Die undurchsichtige Etymologie des Wortes Sucht wurde im nhd. zum einen mit krankhaftem Verlangen zum anderen mit `suchen´ verknüpft. Worauf sich diese Suche konkret bezieht ist zunächst nicht einfach zu benennen, da grundsätzlich alles nicht Vorhandene gesucht werden kann. Im Hinblick auf die Zeit ist die Suche eine in die Vergangenheit oder in die Zukunft gerichtete Bewegung. Etwas Verlorenes oder etwas Antizipiertes können ihr Gegenstand sein. Ferner verweist der momentane Zustand des Suchenden auf eine Disharmonie, denn nur aus dieser speist sich der Impuls zur Suche.
C. G. Jung schrieb einmal in einem Brief an Mr. Wilson, einem der Mitbegründer der Anonymen Alkoholiker (AA), über einen seiner alkoholkranken Patienten: „Seine Sucht nach Alkohol entspricht auf einer niedrigen Stufe dem geistigen Durst des Menschen nach Ganzheit, in mittelalterlicher Sprache: nach der Vereinigung mit Gott.“
Es scheint sich demnach bei der materiellen Thematik der Sucht symbolisch um etwas Seelisches zu handeln, das mit dem Suchtmittel zu erreichen versucht wird, aber, das ständig sich fortsetzende Verlangen in der Sucht zeigt es an, keine Befriedigung erfährt. Jungs theologische Anregung ist zum konstitutiven Element z. B. der Anonymen Alkoholiker geworden, bildet aber eine Voraussetzung, die alle Erkenntnis auf die Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis hin übersteigt und somit inkommensurabel einem Wissenschaftsideal, welches auf der prinzipiellen Forderung nach Überprüfbarkeit von Aussagen und Methoden durch jeden gründet , gegenübersteht.
Die bisherige Alkoholismusforschung konnte sodann keine signifikante Persönlichkeitsstruktur entdecken, die zur Alkoholkrankheit disponiert. Demnach unterscheidet sich der Alkoholkranke von den übrigen Gesellschaftsmitgliedern lediglich in seinem Verhältnis zum Alkohol. Entgegen diesem Ergebnis soll meine Hypothese lauten, dass es sich gerade so nicht verhält, sondern sehr wohl eine so genannte prämorbide Persönlichkeit existiert und zwar zu jeglichen Formen von Suchtstrukturen, aus der die Alkoholkrankheit natürlich nur einen Ausschnitt bildet. Prämorbid möchte ich hier vorweg übersetzen als eine Form von Verzweiflung, die auf einer Fehlverarbeitung von Daseinsangst beruht. Diese Vermutung werde ich im Verlauf der Arbeit zu untermauern versuchen und insbesondere von den Selbstzeugnissen der AA her entwickeln.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Die Persönlichkeit des Süchtigen
1.1 Der Begriff der Krankheit
2. Der Mangel in der Philosophie J. P. Sartres
2.1 Analogien zum Charakterbild des Süchtigen
3. Die Überwindung der Sucht oder die religiöse Perspektive
3.1 Der Weg der Anonymen Alkoholiker
3.2 „Die Krankheit zum Tode“
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die religiöse Dimension der Sucht am Beispiel der Anonymen Alkoholiker, indem sie das Phänomen als eine existenzielle Fehlverarbeitung von Daseinsangst deutet, die durch die Kompensation eines fundamentalen Mangels mittels Suchtmittel gekennzeichnet ist.
- Existenzphilosophische Analyse des Begriffs der Sucht bei J.P. Sartre
- Charakterisierung der Persönlichkeit des Süchtigen
- Die religiöse Perspektive der Anonymen Alkoholiker als Überwindungsstrategie
- Existenzielle Deutung der Sucht anhand von S. Kierkegaards "Krankheit zum Tode"
Auszug aus dem Buch
3. Die Überwindung der Sucht oder die religiöse Perspektive
Spätestens seit der Aufklärung heißt es, der Mensch befände sich in einem unhaltbaren Zustand selbstverschuldeter Unmündigkeit und er solle sich seines Verstandes bedienen um diesen aufzuheben. Was aber bedeutet Unmündigkeit? Für I. Kant bestand sie vornehmlich in Religionssachen, also im Verhältnis des Individuums zur Religion; auf der einen Seite weil die Existenz Gottes aus erkenntnistheoretischen Gründen fragwürdig geworden war und andererseits weil Gott ausschließlich als dem Menschen heteronom gegenüberstehend gedacht wurde. Der Gedankengang bildete eine frustrierende Überflüssigkeit, sodass er mit der Forderung nach Autonomie ersetzt werden sollte. Was übrig blieb war der Mensch mit sich allein, und Gott lediglich als Ableitung der Sittlichkeit, auf welche die Religion reduziert wurde. Was Kant und mit ihm im Grunde die gesamte Aufklärung, sowie auch die auf die Wiederherstellung des Subjekts plädierende Psychoanalyse übersah, ist die schon erwähnte Tatsache, dass die unmittelbare Freiheit aufgrund von Angst gar nicht ausgehalten wird.
Man wird darüber hinaus, mit Berufung auf den Sartreschen Existenzentwurf den Verdacht äußern können, dass derjenige, der Gott verneint, ihn künstlich ersetzen muss um der Angst vor dem Nichts zu entgehen. D. h., dass durch die Eliminierung der Vorstellung Gottes die vermeintlich mit ihm verbundenen Widersprüche nicht verschwinden, dafür aber von neuem entstehen und zwar nicht mehr in einem Außenverhältnis, sondern in der eigenen Person.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung verknüpft die Etymologie des Suchtbegriffs mit einer existenziellen Leere und stellt die Hypothese einer prämorbiden Persönlichkeit auf, die Sucht als Kompensation von Daseinsangst versteht.
1. Die Persönlichkeit des Süchtigen: Dieses Kapitel analysiert charakteristische Persönlichkeitsmerkmale wie überhöhte Ansprüche und innere Einsamkeit und reflektiert das Krankheitsverständnis im Kontext psychoanalytischer und existenzieller Ansätze.
2. Der Mangel in der Philosophie J. P. Sartres: Es werden zentrale Konzepte der Existenzphilosophie genutzt, um Sucht als einen ontologischen Mangel zu deuten, wobei das menschliche Bewusstsein als "Nichts" und der Süchtige als "flüchtendes" Subjekt verstanden wird.
3. Die Überwindung der Sucht oder die religiöse Perspektive: Das Kapitel kontrastiert die theoretischen Analysen mit dem praktischen Programm der Anonymen Alkoholiker und Kierkegaards Existenzverständnis, um eine religiöse Dimension als Heilungsweg aufzuzeigen.
4. Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse zusammen und betont, dass die Überwindung der Sucht eine existenzielle Umkehr durch Transzendenz erfordert, die sich wissenschaftlicher Methodik entzieht.
Schlüsselwörter
Sucht, Anonyme Alkoholiker, Existenzphilosophie, J.P. Sartre, S. Kierkegaard, Daseinsangst, Ontologischer Mangel, religiöse Dimension, Suchtstruktur, Selbstfindung, Kontingenz, Alkoholkrankheit, Transzendenz, Persönlichkeitsstruktur, Unmündigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Sucht, insbesondere die Alkoholsucht, nicht rein somatisch oder psychologisch, sondern aus einer existenziellen und religionswissenschaftlichen Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft die Phänomenologie der Sucht mit der Philosophie von Sartre und Kierkegaard, um den tieferen Sinn von Suchtverhalten zu ergründen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Sucht eine Form der existenziellen Kompensation ist und ihre Überwindung eine religiöse bzw. existenzielle Wandlung erfordert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine existenzphilosophische und geistesgeschichtliche Hermeneutik, um Suchtstrukturen zu deuten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Persönlichkeit des Süchtigen und das Konzept des "Mangels" bei Sartre besprochen, gefolgt von einer Analyse des 12-Schritte-Programms der Anonymen Alkoholiker.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Daseinsangst, ontologischer Mangel, Transzendenz, Suchtstruktur und das "Abgeleitete Selbst" bei Kierkegaard.
Wie sehen die Anonymen Alkoholiker das Phänomen der Sucht?
Die Anonymen Alkoholiker betrachten die Sucht als einen Zustand, in dem Selbstkontrolle versagt und eine Kapitulation vor einer höheren Macht (Gott) zur Genesung notwendig ist.
Warum spielt J. P. Sartre eine so wichtige Rolle in der Analyse?
Sartres Philosophie hilft, den "Mangel" als grundlegende Bestimmung der menschlichen Existenz zu definieren, was als theoretisches Fundament dient, um Sucht als Flucht vor dieser existenziellen Leere zu verstehen.
Welche Bedeutung misst der Autor Kierkegaard bei?
Kierkegaard dient als geistesgeschichtliches Korrektiv, da er die Alternative zwischen Glaube und Verzweiflung radikalisiert und die Bedeutung eines positiven Gottesverhältnisses für die Selbstfindung unterstreicht.
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- Tobias Fiege (Author), 2004, Zur religiösen Dimension der Sucht unter besonderer Berücksichtigung der Anonymen Alkoholiker, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44807