Ein Lexikonartikel über Schöpfungsvorstellungen im Alten Orient (AT)


Seminararbeit, 2015

13 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhalt

1. Geschichtliche Entwicklung

2. Der Schöpfungsbegriff und seine Terminologie
2.1. Definition des Begriffs ‚Schöpfung’

3. Klassifikation von Schöpfungsvorstellungen

4. Vorstellungen der Schöpfungsakte
4.1. Schöpfung als Zeugung/Geburt
4.2. Schöpfung als Handwerk
4.3. Schöpfung als Kampf
4.4. Schöpfung als Zauber, Befehl, Machtwort
4.5. Namensgebung
4.6. Einfluss auf die alttestamentliche Schöpfungsvorstellung

5. Schöpfung im Alten Testament
5.1. Urgeschichte
5.1.1. Schöpfung in der priesterlichen Urgeschichte (Gen 1,1–2,3)
5.1.2. Schöpfung in der nichtpriesterlichen Urgeschichte (Gen 2,4–25)
5.2. Prophetie – Deuterojesaja
5.3. Psalter
5.4. Weisheit – Sprüche, Hiob, Kohelet

6. Literatur

1. Geschichtliche Entwicklung

Schöpfungsmythen entstehen immer dann, wenn sich Menschen Gedanken machen, woher sie kommen und wie die Welt entstand. In den Kulturen des Alten Orients, also auch bei den Israeliten, spielen Naturbeobachtungen über die Fortpflanzung eine große Rolle bei der Entwicklung der Schöpfungsvoraussetzungen. Daher setzt die Schöpfungsthematik laut Schmid grundsätzlich eine agrarische Ökonomie voraus. Dem stehen jedoch die Schöpfungsgeschichten in Genesis 1 und 2 gegenüber, die im jüdischen und im christlichen Kanon zu Beginn der Heiligen Schriften stehen. Das spricht für die Entstehung der Schöpfungsgeschichte zu einem späteren Zeitpunkt der Entwicklung, denn in nomadischen Gesellschaften sind Reflexionen auf die Welt- und Naturordnung von nachgeordneter Bedeutung. Gen 1 zeigt, dass das Schöpfungsthema das Ergebnis eines Diskurses vor allem mit mesopotamischen Konzeptionen ist, es also entsprechende Kontakte gegeben haben muss. Dies wiederum erfordert ein gewisses (Mindestmaß) an Schriftgelehrsamkeit in Israel, um an diesem speziellen Kulturaustausch teilzuhaben, was die These der späteren Verfasserschaft untermauert.

Dennoch sieht Schmid die israelitische Schöpfungserzählung nicht erst in der Exilszeit als entstanden an, sehr wohl aber geschah damals der wirkungsmächtige Ausbau um die Vorstellung Jahwes als des Schöpfers der Welt zu akzentuieren. Dies fällt zeitlich wohl nicht zufällig mit der Ausprägung des Monotheismus zusammen (vgl. Jes 45, 5–7).

Die Reflexion über Weltentstehung und Weltordnung geschah im Alten Orient nicht aus dem Nichts. Es waren Gelehrte, die darum stritten und große intellektuelle Leistungen vollbrachten. Ihre Forschungen waren nach Schmid auf der Höhe des damaligen wissenschaftlichen Diskurses. Auch wenn uns heute vieles wie eine Märchenerzählung vorkommt, so sollte man bei der Betrachtung der altorientalischen Schöpfungsmythen vor Augen haben, dass die damaligen Menschen eine bildhafte Vorstellung und Sprache pflegten und sie generell symbolisch, d.h. weder rein konkret noch rein abstrakt einsetzten.

Nach Keel ist das Motiv der Erschaffung der Welt in den alttestamentlichen Texten statistisch selten, aber durch ihre dominante Position gleich zu Beginn der Bibel hat sie ein (allzu) großes Gewicht in der Auslegungstradition erhalten. Müßig zu erwähnen, dass die Schöpfungsmythen selbstverständlich keine Beschreibung naturwissenschaftlicher Vorgänge sind und wohl auch nie als solche intendiert waren. Das hielt folgende Generationen – bis in unsrige Zeit – allerdings nicht davon ab, sie als solche zu verstehen. Oder wie es Ohler plakativ ausführt, erklären die Erzählungen der Schöpfertaten Gottes nicht das Woher allen Kommens, sondern das Wozu der Schöpfung. Schöpfung ist dabei nicht einfach das Entstehen von etwas, sondern das Einrichten von Ordnungen, in denen Leben gedeihen kann. Gottes Schöpfungshandeln ermöglicht also einen Lebensraum für alle Lebewesen und macht somit das Leben erst möglich. Davor gab es chaotische Umstände. Die Schöpfung wird schließlich in einen Raum konkreter Gottesnähe verwandelt.

Bemerkenswert ist aber auch die „dahingegebene Schöpfung“: Mitten in der „guten“ Schöpfung findet man auch die Sünde. Der Mensch als Ebenbild Gottes, von Seinem Atem angehaucht und von Ihm als Stellvertreter für Seine Schöpfung gedacht, stellt sich auf die Seite der gottfeindlichen Macht. Des einen – Adams – Fall zieht die ganze Schöpfung ins Verderben (Gen 3,17f; Röm 5,12ff). Die ganze Welt wird dadurch zum Einflussgebiet des Satans, des Fürsten dieser Welt, wie es auch später ntl. dargestellt wird (Mt 4,8f; Joh 12,31; 16,11; 2Kor 4,4; Eph 2,2).

2. Der Schöpfungsbegriff und seine Terminologie

In der hebräischen Bibel werden für den Begriff der Schöpfung unterschiedlichste Verben verwandt. Besonders charakteristisch ist für Genesis 1 der Gebrauch des Verbs br’ schaffen, hervorbringen, das eine Vokabel für einen Schöpfungsvorgang ist, die im menschlichen Tun keinen Vergleich hat. Mit br’ wird daher ausschließlich Gottes schöpferisches Handeln bezeichnet.

Doch das Schöpfungshandeln Gottes wird in der hebräischen Bibel noch mit verschiedenen anderen Verben ausgedrückt, die man in drei Gruppen einteilen kann:

- artifizielle Verben: bdl (hifil) trennen, scheiden; jsd gründen; jṣr bilden, töpfern; ’śh machen
- biologische Verben: jld zeugen, gebähren
- performative Verben: ’mr bzw. dbr (piel) sagen, sprechen; ṣwh (piel) befehlen, gebieten; qr’ (piel) rufen, nennen

Schöpfung im altorientalischen Sinne meint also viel mehr, als wir es heute verstehen würden. Gemäß Duden verstehen wir in unserer Sprache unter Schöpfung einerseits die von Gott erschaffene Welt und andererseits den Akt der Erschaffung eben dieser Welt. Wir verlieren somit in unserem Sprachverständnis die drei anderen Kategorien.

Für das vollinhaltliche Verständnis des Ausdrucks Schöpfung muss man auch noch zwei – später geprägte – Theologumena beachten:

- Creatio prima, die erstmalige/einmalige Erschaffung der Welt durch Gott. Gott schafft die Welt und mischt sich nicht weiter in seine Schöpfung ein.
- Creatio continua, die fortwährende Erhaltung der Welt durch göttliche Aktivität; Gott handelt auch nach der ursprünglichen Schöpfung noch in dieser. Hierunter kann man auch das ständige Werden innerhalb der geschaffenen Welt sehen, gleichsam ein Ins-Dasein-Setzen (vgl. Ex 4,11; Neh 9,6; Ps 104,27f.30; Jer 1,5; Jes 44,2; Mal 2,10).

Die Vielzahl von Schöpfung bezeichnenden Verben hängt vermutlich mit der Vielzahl der Einflüsse zusammen, mit denen wir uns im Alten Orient konfrontiert sehen und der zur Ausbildung der israelitischen Schöpfungsvorstellung führte. Bevor wir auf die einzelnen regionalen Ausprägungen eingehen, sei noch eine Definition des Begriffs Schöpfung aus altorientalischer Sicht und eine aus alttestamentlichem Verständnis angefügt.

2.1. Definition des Begriffs ‚Schöpfung’

Für die weiteren Ausführungen soll die folgende Definition für den Begriff der Schöpfung in altorientalischem Verständnis nach Zgoll verwandt werden: Schöpfung ist ein Prozess der Entfaltung, der in der Entstehung von Welt, Göttern und Menschen seinen Ausgangspunkt nimmt. Sie nimmt daher die Kosmogonie, die Theogonie und die Anthropogenie in den Blick. Für wen die Schöpfung letztlich als solches ist, ob für den Menschen oder die Götter, ist eine der Unterscheidungskriterien altorientalischer Schöpfungsvorstellungen.

Im christlich/jüdischen Kontext spricht man gemäß Janowski von Schöpfung als dem Ort, an dem der richtende und rettende Gott offenbar wird und erfahren werden kann. Die Fragestellung der Theogonie fällt damit im Gegensatz zu den meisten anderen altorientalischen Vorstellungen weg.

3. Klassifikation von Schöpfungsvorstellungen

Im Alten Orient gibt es eine Fülle von Schöpfungsvorstellungen. Eine Ordnung dieser Vorstellungen ist der komplex und kann gemäß Keel in etwa in folgende Kategorien vorgenommen werden, wobei die Trennschärfe oft nicht sehr groß ist.

- Herkunft. Hierbei wird die Eigengesetzlichkeit jeder Kultur berücksichtigt. Die Klassifikation der Schöpfungsvorstellungen nach ihrer Herkunft ist aber kaum zur Darstellung der biblischen Schöpfungsüberlieferungen vor dem altorientalischen Hintergrund geeignet.
- Subjekt. Die Kategorisierung erfolgt nach dem Subjekt des Schöpfers, z.B. handelt es sich um eine Erd- oder Muttergottheit(en), um eine Sonnengottheit, etc. Hierbei stößt man aber auf ähnliche Probleme wie bei der Herkunftsklassifizierung.
- Art und Weise der Entstehungsvorgänge. Bei dieser Kategorie kann man noch Unterkategorien einführen, etwa artifizialistische Vorstellungen, biologistische Vorstellungen, Wunder und Zauber. Die häufige Vermischung der Schöpfungsmodi macht aber eine Klassifizierung äußerst problematisch.
- Schließlich kann man noch nach Objekt bzw. Ziel der Entstehung bzw. Schöpfung klassifizieren.

4. Vorstellungen der Schöpfungsakte

„Die“ altorientalische Schöpfungsvorstellung gibt es nicht. Es gibt Ähnlichkeiten und Parallelen, die sich aus der mehr oder weniger engen kulturellen Verbundenheit und Einflussnahme mal der einen, mal der anderen Kultur ergeben. In praktisch allen altorientalischen Schöpfungsmythen spielt Wasser eine große Rolle. So ist z.B. der Zusammenfluss von Salz- und Süßwasser in manchen der mesopotamischen Vorstellungen sogar der Startpunkt der Schöpfung. Während die Genesis damit einsetzt, dass Gott Himmel und Erde schafft, geht der mesopotamische Mythos noch weiter zurück und versucht Antworten zu geben, wie es überhaupt zu einem Gott kommen konnte und umfasst als solches alle drei Bereiche des o.a. altorientalischen Schöpfungsbegriffs.

Dennoch unterscheiden sich die Schöpfungsmythen, wobei man eine Klassifikation nach Schöpfungsakten vornehmen kann.

4.1. Schöpfung als Zeugung/Geburt

Der Gott Israels ist schon beim Werden des Menschen im Mutterleib und bei der Geburt dabei. In ägyptischen Mythen findet man häufig pflanzliche Bildspender wie z.B. den Lotos oder auch das Weltei. Im Alten Orient – und von ihm beeinflusst auch in Griechenland –, spielen die Erfahrung, dass neues Leben durch Zeugung und Geburt entsteht, eine wesentliche Bedeutung bei der Vorstellungen von der Entstehung der Welt. So assoziieren ägyptische Texte und Bilder seit frühester Zeit die Entstehung der Welt mit Vorgängen von Masturbation, Selbstbegattung und Geburt.

Biologistische Schöpfungsvorstellungen sind in der Bibel jedoch sehr selten. Manche biologischen Vorgänge, die anderswo im Alten Orient prominent vertreten sind, wie Samenfluss, Emanation oder das Schlüpfen aus dem Ei, sind überhaupt nicht nachweisbar. Dennoch fasst aber die Priesterschrift das Entstehen von Himmel und Erde als toledot (Zeugungen) auf.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Ein Lexikonartikel über Schöpfungsvorstellungen im Alten Orient (AT)
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Alttestamentliche Wissenschaft und Biblische Archäologie, Evangelisch-theologische Fakultät)
Veranstaltung
AT-Seminar
Note
2
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V446171
ISBN (eBook)
9783668836396
ISBN (Buch)
9783668836402
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Aufgabe der Seminararbeit war das Verfassen eines Lexikonartikels. Spezifika solcher Artikel sind das Fehlen von Fußnoten; die Literatur wird lediglich im Literaturverzeichnis angeführt.
Schlagworte
Schöpfung, Genesis, Genese, Babylon, Mesopotamien, Enuma Elish, Schöpfung als Zeugung, Schöpfung als Handwerk, Schöpfung als Kunst, Schöpfung als Zauber, Schöpfung als Befehl, Schöpfung als Machtwort, Namensgebung, Prophetie, Deuterojesaja, Psalter, Alter Orient, Schöpfungsmythen, Schöpfungsvorstellungen, creatio prima, creatio continua, Weltei, Marduk, Apophis, Tiamat, Kingu, Chaos, Sprüche, Hiob, Prediger, Kohelet, Weisheit
Arbeit zitieren
Dietmar Böhmer (Autor), 2015, Ein Lexikonartikel über Schöpfungsvorstellungen im Alten Orient (AT), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446171

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