Ein ganz normaler Tag in Les Muguets, einer fiktiven Pariser Banlieue. Kreiert von Mathieu Kassovitz für dessen Film "La Haine" von 1995, steht sie stellvertretend für die Problembezirke von La Courneuve bis Saint-Denis und liefert einen authentischen Querschnitt der Missstände in den Vorstädten. Durch die Schaffung dieses fiktiven Rahmens umgeht Kassovitz die Benennung einer bestimmten Banlieue als sozialen Brennpunkt und spricht gleichzeitig auch keine davon frei. Les Muguets ist somit nur ein weiterer charakteristischer Außenbezirk, der von Arbeitslosigkeit, nächtlichen Krawallen und Jugendkriminalität geprägt ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Drei Jungen aus der Vorstadt
2. Das Leben in Les Muguets und der inkorporierte Habitus
2.1 Saïd und sein Zuhause
2.2 Hubert, Vinz und ihr Zuhause?
3. Ein Exkurs nach Sibirien
4. Ameisen im Weltraum
4.1 Ein echter Gangster
4.2 Trennung
4.3 Vernissage
4.4 Auf dem Dach einer anderen Welt
5. Der Aufprall
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle des soziologischen Habitus-Begriffs nach Pierre Bourdieu bei der Charakterentwicklung der drei Protagonisten Hubert, Vinz und Saïd im Film La Haine. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie ihre soziale Herkunft und Lebenssituation in der fiktiven Banlieue Les Muguets ihre Handlungsspielräume determinieren und ihre unterschiedlichen Schicksalswege innerhalb des Films bestimmen.
- Habitus und Hexis als Determinanten menschlichen Verhaltens
- Die fiktive Banlieue als sozialer Brennpunkt
- Soziologische Analyse der Charakterbögen im Film
- Die Bedeutung von symbolischer Gewalt und dem Mangel an Kapital
- Kontrastierung von Anpassung, Kriminalität und Widerstand
Auszug aus dem Buch
2. Das Leben in Les Muguets und der inkorporierte Habitus
In der ersten Hälfte von La Haine, die sich ausschließlich in Les Muguets abspielt, wird deutlich, dass zumindest zwei der drei Protagonisten glauben, Alternativen zu den üblichen Schicksalen eines Banlieuesards gefunden zu haben. Insbesondere Kassovitz‘ Kameraarbeit und die Positionierung der Figuren heben dabei die verschiedenen Ansichten der Charaktere zum Leben in der Vorstadt hervor. Erkennbar wird dies etwa, als die Polizei versucht, eine Art improvisiertes Jugendzentrum auf dem Dach eines HLM aufzulösen. Während sich Vinz ins Getümmel stürzt und den Flics durch Pöbeleien und flotte Sprüche an vorderster Front Paroli bietet, taucht Saïd in der Menge unter und bleibt nur in der Nähe der Konfrontation, ohne sich direkt einzumischen. Hubert geht in seiner Unbeteiligung am Geschehen sogar noch einen Schritt weiter als Saïd und bleibt völlig abseits des eigentlichen Schauplatzes sitzen.
Was Kassovitz dem Zuschauer an dieser Stelle durch den visuellen Subtext vermittelt, sind die Ausgangspunkte der drei Charakterbögen, denen der Film über die weitere Handlung folgen wird. Dabei verkörpert Saïd eine Anpassung an schwierige Umstände, die es einem zwar erlaubt, den Kopf so weit herauszustrecken, dass er einem nicht abgeschlagen wird, einem aber gleichzeitig die meiste Sicherheit bietet. Vinz hingegen repräsentiert die sich auflehnende Jugend, die sich schreiend und kämpfend der Staatsgewalt entgegenstellt, während Hubert das andere Extrem verkörpert und versucht, sich von seinem Habitus zu distanzieren. Alle drei haben somit unterschiedliche Herangehensweisen in Bezug auf ihre Umgebung und nur eines wirklich gemeinsam: „Der Mangel an Kapital verstärkt die Erfahrung der Begrenztheit: er kettet an einen Ort.“ In diesem Fall ist dieser Ort Les Muguets.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Drei Jungen aus der Vorstadt: Einführung in den fiktiven Schauplatz Les Muguets und die soziologische Einordnung der drei Protagonisten anhand des Habitus-Begriffs von Bourdieu.
2. Das Leben in Les Muguets und der inkorporierte Habitus: Analyse der unterschiedlichen Herangehensweisen der Charaktere an ihre Umgebung, unterteilt in die individuelle Charakterisierung von Saïd sowie Hubert und Vinz.
3. Ein Exkurs nach Sibirien: Untersuchung der Grundeinstellungen der Figuren im Kontext eines zentralen Monologs über Grunwalski, der als Analogie für ihre Unfähigkeit zur gesellschaftlichen Integration dient.
4. Ameisen im Weltraum: Detaillierte Betrachtung der Eskalation und Demaskierung der Figuren während ihres Aufenthalts in der Pariser Innenstadt, inklusive der Analyse ihres Scheiterns.
5. Der Aufprall: Fazit der Charakterentwicklung, das aufzeigt, wie jede Figur – trotz unterschiedlicher Strategien – ihrem durch den Habitus determinierten Schicksal nicht entkommen kann.
Schlüsselwörter
La Haine, Mathieu Kassovitz, Pierre Bourdieu, Habitus, Banlieue, Les Muguets, Hexis, Sozialer Determinismus, Generation Black-Blanc-Beur, Identität, Soziale Herkunft, Symbolische Gewalt, Charakteranalyse, Filmwissenschaft, Jugendkriminalität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert den Film "La Haine" von Mathieu Kassovitz durch die soziologische Brille von Pierre Bourdieus Habitus-Theorie, um das Verhalten der drei Hauptfiguren in der Banlieue zu erklären.
Welche Themenfelder werden abgedeckt?
Die Schwerpunkte liegen auf der stadtsoziologischen Bedeutung der Vorstadt, der Analyse von Charakterbögen, dem Einfluss von sozialem Kapital und der Macht der Umgebung auf die Identitätsbildung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu verstehen, warum die Protagonisten trotz unterschiedlicher Ambitionen und Fluchtversuche letztlich an ihrem sozialen Umfeld scheitern und ihr vorgezeichnetes Schicksal nicht abwenden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche bzw. filmwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die soziologische Konzepte (Habitus, Hexis, symbolische Gewalt) auf das visuelle Medium Film überträgt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Beobachtung der Protagonisten in ihrem Heimatviertel, die Deutung zentraler Symbole (wie die Anekdote von Grunwalski) und die Analyse ihres Verhaltens in der Pariser Innenstadt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentral sind Begriffe wie Habitus, Banlieue, Determinismus, Identität, Machtlosigkeit und der soziologische Begriff der Hexis.
Welche Bedeutung hat der Titel "Banlieuesard bis in den Tod"?
Der Titel verdeutlicht die Kernthese der Arbeit: Dass die soziale Umgebung und der verinnerlichte Habitus einen "Banlieuesard" so stark prägen, dass ein Ausbrechen aus diesem Milieu faktisch unmöglich ist.
Wie unterscheidet sich die Entwicklung von Hubert von der von Vinz?
Während Vinz als lauter Maulheld beginnt und durch seine Verstrickung in die Gewaltkultur reift, beginnt Hubert mit dem Wunsch sich zu distanzieren, wird aber durch das System und die fehlenden Ressourcen schließlich selbst in die aktive Gewalt hineingezogen.
Warum spielt der Habitus-Begriff für Saïd eine so zentrale Rolle?
Saïd ist das Paradebeispiel für die vollkommene Internalisierung seines Habitus, indem er opportunistisch handelt, Konflikte meidet und keine Anstalten zur persönlichen Weiterentwicklung zeigt.
- Citation du texte
- Yannick Brauner (Auteur), 2017, Banlieusard bis in den Tod. Die Rolle des Habitus im Film "La Haine" von Mathieu Kassovitz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/446798