Die Sonne war inzwischen hoch gestiegen; ihre Strahlen drangen blutrot durch das purpurfarbene Velarium. Der Sand schien feurig; etwas Schreckliches lag auf den Gesichtern der Menge und auf der leeren Arena, die nun bald mit dem Schmerzensgeschrei der Gemarterten und dem wilden Geheul der Bestien erfüllt werden sollte. Tod und Schrecken schienen in der Luft zu brüten. Die Menge, sonst fröhlich und ausgelassen, wurde finster und haßerfüllt. Der Präfekt winkte. Der nämliche, als Charon gekleidete Mann, der die
Gladiatoren zum Tode gerufen hatte, schritt jetzt gemessen über den Sand und schlug dreimal an die Pforte. Ein tiefes Murmeln durchflog die Sitzreihen. ’Christen!‘“
Der Roman Quo vadis, für den Heinrich Sienkiewicz 1905 den Nobelpreis erhielt, zeichnet ein düsteres, endzeitliches Portrait der Zustände im neronianischen Rom: Vor dem Hintergrund von moralischem Verfall, Dekadenz, Aberglaube und Hysterie geraten die Anhänger der neuen christlichen Religion in ein Komplott des wahnsinnigen Kaisers Nero, der sie zum Sündenbock für den Brand der Hauptstadt bestimmt, verfolgen, foltern und anschließend publikumswirksam hinrichten läßt. Über diese erste römische Verfolgung von Christen, die bis dahin relativ unscheinbar und sicher im Schatten des staatlich geduldeten und mit gewissen Privilegien ausgestatteten Judentums gelebt hatten, berichtet als erste Quelle mit einem gehörigen zeitlichen Abstand Tacitus in seinen Annales. Er vermittelt uns, abgesehen von teilweise recht fragwürdigen historischen Fakten, vor allem einen Eindruck davon, wie ein gebildeter Römer seiner Zeit die Anhänger dieser neuen Sekte sah, und mit welchem Argwohn und welchen Vorurteilen die heidnische Bevölkerung ihnen gegenüber stand. Und wenn es auch bis in das dritte nachchristliche Jahrhundert keine reichsweite Verfolgung der christlichen Religion gab, so war doch auch das Verhalten des römischen Staates gegenüber den Christen, wenn sie denn miteinander in Berührung kamen, durch Mißtrauen, Unwissen, Unverständnis oder Verachtung geprägt. Dies lag nicht zuletzt an der abgeschotteten Lebensweise der frühen Christen; fehlende Informationen sowie an ihre Stelle tretende Gerüchte machten sie vollends zu Außenseitern der Gesellschaft, auch wenn sie selber, wie u.a. ein Blick in die Briefe des Apostels Paulus zeigen wird, sich durchaus zum römischen Staat als von Gott gewollter Institution bekannten und für dessen Erhaltung beteten.
Inhaltsverzeichnis
1 "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!" – Das Verhältnis des frühen Christentums zum Staat aus der Sicht christlicher Autoren
2 "Sie sollen nach ihrer Väter Sitte leben" – Juden in Rom und im römischen Reich
3 "odium humani generis" – Die neronische Christenverfolgung
4 "superstitio immodica" – Der Briefwechsel zwischen Plinius dem Jüngeren und Kaiser Trajan
5 Zusammenfassung
6 Bibliographie
6.1 Quellen
6.2 Sekundärliteratur
6.3 Lexika und Wörterbücher
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis der frühen Christen zum römischen Staat während der ersten beiden nachchristlichen Jahrhunderte. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie sich die Christen, die sich einerseits als Untertanen des römischen Kaisers sahen, andererseits jedoch aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen in einen unauflösbaren Konflikt mit den paganen Kulthandlungen und dem Kaiserkult gerieten, in diesem Spannungsfeld zwischen Anpassung und Abkehr positionierten.
- Analyse der Haltung früher christlicher Autoren zum römischen Staat
- Untersuchung der rechtlichen und sozialen Stellung des Judentums im römischen Reich als Bezugsrahmen
- Aufarbeitung der neronischen Christenverfolgung durch den Bericht des Tacitus
- Detaillierte Auswertung des Briefwechsels zwischen Plinius dem Jüngeren und Kaiser Trajan
Auszug aus dem Buch
4 "superstitio immodica" – Der Briefwechsel zwischen Plinius dem Jüngeren und Kaiser Trajan
Mit Plinius schickte Trajan nicht nur einen seiner Vertrauensmänner sondern gleichzeitig auch einen Fachmann in Bezug auf die verworrenen Verhältnisse in dieser Provinz nach Pontus-Bithynien, hatte dieser doch die ehemaligen Prokonsulen von Bithynien vor dem Senat gegen eine Anklage wegen Erpressung seitens der Provinzialen verteidigt. Wahrscheinlich im September des Jahres 111 traf Plinius, von Trajan mit weitreichenden Befugnissen als corrector, curator und kaiserlicher procurator ausgestattet, nach langer Reise und schwerer Krankheit in der Provinz Pontus et Bithynia ein: Seine Aufgaben bestanden u. a. darin, die Finanzen der Städte zu prüfen und ihre Sanierung einzuleiten. Darüber hinaus sollte er aber auch andere Mißstände aus dem Weg schaffen: So betrafen seine Mandate unter anderem militärische, kriminalprozeßliche, finanzrechtliche und vereinsrechtliche Fragen. In Belangen, die eine Änderung der bisherigen Rechtsprechung oder Verwaltungspraxis erforderten, war Plinius verpflichtet, dem Kaiser zuvor Bericht zu erstatten. Im Zusammenhang dieses ius referendi steht auch der sogenannte "Christenbrief" (Plin. ep. 10,96f), der wahrscheinlich in Amisus im zweiten Amtsjahr des Plinius verfaßt wurde.
Zusammenfassung der Kapitel
1 "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist!" – Das Verhältnis des frühen Christentums zum Staat aus der Sicht christlicher Autoren: Untersuchung der verschiedenen theologischen Positionen zum Staat, die von Gehorsamspflicht bis hin zur Dämonisierung der staatlichen Macht reichen.
2 "Sie sollen nach ihrer Väter Sitte leben" – Juden in Rom und im römischen Reich: Analyse der Stellung der Juden im römischen Recht und wie deren Konflikte mit dem Christentum die Wahrnehmung durch den Staat beeinflussten.
3 "odium humani generis" – Die neronische Christenverfolgung: Betrachtung des Berichts von Tacitus über die Brandstiftung unter Nero und der daraus resultierenden ersten Verfolgungswelle.
4 "superstitio immodica" – Der Briefwechsel zwischen Plinius dem Jüngeren und Kaiser Trajan: Ausführliche Analyse der Korrespondenz, die den juristischen Umgang mit dem Christentum als "Aberglauben" und das Verfahren bei Prozessen dokumentiert.
5 Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse, die das ambivalente Spannungsverhältnis zwischen christlicher Identität und römischer Ordnung verdeutlicht.
6 Bibliographie: Auflistung der verwendeten Primärquellen, Sekundärliteratur sowie Lexika zur Bearbeitung der Thematik.
Schlüsselwörter
Römisches Reich, frühes Christentum, Kaiserkult, Plinius der Jüngere, Kaiser Trajan, Neronische Christenverfolgung, Judentum, religiöse Toleranz, Märtyrer, Apostaten, Staat und Kirche, Antike, Tacitus, ius referendi, Religionspolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das ambivalente Verhältnis der ersten Generationen von Christen zum römischen Staat und dessen institutionellen Vertretern.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Schwerpunkte sind die Haltung christlicher Autoren zur staatlichen Ordnung, der Vergleich mit der Situation des Judentums und die rechtliche Einordnung des Christentums als "neuer Aberglaube" durch römische Beamte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, wie die frühe christliche Gemeinde im Spannungsfeld zwischen Loyalität gegenüber dem Staat und der kompromisslosen Ablehnung heidnischer Kultformen existierte.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer philologisch-historischen Quellenanalyse neutestamentarischer, apologetischer und nichtchristlicher Texte, insbesondere der Briefe von Plinius und der Annalen des Tacitus.
Was steht im Hauptteil der Arbeit im Fokus?
Der Hauptteil analysiert primär die Dokumente zur neronischen Christenverfolgung sowie die Korrespondenz zwischen Plinius und Trajan, die den staatlichen Umgang mit dem Christentum rechtlich institutionalisierte.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Publikation am besten?
Wichtige Begriffe sind: Religiöse Identität, römisches Staatsrecht, Kaiserkult, Anpassung vs. Abkehr und rechtliche Transformation.
Warum war das Judentum ein entscheidender Bezugspunkt für das frühe Christentum?
Da das Christentum lange Zeit als jüdische Sekte betrachtet wurde, beeinflussten die bereits etablierten Privilegien und Konfliktmuster des Judentums auch den Umgang Roms mit den Christen.
Welche rechtliche Konsequenz hatte die Anklage als "Christ" laut Trajans Reskript?
Nach Trajan durfte zwar nicht aktiv nach Christen gefahndet werden, doch bei einer förmlichen Anklage führte das hartnäckige Festhalten am "nomen christianum" zur Verurteilung, sofern keine Reue durch das Ablegen des Opfertests gezeigt wurde.
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- Sabine Ley (Author), 2003, Die frühen Christen und ihr Verhältnis zum römischen Staat, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44661