sich der Antisemitismus im Nationalsozialismus keineswegs durch Rassismus allein erklären, obgleich sich die sogenannte „Rassenlehre“ durch „Ahnen“- und „Arierpässe“, später die „Nürnberger Gesetze“, konkret manifestierte und rassistische Karikaturen von Menschen mit großen Nasen und buschigen Augenbrauen der Eskalation, in Form der systematischen Ermordung von Juden im Holocaust, sicherlich zuträglich waren.

Auch lässt sich der Holocaust nicht durch eine Xenophobie oder Fremdenfeindlichkeit erklären, viel mehr mussten Menschen gewissermaßen erst zu Juden „gemacht“ werden32. Also beispielsweise Menschen, die zuvor schlicht „Deutsche“, oder, sachlicher ausgedrückt: Bürger der Weimarer Republik, waren. Man kann von einer „ Enteignung der Zugehörigkeitsdefinition “ sprechen33.

Die Markierung als Jude ist dabei eine Zuschreibung von Eigenschaften, die nicht einem konkreten Verhalten abzuleiten ist, gleichzeitig aber die Verantwortung für globale Prozesse, welche die partikularen Interessen eines Kollektivs zu bedrohen scheinen, auf die Markierten überträgt, etwa in Form einer „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“. Die behauptete Bedrohung musste groß genug, und vor dem Hintergrund einer subjektiven Not in eine personifizierte Verantwortlichkeit umgewandelt sein, dass die Massenvernichtung jüdischen Lebens nicht Mittel zu einem Zweck, sondern der Zweck selbst wurde34. Dieser Prozess funktioniert nicht alleine über eine Sündenbockfunktion, sondern korreliert mit einem antisemitischen Bild von Juden, das bis in den christlichen Antijudaismus zurückreicht und heute nach wie vor verfügbar ist und, mitunter verklausuliert, reproduziert wird.

Archaische antisemitische Stereotype wie Juden als Repräsentanten des Geldes35 oder des religiösen Frevlers36 wurden zum Teil auch als Items in quantitativen Befragungen unter muslimischen Jugendlichen abgefragt (siehe Kapitel 4.1.1) und stießen auf Resonanz, oder tauchten von sich aus in qualitativen Befragungen auf. Auch auf die Frage, wodurch diese Stereotype an die Befragten transportiert worden sein könnten, gehe ich im vierten Kapitel kurz ein.

Für diese Arbeit erscheint mir aber besonders wichtig, welche Rolle der Antisemitismus in Bezug auf Kollektivkonstruktionen spielt. Diesbezüglich entspricht das antisemitische Bild des Juden einer „Figur des Dritten“37, die sowohl äußerlich als auch allgegenwärtig, sich sowohl innerhalb als auch außerhalb von Gemeinschaften38 bewegen kann. Das Bild vom „ wurzellosen, heimatlosen und internationalen ‚Juden‘39 (oder von einer „ kosmopolitischen religiösen Gemeinschaft “, „ deren Mitglieder keine normalen Staatsbürger sein könnten 40 “) formiert sich in einem ideologischen Welterklärungsmodell zu dem Bild eines „ Antagonisten aller Wir-Gruppen41. In diesem Bild existiert eine vermeintlich existentielle Verteidigungsnotwendigkeit einer partikularen (nationalen, politischen oder religiösen) Kollektividentität gegen diesen personifizierten, übermächtigen und globalen Antagonisten als eine „weltumspannende, verborgene Macht, die nicht nur die Weltherrschaft anstrebt, sondern die Unterschiede zwischen allen Völkern, Rassen und Religionen zersetzen will42. Die Bedrohung fußt dabei auf Prozessen, deren unverstandene Wirkmächtigkeit dieser unelastischen Kollektivkonstruktion Veränderungen abzuverlangen drohen.

Klaus Holz fasst dies als Dichotomie zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft zusammen und sieht sie als allgemeines Merkmal des modernen Antisemitismus43. Somit kann man den Antisemitismus auch als „ eine genuin moderne Weltanschauung mit antimoderner Stoßrichtung44 bezeichnen, denn „ jeder Antisemitismus erhebt eine umfassende Klage gegen die moderne Gesellschaft und gegen die Zerstörung der angeblich traditionellen, harmonischen und authentischen Lebensformen45.

3.1 Antisemitismus und Islamismus

Besonders deutlich46 wird dies im „politischen“47 Islamismus, der Hitlers Bild vom „Weltjudentum“ und die Geschichte einer jüdischen Weltverschwörung auch in Form einer Gegnerschaft gegen eine säkularisierte Moderne verinnerlicht hat. Als Inspirationsquelle dient dem Islamismus u.a. das 1905 im zaristischen Russland entstandene48 Pamphlet „Die Protokolle der Weisen von Zion“, das sozusagen die konzentrierte Manifestation sämtlicher antisemitischer Glaubenssätze darstellt, und Grundlage der Charta der Partei und Terrororganisation Hamas ist49. Als wichtiger Vordenker des modernen Islamismus50 gilt Sayyid Qutb (1906 -1966)51, der Judentum und Islam als historisches und theologisches Gegenpaar darstellt („ Von ihrem ersten Tag an waren Juden die Feinde der muslimischen Gemeinschaft52 ) und den Kampf gegen die Moderne mit dem Kampf gegen das Judentum in eins setzt: „ Hinter der Dokrin des atheistischen Materialismus steckte ein Jude; hinter der Doktrin der animalistischen Sexualität steckte ein Jude und hinter der Zerstörung der Familie und der Erschütterung der geheiligten Beziehungen in der Gesellschaft steckte ebenfalls ein Jude53. Auch hier zeigt sich wieder die „Bedrohung“ einer Gemeinschaft durch eine destruktive Gesellschaft54, die wörtlich mit dem „ Weltjudentum “ und dem „ Welt-Kreuzzüglertum “ gleichgesetzt wird55, und dem eigenen Ziel, einer weltweiten veränderungsresistenten Gemeinschaft ohne Widersprüchlichkeiten, entgegensteht.

Der Verweis auf die „Kreuzzügler“ weist bereits daraufhin, dass sich die Bekämpfung des „Weltjudentums“ auch gegen die USA und den „Westen“ richtet: Den Anschlag auf das World Trade Center bezeichnete Bin Laden als gegen eine „ Allianz von Zionisten und Kreuzzüglern56 gerichtet. An anderer Stelle äußerte er: „ Die jüdische Lobby hat Amerika und den Westen als Geiseln genommen57. Suleiman Abu Gheit, damaliger Sprecher der (von Qutb inspirierten) Al-Qaida, erläuterte im Nachhall von 9/11 „…Amerika [ist] der Anführer des Verfalls und des Zusammenbruchs der Werte. Er verbreitet Abscheulichkeiten und Lasterhaftigkeiten, die es mit Hilfe von minderwertigen Medien und widerlichen Lehrplänen unter die Menschen bringt58 und spricht damit ebenfalls vom Einfluss einer destruktiven freien Gesellschaft.

3.2 Islamismus und Antiimperialismus

Erstaunlicherweise eröffneten sich mit dem islamistischen Angriff auf das Gebäude, das bereits dem Namen her den Welthandel symbolisierte, ganz neue Perspektiven: Was, zum Teil Gewalt befürwortender Weise, zuvor schon in Bezug auf Israel in Form von linkem und rechtem Antizionismus möglich war, ist seit spätestens 2001 zum Teil auch als empathischer Bezug auf den Islamismus praktikabel: Die Integration der vermuteten Motivlage des Islamismus59 in die ihrerseits manichäische Weltanschauung des Antiimperialismus, der sich als „ Ausdruck einer Bewegung der kleinen Leute gegen eine abstrakte Herrschaft60 versteht, und damit in der Regel den Kapitalismus, personifiziert durch den „“Westen“ oder die USA meint.

Der Marxismus-Leninismus stellte „ dem ‚guten‘ Volk “ „ die Kapitalisten bzw. „Weltimperialisten“, die entsprechend dieser Logik ein „Anti-Volk“, eine vaterlandslose, „anationale Kaste“ darstellten61, entgegen. Winter 2000, vor dem Hintergrund der gerade begonnenen 2. Intifada, und noch vor 9/11, klang es in der Zeitung „Sozialismus von unten“ der inzwischen aufgelösten (und 2007 geschlossen in die „Linkspartei“ eingetretenen62 ) trotzkistischen Gruppe „Linksruck“ so: „ Der militante Islam liegt richtig, wenn er den westlichen Imperialismus und sein Werkzeug im Mittleren Osten, den Zionismus, als Feind benennt. Er liegt richtig, wenn er einen ausgeweiteten Kampf gegen diesen Feind fordert.63

Dass der Islamismus in Form des Antiimperialismus eine Legitimationsideologie zur Seite gestellt bekommt, ist genauso beunruhigend wie die Tatsache, dass die Hochkonjunktur von Verschwörungstheorien Aktivitäten des Islamismus zusätzlich relativiert, indem sie als „Inside Jobs“64 oder Inszenierungen65 wiederum boshafter westlicher, nicht selten jüdischer/“zionistischer“ Mächte (z.B. in Form des israelischen Geheimdienstes Mossad66 ) umgedichtet werden.

Bei der Suche nach den Motiven islamistischer Terroranschläge wird seit 9/11 vermehrt auf den jüdischen Staat zurückgegriffen: „ Vor diesem Hintergrund verbinden sich antizionistische und antiamerikanische Einstellungen zu einem Vorurteilsmuster, das eine legitime Kritik an der israelischen Politik missbraucht, um antisemitische Dispositionen in einer vermeintlich legitimierten Form zu äußern. Das Zusammentreffen dieser Motive bedient die Kritiker von Kolonialisierung und Globalisierung auf der extremen Linken, den traditionell antisemitischen Rechtsextremismus sowie Teile der muslimischen Bevölkerung mit arabischem, nordafrikanischem beziehungsweise türkischem Migrationshintergrund, insbesondere in Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Belgien, aber auch in den skandinavischen Ländern und in Deutschland. Hier verbinden sich klassischer Antisemitismus, Antizionismus, aber auch postkoloniale Traumata zu einem Weltbild, das durchaus gesellschaftliche Sprengkraft besitzt.“67

All dies kann einen aus antisemitismuskritischen Gesichtspunkten ungünstigen Einfluss haben auf den unter muslimischen Jugendlichen ohnehin schon verbreiteten Narrativ, „der Westen“ führe einen „Krieg gegen die Muslime“. Eine Einschätzung, die im Grunde die Behauptung von Sayyid Qutb in einen alltäglichen „Common Sense“68 transportiert und den Antisemitismus mindestens befördert, wenn nicht sogar weitgehend bedingt.

Zum Abschluss dieses Kapitels sei nochmals darauf hingewiesen, welche Konsequenzen aus Qutbs Vorstellungen für das Individuum erwachsen, nämlich dass „ Religion eine umfassende, totale Religion gegen die Souveränität des Menschen in all ihren Typen … darstellen muss69. Im Islamismus bildet sich ein „ antidemokratisches ideologisches Syndrom70, bestehend aus u.a. Antisemitismus, Antisäkularismus, Antiliberalismus, Antikommunismus, Homophobie und Misogynie71 und eine fundamentale „ Ablehnung jeder politischen Ordnung, die auf der Basis einer partizipativen Konstruktion gesellschaftlicher Macht konstruiert und legitimiert wird72.

Die Ablehnung einer offenen Gesellschaft und die Dichotomie Gemeinschaft/Gesellschaft teilend, ist eine inhaltliche Übereinstimmung mit der extremen Rechten festzustellen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich Shaker Assem, Sprecher der in Deutschland inzwischen verbotenen islamistischen Bewegung „Hizb-ut Tahrir“, im Parteiblatt der NPD, „Deutsche Stimme“, verständnisvoll für deren Interessen stark machte, indem er Deutschland als „ gedemütigtes “ Land in einer „ politischen Scheinselbstständigkeit “ bezeichnet, das tatsächlich aber „ Diener der Alliierten “ und Israels sei73. Eine Form des „sekundären Antisemitismus“, der sich ebenfalls in den folgenden Interviewausschnitten wiederfindet.

4. Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen

Aus diversen vorliegenden qualitativen Studien, die aus (Gruppen-)Interviews mit Jugendlichen hervorgingen, sind Gemeinsamkeiten zu entnehmen. Konzentrieren möchte ich mich bei meinem Überblick im Wesentlichen auf die Veröffentlichungen von Sina Arnold/Günther Jikeli74 von 2008, und von Günther Jikeli 201275 ; sowie Jürgen Mansel/Vikotia Spaiser von 201376, teilweise ergänzt durch die Studien von Anke Schu 201677 und Schäuble/Scherr 200678. In der Arbeit von Mansel/Spaiser waren die geführten Gruppeninterviews, bzw. –diskussionen gleichzeitig die Grundlage für die Ausgestaltung abfragbarer Items in einer folgenden quantitativen Erhebung. Die Aussagen von Jugendlichen mit unterschiedlichen und ohne Migrationserfahrungen konnten miteinander verglichen werden und darüber hinaus auch die Korrelationen in der Zustimmung zu unterschiedlichen Items. Dies erscheint mir von besonderem Interesse für diese Arbeit, weil die Fragen relevant sind, welche Vorstellungen von Gesellschaft abzuleiten sind, wie die eigene Verortung in dieser definiert wird, welche (nicht notwendigerweise religiöse) Weltanschauung daraus abzuleiten ist, wie die antisemitischen Haltungen damit verknüpft sind und welche Implikationen oder Problemstellungen sind daraus für die pädagogische Arbeit ergeben können. Weniger soll es hier darum gehen, antisemitische oder israelfeindliche Haltungen unter muslimischen Jugendlichen zu belegen, denn deren Vorhandensein und auch deren vergleichsweise Auffälligkeit ist dort, wo quantitative Daten vorliegen, unstrittig79.

Die Umfrageforschung birgt generell aber einige Probleme. In Bezug auf sehr konkrete Abfragungen von Haltungen, die in Zustimmung/Ablehnung in Items gemessen werden, besteht die Möglichkeit, dass erst im Moment der Befragungen Meinungen konkretisiert werden, die zuvor nur diffuse Einstellungen waren80. Oder es muss der Antwort unter Umständen erst ein Dechiffrierungsprozess vorausgehen, der eine generelle Einstellung auf die konkrete Aussage eines Items herunterbrechen muss. Einen Vorteil hat daher die offenere Interviewsituation in der qualitativen Forschung, weil sie nicht nur Ja/Nein/Vielleicht-Antworten zulässt. Dafür ist hier zu bedenken, dass, vielleicht im Gegensatz zu anonymisierten Fragebögen, die gesellschaftliche Unerwünschtheit von antisemitischen Äußerungen Einfluss auf die Antworten haben kann. Dies kann in Einzelbefragungen sichtbarer werden, im Unterschied zu Befragungen in Gruppeninterviews, in denen das Verhalten innerhalb der Peer Group vielleicht sichtbarer ist. Aber auch grundsätzlich ist die Rolle der Interviewerin die Rolle einer Externen, wie beispielsweise Anke Schu ausführt: „ Jedoch unterscheidet sich die Interviewerin von den anerkannten muslimischen Autoritäten, da sie außerhalb stehend und in Zugehörigkeit zu einer anderen Gruppe (den Deutschen, den Christen, den Pädagogen der Mehrheitsgesellschaft etc.) definiert wahrgenommen wird und deshalb mit begrenzten Auskünften im Rahmen bestimmter thematischer Zonen rechnen muss.81 Zu diesen „thematischen Zonen“ zählt Schu gerade diejenigen Einzelsequenzen, „ die brisante Themen wie Antisemitismus, interreligiöse Konflikte, das Verhältnis von Judentum und Islam oder den Nahostkonflikt zum Gegenstand hatten82.

[...]


1 Zum Antisemitismus in der DDR: vgl. Amadeu Antonio Stiftung 2005, S. 11.

2 Den Begriff der „Kommunikationslatenz“ prägte Werner Bergmann und meint eine Vorurteilsrepression, die zum kontinuierlichen Rückgang antisemitischer Äußerungen in der Öffentlichkeit geführt habe. Vgl. Kohlstruck/Ullrich 2014, S.20 / Fischer und Rupp 2015 / Globisch 2013, S. 40 ff.

3 Scherr und Schäuble 2006, S. 37 / Jikeli 2012, S. 307.

4 Manolcheva et al. 2004, S. 317.

5 Brenner 2013.

6 Kiefer 2011.

7 Berger und Weißbarth 2018.

8 o.N. 2018.

9 vgl. Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus 2017, 102ff.

10 Zick et al. 2017, S. 21.

11 ebenda

12 Embacher 2017, S. 384–385.

13 vgl. Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus 2017, S. 225.

14 o.N. 2009.

15 Martini 2018.

16 vgl. Jikeli 2012, S. 136.

17 Schmid 2018.

18 Zum Winkel 2017.

19 ebenda

20 Albers Ben Chamo 2015.

21 vgl. Embacher 2017, S. 370.

22 ebenda

23 Zick et al. 2017, S. 26.

24 Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus 2017, S. 229.

25 Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus 2017, S. 23.

26 Eine (nicht autorisierte) deutsche Übersetzung findet sich u.a. hier: https://european-forum-on-antisemitism.org/definition-of-antisemitism/deutsch-german

27 Auswärtiges Amt 2017.

28 Salzborn 2010, S. 166.

29 Vgl. Unabhängiger Expertenkreis Antisemitismus 2011, 10ff.

30 vgl.Heni 2011, 242ff.

31 vgl. Stender 2011, S. 36.

32 vgl.Schäuble 2012a, S. 135.

33 Schäuble 2012a, S. 137.

34 vgl. Postone 2005, S. 177 / Holz 2005a, S. 36.

35 Fenichel 1993, S. 40.

36 Diese Rolle kommt den Juden auch im Koran zu: Thieme 1963, S. 60 / Meyer 2003, S. 12.

37 vgl. Holz 2005a.

38 „…weder das eine noch das andere, weder Inländer, noch Ausländer“: Holz 2000, S. 270.

39 Niehoff 2010, S. 249.

40 Scherr und Schäuble 2006, S. 15.

41 Holz 2005b, S. 9.

42 Holz und Kiefer 2010, 122 / 123.

43 Holz 2005a, S. 26.

44 Holz und Kiefer 2010, S. 109.

45 Holz 2005a, S. 23.

46 Kiefer 2007, S. 72–73.

47 Ich setze „politisch“ in Anführungszeichen und verzichte im Folgenden auf den Begriff „politischen Islamismus“, weil ich ihn bestenfalls für eine Dopplung halte oder schlimmstenfalls für das Einräumen einer respektablen Daseinsberechtigung, die die Ursachen für Islamismus u.a. im Nahostkonflikt sucht, siehe Kapitel 3.2. Der Begriff „Islamismus“ hingegen stellt eine Abgrenzung zum als heterogene Religion verstandenen Islam dar: „ Die Wortwahl schützt Muslime in gewisser Weise sogar, wenn man darauf hinweist, dass Islam und Islamismus nach dem Selbstverständnis aller Nichtislamisten eben etwas Grundverschiedenes sind. “ (Rohe 2010, S. 172).

48 Bergmann 2004, S. 64.

49 "Ihr Vorhaben steht in den 'Protokollen der Weisen von Zion', und ihr gegenwärtiges Handeln ist der beste Beleg für das, was wir sagen" (S. 224, Artikel 33) (Pfahl-Traughber 2011).

50 Der Einfluss seiner Schriften ließe sich mit dem Einfluss des „Kommunistischen Manifests“ in der Zeit der frühen Arbeiterbewegung in Europa vergleichen (Küntzel 2003, S. 80).

51 Tibi 2006, S. 185.

52 Zitat aus: Küntzel 2003, S. 83. Gleichwohl kam Juden in islamischen Gesellschaften stets eine unterwürfige Position zu (Kiefer 2002, S. 35)

53 Orginalquelle, übersetzt von Matthias Küntzel (Qutb und Küntzel 2002).

54 Kiefer 2007, S. 80.

55 Tibi 2006, S. 185.

56 Herf 2005, S. 198.

57 Zitiert nach Küntzel 2003, S. 129.

58 ebenda

59 vgl.Küntzel 2002.

60 Postone 2005, S. 200-201.

61 Stein 2011, S. 66.

62 Globisch 2013, S. 278.

63 Rose und Maitles 2000/2001.

64 vgl. Amadeu Antonio Stiftung 2015, S. 27.

65 Sillgitt 2007.

66 Amadeu Antonio Stiftung 2015, S. 8.

67 Wetzel 2010, S. 379–380.

68 Jikeli 2012, S. 218–219.

69 Zitiert nach: Dormal 2009, S. 123.

70 Stögner 2015.

71 Schmidinger und Larise 2008, S. 33.

72 ebenda

73 Landesamt für Verfassungsschutz Brandenburg 2003.

74 Arnold und Jikeli 2008.

75 Jikeli 2012.

76 Mansel und Spaiser 2013.

77 Schu 2016.

78 Scherr und Schäuble 2006.

79 Glaser und Hohenstein 2012, S. 12 / Frindte et al. 2011, S. 219 / Mansel und Spaiser 2013.

80 Kohlstruck und Ullrich 2014, S. 19.

81 Schu 2012, S. 35.

82 Schu 2012, S. 34.

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen. Überlegungen zu problematischen Kollektivkonstruktionen
Hochschule
Brandenburgische Technische Universität Cottbus
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
49
Katalognummer
V445659
ISBN (eBook)
9783668853089
ISBN (Buch)
9783668853096
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Antisemitismus, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Islamismus, Ethnisierung, Bildungsarbeit, interkulturelle Pädagogik, Politische Bildung, Demokratieförderung, Rechtsextremismus, Jugendarbeit
Arbeit zitieren
Simon Kullmann (Autor), 2018, Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen. Überlegungen zu problematischen Kollektivkonstruktionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/445659

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