Dramenanalyse des existenzphilosophischen Stücks "Die Fliegen" von Jean-Paul Sartre und seine Einbindung in den Deutschunterricht


Seminararbeit, 2004
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Jean-Paul Sartre: Leben und Werk

3 Die Fliegen
3.1 Entstehungsgeschichte
3.2 Titel des Stückes
3.3 Fabel
3.4 Aufbau und Struktur
3.5 Sprache und Stil
3.6 Existenzphilosophische Deutung

4 Die Fliegen als Gegenstand im Deutschunterricht
4.1 Didaktische Überlegungen
4.2 Zielsetzung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Aus dem Interesse heraus, durch diese Hausarbeit nicht nur in Bezug auf mein Erweiterungsfach Deutsch zu profitieren, sondern ebenso mein Wissen im Bereich der französischen Literaturwissenschaften zu erweitern, habe ich als Thema für meine didaktische Seminararbeit das im Kurs behandelte Drama Die Fliegen von Sartre gewählt. Hinzu kommt noch die Möglichkeit, meine beiden Unterrichtsfächer Französisch und Deutsch mit meinem Grundlagenwahlfach Philosophie zu verknüpfen, wodurch sich mir die Chance bietet, nicht jedes einzelne Fach isoliert voneinander zu betrachten, sondern mir durch die Verbindung dieser Fächer einen Überblick zu verschaffen, der mir den Gesamtzusammenhang von der Entwicklung auf den Gebieten Geschichte, Philosophie, Literatur und Theater deutlicher werden lässt.

Und genau dieser Zusammenhang ist es, der durch die Behandlung eben diesen Dramas im Deutschunterricht den Schülern deutlichgemacht werden soll. Um aufzuzeigen, wie dies möglich ist, und warum es nötig ist, wird im ersten Teil dieser Seminararbeit das Leben und Werk von Sartre näher untersucht mit ständigem Blick auf die Stellung des Dramas Die Fliegen innerhalb seines Gesamtwerks (2). Nachdem das hier zu behandelnde Theaterstück grob in Sartres existenzphilosophische Theorie eingeordnet wurde (3), wird auf die konkrete Entstehungsgeschichte der Fliegen eingegangen, indem geschichtliche Hintergründe dargelegt werden und deren Reaktion auf diese anhand des Dramas belegt werden (3.1). Von hier ausgehend wird eine umfassende Analyse der Fliegen offengelegt, bezogen auf die Titelgebung des Stücks (3.2), seine Fabel (3.3), den Aufbau und die Struktur (3.4) und auf die existenzphilosophische Aussage des Dramas (3.5).

Nachdem alle diese einer Unterrichtsvorbeitung zugrunde liegen müssenden Informationen dargestellt worden sind, werden konkrete didaktische Überlegungen in Bezug auf die Behandlung dieses Dramas im Deutschunterricht angestellt (4), wobei die verschiedenen Dimensionen eines zu bearbeitenden Dramas näher erläutert werden, bevor sich damit befasst wird, was die Behandlung eben diesen Theaterstücks den Schülern bringen soll (4.1).

2 Jean-Paul Sartre: Leben und Werk

Die sich bis zu seinem Tod durch sein gesamtes literarisches und philosophisches Werk hinziehende grundlegende Absicht, durch das geschriebene Wort wirken zu wollen, lässt sich bereits in Sartres Kindheit in ihren Grundzügen beobachten[1]. Erklären kann man dies mit dem frühen Tod seines Vaters, kurz nach Sartres Geburt, im Jahre 1905, der seine Mutter dazu veranlasst mit ihrem einzigen Sohn zu den Großeltern zu ziehen, die sich um die Erziehung Jean-Paul Sartres kümmern sollen. Während dieser in seinen ersten Kindheitsjahren ein eher geschwisterliches Verhältnis zu seiner Mutter aufbaut, entwickelt sich zwischen Sartre und seinem Großvater eine sehr enge Beziehung[2]. Sein Großvater, Charles Schweitzer, fungiert hier nicht nur als autoritärer Erzieher Jean-Paul Sartres, sondern nimmt ebenso die Stellung seines persönlichen Vorbilds ein. Als Lehrer für moderne Sprachen inspiriert dieser den Jungen, sich in Form von geschriebenen und gesprochenen Worten gekonnt auszudrücken und fördert daher entsprechend seinen Enkel.

Durch kleine selbstgeschriebene Texte und Theaterstücke, die er gemeinsam mit dem Großvater aufführt, bewährt sich Sartre immer wieder von Neuem, und genau dieses ständige Bewähren gegenüber seinen Erziehern schaffen in dem Kind Jean-Paul Sartre den Gedanken, das Leben bestehe aus ständigen Bewährungsproben, in denen man sich behaupten müsse um einen bestimmten Platz im Leben zu verteidigen oder eine Stellung zu halten. Mit dieser Grundhaltung ist bereits das Fundament geschaffen für Sartres später daraus entwickelte Existenzphilosophie, deren Theorie sich unter anderem in dem hier zu betrachtenden Drama Die Fliegen wiederfinden lässt.

Jedoch nicht nur jene Theorie ist in diesem Drama aufgegriffen und dargestellt, sondern ebenso die Kindheit Sartres selbst spiegelt sich hier wieder: Ein Junge ohne Zuhause. Denn weder bei seinen Großeltern fühlt sich der Frühbegabte wirklich zu Hause, noch bei seiner Mutter und dessen zweitem Ehemann, zu denen er im Jahre 1916 zieht[3]. Ähnlich wie der Held des Dramas Die Fliegen, Orest, fühlt sich Sartre von seinen Großeltern, seiner Mutter und seinem Stiefvater zwar freundlich aufgenommen, identifiziert sich aber gleichzeitig nie mit einem Kind, das einen festen Platz in der Familie hat, sondern eher mit einem Fremden, der eigentlich nicht zur Familie gehört, sondern nur geduldet wird. Nach Kusenberg muss er sich dieser Aufnahme würdig zeigen, sie sich gleichsam verdienen[4]. Ebenso wie Orest um die Aufnahme in seiner Geburtsstadt Argos kämpft, kämpft Sartre um die Aufnahme in seiner eigenen Familie.

Eine bestimmte Existenz ist nach Sartre also nicht selbstverständlich, sie wird einem nicht geschenkt, sondern sie muss gerechtfertigt werden. Nach Sartres daraufhin entwickelter Philosophie existiert der Mensch also nur insofern, als er sein eigenes Leben zu rechtfertigen vermag, durch sein Tun und sein Handeln[5].

Sartre lebt bereits als Kind mit der Vorstellung, sein eigenes Handeln definiere ihn selbst. Dementsprechend verhält er sich also so konform wie möglich um nicht unangenehm aufzufallen, weil er jederzeit damit rechnet, aus der Familie ausgestoßen werden zu können. Auch hier lässt sich wieder eine Parallele zu den in dem Drama Die Fliegen auftretenden Personen erkennen, nämlich zu den Einwohnern von Argos. Jene in Trauerkleidung gehüllte Menschen tun alles, was ihr König Ägist von ihnen verlangt, um ihren Platz in der Gesellschaft zu behalten. Nicht sie selbst beurteilen sich, sondern die anderen, die Mitmenschen und der König. Das Beurteilt-Werden wird damit zu einer Frage von Leben und Tod[6]. Dies gilt sowohl für die Einwohner von Argos, als auch für den jungen Sartre selbst.

Später prangert der selbständig gewordene Sartre eben dieses konforme Verhalten seiner eigenen Gesellschaftsschicht an. Mit großer Aggressivität und Hass geht er gegen das Bürgertum vor, gegen seine eigene Herkunft. Auch hier darf eine Parallele gezogen werden zu dem Vorgehen Orests gegen die Einwohner von Argos. Orest versucht, ihnen die Augen zu öffnen, ihnen ihre Freiheit aufzuzeigen, ebenso wie Sartre versucht, seinen Mitmenschen die Absurdität der gesellschaftlichen Zwänge aufzuzeigen. So aggressiv wie Sartre gegen seine Gegner vorgeht, geht Orest gegen seine eigene Mutter vor. Beide greifen also ihre Herkunft an, in der sie wurzellos sind. Dabei ist es Sartre egal, was seine Mitmenschen von ihm denken, wie sie ihn beurteilen. Für ihn zählt ausschließlich sein eigenes Handeln denn der junge Philosoph geht von der These aus, der Mensch sei nur, was er selbst aus sich mache, was er leiste und was von ihm selbst gelebt wird[7]. Nicht die Fremdbestimmung ist diejenige, die zählt, sondern die Selbstbestimmung.

Seine philosophischen Kenntnisse vertieft Jean-Paul Sartre auf der École Normale Supérieure, in die er 1924 dank der bestandenen, sehr harten Aufnahmeprüfung eintreten darf. Auf dieser Eliteschule, deren Studenten während des gesamten Studiums Staatsstipendiaten sind, lernt Sartre 1929 seine zukünftige Lebensgefährtin Simon de Beauvoir kennen. Nachdem er im selben Jahr die Agrégation[8] als erster macht, absolviert der junge Philosoph seinen Militärdienst bei einer Meteorologie-Einheit in Tours. Anschließend fängt Sartre an, Philosophie zu unterrichten. Von 1931 bis 1944 lehrt der agrégierte Philosoph erst an einem Gymnasium in Le Havre, bis 1942 am Pasteur-Gymnasium in Paris und bis 1944 am Lycée Condorcet, da er nicht mehr in der Provinz unterrichten will, sondern in der Hauptstadt des Landes. Seinen Aufenthalt in Le Havre unterbricht Jean-Paul Sartre in den Jahren 1933 und 1934 durch einen Aufenthalt in Berlin, wo er am dortigen französischen Institut tätig wird. Hier schließt er Bekanntschaft mit dem Philosophen Edmund Husserl, der einen der drei ihn und sein Werk beeinflussenden philosophischen Größen darstellt. Die beiden anderen sind Heidegger und Hegel. Aus der Auseinandersetzung mit deren philosophischen Gedanken gehen Sartres Werke hervor, wie Die Transzendenz des Ego. Versuch einer phänomenologischen Beschreibung (1936), Die Mauer (1937), Der Ekel (1938), Das Zimmer (1939), Herostrat (1939), Intimität (1939), Die Kindheit eines Chefs (1939), Entwurf einer Theorie der Emotionen (1939) und Das Imaginäre (1936).

Durch den zweiten Weltkrieg wird zwar Sartres pädagogische Laufbahn in Le Havre für einige Zeit unterbrochen, nicht aber seine schriftstellerische Tätigkeit. Auch während des Kriegsdienstes, zu dem er 1939 eingezogen wird und während seiner Kriegsgefangenschaft von 1940 bis 1941 schreibt Sartre weiter[9]. Als Schriftsteller, der mit seinen Texten die Widerstandskämpfer psychisch unterstützen will, entwickelt Sartre im Kriegsgefangenenlager das Werk Bariona oder der Sohn des Donners. Ein Weihnachtsspiel (1940) und beginnt mit der Arbeit an seinem Hauptwerk Das Sein und das Nichts, das drei Jahre später veröffentlicht wird. Im selben Jahr, 1943, findet die Uraufführung seines ersten Dramas, Die Fliegen, unter der deutschen Besatzung in Paris statt. Von den deutschen Besatzern hauptsächlich verstanden als die Neubearbeitung des Orest-Mythos, von den französischen Widerstandskämpfern aber aufgegriffen als das, was es sein sollte, nämlich das Aufzeigen der Theorie, jeder Mensch sei frei und wähle selbst seinen Weg und damit seine eigene Existenz, erregt dieses Theaterstück einiges Aufsehen.

[...]


[1] Kusenberg, Kurt (Hrsg.): Jean-Paul Sartre in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Walter Biemel, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1964, S.7

[2] Danto, Arthur C.: Jean-Paul Sartre, München: Taschen 1977, S.148

[3] ebenda

[4] Kusenberg, Kurt (Hrsg.): Jean-Paul Sartre in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten dargestellt von Walter Biemel, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1964, S.8 f.

[5] ebenda, S.10

[6] ebenda, S.13

[7] ebenda, S.16

[8] Die Agrégation ist eine Zusatzprüfung zu dem französischen Lehrer-Staatsexamen, die es dem Absolventen ermöglicht, einen Sonderstatus als Lehrer zu genießen, der ausschließlich Vorteile mit sich bringt, wie unter anderem eine verringerte zu unterrichtende Stundenzahl und ein höheres Gehalt. Die Agrégationsprüfung wird in einer Art Wettbewerb absolviert und bietet daher nur den Meistbegabten die Möglichkeit, jenen Agregationstitel zu erlangen.

[9] Danto, Arthur C.: Jean-Paul Sartre, München: Taschen 1977, S.149

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Dramenanalyse des existenzphilosophischen Stücks "Die Fliegen" von Jean-Paul Sartre und seine Einbindung in den Deutschunterricht
Hochschule
Pädagogische Hochschule Freiburg im Breisgau
Veranstaltung
Adaption Antiker Stoffe
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V44644
ISBN (eBook)
9783638422024
ISBN (Buch)
9783638657600
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dramenanalyse, Stücks, Fliegen, Jean-Paul, Sartre, Einbindung, Deutschunterricht, Adaption, Antiker, Stoffe
Arbeit zitieren
Jana Dietsch (Autor), 2004, Dramenanalyse des existenzphilosophischen Stücks "Die Fliegen" von Jean-Paul Sartre und seine Einbindung in den Deutschunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44644

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