Die Frage nach dem Zustand der Demokratie stellt aktuell ein hochbrisantes und relevantes Thema dar, welches ich in dieser Hausarbeit näher analysieren und untersuchen möchte. Konkret soll es hierbei darum gehen, herauszufinden, ob es nach der Theorie von Samuel P. Huntington zurzeit eine sogenannte „Rückwelle“ der Demokratisierung auf der Welt gibt. Huntington beschrieb in seinem 1991 erschienenen Werk „The Third Wave“ die Entwicklung demokratischer Staaten in Form einer Wellenbewegung und postulierte dabei, dass es von Zeit zu Zeit auch Rückschläge in der Entstehung von Demokratien (Rückwellen), gibt.
Ich möchte mit dieser Arbeit also herausfinden, ob es aktuell eine solche Rückwelle hin zu mehr autokratischen Staaten gibt oder ob die besorgniserregenden Äußerungen vieler Personen des öffentlichen Lebens übertrieben und nicht belegbar sind. Des Weiteren möchte ich versuchen mögliche Ursachen und Ausgangsregionen für die oben beschriebene Entwicklung aufzuzeigen und Chancen sowie Ansatzpunkte liefern, die De-Demokratisierung zu verhindern oder abzubremsen. Um dies zu verwirklichen werde ich mit einem neuen Messinstrument der Demokratiemessung, „Varieties of Democracy“ (V-Dem), arbeiten und anhand dieser Daten versuchen ein aktuelles Bild demokratischer Entwicklungen aufzeigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Theorie der Demokratisierungswellen nach Samuel Huntington
2.1 Die wellenförmige Entwicklung hin zu demokratischen Staaten – ein Überblick
2.2 Die erste und die zweite Welle der Demokratisierung
2.3 Die dritte Welle der Demokratisierung
2.4 Kritik an Huntingtons Wellentheorie
2.5 Die Gefahr einer neuen Reverse-Welle?!
3. Empirische Befunde
3.1 Die Auswahl des Untersuchungszeitraumes und des Messinstruments
3.2 Varieties of Democracy - Ein neues Messinstrument für die Demokratiemessung
3.2.1 Konzeptionelles Vorgehen und Datenerhebung bei V-Dem
3.2.2 Die Typologie der Demokratie nach Varieties of Democracy
3.2.3 Transitionen von Demokratien und Autokratien im Zeitraum von 2010 bis 2017 - Das Vorhandensein einer Reverse-Welle?
3.3 Mögliche Ursachen und Ausgangsregionen der schwierigen Lage der Demokratien nach V-Dem
4. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den aktuellen Zustand der globalen Demokratie, um zu prüfen, ob nach der Theorie von Samuel P. Huntington von einer neuen "Rückwelle" der Demokratisierung gesprochen werden kann, und analysiert dabei Ursachen für die beobachteten Trends.
- Analyse der Demokratisierungswellen nach Huntington
- Kritische Auseinandersetzung mit der Wellentheorie
- Einsatz des V-Dem-Messinstruments zur empirischen Untersuchung
- Untersuchung von Transitionsprozessen zwischen 2010 und 2017
- Identifikation von Ursachen und regionalen Schwerpunkten demokratischer Rückentwicklungen
Auszug aus dem Buch
2.4 Kritik an Huntingtons Wellentheorie
Die mittlerweile über 25 Jahre alte Theorie bezüglich des wellenförmigen Verlaufs von Demokratisierungs- und Autokratisierungsphasen wurde im wissenschaftlichen Diskurs immer wieder kontrovers diskutiert. Der Politologe Wolfgang Merkel beispielsweise nimmt diese Theorie in seinem Lehrbuch zu Systemtransformationen (vgl. Merkel 2010: 128-139) aus Konventionsgründen zwar an, sieht die Einteilung dieser qualitativ und quantitativ sehr differenzierten Prozesse in homogene Wellenbewegungen inhaltlich jedoch kritisch. Es wird dabei vor allem auf die verschiedenen regionalen und zeitlichen Abstände und Unterschiede von Huntingtons Wellen hingewiesen (Merkel 2010: 128).
Auch andere Autoren wie Jorgen Moller und seine Kollegen tragen eine Reihe an Kritikpunkten zu Huntingtons Überlegungen vor, auf welche ich nun kurz eingehen werde. Zunächst wird der historische Hintergrund und der Zeitraum des Erscheinens von „The Third Wave“ erwähnt. Die Autoren gehen davon aus, dass der Verfasser von den tiefgreifenden Veränderungen, welche durch den Zusammenbruch des Ostblocks entstanden sind, beeinflusst wurde und deshalb ein sehr positives und euphorisches Bild von der künftigen Entwicklung der demokratischen Staatsformen hatte (Moller/Skaaning 2013: 65 f.). Große Probleme werden auch in der Demokratiedefinition (konzeptionelles Problem) des Autors gesehen. Hierbei geht es darum, dass dieser den Startpunkt für die erste Demokratisierungswelle im Jahre 1828 setzt, aber in dieser Zeit noch ein Ausschluss bestimmter Bevölkerungsgruppen stattfand (z.B. in den USA). Dies widerspricht laut den Kritikern Robert Dahls Grundsatz eines gleichen Wahlrechts für alle Bürger, welches Huntington in seine Definition aber einfließen lässt. Renske Doorenspleet merkt diesbezüglich an, dass die erste Welle erst im Jahre 1890 starten dürfte. Es zeigt sich hierbei eine gewisse Inkonsistenz der Definition von Huntington, indem er einerseits Dahls Konzept der Polyarchie nutzt, andererseits aber bei seinen Messungen das Konzept der Minimaldemokratie, mit wesentlich geringeren Anforderungen, verwendet (Doorenspleet 2000: 385-392).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die aktuelle Sorge in der Politikwissenschaft um den Zustand der westlichen liberalen Demokratie und formuliert die Forschungsfrage, ob nach Huntington derzeit eine Rückwelle zu autokratischen Staaten stattfindet.
2. Die Theorie der Demokratisierungswellen nach Samuel Huntington: Dieses Kapitel erläutert Huntingtons Theorie, die historischen Wellen der Demokratisierung und die Kritik daran sowie die von ihm postulierten Gefahren für die Demokratie.
3. Empirische Befunde: Hier wird die Methodik der Untersuchung unter Verwendung des V-Dem-Datensatzes dargelegt und eine empirische Analyse der Regimetransitionen zwischen 2010 und 2017 sowie deren Ursachen durchgeführt.
4. Fazit und Ausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, wonach trotz einer schwierigen Lage und eines globalen Trends hin zu autokratischen Tendenzen nach Huntingtons Kriterien (noch) nicht von einer Reverse-Welle gesprochen werden kann.
Schlüsselwörter
Demokratie, Demokratisierung, Autokratie, Samuel P. Huntington, Reverse-Welle, Rückwelle, Varieties of Democracy, V-Dem, Regimetransformation, Transition, Liberale Demokratie, Autokratisierung, Politische Partizipation, Politikwissenschaft, Systemwechsel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob sich die Demokratie weltweit in einer Krise befindet und ob man nach der Theorie von Samuel P. Huntington derzeit von einer sogenannten "Rückwelle" der Demokratisierung sprechen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind die wellenförmige Theorie der Demokratisierung, die methodische Kritik an diesem Modell sowie die aktuelle empirische Überprüfung der globalen demokratischen Entwicklung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, herauszufinden, ob die aktuell von vielen Politikwissenschaftlern geäußerten Sorgen um den Zustand der Demokratie belegbar sind und ob eine "Rückwelle" hin zu autokratischen Regimen stattfindet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt als empirische Grundlage den Datensatz der Forschungsgruppe "Varieties of Democracy" (V-Dem), um Regimetransitionen zwischen 2010 und 2017 quantitativ zu analysieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Aufarbeitung der Huntington-Theorie und eine empirische Analyse, die das V-Dem-Messinstrument verwendet, um politische Systeme und deren Veränderungen im Untersuchungszeitraum einzuordnen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Demokratie, Autokratisierung, Reverse-Welle, V-Dem, Transitionen und politischer Systemwechsel.
Warum wurde V-Dem als Messinstrument gewählt?
V-Dem wurde gewählt, weil es viele Validitäts- und Reliabilitätsprobleme anderer gängiger Demokratieindizes vermeidet und eine detaillierte, disaggregierte Datenbasis für nahezu alle Staaten der Welt bietet.
Welches Ergebnis liefert die Untersuchung bezüglich der "Rückwelle"?
Die Untersuchung kommt zu dem Schluss, dass zwar ein globaler Trend zu autokratischen Tendenzen und eine schwierige Lage der Demokratie erkennbar sind, nach den Kriterien Huntingtons aber derzeit noch nicht von einer klassischen "Reverse-Welle" gesprochen werden kann.
- Citation du texte
- Benjamin Leonhardt (Auteur), 2018, Die Demokratie in der Krise?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446362