Beziehungen in der professionellen christlichen Jugendarbeit

Theoretische Grundlagen und gemeindepädagogische Herausforderungen


Bachelorarbeit, 2018
52 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Einleitung

1. Definition des Begriffes Beziehung
1.1 Theologisches Verständnis
1.2 Philosophisches Verständnis nach Martin Buber
1.3 Psychologisches Verständnis des personenzentrierten Ansatzes
1.4 Kommunikationstheorie nach Paul Watzlawick

2. Beziehungen im pädagogischen Kontext
2.1 Pädagogisches Verhältnis
2.1.1 Pädagogischer Bezug
2.1.2 Pädagogische Situation
2.1.3 Pädagogisches Feld
2.2 Beziehung als Arbeitsbeziehung
2.3 Persönliche Beziehung in Abgrenzung zur Arbeitsbeziehung

3. Christliche Jugendarbeit
3.1 Ziele der christlichen Jugendarbeit
3.2 Rechtliche Grundlagen der Jugendarbeit
3.3 Geschichtliche Entwicklung der christlichen Jugendarbeit
3.4 Bildung in der christlichen Jugendarbeit
3.5 Handlungsfelder christlicher Jugendarbeit
3.6 Kernkompetenzen professioneller Jugendarbeit

4. Zwischenfazit – Beziehungen in der Jugendarbeit

5. Chancen von Beziehungsarbeit
5.1 Unterstützung bei der Identitätsfindung
5.2 Beziehungen als stellvertretende Ablösebeziehungen

6. Gefahren innerhalb der Beziehungsarbeit
6.1 Spannungsfeld Nähe und Distanz
6.2 Gefahr der sexualisierten Gewalt

7. Zukunft von christlicher Jugendarbeit

Fazit

Literaturverzeichnis

Abstract

Christliche Jugendarbeit erreicht in Deutschland ca. 1,35 Mio. Kinder und Jugendliche. Das heißt, diese Kinder und Jugendliche haben eine Beziehung zu der christlichen Jugendarbeit bzw. zu den dort tätigen Menschen. Hier stellt sich die Frage, von welchen Formen von Beziehung dort gesprochen wird und wie sie aus der professionellen Perspektive betrachtet werden kann? Welche Chancen und Gefahren bringen diese Beziehungen mit sich? Weiter: Von welchen Formen von Beziehung wird dort gesprochen? Wie können Beziehungen aus der professionellen Perspektive betrachtet werden? Welche Chancen und Gefahren bringen diese Beziehungen mit sich?

Um Antworten auf die Fragen zu finden, wurde das Themenfeld aus verschiedenen Blickwinkeln bearbeitet. Der Begriff Beziehung wurde definiert, aus theologischer, philosophischer und psychologischer Sicht. Eine daran anschließende Betrachtung von persönlicher Beziehung und Arbeitsbeziehung verdeutlichte die Besonderheit der Beziehungen in der christlichen Jugendarbeit. Dort sind die Beziehungsformen keiner dieser beiden Varianten eindeutig zuzuordnen. In der christlichen Jugendarbeit findet sich eine Mischform, da die Gemeindepädagogen/Gemeindepädagoginnen persönlich ansprechbar als auch Vertreter einer Institution sind, in deren Auftrag sie handeln. Bei der Bearbeitung der Chancen von Beziehungen zeigt sich deutlich, dass sie die heranwachsenden Menschen in ihrer Identitätsfindung unterstützen können und beim Erwachsenwerden helfen. Bei den Gefahren liegt der Fokus auf dem Spannungsfeld Nähe und Distanz, hier wurde deutlich, dass der Wechsel in eine Richtung fatale Folgen für den heranwachsenden Menschen haben kann. Vor allem sexualisierte Gewalt wurde hier gesondert thematisiert.

Als Ergebnis zeigt sich, dass Beziehungen und Beziehungsarbeit die Grundlage für christliche Jugendarbeit sind. Als abschließendes Fazit wurde die Aussage getroffen, dass Jugendarbeit Beziehungsarbeit ist.

Einleitung

„Man hat Kontakt zu Leuten, hat ständig jemanden, mit dem man reden kann. Man kann auch mit den Betreuern hier über alles reden. (…) Man ist deswegen hier, weil Freunde hier sind. Es ist meistens gemütlich, man kann in Ruhe quatschen“ (Fauser, Fischer & Münchmeier, 2008a, S. 194). An dieser Aussage eines 17-jährigen CVJM-Mitglieds wird deutlich, dass Beziehungen ein wichtiger Bestandteil der christlichen Kinder- und Jugendarbeit sein müssen, da ohne Beziehung keine Vertrauensbasis entstehen kann. Für hauptamtliche Gemeindepädagogen/Gemeindepädagoginnen müsste das heißen, dass Beziehungen zu den heranwachsenden Menschen und die dazu gehörende Beziehungsarbeit ein wichtiger Teil der Arbeit sein sollte. Denn ca. 1,35 Mio. Kinder und Jugendliche nehmen die Angebote der evangelischen Kinder- und Jugendarbeit in Deutschland wahr (vgl. Corsa u. a., 2014, S. 144). Dies bedeutet, dass zu diesen heranwachsenden Menschen eine Beziehung bestehen muss, wenn sie an den Angeboten der christlichen Kinder- und Jugendarbeit teilhaben. Diese vorgefundene Situation lässt Raum für einige Fragen, die in der vorliegenden Arbeit beantwortet werden sollen. Dafür werden zahlreiche Themen innerhalb dieser Arbeit aufgegriffen, um ein möglichst breites Blickfeld auf Beziehungen und die damit verbundenen Themen zu erhalten.

Diese Arbeit widmet sich in neun Kapiteln folgenden Fragen: Was ist eine Beziehung? Was macht eine Beziehung im pädagogischen Kontext aus? Wie unterscheiden sich verschiedenen Formen von Beziehung? Was ist Jugendarbeit und was macht sie aus? Wie funktioniert Beziehung in der Jugendarbeit? Welche Chancen bringen Beziehungen für die Jugendarbeit mit? Auf welche Gefahren muss bei Beziehungen in der Jugendarbeit geachtet werden? Wie kann Jugendarbeit in Zukunft aussehen? Wie wichtig sind Beziehungen und Beziehungsarbeit für die Jugendarbeit?

Die Einleitung soll in die Thematik einführen und verdeutlichen, warum die Beschäftigung mit Beziehungen in der Jugendarbeit als lohnenswert gilt. Darauf näher sich Kapitel dem Begriff Beziehung aus der Blickrichtung drei verschiedener Disziplinen. Kapitel 2 erörtert verschiedenen Beziehungsformen und Beziehungsarbeit aus Sicht der Pädagogik. Im Kapitel 3 wird christliche Jugendarbeit beleuchtet und deren Entwicklungsgeschichte, Ziele und Handlungsfelder, um den Kontext für die Beziehungsarbeit zu schaffen. Kapitel 4 verfasst als Zwischenfazit eine Beziehungsform in der Jugendarbeit. Kapitel 5 und 6 beschäftigen sich mit Chancen und Gefahren von Beziehungen in der christlichen Jugendarbeit. Kapitel 7 wagt einen Blick in die Zukunft und betrachtet mögliche Modelle der Kinder- und Jugendarbeit, hier sollen sich Faktoren herausstellen, die entscheidend für gute Modelle sind. Im Fazit wird die Arbeit zusammengefasst und die Frage geklärt, wie wichtig Beziehungen und Beziehungsarbeit für die christliche Jugendarbeit sind.

Das Thema der Arbeit deutet an, dass die gesamte christliche Jugendarbeit umfasst wird. Aufgrund der zur Verfügung stehenden Literatur und dem professionellen Hintergrund einer evangelischen Hochschule liegt der Schwerpunkt auf der evangelischen Jugendarbeit. Die Folge ist, dass in den Zitaten häufig von evangelischer Jugendarbeit gesprochen wird, da die Literatur aus diesem Kontext stammt.

Alle in der Arbeit verwendeten Bibelstellen stammen aus der revidierten Lutherbibel 2017 (Die Bibel, 2017).

1. Definition des Begriffes Beziehung

Für die Beschäftigung mit Beziehungen innerhalb der christlichen Jugendarbeit ist es ein Verständnis über die Grundlagen von Beziehungen unabdingbar. In diesem Kapitel wird daher die Beziehung aus drei verschiedenen Disziplinen betrachtet, umso eine möglichst ausdifferenzierte Vorstellung von dem Begriff Beziehung zu schaffen.

1.1 Theologisches Verständnis

Für ein theologisches Verständnis von Beziehung und das damit verbundene Bild des Menschen bietet sich der Blick in die theologische Anthropologie an.

Die wohl bekannteste Grundlage der theologischen Anthropologie befindet sich im Alten Testament, genauer gesagt in der ersten Schöpfungserzählung. „Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau“ (Genesis 1,26f.).

Die hier vorliegende Erschaffung und Bestimmung des Menschen zum Bild Gottes ist in der gesamten christlichen Überlieferung die entscheidende theologische Aussage, die den Menschen von den anderen Geschöpfen abgrenzt, aber gleichzeitig auch in Beziehung zu diesen setzt (vgl. Härle, 2007, S. 434). Es bleibt die Frage offen, worin sich die Gottesebenbildlichkeit des Menschen zeigt. „Es ist nicht etwas am Menschen, das ihn zu einem Bild Gottes macht – sei es die körperliche Gestalt, der aufrechte Gang, die Geistnatur, die Ansprechbarkeit, die Zweigeschlechtlichkeit oder der Herrschaftsauftrag -, sondern gemeint ist die Existenz im Gegenüber und in Beziehung zu Gott insgesamt, die seine Erschaffung und Bestimmung zum Bild Gottes ausmachen. Diese Bestimmung ist mit dem Dasein des Menschen gegeben, und der Mensch entspricht ihr, indem er in Bundestreue, d. h. in Gerechtigkeit, Gott gegenüber lebt“ (Härle, 2007, S. 435).

Abschließend zu der Frage, worin sich die Gottesebenbildlichkeit des Menschen zeigt, ist deutlich geworden, „dass es nicht etwas am Menschen ist, das ihn zum Ebenbild Gottes macht, sondern dass der Mensch darin Ebenbild Gottes ist, dass er in seiner leib-seelischen Ganzheit in einer Beziehung zu Gott und zu seinen Mitmenschen existiert, die ihrerseits dem Wesen Gottes, also den Charakter der Liebe hat“ (Härle, 2007, S. 436).

Nach theologischem Verständnis sind Beziehungen zwischen Gott und den Menschen oder zwischen Menschen notwendig für den Menschen. Dieser Gemeinschaftsbezug ist eine „Grundstruktur menschlichen Daseins“ (Feiner & Blank, 1988, S. 415). Der Mensch ruht nicht in sich selbst und ist nicht selbstgenügsam. „Er ist ständig unterwegs – von Gott her zum Menschen hin, vom Menschen her zu Gott hin“ (Feiner & Blank, 1988, S. 415). Der Mensch kann sein Heil nur als Gemeinschaftswesen verwirklichen, die Grundlage dafür liegt in „der im Glauben fundierten Liebe zu Gott und den Menschen“ (Zsifkovits, 2013, S. 19). Eine Beschreibung der optimalen Gemeinschaft in Jesus Christus befindet sich in Galater 3,28, dort heißt es: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“

Bei der Betrachtung von Beziehung, im Rahmen von Theologie, ist vor allem eins deutlich geworden: Beziehungen bilden die Grundlage des Menschen, ohne die er so nicht existieren könnte.

1.2 Philosophisches Verständnis nach Martin Buber

Martin Buber war ein Philosoph der Neuzeit (*1878 – 1965) und war durch den Einfluss seines Großvaters ein Anhänger des Chassidismus, einer Frömmigkeitsbewegung des Judentums (vgl. Galling, Campenhausen & Dinkler, 1986, S. 1451f.). Sein „dialogisches Prinzip“ ist jedoch unabhängig von seiner Religion auf die zwischenmenschliche Ebene übertragbar. Die Rolle Gottes in Bubers Philosophie soll dennoch erwähnt werden, um deren Logik besser nachvollziehen zu können.

Buber prägt im 20. Jahrhundert ein neues zwischenmenschliches Verständnis mit seiner dialogischen Philosophie. Seine Ich-Du-Logik ist vor allem dadurch geprägt, dass das „Ich“ und das „Du“ nicht einzeln existieren können, sondern sich über den Dialog miteinander definieren. Für Buber heißt das, der Mensch wird „am Du zum Ich“ (Buber, 2014, S. 32).

Einer der zentralen Begriffe in der Philosophie Bubers ist der Begriff der Begegnung. Erst sie ermöglicht dem Menschen, in den Dialog mit dem Gegenüber zu treten (vgl. Buber, 2014, S. 15). Die Ich-Du-Logik Bubers beschränkt sich jedoch nicht nur auf zwischenmenschliche Beziehungen. Der Mensch kann auch mit der Natur oder geistigen Wesenheiten in den Dialog treten (vgl. Buber, 2014, S. 10). Buber unterscheidet hier zwischen zwei Wortpaaren, zwischen Ich – Du und Ich – Es. Die Welt von Ich – Du ist hier als die beziehungsstiftende Welt zu sehen und die Ich – Es-Welt als die erfahrungsstiftende Welt (vgl. Buber, 2014, S. 10).

Die Begegnungen zwischen „Ich“ und „Du“ sind jedoch nicht dauerhaft, wodurch das „Du“ wieder zum „Es“ wird. Die von einem Menschen eingegangenen Begegnungen verändern ihn, sodass die Möglichkeit, mit dem Gegenüber in den Dialog zu treten, erhalten bleibt, das heißt, das „Ich“ kann diese Möglichkeit jederzeit nutzen (vgl. Buber, 2014, S. 32f.).

Für Buber ist der Begriff „zwischen“ sehr entscheidend. Deutlich wird es unter anderem an dem Verständnis von Liebe. Liebe haftet nicht einem Individuum an und hätte das „Du“ nur zum Inhalt, sondern sie passiert zwischen „Ich“ und „Du“ (vgl. Liegle, 2017, S. 89).

Buber bezeichnet Gott als das „ewige Du“ (Buber, 2014, S. 76). Dieser Name impliziert, dass Gott der einzige ist, dem es möglich ist, eine nie endende Beziehung einzugehen, das heißt eine dauerhafte Ich-Du-Beziehung zu führen, ohne in die Ich-Es-Welt zu gleiten.

Die Beziehung zum ewigen Du ist für Buber eine Erweiterung der Ich-Du-Beziehung des Menschen zur Natur. Nach Buber ist der Mensch zwar angeleitet, eine Beziehung zum ewigen Du zu führen, jedoch steht bei ihm nicht die Anbetung im Vordergrund. Einen Gott, der nur angebetet wird, bezeichnet Buber negativ als „Gottes – Es“ (Buber, 2014, S. 117). Für Buber existiert Gott nur in einer dialogischen Beziehung, die „alle anderen einschließt“ (Buber, 2014, S. 77), er lehnt damit eine Vorstellung von einem einzelnen Wesen ab. Buber lässt jedoch offen, wie die Menschen Gott direkt adressieren, und definiert diesen nicht genauer.

Einer der entschiedensten Punkte, die sich aus der Beschäftigung mit der Philosophie Bubers für diese Arbeit ableiten lässt, ist, dass die Grundlage jeder Beziehung die Begegnung ist, ohne die ein Mensch sein Gegenüber nicht kennenlernen kann.

1.3 Psychologisches Verständnis des personenzentrierten Ansatzes

Carl Rogers war im 20. Jahrhundert ein bekannter Vertreter eines personenzentrierten Ansatzes in der Psychotherapie. Er stellt drei Merkmale auf, die für eine gute Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem Klienten grundlegend wichtig sind. Diese Merkmale lassen sich auch auf zwischenmenschliche Beziehungen übertragen, die außerhalb eines Therapeutischen Kontextes stattfinden. Sie sollen im Folgenden erläutert werde.

Das erste Merkmal von Rogers ist die Transparenz, das auch als „Echtheit, Unverfälschtheit oder Kongruenz“ (Rogers, 1981, S. 67) bezeichnet werden kann. Hier ist gemeint, dass der Therapeut dem Klienten unverfälscht gegenübertritt. Dieser soll sich selbst sein und keine „persönliche Fassade“ (Rogers, 1981, S. 67) darstellen. Weiter soll er sich nicht hierarchisch einordnen und sich hinter Floskeln verstecken, sondern sich mit seinen „Gefühlen und Einstellungen“ (Rogers, 1981, S. 67) einbringen, um so eine wirkliche Beziehung zwischen den Personen zu ermöglichen. Es gibt keine Technik, um das Leben in Beziehung zu lernen, sondern es kommt alleine auf die menschliche Substanz an. Der Therapeut muss sich selbst wahrnehmen und in die Beziehung einbringen können (vgl. Rogers, 1981, S. 67).

Das zweite Merkmal beschreibt Rogers als „das Akzeptieren, die Anteilnahme oder Wertschätzung“ (Rogers, 1981, S. 67).

„Wenn der Therapeut eine positive, akzeptierende Einstellung gegenüber dem erlebt, was der Klient in diesem Augenblick ist, dann wird es mit größerer Wahrscheinlichkeit zu therapeutischen Bewegung oder Veränderung kommen. Der Therapeut ist gewillt, den Patienten sein jeweiliges momentanes Gefühl ausleben zu lassen – Verwirrung, Groll, Furcht, Zorn, Mut oder Stolz.“ (Rogers, 1981, S. 67)

Das soll nicht heißen, dass der Therapeuten den Gefühlen zustimmen, sondern, die Gefühle sollen ohne Wertung angenommen werden. Nur so kann ein Klient eine positive Wertschätzung durch den Therapeuten erfahren. Daraus resultiert, dass in der Rolle als Therapeut nicht versuch werden soll, dem Klienten eine eigene Meinung aufzuzwingen, auch wenn es ursprünglich ein gut gemeinter Ratschlag gewesen sein sollte.

Das dritte Merkmal Rogers ist das „einfühlsame Verstehen“ (Rogers, 1981, S. 68). Für Rogers bedeute das, „dass der Therapeut genau die Gefühle und persönliche Bedeutung spürt, die der Klient erlebt, und dass er dieses Verstehen dem Klienten mitteilt. Unter optimalen Umständen ist der Therapeut so sehr in der privaten Welt des anderen drinnen, dass er oder sie nicht nur die Bedeutung klären kann, deren sich der Patient bewusst ist, sondern auch jene knapp unter der Bewusstseinsschwelle“ (Rogers, 1981, S. 68).

Diese Ansicht ist nicht als unproblematisch anzusehen, denn bei dem hier genannten Verstehen, geht es um das Verstehen des Therapeuten, das heißt, wird davon ausgegangen, dass ein Therapeut die ganze Welt des Klienten versteht und deuten kann. Dieses ist jedoch nicht möglich, nichtsdestotrotz ist es auch sehr positiv, eine solche Art des „sensiblen, aktiven Zuhörens“ (Rogers, 1981, S. 68) zu fördern. Der Klient fühlt sich durch diese einfühlsame Art gehört und kann sich dadurch dem Therapeuten besser öffnen und den eigenen „inneren Erlebnisstrom deutlicher wahrnehmen“ (Rogers, 1981, S. 68).

Die drei Punkte von Roger sind zusammengefasst die „Transparenz“, die „Wertschätzung“ und das „einfühlsames Verstehen“. Diese drei Punkte tragen in dem Prozess der personenzentrierten Psychotherapie dazu bei, dass die Beziehung zwischen dem Therapeuten und dem Klienten gestärkt wird.

1.4 Kommunikationstheorie nach Paul Watzlawick

Nach der Beschäftigung mit dem Begriff Beziehung, mit den Blickrichtungen aus drei verschiedenen Disziplinen, ist vor allem eins deutlich geworden. Die Grundlage aller Formen der Beziehung ist die Kommunikation. Für die weitere Beschäftigung mit dem Thema lohnt es sich daher, die Grundlagen der Kommunikationstheorien näher zu betrachten. Hierfür dienen die fünf Axiome zur menschlichen Kommunikation von Paul Watzlawick.

„Man kann nicht nicht kommunizieren“ (Watzlawick, 2016, S. 15). Für das hier verwendete Verständnis von Kommunikation ist es wichtig zu wissen, dass alle „paralinguistischen Phänomene, Körperhaltung, Körpersprache“ (Watzlawick, 2016, S. 13) dazugehören. Hiermit ist Verhalten jeglicher Art gemeint, was innerhalb eines bestimmten Kontextes passiert. Verhalten hat vor allem eine grundlegende Eigenschaft, Verhalten besitzt kein Gegenteil. Diese Erkenntnis kann auch formuliert werden, als man kann sich nicht nicht verhalten. Mit dem hier angewandten Begriff von Kommunikation folgt daraus, dass man nicht nicht kommunizieren kann. Egal ob man handelt oder nicht handelt, schweigt oder sich mitteilt, alle Varianten haben einen Mitteilungscharakter der das Gegenüber beeinflusst. Das heißt auch, es kann nicht nicht reagiert werden (vgl. Watzlawick, 2016, S. 13ff.).

„Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, derart, dass Letztere den Ersteren bestimmt und daher eine Metakommunikation ist“ (Watzlawick, 2016, S. 19). Bei der Betrachtung von einzelnen Mitteilungen fällt vor allem eins auf: Alle enthalten Informationen. Ein weniger auffälliger Aspekt ist der in der Mitteilung versteckte Hinweis, der vermittelt, wie der Sender verstanden werden möchte. Mit anderen Worten, in jeder Kommunikation ist ein Inhalts- und ein Beziehungsaspekt zu finden. Hier gilt, zu beachten, dass dieser Beziehungsaspekt selten ausdrücklich definiert wird. Die Definition rückt umso mehr in den Hintergrund, je besser die Beziehung zwischen dem Sender und dem Empfänger ist. Der Beziehungsaspekt kann als Metakommunikation bezeichnet werden, da es sich um eine Kommunikation über eine Kommunikation handelt (vgl. Watzlawick, 2016, S. 16ff.).

„Die Natur einer Beziehung ist durch die Interpunktion der Kommunikationsabläufe seitens der Partner bedingt“ (Watzlawick, 2016, S. 24). Als Interpunktion werden die subjektiv empfundenen Startpunkte eines ununterbrochenen Austausches von Mitteilungen verstanden. Unterschiedliche Auffassungen der Interpunktion von den Partnern einer Kommunikation führen häufig zu Beziehungskonflikten. Diese Probleme treten nicht nur in z. B. Ehen auf, sondern finden sich auch auf internationaler Ebene. Ein Beispiel dafür ist das Wettrüsten der Großmächte. Die Parteien glauben, zu wissen, dass die andere angefangen hat und selbst nur ein Verteidigungsgrund vorlag. Die Form von Beziehungen in der Kommunikation entscheidet sich häufig über das Verständnis der Interpunktion (vgl. Watzlawick, 2016, S. 20ff.).

„Menschliche Kommunikation bedient sich digitaler und analoger Modalitäten. Digitale Kommunikationen haben eine komplexe und vielseitige logische Syntax, aber eine auf dem Gebiet der Beziehungen unzulängliche Semantik. Analoge Kommunikationen dagegen besitzen dieses semantische Potenzial, ermangeln aber der für eindeutige Kommunikation erforderlichen logischen Syntax“ (Watzlawick, 2016, S. 32).

In der menschlichen Kommunikation können Objekte auf zwei verschiedene Weisen dargestellt werden. Eine Möglichkeit ist die Darstellung durch eine Analogie (z. B. eine Zeichnung) oder durch einen Namen. Diese beiden Formen können als analoge und digitale Kommunikationsform bezeichnet werden. Namen sind Worte, die Gegenstände beschreiben, die Beziehung ist rein willkürlich, außerhalb dieser Übereinstimmung gibt es keine Verbindung. In der analogen Kommunikation wird zur Kennzeichnung des Objektes etwas genommen, was schon im Bezug dazu steht und Ähnlichkeiten aufweist. Der Unterschied kann leicht verdeutlicht werden. Eine fremde Sprache im Radio zu hören, führt nicht dazu, diese auch zu lernen, Zeichensprache jedoch, kann viel intuitiver verstanden werden. In der menschlichen Kommunikation haben beide Formen ihre Berechtigung. Viele menschliche Errungenschaften wären ohne die digitale Kommunikation nicht denkbar gewesen. In dem Bereich der Beziehungen verlassen sich Menschen jedoch fast gänzlich auf die analoge Kommunikation. Dort wo Beziehung zum zentralen Thema wird, ist die digitale Kommunikation quasi bedeutungslos. In Erinnerung daran, dass jede Kommunikation einen Inhalts- und Beziehungsaspekt hat, wird deutlich das sich digitale und analoge Kommunikation nicht ausschließen, sondern ergänzen. Digitales Kommunikationsmaterial ist deutlich komplexer als analoges, doch ist es quasi nicht möglich, sich in rein digitaler Kommunikationsform über Beziehungen auszutauschen, weil dafür fast rein analoge Phänomene benötigt werden (vgl. Watzlawick, 2016, S. 24ff.).

„Zwischenmenschliche Kommunikationsabläufe sind entweder symmetrisch oder komplementär, je nachdem, ob die Beziehung zwischen den Partnern auf Gleichheit oder Unterschiedlichkeit beruht“ (Watzlawick, 2016, S. 35) . Symmetrische Beziehungen zeichnen sich dadurch aus, dass innerhalb der Beziehung beide Partner nach Gleichheit und Verminderung von Unterschieden streben. In einer komplementären Beziehung finden sich zwei verschiedene Positionen. Auf der einen Seite ist die primäre Stellung zu finden, auf der anderen Seite die sekundäre Stellung. Von den Begriffen schwach oder stark, ist hier abzusehen, komplementäre Beziehungen beruhen auf gesellschaftlichen Kontexten (Beispiele hierfür sind Mutter und Kind, Schüler/Schülerin und Lehrer/Lehrerin, Arzt/Ärztin und Patient/Patientin). Die Natur der komplementären Beziehung liegt in der Verzahnung der beiden Positionen, ihre Verhaltensweisen ergänzen sich. Die beidseitigen Beziehungsdefinitionen entsprechen hier einander (vgl. Watzlawick, 2016, S. 32ff.).

2. Beziehungen im pädagogischen Kontext

Beziehungen im pädagogischen Kontext können sehr unterschiedlich sein. Es gibt das pädagogische Verhältnis, eine Theorie, die vornehmlich im letzten Jahrtausend behandelt wurde, um die Beziehung zwischen Pädagogen/Pädagoginnen und dem heranwachsenden Menschen zu definieren. Die Beziehung als Arbeitsbeziehung anzusehen, spielt im Rahmen der Sozialen Arbeit, vor allem in Beratungssituationen, eine entscheidende Rolle. Es bleibt die Frage, ob und wenn ja welche Rolle eine persönliche Beziehungsebene im pädagogischen Kontext innehat und wie sich diese von einer Arbeitsbeziehung unterscheidet. Ein Blick auf alle drei Formen der Beziehung soll dazu beitragen, die Form von Beziehungen in der Jugendarbeit zu beschreiben.

2.1 Pädagogisches Verhältnis

Der Begriff pädagogisches Verhältnis steht für eine Reihe von Begriffen, die das Verhältnis zwischen den heranwachsenden Menschen und den Pädagogen beschreiben sollen. Jeder dieser Begriff setzt einen anderen Schwerpunkt bei der Betrachtung des Verhältnisses, daher lohnt es sich, die verschiedenen Begriffe zu betrachten und deren Unterschiede herauszustellen. Hierbei ist der pädagogische Bezug, die Grundlage, auf der die Begriffe pädagogische Situation und pädagogisches Feld entstanden sind.

2.1.1 Pädagogischer Bezug

Der Begriff „pädagogischer Bezug“ wurde 1933 von Hermann Nohl eingeführt. In seiner Abhandlung beschrieb er ein theoretisches Konzept, wie die Beziehung zwischen den heranwachsenden Menschen und Pädagogen/Pädagoginnen gestaltet werden kann.

Das richtige pädagogische Verhältnis war für Nohl das entschiedene Geheimnis für erfolgreiche pädagogische Arbeit. Der Schlüssel lag im schöpferischen Verhalten, das den heranwachsenden Menschen und den/der Pädagogen/Pädagogin verbindet. Liebe und Haltung auf der Seite von Pädagogen/Pädagoginnen. Vertrauen, Achtung, ein Gefühl eigener Bedürftigkeit und ein Anschlusswille auf der Seite der heranwachsenden Menschen (vgl. Nohl, 1949, S. 153). Wie das Konzept funktioniert, kann an vier Grundstrukturen aufgezeigt werden. Für das Verständnis ist es wichtig zu verstehen, was Nohl unter Liebe verstand. „Die wahre Liebe des Lehrers ist die hebende und nicht die begehrende“ (Nohl, 1933, S. 23). Wie aus dem Zitat von Nohl zu entnehmen, hat er ein Verständnis von Liebe, was heute eher als Zuneigung oder Zuwendung beschrieben werden würde.

Die erste Grundstruktur kann als das Verhältnis der Generationen bezeichnet werden. „Die jüngere Generation hat prinzipiell die Möglichkeit zum Widerstand“ (Liegle, 2017, S. 88), jedoch keinen absoluten Anspruch auf Selbstbestimmung. Die ältere Generation hat auch keinen Anspruch auf absolute Autorität. Die Generationen brauchen einander und die Auseinandersetzung mit der älteren Generation ist eine ständige Begleiterscheinung des Aufwachsens (vgl. Bimschas & Schröder, 2003, S. 36).

Die zweite Grundstruktur ist das Primat der Persönlichkeit. Nach Nohl ist die pädagogische Wirkung nur über eine gute Beziehung erreichbar, daran hängt auch die Möglichkeit, ob Wissen vermittelt werden kann. „Die pädagogische Wirkung geht nicht aus von einem System von geltenden Werten, sondern immer nur von einem ursprünglichen Selbst, einem wirklichen Menschen mit seinem festen Willen, wie sie auch auf einen wirklichen Menschen gerichtet ist: die Formung aus einer Einheit“ (Nohl, 1933, S. 21).

An dieser Stelle wird deutlich, dass Nohl mit dieser Einheit den ganzen Menschen mit seiner Persönlichkeit meint, der einem anderen Menschen gegenübersteht. Hier spricht Nohl von einem „Primat der Persönlichkeit und der personalen Gemeinschaft in der Erziehung gegenüber bloßen Ideen, einer Formung durch den objektiven Geist und die Macht der Sache“ (Nohl, 1933, S. 21). Hier wird hervorgehoben, dass diese Begegnung zwischen zwei wirklichen Menschen eine grundlegende Voraussetzung für die Bildung der Jugend ist. Ein pädagogischer Bezug, der nur einen Zweck hat (wie beispielsweise die Schulbildung), ist nicht denkbar, der pädagogische Bezug ist immer ein Stück des Lebens. Die Beziehung zu den heranwachsenden Menschen darf nicht nur ein Mittel zum Zweck sein, sondern hat auch immer einen sinnlichen Moment (vgl. Bimschas & Schröder, 2003, S. 37). Nohl hebt dies besonders hervor und spricht von einem „leidenschaftlichen Verhältnis eines reifen Menschen zu einem werdenden Menschen“ (Nohl, 1933, S. 22).

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Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Beziehungen in der professionellen christlichen Jugendarbeit
Untertitel
Theoretische Grundlagen und gemeindepädagogische Herausforderungen
Hochschule
Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
52
Katalognummer
V446537
ISBN (eBook)
9783668846364
ISBN (Buch)
9783668846371
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beziehung, Beziehungsarbeit, Jugendarbeit
Arbeit zitieren
Dominik Kettling (Autor), 2018, Beziehungen in der professionellen christlichen Jugendarbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446537

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