Schöpfungsmythen entstehen immer dann, wenn sich Menschen Gedanken machen, woher sie kommen und wie die Welt entstand. In den Kulturen des Alten Orients, also auch bei den Israeliten, spielen Naturbeobachtungen über die Fortpflanzung eine große Rolle bei der Entwicklung der Schöpfungsvoraussetzungen. Daher setzt die Schöpfungsthematik grundsätzlich eine agrarische Ökonomie voraus. Dem stehen jedoch die Schöpfungsgeschichten in Genesis 1 und 2 gegenüber, die im jüdischen und im christlichen Kanon zu Beginn der Heiligen Schriften stehen. Das spricht für die Entstehung der Schöpfungsgeschichte zu einem späteren Zeitpunkt der Entwicklung, denn in nomadischen Gesellschaften sind Reflexionen auf die Welt- und Naturordnung von nachgeordneter Bedeutung.
Gen 1 zeigt, dass das Schöpfungsthema das Ergebnis eines Diskurses vor allem mit mesopotamischen Konzeptionen ist, es also entsprechende Kontakte gegeben haben muss. Dies wiederum erfordert ein gewisses (Mindestmaß) an Schriftgelehrsamkeit in Israel, um an diesem speziellen Kulturaustausch teilzuhaben, was die These der späteren Verfasserschaft untermauert.
Dennoch ist die israelitische Schöpfungserzählung nicht erst in der Exilszeit entstanden, sehr wohl aber geschah damals der wirkungsmächtige Ausbau um die Vorstellung Jahwes als des Schöpfers der Welt zu akzentuieren. Dies fällt zeitlich wohl nicht zufällig mit der Ausprägung des Monotheismus zusammen.
Die Reflexion über Weltentstehung und Weltordnung geschah im Alten Orient nicht aus dem Nichts. Es waren Gelehrte, die darum stritten und große intellektuelle Leistungen vollbrachten. Ihre Forschungen waren auf der Höhe des damaligen wissenschaftlichen Diskurses. Auch wenn uns heute vieles wie eine Märchenerzählung vorkommt, so sollte man bei der Betrachtung der altorientalischen Schöpfungsmythen vor Augen haben, dass die damaligen Menschen eine bildhafte Vorstellung und Sprache pflegten und sie generell symbolisch, d.h. weder rein konkret noch rein abstrakt einsetzten.
Inhaltsverzeichnis
1. Geschichtliche Entwicklung
2. Der Schöpfungsbegriff und seine Terminologie
2.1. Definition des Begriffs ‚Schöpfung’
3. Klassifikation von Schöpfungsvorstellungen
4. Vorstellungen der Schöpfungsakte
4.1. Schöpfung als Zeugung/Geburt
4.2. Schöpfung als Handwerk
4.3. Schöpfung als Kampf
4.4. Schöpfung als Zauber, Befehl, Machtwort
4.5. Namensgebung
4.6. Einfluss auf die alttestamentliche Schöpfungsvorstellung
5. Schöpfung im Alten Testament
5.1. Urgeschichte
5.1.1. Schöpfung in der priesterlichen Urgeschichte (Gen 1,1–2,3)
5.1.2. Schöpfung in der nichtpriesterlichen Urgeschichte (Gen 2,4–25)
5.2. Prophetie – Deuterojesaja
5.3. Psalter
5.4. Weisheit – Sprüche, Hiob, Kohelet
Zielsetzung und Themen
Diese Seminararbeit untersucht das alttestamentliche Verständnis von Schöpfung vor dem Hintergrund altorientalischer Mythen und Konzepte. Ziel ist es, die verschiedenen Vorstellungen der Schöpfungsakte und deren theologischen Ausdruck im Alten Testament zu analysieren und in einen größeren Kontext zu stellen.
- Historische Entwicklung von Schöpfungsvorstellungen im Alten Orient und Israel
- Terminologische Analyse des Schöpfungsbegriffs und seiner sprachlichen Varianten
- Klassifizierung verschiedener Schöpfungsmodi wie Zeugung, Handwerk, Kampf und Machtwort
- Theologische Ausdifferenzierung in der Urgeschichte, bei Deuterojesaja und im Psalter
- Verbindung zwischen Schöpfungsglauben und weisheitlicher Literatur
Auszug aus dem Buch
4.3. Schöpfung als Kampf
Hier ist vor allem das Bild des Kampfes gegen das Chaos zu nennen. So muss z.B. der ägyptische Sonnengott Nacht für Nacht die Gefahren des Dunkels und den schrecklichen Apophis bezwingen. Die Schöpfung wird als Ordnung im Gegensatz zum Chaos angesehen, wobei auch die creatio continua ins Spiel kommt, denn mit der uranfänglichen Erschaffung ist die Schöpfung weder abgeschlossen noch gesichert. Man könnte auch sagen, die Ordnung ist immer vom Chaos bedroht, weshalb es auch in der Geschichte des laufenden Eingreifens des Schöpfers bedarf.
Vor allem in manchen babylonischen Mythen sieht man die Weltschöpfung als Folge eines Götterkampfes. So sieht das babylonische Epos „Enūma eliš“ die Schöpfung als den Kampf des Stadtgottes Marduk gegen die Meeresgöttin Tiamat. Nach seinem Sieg formt Marduk aus Tiamats Leib Himmel und Erde und setzt am Himmel die Ordnung der Gestirne ein. Schließlich wird aus dem Blut des Sohnes der Tiamat, Kingu, der Mensch geschaffen. Interessanterweise ist es aber dessen Aufgabe, den Göttern zu dienen.
In der mesopotamischen Vorstellung ist die Stadt Ordnung, die Stadtmauer trennt Ordnung vom Chaos. Die Stadt ist der Kosmos. Dies ist ein ebenso bemerkenswerter Unterschied zu Israel, das sich eher als Nomadenkultur sieht und die Stadt negativ konnotiert (die Stadt als Nährboden allen Übels, siehe dazu auch die Geschichte vom Turmbau zu Babel in Gen 11,1–9). In der babylonischen Vorstellung sind Stadt und Tempel eins und Mittelpunkt der Schöpfung. Doch bedarf es erst eines göttlichen Sprechakts, damit die Wirkmacht entsteht. Dies ist eine interessante Parallele zur Bedeutung des Tempels in Jerusalem für die Israeliten sowie zum Johannesevangelium.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Geschichtliche Entwicklung: Das Kapitel erläutert die Entstehung von Schöpfungsmythen als Ausdruck kultureller Reflexion über Weltentstehung und Ordnung, eingebettet in den altorientalischen Kontext.
2. Der Schöpfungsbegriff und seine Terminologie: Hier werden die hebräischen Verben für Schöpfung analysiert und in artifizielle, biologische und performative Kategorien unterteilt.
3. Klassifikation von Schöpfungsvorstellungen: Es wird untersucht, wie Schöpfungsvorstellungen anhand von Herkunft, Subjekt und Entstehungsmodus systematisiert werden können.
4. Vorstellungen der Schöpfungsakte: Das Kapitel detailliert verschiedene metaphorische Schöpfungsmodelle wie Zeugung, Handwerk, Kampf und das schöpferische Machtwort.
5. Schöpfung im Alten Testament: Eine Übersicht über die Ausprägung des Schöpfungsglaubens in Urgeschichte, Prophetie, Psalter und Weisheitsliteratur.
Schlüsselwörter
Schöpfung, Altes Testament, Chaos, Jahwe, Urgeschichte, Weltordnung, Schöpfungsmythen, Deuterojesaja, Weisheit, Gott, Menschenbild, Schöpfungsakte, Mesopotamien, Theologie, Kosmologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Schöpfungsglauben im Alten Testament und vergleicht ihn mit zeitgenössischen Mythen aus dem Alten Orient.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die verschiedenen Vorstellungen der Schöpfung, deren Terminologie sowie die theologische Rezeption in unterschiedlichen biblischen Schriften.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, ein Verständnis für die Vielfalt der Schöpfungsvorstellungen zu entwickeln und deren Bedeutung für das alttestamentliche Gottesbild aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen und theologischen Analyse biblischer und altorientalischer Texte unter Einbeziehung relevanter Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Terminologie der Schöpfungsverben, verschiedene Kategorisierungen von Schöpfungsakten sowie deren spezifische Umsetzung in der Urgeschichte und den poetischen Büchern.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind unter anderem Schöpfung, Chaos, Weltordnung, Weisheit und Jahwe.
Wie unterscheidet sich die priesterliche von der nichtpriesterlichen Urgeschichte in Bezug auf die Schöpfung?
Während die priesterliche Urgeschichte die Welt in ihrer raumzeitlichen Ordnung als Schöpfung Gottes präsentiert, fokussiert sich die nichtpriesterliche Urgeschichte eher auf die Menschenschöpfung und moralische Fragen.
Warum spielt der Kampf gegen das Chaos eine so große Rolle?
Das Chaos-Motiv dient zur Darstellung der schöpferischen Ordnungsmacht Gottes, die sich gegen bedrohliche Mächte durchsetzt und die Welt bewohnbar macht.
Welche Bedeutung hat die Weisheit bei der Schöpfung?
In der späten Weisheitsliteratur wird die Weisheit als Schöpfungsmittlerin konzipiert, die das Bindeglied zwischen Gott und dem erkennenden Menschen bildet.
Welche Bedeutung hat die Stadt in den mesopotamischen Vorstellungen im Vergleich zu Israel?
In mesopotamischen Vorstellungen repräsentiert die Stadt den Kosmos und die Ordnung, während Israel sich stärker als Nomadenkultur versteht, in der die Stadt oft negativ konnotiert ist.
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- Dietmar Böhmer (Author), 2015, Ein Lexikonartikel über Schöpfungsvorstellungen im Alten Orient (AT), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446171