Mignon und der Harfner. Ihre Persönlichkeitsstruktur und ihre Funktion in Goethes Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre"


Hausarbeit, 2002
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Mignon
2.1. ihre äußere Erscheinung
2.2. ihre Persönlichkeit
2.3. ihre Herkunft

3. der Harfner/Augustin
3.1. seine äußere Erscheinung
3.2. die Herkunft des Harfners
3.3. seine Persönlichkeit

4. Wilhelm Meister
4.1. seine Herkunft
4.2. seine äußere Erscheinung
4.3. seine Persönlichkeit

5. Mignon und der Harfner
5.1. Gemeinsamkeiten und Widersprüchliches

6. Mignon und ihr Verhältnis zu Wilhelm

7. Der Harfner und sein Verhältnis zu Wilhelm

8. Mignon / Harfner - Wilhelm

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit Veröffentlichung des Romans gilt Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ als der Prototyp des Bildungsromans: Der Protagonist, hier also Wilhelm Meister, zieht in die Welt, um im Verlaufe der Romanhandlung zu sich selber zu finden. Wilhelm sagt selbst: „Mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel und von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht.“[1] Über die Bewertung dieser Aussage in Bezug auf die Gesamtaussage des Romans streiten sich die Gelehrten seit dessen Erscheinen.[2] Festzuhalten bleibt, dass der Protagonist selbst das Ansinnen der Selbstausbildung äußert und der Roman einen Erkenntniszuwachs erkennen lässt, der auf dem wiederholten Abgleich von Wunsch und Wirklichkeit beruht.

Ziel seiner Wünsche und Träume ist die Welt des Theaters. Hier hofft er ein erfülltes Leben zu finden, das nicht allein von ökonomischen Überlegungen gekennzeichnet ist, wie er es während seiner Jugend in seinem Elternhaus kennen gelernt hat.

Mignon und der Harfner fallen durch ihre Art aus dem Künstlerumfeld der Theatergruppe heraus, in dem sich Wilhelm aufhält, obwohl oder gerade weil sie einen sehr speziellen Zugang zur Kunst haben. Wie dieser Zugang im einzelnen aussieht und wie weit dieser ein wesentlicher Teil ihrer jeweiligen Persönlichkeit ist, möchte ich auf den folgenden Seiten ergründen.

Neben der Beleuchtung von Wilhelms Person und Persönlichkeit möchte ich Mignon und Harfner auf der einen und Wilhelm auf der anderen Seite gegenüber stellen. Die Beantwortung der Frage, welchen Einfluss Mignon und der Harfner für die Entwicklung Wilhelm Meisters auf seinem Bildungsweg haben, soll zum Schluss, wenn auch nicht abschließend beantwortet, so doch zumindest erhellt werden.

2. Mignon

2.1. ihre äußere Erscheinung

Als Wilhelm Meister Mignon das erste Mal zwischen Gauklern auf der Straße sieht, ist er fasziniert von ihr, kann sich zugleich jedoch nicht entscheiden, „ob er sie für einen Knaben oder ein Mädchen erklären sollte. Doch entschied er sich bald für das letzte (...)“[3]

Sie ist zu diesem Zeitpunkt etwa 13 Jahre alt und von untersetzter Statur, ihr Gesicht ist durchaus hübsch. „Mignon beharrt darauf, ein Junge zu sein und trägt Jungenkleider. Ihr Körper ist stämmig, ihr meist braun geschminktes Gesicht wird als reizend bezeichnet.“[4]

Ihre Kleidung und Haartracht versetzen Wilhelm in Erstaunen: „Ein kurzes seidnes Westchen mit geschlitzten spanischen Ärmeln, knappe, lange Beinkleider mit Puffen standen dem Kinde gar artig. Lange schwarze Haare waren in Locken und Zöpfen um den Kopf gekräuselt und gewunden.“[5]

Sie trägt Jungenkleider, was für Außenstehende die geschlechtliche Identifikation natürlicherweise erschwert, jedoch in ihrem Zusammenleben mit der Gauklertruppe begründet liegt; es schützte sie dort vor Übergriffen.[6]

Sie weigert sich im Verlaufe des Romans wiederholt, ihre angestammte Jungenkleidung gegen ihrem Geschlecht entsprechende Kleider auszutauschen.[7]

Später, mit zunehmender Reife und den Ahnungen von der körperlichen Liebe, vor allem jedoch wegen ihrer unerwiderten Liebe zu Wilhelm wird sie schlanker, körperlich anfälliger und entdeckt während eines Rollenspiels die ihrer Meinung nach ihr entsprechende Rolle des Engels: „In der zufälligen Kostümierung als Engel erfährt sie die neue Bestimmung: Sie will nun schon zu Lebzeiten ein Engel sein.“[8] Fortan tritt bis sie bis zu ihrem Tode nur noch in langen weißen Gewändern in Erscheinung. „Sie beharrt auf der Verwandlung und singt das Lied: „So laßt mich scheinen, bis ich werde, zieht mir das weiße Kleid nicht aus.“ Als sie beobachtet, wie Wilhelm seine vermeintliche zukünftige Frau umarmt, fällt sie zu Boden und stirbt.“[9]

Friedrich Schiller weist als einer der ersten Leser des Romans darauf hin, daß Mignons vorpubertäres Stadium sich im Verlauf des Romans, der, wie sich aus der Entwicklung der Protagonisten erschließen lässt, mehrere Jahre umfasst, nicht wandelt, es demnach eine poetische Funktion hat. „Mignon bleibt nicht geplant präpubertär, als Ausdruck einer krankhaft veränderten Psyche, sondern sie bleibt es aus der Konsequenz ihres spezifischen Symbolcharakters heraus, wie es von Schiller intuitiv richtig erfaßt worden ist.“[10]

2.2. ihre Persönlichkeit

Sie ist unmittelbar in jeder Hinsicht, sie springt, klettert, hüpft, wenn es ihr danach beliebt: „Mignon eignet zudem etwas Tierhaftes, sie klettert auf Geländer und springt ungestüm herum. Einmal beißt sie Wilhelm.“[11] Mignon überspringt die Treppenstufen, steigt auf den Geländern der Gänge weg und setzt sich mitunter auch auf einen Schrank. Sie hat also eine eigene Art der Fortbewegung, folgt ganz ihrer Wesenhaftigkeit, ihrer Lust zum Springen und Klettern.“[12]

Mignon geht völlig in ihren Liedern auf und vermag sich nur darin ganz auszudrücken. Ihr Eiertanz ist Ausdruck vollendeter Intuition: „Mignons Tanz, der höchste Präzision und Regelmäßigkeit erfordert, kann nur während des Versinkens in ein abwesendes Bewußtsein, „in innerer Übereinstimmung“ ausgeführt werden, worin er sinnbildlich auf die innere Harmonie des Naturhaften Menschen hindeutet.“[13]

Sie ist kurz und lakonisch in ihrem Sprachgebrauch.[14] Ein einwandfreies Deutsch will ihr nicht gelingen, es ist durchsetzt mit italienischen Sprachstücken, weshalb Wilhelm beispielsweise ihre Lieder nur annähernd zu übersetzen vermag. „Sie sprach noch immer sehr gebrochen Deutsch“, heißt es über Mignon,“ und nur wenn sie den Mund zum Singen auftat, wenn sie die Zither rührte, schien sie sich des einzigen Organs zu bedienen, wodurch sie ihr Innerstes aufschließen und mitteilen konnte.““[15]

Sie versucht das Schreiben zu erlernen, doch trotz äußerster Anspannung und Konzentration mag ihre Hand ihr nicht gehorchen, das Schriftbild ist mehr als ungelenk. „So scheitert auch der Versuch Wilhelms Mignon das Schreiben beizubringen: „Sie war unermüdet und fasste gut, aber die Buchstaben blieben ungleich und die Linien krumm. Auch hier schien der Körper dem Geiste zu widersprechen.““[16]

Menschliche Zeichenkonventionen, also Sprache oder Schrift, widersprechen ganz offensichtlich ihrer nach intuitiver Unmittelbarkeit verlangenden Natur: „Mignon lehnt es generell ab, auf dem Theater aufzutreten, und versucht, auch Wilhelm davon abzuhalten: „Lieber Vater! Bleibt auch du von den Brettern!“ Nachdem letzterer den Vertrag mit Serlo unterzeichnet hat, merkt er plötzlich, „daß Mignon an seiner Seite stand, ihn am Arm hielt und ihm die Hand leise wegzuziehen versucht hatte.““[17] Das Theater als Ort der bewußten Verstellung widerspricht ihrer Natur, sie lehnt es ab. „Im Poetischen liegt für sie ihr Wesen und das Sein, und nicht der Schein. Das Theater ist für sie ein Ort des Scheins.“[18]

Ihre Zurückweisung des Symbolischen, d.h. ihr Schweigen, ihre gebrochene Sprache, ihre ungelenke Schrift und ihre Unmittelbarkeit machen Mignon zu einem Fremdkörper im Bildungsroman. Sie beschränkt sich vornehmlich auf das künstlerische Mitteilen.[19]

Mehrmals im Roman zeigt Mignon ihre Selbstlosigkeit, kurz nachdem Wilhelm sie gekauft hat, bedient sie ihn und stellt sich mit Freuden unter ihn. Ihre gesamte Persönlichkeit beruht letztlich auf Unmittelbarkeit und Selbstlosigkeit.

Mignons Androgynität, d.h. ihre geschlechtlich undifferenzierte Erscheinung und die Unmittelbarkeit ihrer Äußerungen und ihres Tuns sind gemeinsam Ausdruck ihres vorpubertären Stadiums. Die Überwindung hin zum sexuell bestätigten Wesen, d.h. der Bestätigung ihrer Weiblichkeit, bleibt Mignon durch die unerfüllte Liebe zu Wilhelm versagt.

Als Frucht eines inzestuösen Verhältnisses gelingt ihr die Überwindung der vorpubertären Ungeschlechtlichkeit nicht. Sie ahnt die Freuden der körperlichen Liebe und ihre unerwiderte Liebe zu Wilhelm ist schlußendlich mit ausschlaggebend für ihren jungen Tod: „Mignons Tod als Ausdruck einer paradoxen Situation: Die verdrängte Liebe zu Wilhelm könnte nur Erfüllung finden, wenn ihr Bildungsprozeß „erfolgreich“ verliefe und die Herausbildung einer genitalen, weiblichen Sexualität zum Abschluß käme – und somit Mignon nicht mehr Mignon wäre und auch nicht mehr so heißen könnte.“[20]

2.3. ihre Herkunft

Ihre Herkunft soll sich erst im Verlaufe des Romans wirklich klären. Eine Gauklertruppe hatte sie einst ob ihrer akrobatischen Fähigkeiten im fernen Italien wohl mehr oder weniger entführt.

Wilhelm sieht sie auf der Straße zwischen Gauklern und kauft sie diesen ab, sie nennt ihn „Herr“.

Im Nachhinein erfährt man, dass der Harfner ihr Vater ist, der sie einst in völliger Unwissenheit über die wahren Verhältnisse mit seiner Schwester zeugt. Mignons Mutter, Sperata, wurde als spätgeborene Tochter ihres alten Vaters aus Scham vor den Nachbarn versteckt und fortgebracht: „Die Angst des Vaters, sich als betagter Mann mit einem weiteren Kind bei seinen Nachbarn lächerlich zu machen, führt zur Verheimlichung und Weggabe Speratas und schafft die Voraussetzung für die blutschänderische Liebe zwischen ihr und Augustin.“[21] Diese Umstände begründen Augustins Unwissenheit, aus der heraus er mit seiner eigenen Schwester ein Kind zeugt. Augustin, der Harfner, wird über die Wahrheit verrückt, ebenso seine Schwester Sperata.[22]

Mignon selbst weiß nichts über ihre Herkunft, sondern ahnt allenfalls deren Ursprünge. „Ihre Aufmerksamkeit auf geographische Abbildungen, auf denen sie die Wege nach Süden verfolgt“[23] dokumentieren immerfort ihre Sehnsucht nach der letztlich nur erahnten Heimat. In ihrer unerfüllten Sehnsucht hat sie keinen konkreten Ort vor Augen, sondern diese bleibt einzig eine intuitive Ahnung, der es offensichtlich keiner Spezifizierung bedarf. „Mignon kann in ihrer Umwelt nicht existieren; sie muß an ihrer Naturhaftigkeit, die mit den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen in unauflöslichen Widerspruch steht, zugrunde gehen.“[24]

[...]


[1] Koopmann, Helmut: Goethe: „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, In: Geppert, Hans Vilmar (Hg.): Große Werke der Literatur, Bd. 3, Eine Ringvorlesung an der Universität Augsburg 1992, 1993, S. 80.

[2] Koopmann, Helmut: Wilhelm Meisters Lehrjahre (1795/96), In: Lützeler, Paul Michael / McLeod, James E. (Hgg.): Goethes Erzählwerk, Interpretationen, Stuttgart, S. 168.

[3] Leutner, Petra: Cyborgs und Zwitterwesen, Goethes Gestalten Mignon und Helena. In: Luserke, Matthias (Hg.): Goethe nach 1999, Positionen und Perspektiven, Göttingen 2001, S. 90.

[4] Leutner, Petra: Cyborgs und Zwitterwesen, S. 90.

[5] Keppel-Kriems, Karin: Mignon und Harfner in Goethes „Wilhelm Meister“, eine geschichtsphilosophische und kunsttheoretische Untersuchung zu Begriff und Gestaltung des Naiven, Frankfurt/Main 1980, S. 81.

[6] Jirku, Brigitte E.: Mignon: Rätsel oder Geheimnis, In: Monatshefte für deutschsprachige Literatur und Kultur, Volume 92, Nr. 1, 2000, S. 289.

[7] Keppel-Kriems, Karin: Mignon und Harfner, S. 94.

[8] Leutner, Petra: Cyborgs und Zwitterwesen, S. 91.

[9] Leutner, Petra: Cyborgs und Zwitterwesen, S. 92.

[10] Keppel-Kriems, Karin: Mignon und Harfner, S. 89.

[11] Leutner, Petra: Cyborgs und Zwitterwesen, S. 90.

[12] Keppel-Kriems, Karin: Mignon und Harfner, S. 92.

[13] Keppel-Kriems, Karin: Mignon und Harfner, S. 95.

[14] Keppel-Kriems, Karin: Mignon und Harfner, S. 95.

[15] Witte, Bernd:Goethe-Handbuch in vier Bänden, Bd. 3, Prosaschriften, Stuttgart 1997, S. 147.

[16] Schröter, Katrin: „So laßt mich scheinen, bis ich werde“, Androgynie in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre, New York 2002, S. 88.

[17] Keppel-Kriems, Karin: Mignon und Harfner, S. 100.

[18] Jirku, Brigitte E.: Mignon: Rätsel oder Geheimnis, S. 288.

[19] Leutner, Petra: Cyborgs und Zwitterwesen, S. 94.

[20] Leutner, Petra: Cyborgs und Zwitterwesen, S. 94.

[21] Keppel-Kriems, Karin: Mignon und Harfner, S. 120.

[22] Keppel-Kriems, Karin, Mignon und Harfner, S. 121.

[23] Schlaffer, Hannelore: Wilhelm Meister, Das Ende der Kunst und die Wiederkehr des Mythos, Stuttgart, S. 41.

[24] Keppel-Kriems, Karin: Wilhelm Meister, S. 106.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Mignon und der Harfner. Ihre Persönlichkeitsstruktur und ihre Funktion in Goethes Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre"
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Einführungsseminar Neuere Literaturwissenschaft
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
19
Katalognummer
V446246
ISBN (eBook)
9783668824904
ISBN (Buch)
9783668824911
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wilhelm Meisters Lehrjahre, Goethe, Mignon, Der Harfner
Arbeit zitieren
Nils Oliver Berger (Autor), 2002, Mignon und der Harfner. Ihre Persönlichkeitsstruktur und ihre Funktion in Goethes Roman "Wilhelm Meisters Lehrjahre", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446246

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