Chat-Phänomene in deutschsprachigen Zeitungen. Eine korpusbasierte Analyse am Beispiel der Modalverben


Bachelorarbeit, 2018

38 Seiten, Note: 1,0

Verena Binder (Autor)


Leseprobe

I Inhaltsverzeichnis

II Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Korpora und Methode
2.1 Dortmunder Chat-Korpus
2.1.1 Plauderchats
2.1.2 Professionelle Chats
2.1.3 Audio- und Videochats, Instant Messaging
2.2 Deutsches Referenzkorpus

3 Exemplarische Analyse der Verwendung von Modalverben in Chats und
Zeitungen
3.1 Dürfen
3.1.1 Plauderchats
3.1.2 Professionelle Chats
3.1.3 Zeitungsartikel
3.2 Können
3.2.1 Plauderchats
3.2.2 Professionelle Chats
3.2.3 Zeitungsartikel
3.3 Mögen/Möchte(n)
3.4 Müssen
3.4.1 Plauderchats
3.4.2 Professionelle Chats
3.4.3 Zeitungsartikel
3.5 Sollen
3.5.1 Plauderchats
3.5.2 Professionelle Chats
3.6 Wollen
3.6.1 Plauderchats
3.6.2 Professionelle Chats

4 Fazit

II Tabellenverzeichnis

1 Ergebnisse Dortmunder Chat-Korpus

2 Ergebnisse Deutsches Referenzkorpus

3 Überblick über gefundene Auffälligkeiten

1 Einleitung

Die Chattus-lallus [Chatsprache] entwickelte sich während der Zeit des Internets. Als sich die ersten Analphabeten in die Weiten des Internetzes wagten, versuchten sie via Chat mit anderen zu kommunizieren. Da diese Genies nicht einmal einen simplen Satz formulieren konnten, ohne dass sie zwei oder mehr Wörter vergaßen, bildete sich von Zeit zu Zeit die Chattus-Sprachus. Nun hat sich diese Sprachart auch auf den Alltäglichen Sprachgebrauch übertragen. (Stupidedia 2018)

Jahrzehnte nach dem Aufkommen der Kommunikationsform Chat sind die dort auftretenden sprachlichen Besonderheiten (bei Stupidedia humoristisch als von Analphabeten vergessene Wörter beschrieben) in der linguistischen Forschung längst kein randständiges Thema mehr. Die frühen Arbeiten Anfang der 2000er-Jahre charakterisieren die Sprache in Chats noch als „[g]eschriebene Umgangssprache“ (Kilian 2001, 55) oder „getippte(…) Gespräche“ (Storrer 2001, 3). Die neuere Forschung erkennt an, dass in Chats „ungewöhnliche, teilweise auch neuartige Formen von Kommunikation und Sprache auftraten“ (Schmitz 2015, 86) und „de[r] Einfluss der neuen Technologien auf die Sprachentwicklung wider[gespiegelt]“ (Balnat 2011, 205) wird. Die Bandbreite der linguistischen Arbeiten zum Thema Chat umfasst Untersuchungen zu Sprecherwechseln (vgl. Storrer 2001) und Kürzungsverfahren (vgl. Balnat 2011) ebenso wie Vergleiche mit der Sprache in Online-Foren (vgl. Albert 2013). Umfassende Untersuchungen zum Einfluss von chattypischen Phänomenen auf die Sprache in Zeitungen stehen jedoch noch aus. In der bisherigen Forschung finden sich lediglich kleine Randbemerkungen zu diesem Thema, beispielsweise zur Verwendung von infinitivlosem können (vgl. Albert 2013, 97f.).

In der vorliegenden Arbeit möchte ich anhand von korpusbasierten Analysen die Frage beantworten, ob und inwiefern die Sprache in deutschsprachigen Zeitungen von den in Chats auftretenden linguistischen Besonderheiten beeinflusst wird. Ich führe die Untersuchung am Beispiel der syntaktischen Struktur der Modalverb-Verwendung durch. Modale Verben sind erstens in beiden relevanten Textsorten hochfrequent und bieten zweitens eine Vielzahl unterschiedlicher Gebrauchsmöglichkeiten.

Im folgenden Kapitel erläutere ich zunächst meine Vorgehensweise und kläre zentrale Begriffe. Außerdem stelle ich die verwendeten Korpora (das Dortmunder Chat-Korpus und das Deutsche Referenzkorpus) vor und gehe näher auf die Suchparameter ein. Den Hauptteil meiner Arbeit bildet schließlich die Betrachtung der Verwendungsweisen der Modalverben, die für jedes Verb einzeln und nacheinander erfolgt. Als Erstes stelle ich jeweils die Standardverwendung[1] des Modalverbs dar. Auf dieser Grundlage arbeite ich die auffälligen Gebrauchsweisen heraus. Diesen Schritt führe ich getrennt für Belege aus Plauderchats, professionellen Chats[2] und Zeitungstexten, das heißt aus dem Referenzkorpus, durch.

Ein wichtiger Literaturtitel für die vorliegende Arbeit ist Innovative Schriftlichkeit in digitalen Texten von Georg Albert (Albert 2013). Der Autor widmet darin ein Kapitel der Verwendung von Modalverben in Chats und im Online-Forum der Partnervermittlungsbörse ElitePartner und arbeitet Auffälligkeiten heraus. Des Weiteren beziehe ich mich im Folgenden häufig auf den Aufsatz „Standard des gesprochenen Deutsch. Begriff, methodische Zugänge und Phänomene aus interaktionslinguistischer Sicht“ von Arnulf Deppermann und Henrike Helmer (Deppermann/Helmer 2013). Die Verfasser gehen darin auf unterschiedliche Gebrauchsweisen von Modalverben ein. Obwohl sich ihre Aufstellung auf gesprochene Sprache bezieht, erweist sie sich in vielen Fällen für die Analyse der Chats als nützlich. Außerdem greife ich des Öfteren auf die Untersuchungen „Absolute“ Verwendung von Modalverben im gesprochenen Deutsch. Eine interaktionslinguistische Untersuchung von Julia Kaiser (Kaiser 2017) und Bedeutung und Gebrauch der deutschen Modalverben. Lexikalische Einheit als Basis kontextueller Vielfalt von Caroline Baumann (Baumann 2017) zurück. Beide bieten einen Überblick über die Verwendungsweisen von Modalverben, die als standardkonform gelten.

2 Korpora und Methode

In der vorliegenden Arbeit betrachte ich die sechs klassischen Modalverben dürfen, können, mögen/möchte(n) [3], müssen, sollen und wollen. Brauchen, dessen Zugehörigkeit zu den modalen Verben nach wie vor umstritten ist (vgl. Albert 2013, 69), behandle ich nicht, obgleich „die Integration des Verbs (…) zwar immer noch nicht abgeschlossen ist, offenbar aber weiter fortschreitet“ (Albert 2013, 119). Ebenso gehe ich nicht auf die sogenannten Modalitätsverben, wie beispielsweise haben oder sein, ein (vgl. Wöllstein 2016, 576, Kaiser 2017, 3). In dieser Arbeit betrachte ich in Übereinstimmung mit Albert alle Vorkommen dieser [sechs Modal-]Verben (…) und zwar zunächst unabhängig von der Frage, ob es sich im Einzelfall um einen Modalverbgebrauch im strengen Sinn handelt oder um andere Verwendungsweisen derselben Verben. Es wird von modalen Verben die Rede sein, wenn das gesamte Paradigma inklusive der Vollverbverwendungen der enthaltenen Verben gemeint ist. (Albert 2013, 69)

Im Bewusstsein um die Problematik des Standardbegriffs definiere ich für die vorliegende Untersuchung diejenigen Verwendungsweisen als standardkonform, die ich zu Beginn des jeweiligen Kapitels für jedes Modalverb einzeln aufführe. Die Ausführungen dort folgen den in einschlägigen Werken neueren Datums vertretenen Ansichten bezüglich der standardgemäßen Gebrauchsweisen von Modalverben, unter anderem Albert 2013, Baumann 2017 und Kaiser 2017.

Zudem gilt es, den Begriff der Ellipse zu klären. Eine weitgefasste Bedeutung anzunehmen, die alle ohne Einbeziehung des Kontexts unverständlichen Äußerungen als Ellipsen betrachtet (vgl. Albert 2013, 122), ist meines Erachtens nicht zielführend. Stattdessen möchte ich Albert folgen, der festhält: „Handlungstheoretisch geht es um kommunikative Handlungen auf der Basis eines gemeinsamen Wissens um Zeichenverwendungen. Vollständig ist ein Syntagma in diesem Sinne dann, wenn es dem Rezipienten die gewünschten Schlussfolgerungen erlaubt“ (Albert 2013, 130). In meiner Arbeit verzichte ich deshalb weitgehend auf den Ellipsenbegriff. Eine Ausnahme bildet lediglich der eng umgrenzte Sonderfall der Adjazenzellipse (vgl. Deppermann/Helmer 2013, 135f.).

Ausgelassene Personalpronomen, wie sie häufig im Chat-Korpus vorkommen, betrachte ich im Folgenden nicht als Besonderheit und gehe deshalb nicht näher darauf ein, zum Beispiel: ui, schon so spät?! muss dann mal gehen, mein neuer schatz kommt nämlich bald (Message Nr. 503 aus Dokument 2223001_degu-chat_18-03-2003.xml)[4]

Auf umgangssprachliche Verschmelzungen von Modalverben und Pronomen, wie sie im Chat-Korpus oft und im Referenzkorpus vereinzelt in direkter Rede auftreten, weise ich im weiteren Verlauf der Arbeit ebenfalls nicht mehr gesondert hin.

*gg* willste mitfeiern ? @[Nickname] (Message Nr. 1485 aus Dokument 2221008_unicum_03-03-2003.xml)[5]

„nur jute Laune musste mitbringen“ (FOC06/SEP.00367 FOCUS, 18.09.2006, 252 – 254; MARATHON)

2.1 Dortmunder Chat-Korpus

Das Dortmunder Chat-Korpus umfasst 478 Chat-Protokolle mit rund 140.000 Beiträgen, wovon zirka 80% frei einsehbar und durchsuchbar sind. Die Mitschnitte sind in die Kategorien Plauderchats (Freizeit) und professionelle Chats (Beratung, Lehren/Lernen, Medien) aufgeteilt (vgl. Beißwenger 2013, 1 – 4). Ich übernehme diese Trennung.

Bei der Durchsuchung des Korpus habe ich sämtliche Flexionsformen miteinbezogen, um alle Vorkommen des betreffenden Modalverbs zu finden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Ergebnisse Dortmunder Chat-Korpus

Diese Sucheingaben berücksichtigen keine Modalverben, die Rechtschreib- oder Tippfehler enthalten, abgesehen von solchen außerhalb des gesuchten Wortkerns. Die Zeichenfolge (?i) bewirkt, dass das Suchprogramm Groß- und Kleinschreibung nicht beachtet (vgl. Selzam/Beißwenger/Storrer 2006, 12). Da die gesuchten Wortteile nicht in Anführungszeichen gesetzt sind, werden auch Vorkommen mitten im Wort gefunden, beispielsweise ge durf t (vgl. Selzam/Beißwenger/Storrer 2006, 10). Bei mehr als 500 Ergebnissen habe ich zur leichteren Auswertung nur die ersten 500 Chatbeiträge der jeweiligen Liste analysiert.

2.1.1 Plauderchats

In Plauderchats finden „Interaktionen zwischen einer Anzahl räumlich weit voneinander entfernter Partner [statt], die einander nicht kennen und sich unverbindlich im selben virtuellen Chat-Raum aufhalten, den sie jederzeit betreten und verlassen können“ (Schmitz 2004, 95). Es handelt sich um „arbeitsentlastende, thematisch nicht gebundene, zeitsynchrone computervermittelte Kommunikation (…), gleichsam (…) computervermittelte Plaudereien über den Gartenzaun“ (Kilian 2001, 67). Bittner hält fest, „daß [sic] Chats typischerweise spontan arrangierte, unvorbereitete und themenoffene, weitgehend apraktische Diskurse sind“ (Bittner 2003, 217). Luckhardt charakterisiert einen „prototypische[n] Chat“ (Luckhardt o.J., 41) folgendermaßen: eine offene Zahl von Teilnehmern, die mit dem Ziel der Unterhaltung gleichzeitig online sind und ohne Restriktionen beim Thema (etwa durch eine Themafestlegung) und ohne Eingriffe von außen beim Versenden bzw. der Anzeige von Beiträgen (etwa durch Moderatoren oder Redakteure) miteinander kommunizieren und dabei metaphorisch räumliche und mündliche Nähe simulieren und eine Chat-Community bilden. (Luckhardt o.J., 41)

Der Bereich Plauderchats des Dortmunder Chat-Korpus umfasst 90 Protokolle mit zirka 88.000 Beiträgen (vgl. Beißwenger 2013, 2).

2.1.2 Professionelle Chats

Auf professionelle Chats treffen die unter 2.1.1 aufgeführten Chat-Definitionen in vielerlei Hinsicht nicht zu. Die Kommunikation ist in der Regel thematisch gebunden und erfolgt zu einem festgelegten Zweck, zum Beispiel, um einen Expertenrat einzuholen oder sich in Lern- oder Arbeitsgruppen virtuell zu ‚treffen‘ (vgl. Beißwenger/Storrer 2005). Häufig gibt es einen Moderator[6], der festlegt, welche Beiträge zu welcher Zeit freigeschaltet werden (vgl. Storrer 2001, 13). Außerdem gelten in einigen professionellen Chats feste Regeln zur Vergabe des Rederechts, sodass nicht jeder Teilnehmer jederzeit einen Beitrag verfassen darf (vgl. Storrer 2001, 14).

Die für Plauderchats typischen Smileys, Akronyme oder Inflektive[7] treten in professionellen Chats seltener auf (vgl. Storrer 2010, 3). Außerdem sind „auch in Bezug auf andere Parameter – Beitragslänge, Tippfehler, syntaktische Elaborierheit [sic] – deutliche Unterschiede zwischen den verschiedenen Handlungsbereichen“ (Storrer 2010, 3) erkennbar. Insgesamt ist „der Sprachstil (...) zwar standardnäher als beim unmoderierten Chat, allerdings häufig von Kennzeichen der Nähesprache geprägt“ (Fandrych/Thurmair 2011, 285).

Der Bereich professionelle Chats im Dortmunder Chat-Korpus umfasst 388 Mitschnitte mit rund 52.000 Beiträgen. Die Protokolle stammen unter anderem aus dem Beratungschat einer Bibliothek, einem virtuellen Seminar einer Universität und Fragerunden mit Prominenten und Politikern (vgl. Beißwenger 2013, 2).

2.1.3 Audio- und Videochats, Instant Messaging

Einige wenige Chatrooms ermöglichen es ihren Nutzern, sich in Audio- oder Videokonferenzen zu unterhalten (vgl. Schmitz 2015, 85). Diese Art des Chats berücksichtige ich in der vorliegenden Untersuchung nicht, da es sich dabei um mündlich erfolgende Gespräche handelt.

Instant Messaging stellt eine Mischform zwischen Chat und E-Mail dar. Dabei kommunizieren zwei Nutzer oder eine kleine Gruppe in einem nicht öffentlich einsehbaren Chatroom miteinander. Normalerweise sind die Teilnehmer einander bereits bekannt (vgl. Schmitz 2004, 96, Schmitz 2015, 85). Auf diese Art des Chattens gehe ich im Folgenden ebenfalls nicht weiter ein.

2.2 Deutsches Referenzkorpus

Das Deutsche Referenzkorpus des Instituts für Deutsche Sprache Mannheim stellt „mit 42 Milliarden Wörtern (Stand 03.02.2018) die weltweit größte linguistisch motivierte Sammlung elektronischer Korpora mit geschriebenen deutschsprachigen Texten aus der Gegenwart und der neueren Vergangenheit“ (Institut für Deutsche Sprache 2018) dar. Mit dem Corpus Search, Management and Analysis System (COSMAS II) kann das Korpus durchsucht werden (vgl. Bopp 2010, 3).

Für die vorliegende Arbeit habe ich das W – Archiv der geschriebenen Korpora verwendet, das Texte aus dem Zeitraum zwischen dem 18. Jahrhundert und heute umfasst[8] (vgl. Bopp 2010, 4). Da für meine Untersuchung ausschließlich Zeitungstexte relevant sind, habe ich auf dieser Basis ein eigenes Archiv erstellt, das anders als das vordefinierte keine literarischen Texte, Wikipedia-Artikel, Plenarprotokolle etc. enthält. Das für diese Arbeit durchsuchte Archiv beinhaltet Texte aus unterschiedlichen Zeitungen von 1947 bis 2017 aus dem gesamten deutschsprachigen Raum, unter anderem Hamburger Morgenpost, Rhein-Zeitung, Nürnberger Zeitung, Tiroler Tageszeitung, St. Galler Tagblatt und Computer Zeitung.

Für die Durchsuchung des Korpus habe ich die Infinitivformen der Modalverben in Kombination mit dem Operator & verwendet, der bewirkt, dass alle Flexionsformen gefunden werden, die zum Lemma des jeweiligen Wortes gehören (vgl. Bopp 2010, 7).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[9] [10]

Tabelle 2: Ergebnisse Deutsches Referenzkorpus

In den vordefinierten Lemmata sind häufig auftretende Schreibfehler bereits enthalten. Modalverben, die andere Fehler aufweisen, findet die Suche jedoch nicht. Groß- und Kleinschreibung spielt keine Rolle für das Ergebnis. Pro Modalverb habe ich 1.000 Vorkommen ausgewertet, die das Programm in zufälliger Reihenfolge aus dem gesamten
Suchergebnis extrahiert hat.

3 Exemplarische Analyse der Verwendung von Modalverben in Chats und Zeitungen

3.1 Dürfen

Als „charakteristisch“ (Wöllstein 2016, 570) und „prototypisch“ (Albert 2016, 71) gilt die Verwendung von dürfen (und allen anderen Modalverben) mit einem reinen Infinitiv:

Asylbewerber dürfen arbeiten, wenn für den Job, den sie machen sollen, keine anderen Arbeitskräfte gefunden werden (Message Nr. 336 aus Dokument 2103003_Sabine_Christiansen_userchat_29-09-2002.xml)

Die Konstruktion dürfen plus Nominalphrase ist standardkonform, sofern es sich um eine Pronominalisierung einer Verbalphrase handelt (vgl. Albert 2013, 86):

A: *zunge von [B] einfang und chilipulver draufstreu *fg*
B: scharfes vertrag ich net
C: [A] darf das heut [B] (Messages Nr. 794 – 800 aus Dokument 2221004_unicum_19-02-2003.xml) [11]

Vor allem in informellen Texten ist des Weiteren die Verwendung von dürfen mit einer Richtungsangabe in Form einer Präpositionalphrase üblich (vgl. Albert 2013, 86). Deppermann/Helmer bezeichnen diesen Fall als „Auslassung eines verbum movendi“ (Deppermann/Helmer 2013, 133), nennen allerdings dürfen nicht bei der Aufzählung der Modalverben, bei denen diese Konstruktion vorkommt. Die infinitivlose Verwendung mit Richtungsangabe tritt dann auf, wenn „der Bewegungsmodus irrelevant ist oder präsupponiert wird“ (Deppermann/Helmer 2013, 133). Aufgrund des informellen Charakters ist diese Art des absoluten[12] Gebrauchs von dürfen im Chat-Korpus zu erwarten, sollte im Referenzkorpus jedoch kaum auftreten.

aber da darf ich nur nüchtern rein (Message Nr. 449 aus Dokument 2221003_unicum_12-02-2003.xml)

Albert (2013, 87f.) fand in seinem Chat-Korpus mehrere Belege für die Realisierung von dürfen mit referentiellen Nominalphrasen und Adjektivphrasen, was beides als nicht standardkonform gilt: darf ich webca[m] denn mach ich datt (30-40-50-Chatset, 2007/01/11, zit. n.: Albert 2013, 87)

Wie lange darfste denn noch ? (Berlin-Brandenburg, 2002/04/05, zit. n.: Albert 2013, 88)

3.1.1 Plauderchats

In meinem Korpus findet sich keine der Auffälligkeiten, die Albert (2013, 87f.) beschreibt (siehe 3.1). Nahezu alle Verwendungen von dürfen entsprechen den oben beschriebenen standardkonformen Arten. Lediglich in zwei Fällen ist das Modalverb abweichend gebraucht.

darf ich? (Message Nr. 436 aus Dokument 2221011_unicum_15-06-2004.xml)

Bei Einbeziehung des Kontextes[13] wird nicht erkennbar, worauf sich dieser Beitrag bezieht. Da die Äußerung aus einem Plauderchat stammt, in dem jeder Teilnehmer sich jederzeit einbringen darf, ist nicht davon auszugehen, dass der Schreiber um Erteilung des Rederechts bittet, wie man es bei moderierten Chats findet. Theoretisch könnte es sich um eine Analepse handeln. Als solche definiert Kaiser „Ellipsen mit im sprachlichen Prätext realisiertem, syntaktisch gefordertem Bezugselement“ (Kaiser 2017, 1). Möglich wäre es auch, ein weggelassenes Handlungsverb anzunehmen, bei dem keine Analepse vorliegt, weil das Verb im Prätext nicht genannt wurde (vgl. Deppermann/Helmer 2013, 132). Deppermann/Helmer zufolge sind diese Konstruktionen „fast immer Situationsellipsen: Das Modalverb bezieht sich auf Handlungen, die gemäß common ground der Beteiligten als nächstes relevant sind“ (Deppermann/Helmer 2013, 132, Kursivierung im Original). Ohne erkennbaren Bezug lässt sich nicht feststellen, welcher Fall hier vorliegt.

[...]


[1] Zum Standardbegriff siehe 2.

[2] Zur Unterscheidung zwischen Plauderchats und professionellen Chats siehe 2.1.

[3] Ich behandle mögen und möchte(n) als unterschiedliche Formen desselben Modalverbs, zur Begründung siehe 3.3.

[4] Alle Zitate sind buchstabengetreu übernommen. Auf die Markierung von Rechtschreibfehlern durch [sic] verzichte ich bei allen Zitaten aus dem Chat-Korpus. Da in Chats üblicherweise wenig Wert auf korrekte Schreibung gelegt wird, wären ansonsten viele Kennzeichnungen notwendig, was den Lesefluss behindern würde und von daher meines Erachtens nicht sinnvoll wäre.

[5] Aus Datenschutzgründen habe ich alle Nennungen von Namen durch [Nickname] ersetzt. Äußern sich innerhalb des zitierten Ausschnitts mehrere Chatteilnehmer, habe ich die Namen gegen einzelne Buchstaben ausgetauscht, damit die Zuordnung der Beiträge möglich bleibt. Dieser Hinweis bezieht sich auch auf alle folgenden Zitate aus dem Chat-Korpus.

[6] Zur besseren Lesbarkeit verwende ich in dieser Arbeit ausschließlich die maskulinen Formen von Personenbezeichnungen, womit Frauen jedoch selbstverständlich ebenso gemeint sind. Ein weiterer Grund für dieses Vorgehen ist, dass sich aus den in den Chats verwendeten Namen in vielen Fällen nicht eindeutig herauslesen lässt, ob es sich um einen männlichen oder weiblichen Schreiber handelt.

[7] Siehe 3.2.1.

[8] In den letzten sechs bis zwölf Monaten neu ins Korpus aufgenommene Texte sind in diesem Archiv allerdings nicht enthalten (vgl. Bopp 2010, 4).

[9] Diese Sucheingabe findet auch Formen von möchte(n).

[10] Die alte Rechtschreibung müßen wird hier mitgesucht.

[11] Beiträge, die nicht zum zitierten Dialog gehören, aber aufgrund der Gleichzeitigkeit mehrerer Gesprächsstränge im Chatprotokoll zwischen den relevanten Äußerungen stehen, habe ich für eine bessere Übersichtlichkeit entfernt. Dies gilt ebenso für alle folgenden Passagen aus dem Chat-Korpus.

[12] Absolut meint hier die Verwendung von Modalverben ohne Vollverb im Infinitiv (vgl. Kaiser 2017, 1).

[13] Prätext ohne ausgelassene Beiträge:

A: cu [B, Name falschgeschrieben]

C: *lol*

D: Fussball schauen, [B]? *G*

C: ciao [B]

system [E] betritt den Raum.

B: [Namenskorrektur] bitte [A]!!!

A: sorry.. vertippt

B: nee [D] ich werde wohl lesen oder so

A: [B]

B: und [C] ist noch schlimmer...

C: fußball kann man auch lesen?

system [F] betritt den Raum.

E: hi

F: hallo

C: hi [E]

C: holla [F]!

F: hey [C] ;o)

[B] ist nicht mehr ganz da.

C: ;o)

C: na, wie gehts, kleine?

system [G] betritt den Raum.

system [H] betritt den Raum.

F: och... geht so und bei dir???

G: ahoi
Fortsetzung auf der nächsten Seite

C: holla [G]

G: Hey [C]

G: :)

E: [F] kennich dich?

C: na ja muß so hatte grad sone mittelprächtige überschwemmung zu bewältigen

C: aber sonst is alles fein

G: Du hattest eine Überschwemmung?

system [H] verlässt den Raum.

A: darf ich? (Messages Nr. 404 – 436 aus Dokument 2221011_unicum_15-06-2004.xml)

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Chat-Phänomene in deutschsprachigen Zeitungen. Eine korpusbasierte Analyse am Beispiel der Modalverben
Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
38
Katalognummer
V446276
ISBN (eBook)
9783668825260
ISBN (Buch)
9783668825277
Sprache
Deutsch
Schlagworte
chat-phänomene, zeitungen, eine, analyse, beispiel, modalverben
Arbeit zitieren
Verena Binder (Autor), 2018, Chat-Phänomene in deutschsprachigen Zeitungen. Eine korpusbasierte Analyse am Beispiel der Modalverben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446276

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