Warum töten Menschen sich selbst? Erklärungstheorien nach Durkheim mit Bezug auf Selbsttötung in der Polizei


Hausarbeit, 2018
13 Seiten, Note: 2,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung

3. Erklärungstheorien von suizidalem Handeln
3.1 Émile Durkheims Studie zum Selbstmord
3.2 Der egoistische Selbstmord
3.3 Der altruistische Selbstmord
3.4 Der anomische Selbstmord

4. Polizei und Selbstmord
4.1 Stressfaktoren des Polizeiberufes
4.2 Parallelen zu den Erklärungstheorien

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese schriftliche Ausarbeitung beschäftigt sich mit der Frage: „Warum töten Menschen sich selbst? Erklärungstheorien nach Durkheim mit Bezug auf Selbsttötung in der Polizei“. Das Thema Selbstmord oder Suizid wird schon seit vielen Jahren von Wissenschaftlern untersucht und hat jeden in unserer Gesellschaft, auf die ein oder andere Weise, schon einmal betroffen. Die vorliegende Arbeit umfasst die verschiedenen Erklärungstheorien dieses überaus präsenten und aktuellen Themas nach Emilie Durkheim und bezieht es auf den Alltag der Polizeivollzugsbeamten in Deutschland. Es soll dabei geklärt werden, ob die hohen Ansprüche, der Druck und die Verantwortung, die auf den Beamten dieser Berufsgruppe lasten, Indikatoren für eine hohe Suizidrate sind.

Aus Ethischer Sicht ist dieses Thema umstritten. Hat der Mensch neben dem Recht auf Leben auch ein Rech auf sterben? Jährlich nehmen sich etwa 800.000 Menschen weltweit das Leben, was 1,4 % der Todesfälle ausmacht. Hinzu kommen 20 bis 30-mal so viele Suizidversuche.[1] Unter jungen Menschen im Alter von 15 bis 29 ist Selbstmord die zweithäufigste Todesursache.[2]

Auch der Beruf der Polizistin / des Polizisten, welcher als abenteuerlich, aufregend und niemals langweilig beschrieben wird, hat in Bezug auf dieses Thema eine Schattenseite. Die Selbstmordquote in dieser Berufsgruppe ist verglichen zur Gesamtbevölkerung fast doppelt so hoch.[3] Trotz der vielen Studien und Zahlen die in den letzten Jahrhunderten zu diesem Thema herausgearbeitet wurden ist zu vermuten, dass auf einen einzigen Suizid, statistisch bis zu 25 Suizidversuche kommen.[4] Dies kann ebenso auf die Selbstmordzahlen der Polizei bezogen werden.

Die Arbeit teilt sich in drei Hauptkapitel und ein abschließendes Fazit auf. Zu Beginn wird der Begriff Suizid abgegrenzt und es werden verschiedene Definitionen aufgeführt und erläutert. Anschließend werden die Erklärungstheorien nach Durkheim vorgestellt und schließlich auf Stressfaktoren eingegangen, welche in Bezug zum Selbstmord eines Beamten näher erläutert werden. Die Erklärungstheorien werden damit mit der Polizei in Verbindung gesetzt. Abschließend wird ein Fazit gezogen.

2. Begriffsbestimmung

„Selbstmord, oder auch Suizid, Selbsttötung oder Freitod genannt ist das vorsätzliche beenden seines eigenen Lebens. Meist ist dies mit gewaltsamen Mitteln verbunden oder damit, lebenserhaltene Maßnahmen zu unterlassen“[5].

Allgemein ist diese Definition natürlich Sinngemäß und verständlich, jedoch ist der Begriff Suizid viel Umfassender. In der Literatur lassen sich viele verschiedene Definitionen zu Selbstmord, Suizid und Selbsttötung finden, welche alle ihren Schwerpunkt auf andere Bereiche legen. Christa Hömmen definiert den Begriff in ihrem Buch folgendermaßen:

„Selbsttötung ist eine gegen das eigene Leben gerichtete Handlung mit tödlichem Ausgang. Es ist nicht entscheidend, ob der Tod beabsichtigt wurde oder nicht“.[6]

Ihre Definition ist sehr umfangreich und umfasst sowohl den konkreten Selbstmord als auch das schlichte „in Kauf nehmen“ des eigenen Todes. Zum einen heißt dies, sich aktiv selber das Leben zu nehmen, durch die Zufügung von Gewalt oder anderen lebensbeendenden Maßnahmen. Zum anderen bezieht sich die Definition auf den eigenen Tod durch Fahrlässigkeit z.B. durch exzessiven Alkohol- oder Drogenkonsum.

Eine andere Definition kommt von Wolfersdorf und Etzersdorfer:

„Suizidalität als die Summe aller Denk-, Erlebens- und Verhaltensweisen eines Menschen, die den eigenen Tod anstreben beziehungsweise in Kauf nehmen“[7]

Diese Definition umfasst, anders als die von Hömmen, sowohl das reine „in kauf nehmen“ des eigenen Todes, als auch die Suizidale Gedanken und den Suizidversuch.

Emile Durkheim setzt in seiner Definition einen weiteren bzw. anderen Schwerpunkt:

„Damit der Begriff Selbstmord zutrifft, genügt es, wenn die Handlung, die notwendigerweise den Tod zur Folge hat, von dem Opfer in Voller Kenntnis vernommen wird.“[8]

Durkheim sieht den Freitod nur bei der bloßen Handlung die zum Tod führt und legt als einziges Kriterium die volle Kenntnis darüber fest.

Es gibt noch unzählige andere Definitionen von anderen Wissenschaftlern, jedoch stellt sich schon bei diesen drei Beispielen heraus, dass Selbstmord nicht gleich Selbstmord ist. „Suizidalität ist ein zutiefst Menschliches Geschehen und Erleben, das in seiner Komplexität nie vollständig verstehbar sein wird […]“[9], also wird es auch nie genau eine Definition geben die diese Komplexe Begrifflichkeit vollständig umfasst.

Im Folgenden wird sich an der Definition von Emilie Durkheim orientiert, da sie anders als andere konkret den Tod als Folge einer Handlung sieht, die durch den Toten selber veranlasst wird und so die Selbsttötung an sich passgenau umschriebt. Außerdem ist diese Definition eine der ersten anerkannten und veröffentlichten Definitionen zu diesem Thema und so wissenschaftlich hinterlegt.

3. Erklärungstheorien von suizidalem Handeln

3.1 Émile Durkheims Studie zum Selbstmord

Émile Durkeim war ein französischer Soziologe und Ethnologe.[10] Er gilt als einer der Ursachen Begründer der Untersuchung zur Selbsttötung und seine Studienergebnisse sind noch bis heute präsent. In einer seiner Studien untersucht er den Einfluss der Gesellschaft auf das Individuum in Hinblick auf suizidales Verhalten.

Er stellt in seinem Buch, „Der Selbstmord“, welches er in Hinblick seiner Studienergebnisse veröffentlichte, drei Typen des Selbstmordes heraus, welche er unter Verwendung statistischer Materialien untermauert.[11] Diese sollen im Folgenden genauer dargestellt werden.

3.2 Der egoistische Selbstmord

Der egoistische Selbstmord ist der größte Selbstmordbegriff nach Durkheim. Er umfasst in der modernen Gesellschaft die typische Ursache für Selbsttötung und besagt, dass der Selbstmord im Verhältnis zur Kirche, der Familie und des Staates steht.[12] Diese Bereiche des Lebens lassen sich als soziale Gruppe bezeichnen, wonach jede in dem Leben jedes Menschen in irgendeiner Weise präsent ist.[13]

Die Kernthese dieser Theorie besagt, dass je höher ein Mensch in diesen sozialen Gruppen integriert ist, desto geringer sein Selbstmordrisiko ist und ebenso umgekehrt.[14]

Soziale Gruppen steuern das Denken der Menschen, sie geben Verhaltensweisen und Normen vor, also woran sich die Menschen zu halten haben und welche sie an das Leben binden.[15] Verliert ein Individuum den Kontakt zu diesen Sozialen Gruppen erhöht sich das Risiko zum Selbstmord, so Durkheim.

Vereinfacht gesagt führt die Isolierung eines Individuums, welches dadurch nicht mehr an die oben angesprochenen Verhaltensweisen und Regeln gebunden sind, zu Zweifel am Sinn ihres Lebens. Ein Gefühl der Ausgeschlossenheit entsteht, weshalb oft nur noch ein Ausweg erkennbar scheint.

3.3 Der altruistische Selbstmord

Der altruistische Selbstmord bildet den Gegenpol zum egoistischem. Laut Durkheim ist eine Person altruistisch, „[...] wenn sie sich in einem Zustand befindet, bei der sie sich nicht mehr selber gehört“.[16]

Bei diesem Typ der Selbsttötung ist das Individuum so sehr in eine bestimmte soziale Gruppe eingegliedert, sodass es „nur für die Gesellschaft“ lebt und eben auch nur für diese ihr Leben lässt.[17] Ein zu hohes Ausmaß an sozialer Integration führt zu Verpflichtungen innerhalb dieser Gruppen und lässt die Personen nicht mehr selbstständig Leben sodass sie es als Verpflichtung sehen die Gemeinschaft durch das eigene ableben von sich zu erlösen[18].

Diese Form des Selbstmordes lässt sich jedoch ehr in der Vergangenheit feststellen und ist in der modernen Gesellschaft nicht mehr so präsent.[19]

3.4 Der anomische Selbstmord

„Jede Störung des Gleichgewichts, sogar wenn sie einen größeren Wohlstand zur Folge hat oder eine Stärkung der allgemeinen Vitalität, treibt die Selbstmordzahlen in die Höhe.“[20].

Durkheim führt in seiner Definition für den anomischen Selbstmord auf, dass wenn dem Menschen seine Gewohnten Gleichgewichte entzogen werden seine Bedürfnisse immer höher und höher werden. Dabei spielt es keine Rolle ob sie auch nur verändert werden und auch nicht ob ins Negative oder Positive. Wodurch sie irgendwann nicht mehr erfüllbar werden, was dann zu Frustration und so zum Selbstmord führen kann.[21]

[...]


[1] Vgl. Lochthowe T. (2008) Suizide und Suizidversuche bei verschiedenen Berufsgruppen. Würzburg: Bayerische Julius-Maximilians-Universität. (künftig zitiert: Lochthowe T. (2008)).

[2] Vgl. Lochthowe T. (2008).

[3] Vgl. Goebels W. (2015) Selbstmordrate bei Polizisten doppelt so hoch wie im Schnitt in: Der Westen, www.derwesten.de

[4] Vgl. Stein M. (2004) Suizid innerhalb der Polizei – Erfahrungswerte aus Luxemburg und prophylaktische Ansätze Ausgabe 4. Luxemburg: Polizei & Wissenschaft S. 35 (künftig zitiert: Stein M. (2004)

[5] Springer Gabler Verlag, URL 2018.

[6] Hömmen C. (1989). Mal sehen, ob ihr mich vermisst. Menschen in Lebensgefahr. Reinbeck: Rowohlt S. 16 (künftig zitiert: Hömmen C. (1989))

[7] Schenk M. (2014) Suizid, Suizidalität und Trauer. Göttingen: V&R GmbH S.9 (künftig zitiert: Schenk M. (2014))

[8] Durkheim E. (1983): Der Selbstmord. Frankfurt a.M.: Suhrkamp S. 255 (künftig zitiert: Durkheim E. (1983)).

[9] Schenk M. (2014).

[10] Lukes S. (1985) Emilie Durkheim, His Life and Work. Stanford: University Press.

[11] vgl. Durkheim E. (1983).

[12] vgl. Durkheim E. (1983), S.231.

[13] vgl. Durkheim E. (1983).

[14] vgl. Durkheim E. (1983).

[15] vgl. Durkheim E. (1983), S.233.

[16] Durkheim E. (1983), S.247.

[17] vgl. Durkheim E. (1983), S.242.

[18] Langer W. (2000). Anwendungsbeispiele der empirischen Sozialforschung – Emilie Durkheims Studie zum Selbstmord. Halle: SoSe (künftig Zitiert: Langer W. (2000))

[19] Langer W. (200) S. 2

[20] Durkheim E. (1983), S.279.

[21] vgl. Durkheim E. (1983), S.280.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Warum töten Menschen sich selbst? Erklärungstheorien nach Durkheim mit Bezug auf Selbsttötung in der Polizei
Hochschule
Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Nordrhein-Westfalen; Duisburg
Note
2,0
Jahr
2018
Seiten
13
Katalognummer
V446035
ISBN (eBook)
9783668824508
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Polizei, Suizid, Selbsttötung
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Warum töten Menschen sich selbst? Erklärungstheorien nach Durkheim mit Bezug auf Selbsttötung in der Polizei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446035

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