Der um 1478 in London geborene Thomas Morus gilt mit seinem literarischen Werk „Utopia“, das er um 1516 in lateinischer Schrift verfasste, als Begründer der modernen Sozialutopie. Aufgeteilt in zwei Büchern thematisiert er hier ein Ideal einer Gesellschaft fernab von den zu dieser Zeit in England herrschenden Strukturen, die insbesondere zu Ungunsten der unteren Klassen ausfielen. Die Verhältnisse, die im England des sechszehnten Jahrhunderts vorzufinden waren, stellten den wesentlichen Beweggrund für Morus zum Schreiben dieses Buches dar. Wie auch in anderen Ländern waren die Menschen zu dieser Zeit abhängig von den jährlichen Ernteergebnissen, da die Import- und Exportmöglichkeiten noch sehr gering waren. So lebten 90% der englischen Bevölkerung auf dem Land, um dort mit landwirtschaftlichen Schwerstarbeiten ihr existenzielles Überleben zu sichern. Erst als der aus dem Westen kommende Frühkapitalismus seinen Weg nach England fand, wurden die Städte, vor allem aber die heutige Hauptstadt London, von Menschenmassen überflutet. Allerdings war diese Verstädterung keineswegs die Folge positiver Entwicklungen. Vielmehr begünstigte sie die Verarmung der Menschen, die durch Landarbeit ihr täglich Brot verdienten. So wurden Bauern von ihrem Land gewaltvoll vertrieben und flüchteten in die nahegelegenen Städte, wo sie dann auf den Straßen verhungerten, sofern sie nicht als Tagelöhner in den neu entstandenen Fabriken Arbeit fanden. Die wirtschaftlichen Veränderungen hatten zur Folge, dass sich die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich verschärfte, wobei das Lager der Besitzenden die deutliche Minderheit bildete.
Empört über derartig strukturierte Verhältnisse machte es sich Morus zur Aufgabe einen Staat zu entwickeln, der auf der Idee einer idealen Gesellschaft beruht. Sein dabei entstandenes Werk „Utopia“ kann als Abrechnung zum Frühkapitalismus gesehen werden, welches die am Beispiel Englands entstandenen Ungerechtigkeiten versucht auszuloten.
In dieser Arbeit soll erörtert werden, inwiefern es Morus gelungen oder auch nicht gelungen ist, einen für alle gerechten Idealstaat zu konstruieren. Dabei sollen Parallelen zum sich im 19. Jahrhundert etablierten Kommunismus gezogen werden, welcher, wie Utopia selbst, durch die Umsetzung bestimmter, egalitaristischer Ideen versucht, Gerechtigkeit zu erlangen.
Inhaltsverzeichnis
1. Utopia – Die Beweggründe
2. Utopia – eine Einführung
3. Die kommunistische Richtung
4. Utopia – die gesellschaftliche Organisation
4.1 Arbeitsregelung
4.2 Soziale Beziehungen
4.3 Das Kriegswesen
5. Die politische Organisation
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht, inwiefern Thomas Morus mit seinem Werk „Utopia“ einen für alle Menschen gerechten Idealstaat konstruieren konnte, und analysiert dabei kritisch die Parallelen zwischen diesem Entwurf und dem im 19. Jahrhundert etablierten Kommunismus.
- Historische Beweggründe für die Entstehung der Sozialutopie
- Kritische Analyse der Gleichheitsgrundsätze und deren Auswirkungen auf die Freiheit
- Die Rolle von Privateigentum und dessen Abschaffung
- Strukturen der gesellschaftlichen und politischen Organisation
- Die Spannung zwischen Kollektivismus und individueller Menschenwürde
Auszug aus dem Buch
4.1 Arbeitsregelung
In Utopia muss jeder Bürger, ausgenommen von Alten, Kranken oder Kindern, sechs Stunden täglich auf dem Feld arbeiten, um das Grundeinkommen der Gemeinschaft sicherstellen zu können. Das hat den Vorteil, dass sich das Leben des Einzelnen nicht an ihm selbst, sondern an der Gemeinschaft als Ganzes ausrichtet, wodurch Habgier, Herrschsucht, Selbstliebe oder sonstige Formen des menschlichen Egoismus, die sich durchaus negativ auf das Zusammenleben in einer Gesellschaft auswirken können, ausgeklammert werden sollen. Die Ordnung, die durch dieses Prinzip zustande kommt, soll den Menschen einen Sinn im Leben geben, welcher mit einer Existenzsicherung einhergeht. Im gleichen Zuge bedeutet das aber, dass die Bürger Utopias der Arbeit für die Gemeinschaft und damit der Gemeinschaft selbst unterworfen sind.
Der Arbeitszwang stellt die Interessen der Gemeinde über die des Individuums und macht den Einzelnen somit zu einem gefügigen Teil der Gesellschaft, welcher um des Willens dieser und nicht um des eigenständigen Willens heraus funktioniert. Dieser Effekt wird insbesondere dadurch verstärkt, dass bei Arbeitsverweigerung oder sonstigen Regelverstößen eine lebenslange Versklavung die Folge sein kann, bei welcher eine vollständige Entehrung des Betroffenen vorgenommen wird. Ein Leben als Sklave soll durch das Einhalten der Regeln und der damit verbundenen Unterwerfung dieser umgangen werden können, wodurch sich die Bürger allerdings erst recht zu Sklaven machen – in dem Fall zu Sklaven des Systems. Letztendlich unterbindet der Arbeitszwang, welcher dem Wohle der Gemeinschaft dienen soll, das Mit- und Selbstbestimmungsrecht der Menschen und greift damit unmittelbar in ihre Freiheit ein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Utopia – Die Beweggründe: Die Arbeit beleuchtet die historischen Ursprünge von „Utopia“ vor dem Hintergrund des frühkapitalistischen Englands des 16. Jahrhunderts.
2. Utopia – eine Einführung: Dieses Kapitel führt in das komplexe Konzept der Gerechtigkeit in Utopia ein und thematisiert das Prinzip der Gleichverteilung materieller Ressourcen.
3. Die kommunistische Richtung: Es wird die Verbindung zwischen Morus’ Entwurf und dem modernen Kommunismus unter dem Aspekt der Abschaffung des Privateigentums analysiert.
4. Utopia – die gesellschaftliche Organisation: Das Kapitel untersucht die praktischen Auswirkungen der utopischen Ordnung auf Arbeit, soziale Hierarchien und das Kriegswesen.
4.1 Arbeitsregelung: Die Analyse des täglichen Arbeitszwangs zeigt auf, wie dieser die Freiheit des Individuums zugunsten der Gemeinschaft einschränkt.
4.2 Soziale Beziehungen: Hier wird die patriarchale und hierarchische Struktur Utopias beleuchtet, die im Widerspruch zu einem modernen Verständnis von Würde und Freiheit steht.
4.3 Das Kriegswesen: Das Kapitel kritisiert die Fremdsteuerung von Menschen als Krieger und zeigt, wie Utopia die Herrschaft der Gemeinschaft über das Individuum ausübt.
5. Die politische Organisation: Die Untersuchung legt dar, dass das politische System in Utopia eine Scheindemokratie darstellt, die jeglichen echten Spielraum für die Bürger vermissen lässt.
6. Fazit: Die Arbeit schließt mit dem Ergebnis, dass Morus’ Idealstaat letztlich neue Ungerechtigkeiten schafft und die individuelle Freiheit sowie die Menschenwürde systematisch untergräbt.
Schlüsselwörter
Utopia, Thomas Morus, Gerechtigkeit, Gleichheit, Kommunismus, Sozialutopie, Privateigentum, Menschenwürde, Gesellschaftsordnung, Freiheit, Klassengesellschaft, Kollektivismus, Arbeitszwang, Herrschaft, Idealstaat
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch den utopischen Gesellschaftsentwurf von Thomas Morus und hinterfragt, ob dieser tatsächlich zu einer gerechteren Gesellschaft führt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den zentralen Themen gehören die Bedeutung von Gleichheit, die Abschaffung des Privateigentums, die Struktur der politischen Führung sowie die Auswirkungen kollektiver Systeme auf die individuelle Freiheit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu erörtern, ob es Morus gelungen ist, einen für alle Menschen gerechten Idealstaat zu entwerfen, wobei die negativen Konsequenzen für das Individuum im Zentrum stehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine diskursive philosophische Analyse und vergleicht das literarische Werk mit sozioökonomischen Theorien, insbesondere dem Kommunismus.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der Beweggründe, der gesellschaftlichen Organisation, der Arbeitsverpflichtungen, der sozialen Hierarchien und des politischen Systems innerhalb Utopias.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich vor allem durch Begriffe wie Gerechtigkeit, soziale Gleichheit, Kollektivismus, Totalitarismus und individuelle Freiheit beschreiben.
Warum sieht die Autorin den Arbeitszwang in Utopia kritisch?
Die Autorin argumentiert, dass der Arbeitszwang zwar der Gemeinschaft dient, jedoch das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen unterbindet und ihn letztlich zum Sklaven des Systems macht.
Wie bewertet die Arbeit das politische System Utopias?
Sie bewertet das System als eine Scheindemokratie, in der aufgrund strikter Regeln und mangelnder politischer Teilnahme kein echter Raum für Autonomie besteht.
Inwiefern zieht die Arbeit Parallelen zum Kommunismus?
Beide Systeme werden als Versuche gesehen, durch die Abschaffung von Privateigentum und die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft Gerechtigkeit zu erzwingen, was nach Ansicht der Autorin jedoch beide Male scheitert.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Autorin?
Sie kommt zu dem Schluss, dass Morus’ Entwurf keine gerechtere Gesellschaft schafft, sondern durch die Konzentration auf materielle Gleichheit die soziale Freiheit und die Würde des Menschen missachtet.
- Citation du texte
- Jessica Bauer (Auteur), 2017, Thomas Morus' Utopia als die gerechtere Gesellschaft?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446504