Armutsrisiko Geschlecht. Die Auswirkungen der geschlechtsspezifischen Spaltung des Arbeitsmarktes auf die Feminisierung der Armut


Hausarbeit, 2018

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Armut
2.1 Begriffsdefinition Armut
2.2 Armutsrisikogruppen
2.3 Armutsrisiko Geschlecht

3 Die Arbeitsmarktsituation von Frauen
3.1 Integration im Erwerbssystem
3.2 Geschlechtersegregation auf dem Arbeitsmarkt
3.3 Wert der weiblichen Arbeit

4 Auswirkungen der geschlechtsspezifischen Arbeitsmarktbedingungen auf die Feminisierung der Armut

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die These, dass Armut weiblich ist, wird seit Mitte der 1970er Jahre in der Geschlechterforschung thematisiert. Als geschlechtsspezifische Armutsrisiken für Frauen werden die Strukturen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung, Diskriminierung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und im System der sozialen Sicherungen sowie häusliches Gewaltpotenzial genannt. Statistische Befunde zeigen auf, dass Frauen über ein deutlich geringeres Durchschnittseinkommen verfügen. Ebenso sind weibliche Gesellschaftsmitglieder überproportional alleinerziehend und Sozialhilfeempfänger (vgl. Sellach 2008: 471).

Die Bundesrepublik Deutschland verfügt über ein soziales Sicherungsnetz, das die Bürger auffangen soll. Durch die Maschen dieses Netzes fallen aber immer wieder Bürger. Besonders betroffen sind davon Frauen. Gründe hierfür sind die Verknappung von Arbeitsplätzen und die Arbeitsmarkt-, Sozial- und Familienpolitik des Bundes, die an einem Familienmodell orientiert ist, in dem der Mann immer noch die Rolle des Haupternährers einnimmt und die Frau maximal die Rolle der „Dazuverdienenden“ erhält. Als Folge dessen werden Frauen in prekäre und schlechtbezahlte Beschäftigungsverhältnisse gedrängt. Dies führt zu einem erhöhten Armutsrisiko für Frauen. Im Jahr 2015 fielen 15,7 Prozent der Bürger der Bundesrepublik Deutschland unter die Armutsgrenze. Von Armut bedroht ist, laut Definition, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (2015: 942 Euro) zur Verfügung hat (vgl. NAK 2017: 10).

Aus der statistischen Aufarbeitung der Arbeitsmarktsituation für Frauen und Männer im Jahre 2016 durch die Bundesagentur für Arbeit lässt sich für die Arbeitsmarktsituation für Frauen Folgendes festmachen:

- Männer sind häufiger als Frauen in sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsformen erwerbstätig und verdienen mehr als Frauen.
- Der Bereich der Minijobs wird von Frauen dominiert, ebenso sind Frauen häufiger in einer Teilzeitbeschäftigung anzutreffen als Männer, wobei der Anteil der Frauen an der Erwerbsbeteiligung stetig steigt.
- Der Anteil der langzeitarbeitslosen Frauen ist höher als der der Männer.
- Frauen sind deutlich häufiger, neben der Arbeitsplatzsuche, noch alleinverantwortlich für die Erziehung von Kindern. (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2017)

Die Statistik der Agentur für Arbeit zeigt auf, dass Frauen in das Erwerbssystem integriert sind. Sie stellt allerdings nicht dar, in welchen Berufen die Frauen arbeiten. Auf dem Arbeitsmarkt ist eine geschlechtsspezifische Spaltung zu beobachten. Sie zeigt sich durch vertikale und horizontale Segregation. Die vertikale Segregation bezieht sich auf Ungleichheiten beim Zugang zu Spitzenpositionen in Führungsebenen. Die horizontale Segregation spiegelt sich in den unterschiedlichen Berufen und Tätigkeiten von Frauen und Männern wider (vgl. Dressel & Wanger, 2010: 492ff). Anne Busch sieht einen Zusammenhang zwischen der beruflichen Geschlechtersegregation und der geschlechtsbedingten Einkommenslücke, der sogenannten „Gender Pay Gap“. (vgl. Busch 2013).

Die These, dass Armut weiblich ist, stammt aus den 1970er Jahren. Seitdem haben Frauen durch die Bildungsexpansion bessere schulische und berufliche Bildungsabschlüsse erzielen können. Regina Becker-Schmidt hat 1995 jedoch festgestellt, dass Frauen ihr Bildungskapital nicht im gleichen Maße wie Männer in Erwerbschancen umsetzen können (vgl. Becker-Schmidt 1995: 130).

Die Faktoren geschlechtsbedingte Segregation des Arbeitsmarktes und das weibliche Armutsrisiko stehen in direktem Zusammenhang. Diese These wird in der Wissenschaft schon seit einigen Jahrzehnten vertreten (vgl. Busch 2013). Der Arbeitsmarkt ist stetig im Umbruch. Dieser Wandel hat Einfluss auf alle am Markt befindlichen Akteure. Mithilfe dieser Arbeit soll aufgezeigt werden, wie sich dieser Zusammenhang zwischen dem weiblichen Armutsrisiko und der geschlechtsspezifischen Spaltung des Arbeitsmarktes aktuell darstellt. Die leitende Fragestellung lautet daher: Inwieweit beeinflusst die geschlechtsspezifische Spaltung des Arbeitsmarktes die Feminisierung der Armut? Zur Beantwortung der Fragestellung werden aktuelle statistische Zahlen und Literatur hinzugezogen.

Die Arbeit beginnt mit der Definition des Armutsbegriffs. Es wird aufgezeigt, was unter Armut verstanden wird. Anschließend wird im Allgemeinen auf die verschiedenen Armutsrisikogruppen eingegangen. Darauf folgen Ausführungen zum weiblichen Armutsrisiko im Speziellen. Das darauf folgende Kapitel beschäftigt sich mit der Arbeitsmarktsituation von Frauen. Geschlechtsspezifische vertikale und horizontale Segregationen des Arbeitsmarktes werden diskutiert ebenso wie der Wert der weiblichen Arbeit. Dazu gehören die ungleiche Bezahlung von Frauen bei gleicher Arbeit gegenüber Männern und die Wertschätzung des weiblichen Arbeitspotenzials. Anschließend werden die geschlechtsspezifischen Arbeitsmarktbedingungen in Bezug zu einem möglichen Armutsrisiko gesetzt und es wird aufgezeigt, welche Armutsrisiken sich daraus für Frauen ergeben. Ein Fazit rundet die Arbeit ab.

2 Armut

2.1 Begriffsdefinition Armut

Obwohl Deutschland zu den reichsten Industrienationen der Welt gehört, ist Armut auch hier präsent. Armut in Deutschland ist nicht die Frage des physischen Überlebens, sondern die des menschenwürdigen Lebens. Umstritten ist sowohl in der Wissenschaft als auch in der Politik, was Armut ist oder wer zu den Armen gehört bzw. wo genau die Armutsgrenze verläuft (vgl. Geißler 2014: 229).

Es gibt eine Vielzahl von Armutsbegriffen und Definitionen. Gunter E. Zimmermann bezeichnet die Erfassung des Begriffs Armut als eine Grenzziehung zwischen denjenigen, die von Armut betroffen sind, und nicht betroffenen Personen. Es gibt keine allgemeingültige Definition des Begriffs Armut. (vgl. Zimmermann, 1993: 194)

Die Europäische Union hat 1984 festgelegt, dass Personen als arm gelten, wenn sie über so geringe Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die als Minium in dem Mitgliedstaat gelten, indem sie leben. Der Begriff „Mittel“ beinhaltet in diesem Sinne sowohl materielle als auch kulturelle und soziale Mittel (Armutsdefinition EU 1984, zitiert nach Hradil 2005: 242).

Die Wissenschaft hingegen unterscheidet zwischen zwei Armutskonzepten: die Lebenslagearmut und die Ressourcenarmut. Die Ressourcendefinition betrachtet Armut eindimensional und geht von Armut aus, wenn nicht genügend Hilfsmittel vorliegen, um handlungsfähig zu sein. Hier sind vor allem Geldmittel gemeint, da in der modernen marktwirtschaftlichen Gesellschaft nahezu alle Güter des täglichen Bedarfs gegen Geld getauscht werden können. Der Ressourcenkonzeptansatz lässt aber außer Acht, dass die Verwendung von Geldmitteln für beispielsweise Genuss- oder Suchtmittel ebenfalls zu einer Lebensweise führen kann, die Personen vom gesellschaftlichen Leben ausschließt. Eine mehrdimensionale Betrachtung aller Lebensumstände bringt die Lebenslagendefinition von Armut mit sich. Dieses Konzept hat die Gesamtsituation der Versorgung und die damit verbundenen Handlungsmöglichkeiten im Blick. Für die Betrachtung der Lebensumstände sind die Faktoren Ernährung, Kleidung, Wohnung, Gesundheit, Bildung, Einkommen, Arbeitsplatz und Freizeitchancen relevant. Mithilfe der Lebenslagendefinition kann eine umfassende und sachliche Sicht auf die Armutsproblematik gelegt werden. In der Praxis ist die Umsetzung des Konzeptes jedoch schwierig, da komplizierte Messverfahren ausgearbeitet werden müssen. Armutsstudien bevorzugen aus diesem Grund den Ressourcenansatz. Hier wird zwischen dem physischen Existenzminimum (Armut liegt erst dann vor, wenn die Gefahr des Hungertodes besteht) und dem soziokulturellen Existenzminimum (Armut liegt vor, wenn der gesellschaftliche Standard nicht erfüllt werden kann) unterschieden. Das soziokulturelle Existenzminimum entspricht der Armutsdefinition der Europäischen Union (vgl. Hradil 2005: 243-244).

Mayerhofer und Barlösius sprechen von Armut, wenn die Ressourcen das Existenzminimum unterschreiten; sie unterscheiden dabei absolute und relative Armut (vgl. Mayerhofer und Barlösius, 2001: 26-28). Unter absoluter Armut wird das physische Existenzminimum verstanden, das der Mensch zum Überleben benötigt. Das physische Existenzminimum lässt sich daran messen, wieviel Geld eine Person täglich zum Leben zur Verfügung hat. Rössel nennt hierfür auch die sogenannte „Ein Dollar pro Tag“-Regel der Weltbank: Diese besagt, dass Personen, die weniger als einen Dollar am Tag zum Leben haben, als absolut arm betrachtet werden können. Dies trifft auf Deutschland nur in sehr geringem Maß bei bestimmten Randgruppen zu. Die relative Armut hingegen orientiert sich an den soziokulturellen Standards der Gesellschaft. Werden diese unterschritten, gilt die Person als relativ arm (vgl. Rössel 2009: 251f).

In der Forschung werden verschiedene Indikatoren verwendet, um relative Armut zu messen. Hierzu gehören der Sozialhilfebezug, die Einkommensarmut, die Deprivationsarmut oder die Lebenslagenarmut. Am häufigsten wird die Einkommensarmut als Indikator verwendet. Die Forscher messen die Ausstattung der Haushalte mit monetären Ressourcen und vergleichen diese mit den gesellschaftlichen Standards. Dazu wird der Mittelwert oder der Median der Einkommensverteilung herangezogen. Eine Person gilt als arm, wenn ihr bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen einen bestimmten Prozentsatz unterschreitet. In Deutschland liegt die Armutsgrenze bei 50 Prozent des Äquivalenzeinkommens. Dies wird auch als relative Armut bezeichnet, da die Person mit materiellen und immateriellen Gütern unterversorgt ist. Liegt das Einkommen unter als Prozent des Durschnitteinkommens, spricht Rössel von einer strengen Armut (ebd., 2009: 253). Die Europäische Union zieht die Armutsgrenze bereits bei weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (vgl. NAK 2017: 10).

Die Messung von Armut mithilfe des Einkommens als Indikator ist eindimensional und entspricht dem Ressourcenansatz von Hradil. Die Deprivationsarmut als Indikator ist dem Lebenslagenansatz zuzuordnen. Hier wird die Ausstattung der Haushalte mit Gütern und Dienstleistungen gemessen, um den Lebensstandard von Haushalten zu bestimmen. Die Daten werden nicht nur quantitativ durch Zählung erhoben, sondern zeitgleich werden die Haushaltsmitglieder befragt, um die Lebenssituation differenziert zu erfassen und durch gezieltes Fragen zu verstehen, warum bestimmte Güter im Haushalt nicht vorhanden sind (vgl. Rössel 2009: 253f).

Die hier vorgestellten Konzepte zur Messung von Armut sind sehr unterschiedlich und bieten jeweils Vor- und Nachteile in Bezug auf die Beantwortung der Frage nach der Armutsquote in Deutschland. Sie sind abhängig von der gewählten Definition des Begriffs Armut. Passend für die Forschungsperspektive dieser Arbeit soll unter Armut verstanden werden, dass nicht genügend Ressourcen (in diesem Fall Einkommen) zur Verfügung stehen, um an der standardisierten gesellschaftlichen Lebensweise teilhaben zu können.

Bisher wurde aufgezeigt, was unter dem Begriff Armut verstanden und wie Armut gemessen wird. Im Anschluss wird nun aufgezeigt, welche Personengruppen zu den Armutsrisikogruppen gehören.

2.2 Armutsrisikogruppen

Nach Ulrich Beck ist die sozialstrukturelle Entwicklung in der Bundesrepublik im Vergleich zu anderen Industriestaaten besonders. Durch den sogenannten „Fahrstuhleffekt“ haben große Teile der Bevölkerung ein Mehr an Einkommen, Bildung, Mobilität, Recht und Massenkonsum. Diese Veränderung bewirkt einen Aufstieg in der gesellschaftlichen Klassenhierarchie. Unverändert sind hingegen die Relationen der sozialen Ungleichheit in Deutschland. Diese bleiben trotz der geänderten Gesellschaftsschichten konstant bestehen (vgl. Beck 1986: 122). Soziale Ungleichheit liegt nach Hradil dann vor, wenn Menschen aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung regelmäßig mehr von einem wertvollen Gut haben als andere (vgl. Hradil 2005: 30). Ungleiche Lebensbedingungen wie Armut sind auch Bestandteil von sozialer Ungleichheit, da sie bestimmten Bevölkerungsgruppen Vorteile vor anderen verschaffen (ebd. 2005: 147).

Einige Bevölkerungsgruppen sind häufiger von Armutsrisiken betroffen als andere. Zu Beginn der 1960er Jahre waren überwiegend Frauen und ältere Menschen häufig von Armut betroffen. Das Armutsrisiko für diese beiden Gruppen ist in den letzten Jahren gesunken. Maßgeblich dazu beigetragen haben Rentenerhöhungen. Zu Beginn dieses Jahrtausends haben die Gruppen der über 60-Jährigen und die der 31- bis 40-Jährigen das geringste Armutsrisiko – diese Zahlen erwecken den Eindruck, dass moderne Armut nicht mehr Altersarmut oder Frauenarmut ist (vgl. Hradil 2005: 252; Geißler 2014: 236).

Die Veränderungen in den letzten Jahren auf den Arbeitsmarkt, z. B. der Ausbau des Niedriglohnsektors, die Zunahme von Minijobs und befristeten Arbeitsverhältnissen gepaart mit niedrigen Einkünften, haben eine unzureichende Altersversorgung zur Folge. Hierdurch kann eine neue Altersarmut entstehen, die vor allem Frauen im Alter von über 65 Jahren betreffen kann. Im Jahre 2008 lag diese Risikogruppe bei einer Armutsquote von 17,6 Prozent, was deutlich über dem Durchschnitt von 13,4 Prozent liegt Diese Zahlen beziehe sich auf Westdeutschland. Bedingt durch den Strukturwandel lassen sich heute acht Bevölkerungsgruppen herauskristallisieren, die zu den Armutsrisikogruppen gehören: Arbeitslose, Alleinerziehende, Ausländer, Menschen mit Migrationshintergrund, Geschiedene, Geringqualifizierte, junge Menschen/ Erwachsene (11-30 Jahre) und kinderreiche Familien (vgl. Geißler 2014: 237f).

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Details

Titel
Armutsrisiko Geschlecht. Die Auswirkungen der geschlechtsspezifischen Spaltung des Arbeitsmarktes auf die Feminisierung der Armut
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Soziologie)
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
18
Katalognummer
V446744
ISBN (eBook)
9783668826922
ISBN (Buch)
9783668826939
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armutsrisiko, geschlechtsspezifische Spaltung des Arbeitsmarktes, Armut, Geschlecht, Arbeitsmarkt
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Petra Drewitz (Autor:in), 2018, Armutsrisiko Geschlecht. Die Auswirkungen der geschlechtsspezifischen Spaltung des Arbeitsmarktes auf die Feminisierung der Armut, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446744

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