Banlieusard bis in den Tod. Die Rolle des Habitus im Film "La Haine" von Mathieu Kassovitz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
15 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Drei Jungen aus der Vorstadt

2. Das Leben in Les Muguets und der inkorporierte Habitus
2.1 Saïd und sein Zuhause
2.2 Hubert, Vinz und ihr Zuhause?

3. Ein Exkurs nach Sibirien

4. Ameisen im Weltraum
4.1 Ein echter Gangster
4.2 Trennung
4.3 Vernissage
4.4 Auf dem Dach einer anderen Welt

5. Der Aufprall

6. Literaturverzeichnis

1. Drei Jungen aus der Vorstadt

Ein ganz normaler Tag in Les Muguets, einer fiktiven Pariser Banlieue. Kreiert von Mathieu Kassovitz für dessen Film La Haine von 1995, steht sie stellvertretend für die Problembezirke von La Courneuve bis Saint-Denis und liefert einen authentischen Querschnitt der Missstände in den Vorstädten. Durch die Schaffung dieses fiktiven Rahmens umgeht Kassovitz die Benennung einer bestimmten Banlieue als sozialen Brennpunkt und spricht gleichzeitig auch keine davon frei. Les Muguets ist somit nur ein weiterer charakteristischer Außenbezirk, der von Arbeitslosigkeit, nächtlichen Krawallen und Jugendkriminalität geprägt ist.

Drei der Bewohner dieses Viertels sind die jungen Männer Hubert, Vinz und Saïd, die genau wie ihr Heimatort einen Teil des großen Ganzen repräsentieren. Gemeinsam verkörpern sie die sogenannte Generation „black-blanc-beur“[1] und damit die dominanten Ethnien der Pariser Vorstädte: schwarz, weiß und arabisch. Es ist ihre eigene Herkunft, die diese drei Halbstarken verbindet, nicht die ihrer Vorfahren. Eine solche Definition der Umgebung als primärer Faktor charakterlicher Entwicklung wird in der Soziologie nach Pierre Bourdieu als Habitus bezeichnet, der die „Gesamtheit der kohärenten Dispositionen“ und „die inkorporierte (einverleibte) Tradition einer Gesellschaft, Klasse und Gruppe“ beschreibt.[2] Nach Bourdieu sind Hubert, Vinz und Saïd schlicht die Produkte ihrer Umgebung und der Lebenssituation in der Banlieue gnadenlos ausgeliefert.

Zwar stellt der Film diese Theorien regelmäßig infrage, dennoch bestätigt er sie auch immer wieder. Denn obwohl sich Hubert und Vinz mit aller Kraft den deterministischen Einflüssen ihrer Umgebung erwehren, werden sie doch letztendlich von ihnen in die Knie gezwungen. Vor allem ihre Reise in die ungewohnte Pariser Innenstadt führt zu einer sukzessiven Demaskierung und lässt die jungen Männer erkennen, dass Revolutions- und Fluchtgedanken nichts weiter als fixe Ideen sind. Für die tragischen Helden gibt es kein Entkommen aus Les Muguets und ihnen bleiben schließlich nur die drei üblichen Optionen eines Banlieuesards: Anpassung, Kriminalität oder Tod.

2. Das Leben in Les Muguets und der inkorporierte Habitus

In der ersten Hälfte von La Haine, die sich ausschließlich in Les Muguets abspielt, wird deutlich, dass zumindest zwei der drei Protagonisten glauben, Alternativen zu den üblichen Schicksalen eines Banlieuesards gefunden zu haben. Insbesondere Kassovitz‘ Kameraarbeit und die Positionierung der Figuren heben dabei die verschiedenen Ansichten der Charaktere zum Leben in der Vorstadt hervor. Erkennbar wird dies etwa, als die Polizei versucht, eine Art improvisiertes Jugendzentrum auf dem Dach eines HLM aufzulösen. Während sich Vinz ins Getümmel stürzt und den Flics durch Pöbeleien und flotte Sprüche an vorderster Front Paroli bietet, taucht Saïd in der Menge unter und bleibt nur in der Nähe der Konfrontation, ohne sich direkt einzumischen. Hubert geht in seiner Unbeteiligung am Geschehen sogar noch einen Schritt weiter als Saïd und bleibt völlig abseits des eigentlichen Schauplatzes sitzen.

Was Kassovitz dem Zuschauer an dieser Stelle durch den visuellen Subtext vermittelt, sind die Ausgangspunkte der drei Charakterbögen, denen der Film über die weitere Handlung folgen wird. Dabei verkörpert Saïd eine Anpassung an schwierige Umstände, die es einem zwar erlaubt, den Kopf so weit herauszustrecken, dass er einem nicht abgeschlagen wird, einem aber gleichzeitig die meiste Sicherheit bietet. Vinz hingegen repräsentiert die sich auflehnende Jugend, die sich schreiend und kämpfend der Staatsgewalt entgegenstellt, während Hubert das andere Extrem verkörpert und versucht, sich von seinem Habitus zu distanzieren. Alle drei haben somit unterschiedliche Herangehensweisen in Bezug auf ihre Umgebung und nur eines wirklich gemeinsam: „Der Mangel an Kapital verstärkt die Erfahrung der Begrenztheit: er kettet an einen Ort.“[3] In diesem Fall ist dieser Ort Les Muguets.

2.1 Saïd und sein Zuhause

Die erste Begegnung des Zuschauers mit Saïd zeugt von starker Symbolträchtigkeit. Das Gesicht einer Polizeibrigade zugewandt, steht er allein auf einem von Krawallen gezeichneten Platz und hält die Augen geschlossen. Nur wenig später kritzelt er unbeobachtet die Worte „Baise la Police“ an einen Einsatzwagen und läuft davon. Bereits hier stellt Kassovitz einen der drei Hauptcharaktere vor, indem er ihn auf dessen grundlegendstes Merkmal herunterbricht: die Hexis. Dieser Begriff beschreibt nach Bourdieu die Haltung eines Individuums innerhalb seines Habitus, die sich aus dessen individuellen Handlungen zusammensetzt.[4] Somit kann eine bestimmte Hexis in ihrer Einzigartigkeit auch nur von einem Individuum eingenommen werden, da das Ergebnis der Zusammensetzung verschiedener Taten nur einem bestimmten Subjekt zugeschrieben werden kann.[5] Saïds ambivalenter Charakter ist daher in seinem Kern von einer Zerrissenheit geprägt, die sich aus einer Haltung des Augenverschließens und Wegduckens im Sinne des eigenen Wohls, und einer dennoch omnipräsenten Abneigung gegen die Staatsgewalt zusammensetzt.

Folgt man Saïd durch Les Muguets, stellt man schnell fest, dass es sich bei ihm um den angepasstesten und repräsentativsten Vorstadtcharakter des Films handelt. Obwohl er beispielsweise nicht an den nächtlichen Krawallen teilnimmt, wird er regelmäßig von Personen außerhalb der vorstädtischen Jugendkultur für sie verantwortlich gemacht. Im Streit mit dem alten Mann auf dem Balkon wird dies früh deutlich, da die Auseinandersetzung zum einen die Kluft zwischen den Generationen aufarbeitet und zum anderen zeigt, dass der Großteil der Bevölkerung die Missstände in den Vorstädten auf das Verhalten der Jugendlichen zurückführt.[6]

Ein ähnliches Kommunikationsproblem herrscht in der Banlieue zwischen den beiden Geschlechtern. Auf der einen Seite beleidigt Saïd Vinz‘ Schwester und redet abfällig über Frauen, auf der anderen erwartet er, dass man den Frauen seiner eigenen Familie Respekt entgegenbringt. Sich selbst als Patriarch aufspielend, will er seiner Schwester Manieren beibringen und scheitert kläglich, was er auf den Verlust von Traditionen zurückführt. Es wird deutlich, dass in Saïds Welt für Männer und Frauen unterschiedliche Maßstäbe gelten, da er sich durch den Gebrauch von Gossensprache, kleinen Drogengeschäften und der Widersetzung gegen seinen älteren Bruder ebenfalls nicht als traditionsbewusstes Vorbild präsentiert.

Diese typischen Merkmale eines Vorstädters zeigen, dass es sich bei Saïd um eine Figur handelt, die ihren Habitus vollständig verinnerlicht hat, denn „die Tatsache, dass Personen bei ihren Handlungen nicht überlegen, sondern ohne Verzögerung einen spontanen Akt vollziehen können, spricht für das Vorliegen eines Habitus.“[7] Saïd folgt somit eher seinen Instinkten und vermeidet es dabei gleichzeitig, es so weit zu treiben, dass sein Verhalten allzu verheerende Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Dies gilt sowohl für sein Benehmen im Sinne des Gesetzes als auch seines Viertels. Am deutlichsten wird dieser Opportunismus, als er einem Polizisten die Hand gibt und es gegenüber Vinz damit begründet, dass der Beamte zu ihm persönlich immer nett gewesen sei. Es ist der eigene Vorteil der zählt und auch Mitleid ist für Saïd nur angebracht, wenn sein eigenes Wohl nicht darunter leidet. So denkt er zum Beispiel nicht daran, an den nächtlichen Krawallen teilzunehmen und im Sinne der Solidarität seinen Kopf zu riskieren, zögert als Schaulustiger jedoch auch nicht, dem ihm fremden Abdel im Krankenhaus einen Besuch abzustatten.

Zudem erkennt man bei Saïd eine große Bewunderung für das Andeuten von Stärke. Seine begeisterten Reaktionen auf Vinz‘ Waffe und Huberts Attacke auf einen Polizisten unterstreichen dies. Im Gegensatz zu diesen eher harmlosen Beispielen, bedrückt ihn jedoch die Tatsache, dass Abdels Bruder eine Pumpgun mit sich herumträgt und einen Racheakt plant. Saïd will keinen Krieg im Viertel und sich nur so weit auflehnen, wie es das System gerade noch zulässt. So sind zwar alle drei Hauptfiguren „dem unerbittlichen Jetzt des Falls ausgeliefert, leben ausschließlich in der puren Gegenwart,“[8] doch Saïd ist definitiv die Figur, die am konsequentesten nur in den Tag hineinlebt und ihr Schicksal vollständig akzeptiert. Hubert und Vinz hingegen werden von ihren Zukunftsvisionen angetrieben.

2.2 Hubert, Vinz und ihr Zuhause?

Um die Gegensätze zwischen Hubert und Vinz richtig zu begreifen, muss man auch einen Blick auf deren Gemeinsamkeiten werfen. Zunächst wären da die Einrichtungen ihrer Jugendzimmer, die in beiden Fällen stark von amerikanischen Einflüssen geprägt sind. Insbesondere die Poster an den Wänden unterstreichen, dass man in den Banlieues auch kulturell „von Frankreich abgeschnitten“[9] ist, weshalb man sich Idole anderer Kulturen sucht. Während Bilder von Muhammad Ali und der Black Power-Bewegung Huberts Zimmer schmücken, befinden sich an Vinz‘ Wänden die Poster von Wrestlern und Hollywood-Stars. Hier wird der erste Unterschied deutlich: Hubert zollt echten Revolutionären Respekt, wohingegen Vinz die Welten bevorzugt, in denen der Schein mehr zählt als das Sein. Vinz‘ Auftritt im Stile Taxi Drivers‘ vor dem Spiegel hebt seine Vorliebe für große Worte noch zusätzlich hervor, da der Zuschauer hier Zeuge wird, wie die Pose als Halbstarker regelrecht einstudiert wird.

[...]


[1] Siciliano, Amy: La Haine. Framing the Urban Outcasts, in: ACME – An International Journal for Critical Geographies Vol.6 No.2 (2007), S. 211-230. URL: http://ojs.unbc.ca/index.php/acme / article/ view/775 (06.07.2017). S.219.

[2] Rehbein, Boike: Die Soziologie Pierre Bourdieus. Konstanz: UTB GmbH ³2016. S. 246.

[3] Bourdieu, Pierre: Ortseffekte, in: Kultur in der Stadt. Stadtsoziologische Analysen zur Kultur, hrsg. v. Albrecht Göschel u.a., Opladen: Leske + Budrich Verlag 1998, S. 17-25. S. 23.

[4] Krais, Beate/Gebauer, Gunter: Habitus. Bielefeld: transcript Verlag 2002. S. 29.

[5] vgl. Krais/Gebauer, S. 26.

[6] vgl. Siciliano, S. 217.

[7] vgl. Krais/Gebauer, S. 26.

[8] Potthast, Jörg: Stadt der Liebe, Vorstadt des Hasses. Eine Interpretation von La Haine, in: Stadt und Film. Versuche zu einer Visuellen Soziologie, hrsg. v. Matthias Horwitz, Berlin 1996, S. 101-111. URL: https://www.researchgate.net/publication/259979592_Stadt_und_Film_Versuche_zu_einer_'Visuellen_Soziologie (06.07.2017). S. 109.

[9] Frankreichs Vorstädte. Zwischen Revolte und Religion. Regie: Susanne Freitag. Deutschland 2015. URL: https://www.youtube.com/watch?v=IY3ZxMt C2yw (06.07.2017). 17:31.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Banlieusard bis in den Tod. Die Rolle des Habitus im Film "La Haine" von Mathieu Kassovitz
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1.7
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V446798
ISBN (eBook)
9783668827288
ISBN (Buch)
9783668827295
Sprache
Deutsch
Schlagworte
banlieusard, rolle, habitus, film, haine, mathieu, kassovitz
Arbeit zitieren
Yannick Brauner (Autor), 2017, Banlieusard bis in den Tod. Die Rolle des Habitus im Film "La Haine" von Mathieu Kassovitz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446798

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Banlieusard bis in den Tod. Die Rolle des Habitus im Film "La Haine" von Mathieu Kassovitz


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden