Georg Simmel. Ästhetische Erfahrung und die Erhabenheit der Alpen


Term Paper, 2018
24 Pages, Grade: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1.Vorwort

2.Simmels Theorie
2.1. Erkenntnistheoretische Prämissen
2.2. Ästhetische Prämissen
2.3. Ästhetische Erkenntnis

3.Ästhetische Erkenntnis am Beispiel der Alpen
3.1. Die Alpen als Objekt ästhetischer Anschauung
3.2. Das Erhabene
3.3. Das Erhabene bei Kant

4.Der Erhabenheitsdiskurs

5.Fazit

6. Quellenverzeichnis

Vorwort

Georg Simmel (1858-1918) wird in heutiger Zeit überwiegend in seiner Rolle als Sozialphilosoph wahrgenommen, weshalb sich die Lektüre seiner Werke oftmals auf seine Philosophie des Geldes (1900), sowie Großstädte und das Geistesleben (1903) reduziert. Simmel als Ästhetiker hingegen, wird primär in der Kunst- und Literaturwissenschaft rezipiert, und der „Erkenntnistheoretiker Simmel“ tritt in der philosophischen Erkenntnistheorie lediglich als Randerscheinung gegenüber Immanuel Kant, David Hume und Gottfried Wilhelm Leibniz auf. Simmels Gesamtwerk wird deshalb nicht selten als überschneidungsarmes Nebeneinander von Theorien aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen wahrgenommen.1 Auf den folgenden Seiten dieser Arbeit soll jedoch gezeigt werden, dass die Redeweise von Simmel als Angehöriger dieser oder jener Wissenschaftsdisziplin im Bereich der Ästhetischen Erkenntnis unangemessen ist, da sich dort die Theoriestränge der Ästhetik, Erkenntnistheorie, und in Ansätzen der Sozialphilosophie überschneiden und Simmel als ganzheitlicher Theoretiker der Geisteswissenschaft wahrgenommen werden muss.

Der Aufbau dieser Arbeit ist wie folgt konzipiert:

In Kapitel 2 sollen die Grundlagen für das Verständnis des Begriffs „Ästhetische Erkenntnis“ gelegt werden. Es ist zu zeigen, dass sich die Prämissen aus Simmels erkenntnistheoretischen Texten: Ueber eine Beziehung der Selectionslehre zur Erkenntnistheorie und Ueber den Unterschied der Wahrnehmungs- und der Erfahrungsurteile, und denen zur Ästhetik: Soziologische Ästhetik und Philosophie der Landschaft zu einem Konzept ästhetischen Erkennens ergänzen. Die Redeweise von „Ästhetischer Erkenntnis“ soll durch die Terminologie des heutigen Forschungsstandes zu diesem Thema in Kapitel 2.3. unterfüttert werden.

Die Absicht des dritten Kapitels ist es, einen Übergang von dem abstrakten Konzept ästhetischen Erkennens zur Anwendung am konkreten Gegenstand zu vollziehen. Dies geschieht am Beispiel der Alpen. Dabei wird der Begriff des „Erhabenen“, als zentrale Kategorie ästhetischen Erkennens bei Simmel eingeführt und in seiner Bedeutung erläutert. Es wird sich zeigen, dass eben diese Bedeutung bei Simmel – aufgrund seines essayistischen Schreibstils – durch Analyse allein nicht vollständig aufzulösen ist, sondern einer eigenen Interpretation bedarf. Diese Interpretation soll in Kapitel 3.3. durch Rekurs auf Immanuel Kant (als Simmels gedanklichen Vorreiter) plausibilisiert und dabei so sparsam wie möglich gehalten werden.

Der Fokus in Kapitel 4 liegt abschließend darauf, Simmels Begriffsdefinition des Erhabenen in den sogenannten ‚Erhabenheitsdiskurs‘ einzuordnen. Herausgearbeitet wird dabei einerseits, wie typisch oder a-typisch Simmels Erhabenheitsbegriff unter Berücksichtigung seiner Entstehungszeit war, und andererseits, inwiefern diese Auslegung des Begriffs in heutigen literarischen Auseinandersetzungen mit dem Thema „Erhabenheit“ noch vertreten wird.

2. Simmels Theorie

Um ein möglichst genaues Verständnis von Georg Simmels Konzept der ästhetischen Erkenntnis zu erreichen, ist es notwendig, Simmels Ausführungen zu den Bereichen der Erkenntnistheorie und der Ästhetik zunächst einzeln zu betrachten. Innerhalb dieser beiden Theoriestränge werden nämlich die theoretischen Rahmenbedingungen geschaffen, innerhalb derer wiederum der Begriff „Ästhetische Erkenntnis“ erst zu verstehen ist.

2.1. Erkenntnistheoretische Prämissen

In seiner Erkenntnistheorie nimmt Simmel einen Standpunkt ein, den man als kritischen Realismus bezeichnen kann2: Er geht zwar davon aus, dass es eine objektive Außenwelt gibt, leugnet jedoch die menschliche Fähigkeit, diese in ihrem Wesen erkennen zu können. Das bedeutet, dass die Dinge in der Welt, wie bspw. Naturgegenstände, ontologisch real, aber völlig unabhängig vom menschlichen Wahrnehmen sind. Ihre Existenz ist wahr, ohne dass sich dazu ein Mensch mit seinen Sinnen auf sie beziehen müsste. Weder, so Simmel, habe der Mensch ein apriorisches Erkenntnisvermögen, durch welches man die Wahrheit über die Dinge der Außenwelt aus der Vernunft heraus erkenne, noch reiche der sinnliche Wahrnehmungsapparat des Menschen dafür aus, Wahrheiten empirisch als solche zu erkennen.3 Die Erkenntnismöglichkeit der Menschen über die objektiven Gegenstände der Außenwelt beschränkt sich damit auf subjektive Wahrnehmung ihrer äußeren Erscheinung. Damit wendet sich Simmel direkt gegen die erkenntnistheoretischen Positionen des Idealismus und des Sensualismus.4

Allerdings richten die Menschen ihr Leben trotz der prinzipiellen Unmöglichkeit des Erkennens objektiver Wahrheiten nach bestimmen Regel, Konventionen und Faktenbeständen aus, die sie als Wahrheiten bezeichnen. Wir sagen bspw., dass es wahr ist, dass Wasser die Eigenschaft hat, den Durst zu löschen, oder dass die Sonne die Erde wärmt. Dieser Umgang mit Faktenbeständen als Wahrheiten bildet das Kernstück Georg Simmels erkenntnistheoretischer Theorie, nämlich das Erkennen aus evolutionärer Nützlichkeit heraus.

Das Prinzip des Erkennens aus der Nützlichkeit besagt, dass Lebewesen grundsätzlich in ihrer Erkenntnismöglichkeit dispositioniert sind. D.h., dass es sich im Laufe der Evolution für bestimmte Spezies, Gattungen und Arten bewährt hat, gewisse Dinge der Außenwelt erkannt und ihr Handeln danach ausgerichtet zu haben, andere hingegen nicht. „Bewährt“ bedeutet in diesem Kontext: „Als nützlich, bzw. lebensförderlich erwiesen“.

Ebenso wie beim Tier, ist auch beim Menschen die Nützlichkeit das leitende Erkenntnisprinzip5: Durch die Evolution ist der Mensch mit verschiedenartigen Grundbedürfnissen ausgestattet. Diesen Bedürfnissen gemäß, entwickelt der Mensch gegenüber der Außenwelt bestimmte Vorstellungen davon, wie er eben diese Bedürfnisse befriedigen kann. Einige dieser Vorstellungen erweisen sich in der Praxis als zweckmäßig, in Bezug auf die Bedürfnisbefriedigung, andere nicht. Die Zweckmäßigkeit, bzw. Nützlichkeit einer Vorstellung, hängt somit vom Erfolg des Handelns ab. Der Mensch erkennt, was ihm nützlich zu erkennen ist.

Für die Begriffe Wahrheit und Erkennen bedeutet dies nun folgendes: Erkennen bewegt sich bei Georg Simmel innerhalb der Kategorien Empirismus und Rationalismus. Der Mensch als erkennendes Subjekt richtet bestimmte Vorstellungen auf die Dinge der Außenwelt, deren Inhalte entweder wahr oder falsch sein können. Diese Vorstellungen haben i. d. R. handlungsanleitenden Charakter, d. h. der Mensch überprüft die Vorstellungsinhalte empirisch, indem er sie aktiv auf die Außenwelt anwendet:

„Denn im Handeln gewinnen wir eine bestimmende Beziehung zu derjenigen Realität der Objecte [sic!], die uns eben im Erkennen nur durch die subjectiven [sic!] Vorstellungsformen hindurch erscheinen. […] Er (Der Unterschied), bleibt jedenfalls insofern bestehen, als wir im Handeln diejenige Wirklichkeit selbst mitbestimmen, deren Rückwirkung auf uns erst wieder zum Gegenstand einer Erscheinung wird.“6

Bestätigt der Handlungserfolg die Vorstellungsinhalte, deutet dies eine Korrespondenz zwischen den Vorstellungsinhalten und der Außenwelt an. Sind solche Handlungen in dem Sinne wiederholbar, dass sie zu erneutem Handlungserfolg führen, untermauern die einzelnen Erfahrungsurteile die Korrespondenz zwischen Vorstellungen und Außenwelt. Erkenntnis ist demnach die handlungsbezogene Verifizierung unserer Vorstellungsinhalte. Da jedoch unsere Vorstellungen nie 1:1 der objektiven Außenwelt entsprechen können sondern sich ihnen nur annähern, so Simmel, ist auch unsere Erkenntnis nicht objektiv begründbar. Das, was wir typischerweise als Wahrheiten bezeichnen, etwa, dass Wasser den Durst löscht, oder dass die Sonne die Erde wärmt, sind strenggenommen bloß wahrheits-analoge Sätze. Aufgrund der empirisch begründeten Nützlichkeit gewisser Vorstellungen, klassifiziert unsere Vernunft diese als wahr. Dieses ‚wahr‘ gilt jedoch nur relativ zu unseren Zwecken, da die eigentlichen, also objektiven Wahrheiten der menschlichen Erkenntnisfähigkeit unzugänglich bleiben. Erkennen besteht nach Simmel somit in einem zweckdienlichen Annäherungsprozess des menschlichen Denkens an die objektive Außenwelt.

2.2. Ästhetische Prämissen

Das Feld der Ästhetik7 ist bei Georg Simmel nicht ganz problemlos abzustecken. In seinen ästhetischen Analysen thematisiert er mitunter ganz unterschiedliche Gegenstandsbereiche: Von der Ruine, über die Stadt Rom, bis hin zum Henkel einer Tasse. Bei dem Text, der für Zwecke dieser Arbeit von Bedeutung ist, handelt es sich um Soziologische Aesthetik, aus dem Jahre 1896.

Die Grundbedingungen dafür, überhaupt etwas ästhetisch wahrnehmen zu können, ist die Unterscheidbarkeit von Gegenständen. Simmel erklärt, dass wir die Dinge der Außenwelt nur deshalb einzeln wahrnehmen können, da wir optische Unterschiede zwischen ihnen feststellen.8 Ein Berg ist bspw. in seiner Erscheinung deutlich von einem Lorbeerstrauch zu unterscheiden, ein Stein fühlt sich gänzlich anders an als frisch gefallener Schnee. Es sind also die Kategorien des sinnlichen Gegebenseins, wie Farben, Töne und Haptik anhand derer wir normalerweise Dinge der Außenwelt voneinander abgrenzen und uns auf sie beziehen. Wir bezeichnen Gegenstande unter Rekurs auf diese Kategorien als melodisch, angenehm, oder schön. Doch das, was Simmel unter ästhetischer Wahrnehmung versteht, geht über die rein sinnlichen Kategorien hinaus und beansprucht, die Bedeutung eines Gegenstands anhand seines ästhetischen Wertes9 zu bestimmen. Was das bedeutet, erläutert Simmel wie folgt:

„Das Wesen der ästhetischen Betrachtung und Darstellung liegt für uns darin, daß [sic!] in dem Einzelnen der Typus, in dem Zufälligen das Gesetz, in dem Aeußerlichen [sic!] und Flüchtigen das Wesen und die Bedeutung der Dinge hervortreten. Dieser Reduktion auf Das, was an ihr bedeutsam uns ewig ist, scheint keine Erscheinung sich entziehen zu können.“10

Zwar zieht das Äußere der Gegenstände unsere Aufmerksamkeit auf selbige, doch sind solche Äußerlichkeiten für die ästhetische Betrachtung nicht wesentlich. Man könnte also problemlos sagen, dass Gegenstand A, aufgrund seiner Farbenfülle schöner sei als Gegenstand B, jedoch wären beide Gegenstände unter ästhetischen Gesichtspunkten (zunächst) gleichwertig. Ästhetischer Wert also, bemisst sich nicht an sinnlichen Qualitäten, denn dieser liegt auf einer höheren Wahrnehmungsebene und damit jenseits der Kategorie „Schönheit“.

Ästhetische Wahrnehmung besteht nach Simmel darin, sich losgelöst von allen Schönheitsreizen, „tief und liebevoll“11 auf die Gegenstände einzulassen, und dabei „die letzte Einheit der Dinge zu empfinden“12. Schönheit sei eine bloße Hülle, für den eigentlichen Wert der Dinge, ihre ästhetische Bedeutsamkeit.

Um zu verstehen, was der Begriff der ästhetischen Bedeutsamkeit konkret besagt, muss man ihn in einen Zusammenhang mit Georg Simmels soziologischer Theorie setzen. Die Gegenstände unserer Anschauung sind nicht ‚an sich‘ ästhetisch bedeutsam, sondern ihre Bedeutsamkeit generiert sich daraus, dass sie für den Menschen und dessen gesellschaftliches Leben symbolischen Wert besitzen: „Nur aber in Symbolen und Beispielen ist jener tiefe Lebensgegensatz alles Menschlichen zu begreifen und jeder großen historischen Periode erscheint eine andere Ausgestaltung dieses Gegensatzes als ein Grundtypus und Urform.“13

Das heißt, dass die ästhetische Bedeutsamkeit eines Objektes nicht allein im Objekt begründet ist, sondern in dem Maße, in dem das Objekt für den Menschen Symbolfunktion hat. Simmel scheint dafür zu argumentieren, dass ein Objekt keine ästhetische Bedeutsamkeit, in Form eines benennbaren Merkmals besitzt, sondern wir diese Bedeutsamkeit lediglich am Objekt empfinden, in dem wir unsere Gedanken auf das Objekt projizieren und Erkenntnisse in Bezug auf uns selbst und unser gesellschaftliches Leben beziehen. Ästhetisches Wahrnehmen, so könnte man zusammenfassen, ist eine sinnlich Zugriffsmöglichkeit auf die Außenwelt, durch die man sich selbst und seine soziale Welt in einer Weise symbolisch erkennt, die über die Möglichkeit bloßer Anschauung hinaus geht.

[...]


1 Vgl. Meyer, Ingo: >Jenseits der Schönheit< Simmels Ästhetik- originärer Eklektizismus? In: Georg Simmel. Jenseits der Schönheit. Schriften zur Ästhetik und Kunstphilosophie. Frankfurt a. M.: Suhrkamp; 2008; S. 399 ff.

2 Vgl. dazu: Philosophisches Wörterbuch. Hrsg. Schischkoff, Georgi. Stuttgart: Kröner Verlag; 1991, S. 602.

3 Vgl. Simmel, Georg: Ueber eine Beziehung der Selectionslehre zur Erkenntnistheorie. In: Georg Simmel. Aufsätze und Abhandlungen 1894 bis 1900. Frankfurt a. M.: Suhrkamp; 1992, S. 62.

4 Vgl. Simmel, Georg: Ueber den Unterschied der Wahrnehmungs- und der Erfahrungsurteile. Ein Deutungsversuch. In: Georg Simmel. Aufsätze und Abhandlungen 1894 bis 1900. Frankfurt a. M.: Suhrkamp; 1992, S. 245.

5 Vgl. Simmel: Ueber eine Beziehung der Selectionslehre zur Erkenntnistheorie. In: 1992 S. 68 f.

6 Ebd. S. 70

7 Ästhetik ist im Folgenden global aufzufassen als „Wissenschaftsdisziplin der sinnlichen Wahrnehmung“. Vgl. Kröner. 1991, S. 46

8 Vgl. Simmel, Georg: Soziologische Ästhetik. In: Georg Simmel. Aufsätze und Abhandlungen 1894 bis 1900. Frankfurt a. M.: Suhrkamp; 1992, S. 198.

9 Die Termini „ästhetische Bedeutsamkeit“ und „ästhetischer Wert“ werden in der Sekundärliteratur als gleichbedeutend behandelt.

10 Ebd. S. 197

11 Ebd. S. 198

12 Ebd. S. 198

13 Ebd. S. 197

Excerpt out of 24 pages

Details

Title
Georg Simmel. Ästhetische Erfahrung und die Erhabenheit der Alpen
College
University of Duisburg-Essen  (Geisteswissenschaften)
Grade
1,0
Author
Year
2018
Pages
24
Catalog Number
V446782
ISBN (eBook)
9783668836297
ISBN (Book)
9783668836303
Language
German
Notes
Tags
Georg Simmel, Ästhetik, Erhabenheit, Alpen, Immanuel Kant, Schönheit
Quote paper
Sascha Mangliers (Author), 2018, Georg Simmel. Ästhetische Erfahrung und die Erhabenheit der Alpen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446782

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