In der Umbenennung der „Aktion Sorgenkind“ zur „Aktion Mensch“ spiegelte sich im Jahr 2000 exemplarisch eine sich seit Jahrzehnten vollziehende Veränderung der Sicht auf Menschen mit Behinderung. Das Sorgen um und Versorgen von Personen, die als hilflos und abhängig angesehen wurden, steht nicht mehr allein im Zentrum der Arbeit mit und für behinderte Menschen. Neue Gedanken in der Arbeit professionell Helfender, Engagement der Eltern behinderter Kinder und emanzipatorische Bewegungen der Betroffenen selbst haben spätestens seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts das Bild von Behinderung in der Gesellschaft entscheidend beeinflusst.
Waren behinderte Menschen bis nach dem 2. Weltkrieg durchweg Objekte einer Behandlung durch die Nichtbehinderten, die sie nicht selten zu Opfern der jeweils herrschenden Gesellschaftsordnung gemacht hatte, so scheint sich ihre soziale Stellung inzwischen enorm verbessert zu haben.
Der Begriff der Selbstbestimmung hat sich von der Forderung einer behinderten Minderheit zu einem Hauptanliegen in der Sozialpolitik gewandelt, und das Streben nach Autonomie ersetzt mehr und mehr die Fürsorge als Leitbild in der Behindertenarbeit.
Besonders im Bezug auf Menschen mit einer geistigen Behinderung werden jedoch auch immer wieder (und vielleicht nicht völlig unberechtigt) Zweifel an ihrer Fähigkeit, ein selbständiges Leben zu organisieren, angemeldet.
- Hat das zur Folge, dass geistig behinderte Menschen für immer der Fürsorge bedürfen und deshalb nie die viel beschworene Autonomie erreichen können?
- Sind Autonomie und Fürsorge tatsächlich zwei sich gegenseitig ausschließende Begriffe?
- Ist Autonomie das, was Menschen mit geistiger Behinderung tatsächlich anstreben?
Inhaltsverzeichnis
1. Begriff und Ursachen der geistigen Behinderung
1.1 Die Definition der WHO
1.2 Die Definition im deutschen Gesetz
1.3 Die Beschreibung von Interessenvertretern
1.4 Ursachen geistiger Behinderung
2. Was ist Fürsorge?
2.1 Herkunft des Begriffes
2.2 Geschichtlicher Hintergrund
2.2.1 Antike und Mittelalter
2.2.2 Reformation und beginnende Neuzeit
2.2.3 Absolutismus und Aufklärung
2.2.4 Das 19. Jahrhundert
2.2.5 Das 20. Jahrhundert bis Kriegsende
2.2.6 Die Zeit nach 1945
2.2.7 Der Aufbruch von der Fürsorge in die Selbstbestimmung
3. Der Begriff der Autonomie
3.1 Definition
3.2 Autonomie und Selbstbestimmt Leben
3.3 Autonomie und geistige Behinderung
4. Wandel der Paradigmen
4.1 Was sind Paradigmen
4.2 Veränderung der Paradigmen
4.3 Paradigmenwandel bei Menschen mit geistiger Behinderung
5. Die Idee des Persönlichen Budgets
5.1 Die Ausgangssituation
5.2 Von der Persönlichen Assistenz…
5.2.1 Was ist Persönliche Assistenz
5.2.2 Entscheidungsfelder des Assistenznehmers
5.2.3 Persönliche Assistenz nach dem SGB IX
5.2.4 Persönliche Assistenz nach dem SGB XI
5.2.5 Persönliche Assistenz nach dem SGB XII
5.2.6 Bewertung des Modells
5.3 …zum Persönlichen Budget
6. Verankerung des Persönlichen Budgets im deutschen Recht
6.1 Rechtliche Grundlagen
6.2 Wer sind die Leistungsträger?
6.3 Das Verfahren der Antragstellung
6.4 Wer kann Budgetnehmer sein?
6.5 Welche Leistungen gehören zum Persönlichen Budget?
7. Das Pflegebudget nach dem SGB XI
7.1 Gründe für die Einrichtung des Modells
7.2 Ziele des Pflegebudgets
7.3 Beschreibung des Modellprojektes
8. Das Persönliche Budget im europäischen Ausland
8.1 Das Personengebundene Budget in den Niederlanden
8.2 Direct Payments in Großbritannien
8.3 Persönliche Assistenz in Schweden
9. Das Persönliche Budget in Deutschland
9.1 Verschiedene Modellvorhaben in Deutschland
9.1.1 Das Rheinland-Pfälzische Modellprojekt
a) Vorbemerkungen zum Modellversuch
b) Zulassungsvoraussetzungen
c) Gestaltung der Leistungserbringung
d) Verfahren der Antragstellung
e) Angaben zum Personenkreis
f) Ergebnisse der Begleitstudie
9.1.2 Das trägerübergreifende Budget in Baden-Württemberg
a) Vorbemerkungen zum Modellversuch
b) Zulassungsvoraussetzungen
c) Gestaltung der Leistungserbringung
d) Verfahren der Antragstellung
e) Angaben zum Personenkreis
f) Ergebnisse der Begleitstudie
10. Zusammenfassung
11. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dem traditionellen Fürsorgeparadigma und dem modernen Autonomieanspruch von Menschen mit geistiger Behinderung. Im Zentrum steht die kritische Analyse des "Persönlichen Budgets" als Instrument zur Realisierung einer selbstbestimmten Lebensführung, wobei sowohl rechtliche Grundlagen in Deutschland als auch Modellprojekte und internationale Erfahrungen (Niederlande, Großbritannien, Schweden) beleuchtet werden.
- Historische Entwicklung von Fürsorge und Autonomie
- Wandel der Paradigmen in der Behindertenarbeit
- Rechtliche Verankerung des Persönlichen Budgets (SGB IX)
- Vergleich internationaler Budgetmodelle
- Evaluation deutscher Modellvorhaben (Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg)
Auszug aus dem Buch
3.2 Autonomie und Selbstbestimmt Leben
Menschen mit Behinderung setzen sich seit Jahrzehnten als Reaktion auf die als entmündigend empfundene Praxis der Fürsorge für mehr Autonomie ihrerselbst ein. Diese Bestrebungen spiegelten sich vor allem in der Gründung von Vereinigungen zur Selbsthilfe, deren bekannteste und am weitesten verbreitete die Independent Living Bewegung ist. Entstanden Ende der 60er Jahre in den USA, sieht sie sich, in der Tradition anderer politischer Bewegungen dieser Zeit, als Bürgerrechtsbewegung zur Vertretung der Interessen einer gesellschaftlichen Minderheit.
Ein Schlagwort dieser Gruppen ist das „Empowerment“. Dieser Begriff bezeichnet eine Leitidee helfend Tätiger, die darauf abzielt, Fähigkeiten und Ressourcen, die die jeweilige Klientel besitzt, zu unterstützen und zur Erreichung der gesteckten Ziele einzusetzen. Im Deutschen gibt es keinen entsprechenden Begriff. Die in Verbindung mit der Entwicklungshilfe für ärmere Länder vielfach zitierte „Hilfe zur Selbsthilfe“ beschreibt die politische Bedeutung von „Empowerment“ nur unzureichend und wird deshalb in diesem Zusammenhang auch nur selten verwendet.
Im deutschen Sprachraum wird das englische Wort „independent“, was eigentlich „unabhängig“ oder „selbständig“ bedeutet und synonym mit „autonomous“ verwendet wird, mit „selbstbestimmt“ übersetzt. Selbstbestimmt leben bedeutet dabei nicht, völlig auf jegliche Unterstützung verzichten zu wollen oder zu können, sondern vielmehr „die Kontrolle über das eigene Leben, die auf der Wahl von akzeptablen Möglichkeiten basiert, die das Angewiesensein auf andere beim Treffen von Entscheidungen und der Ausübung von alltäglichen Tätigkeiten minimiert.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Begriff und Ursachen der geistigen Behinderung: Beleuchtung der Definitionen geistiger Behinderung aus medizinischer, gesetzlicher und interessenvertreterischer Perspektive sowie kurze Darstellung der Ursachen.
2. Was ist Fürsorge?: Historische Aufarbeitung des Fürsorgebegriffs von der Antike bis in die Nachkriegszeit mit Fokus auf den Umgang mit behinderten Menschen.
3. Der Begriff der Autonomie: Definition des Autonomiebegriffs und dessen Bedeutung für das "Selbstbestimmte Leben" sowie die spezifische Herausforderung bei geistiger Behinderung.
4. Wandel der Paradigmen: Analyse verschiedener theoretischer Paradigmen (individual-, interaktions-, system-, gesellschaftstheoretisch) und deren Einfluss auf die Behindertenarbeit.
5. Die Idee des Persönlichen Budgets: Darstellung der Ausgangssituation, der Entwicklung von der Persönlichen Assistenz hin zum Persönlichen Budget und Bewertung dieses Modells.
6. Verankerung des Persönlichen Budgets im deutschen Recht: Detaillierte Erläuterung der rechtlichen Grundlagen, Zuständigkeiten und Antragsverfahren für das Persönliche Budget nach dem SGB IX.
7. Das Pflegebudget nach dem SGB XI: Überblick über das Pflegebudget als alternative Budgetform, deren Motivation, Ziele und Modellprojekte.
8. Das Persönliche Budget im europäischen Ausland: Vergleichende Analyse der Budget-Modelle in den Niederlanden, Großbritannien und Schweden.
9. Das Persönliche Budget in Deutschland: Detaillierte Betrachtung und Evaluation der Modellvorhaben in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg.
10. Zusammenfassung: Rekapitulation der wesentlichen Erkenntnisse zur Relativität des Behinderungsbegriffs und zur notwendigen Balance zwischen Autonomie und Assistenz.
11. Schlussbemerkung: Kritische Würdigung des Persönlichen Budgets als Chance zur Selbstbestimmung unter Berücksichtigung der Gefahr eines Etikettenschwindels durch Sparzwänge.
Schlüsselwörter
Persönliches Budget, Geistige Behinderung, Autonomie, Fürsorge, Selbstbestimmtes Leben, Empowerment, Independent Living, SGB IX, Assistenz, Teilhabe, Behindertenpolitik, Modellvorhaben, Pflegebudget, Normalisierung, Integration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Situation von Menschen mit geistiger Behinderung im Spannungsfeld zwischen der traditionellen Fürsorge und dem modernen Anspruch auf Selbstbestimmung.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Zentrale Themen sind die Entwicklung des Autonomie- und Fürsorgeverständnisses, die historische Entwicklung der Behindertenarbeit, die rechtliche Verankerung des Persönlichen Budgets und die Umsetzung dieses Konzepts in Deutschland sowie im europäischen Ausland.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Nutzen des Persönlichen Budgets als Weg zu mehr Autonomie für Menschen mit geistiger Behinderung zu bewerten und kritisch zu prüfen, ob dieses Instrument tatsächlich die Lebensqualität verbessert oder lediglich Sparzielen dient.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Auseinandersetzung und Dokumentationsarbeit, die sich auf Fachliteratur, gesetzliche Grundlagen und die Evaluationen bestehender Modellprojekte stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen (Paradigmen, Begriffe), die Darstellung des Persönlichen Budgets (Recht, Assistenz) und die Analyse praktischer Erfahrungen durch Fallbeispiele aus Deutschland und dem Ausland.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Persönliches Budget, Selbstbestimmung, Autonomie, Teilhabe und geistige Behinderung geprägt.
Warum wird im Modell aus Rheinland-Pfalz eine so strenge Vorauswahl getroffen?
Die strengen Auswahlkriterien dienten in der frühen Erprobungsphase dazu, nur Personen zuzulassen, deren Bedarf als "regiefähig" eingestuft wurde, was jedoch den Zugang für Menschen mit komplexen Behinderungen deutlich erschwerte.
Inwiefern unterscheidet sich das schwedische Modell?
Schweden verfolgt konsequenter das Prinzip "Geld- vor Sachleistungen" und bietet eine grundrechtliche Garantie auf Persönliche Assistenz, wobei die Hilfe stärker am individuellen Bedarf ausgerichtet ist als in den deutschen Modellversuchen.
Wird durch das Persönliche Budget tatsächlich Geld gespart?
Die Ergebnisse sind ambivalent: Zwar zeigen einzelne Modellregionen Einsparungen gegenüber stationären Angeboten auf, jedoch führen Nachfrageüberhänge dazu, dass gesamtgesellschaftlich oft keine absoluten Kostensenkungen erzielt werden.
- Quote paper
- Joachim Wöhrle (Author), 2005, Der Mensch mit geistiger Behinderung im Spannungsfeld zwischen Autonomie und Fürsorge am Beispiel des Persönlichen Budgets, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44677