Sozialisierung und Ausbildung im Gefängnis. Ein dänisches Beispiel


Forschungsarbeit, 2018

15 Seiten


Leseprobe

Sozialisierung und Ausbildung im Gefängnis. Ein dänisches Beispiel

Anita Riis

Ein kriminalitätsfreies Leben von ehemaligen Häftlingen wird oft in Zusammenhang mit der Möglichkeit von Ausbildung und Beschäftigung diskutiert. Eine politische Vereinbarung über die Ökonomie der dänischen Kriminalfürsorge von 2013 bis 2016 besagt, dass „ein markanter Einsatz von der Ausbildung und der Beschäftigung in den Gefängnissen gesichert werden muss, um die Möglichkeit für ein kriminalitätsfreies Leben anzuheben“ (Justitsministeriet, 2012, S. 2). Diese Akzentuierung bezüglich der Ausbildung und Beschäftigung von Insassen zielt insbesondere darauf ab, dass die Freigelassenen im Anschluss über bessere Ausgangsbedingungen verfügen, wenn es darum geht, einen Job zu erhalten. Sowohl ökonomische Stabilität als auch gesellschaftliche Reintegration sind wichtige Voraussetzungen für ein kriminalitätsfreies Leben, und beides kann bestenfalls durch einen Job erzielt werden (Landersø & Tranæs, 2009, S. 190).

Oft gestaltet sich dies aber nicht so einfach. Der Weg von der Ausbildung oder Beschäftigung im Gefängnis bis zu einem Job nach der Freilassung kann lang sein. Der vorliegende Artikel fokussiert auf die Ausbildungsmöglichkeiten von Insassen in den dänischen Gefängnissen als einen der ersten Schritte auf diesem Weg. Die primäre Form von Beschäftigung in den Gefängnissen sind aber verschiedene Arten von Arbeit wie Reinigung, Produktion von Möbeln oder Verpackungstätigkeiten. Diese Struktur trägt dazu bei, dass man sich als Gefangener nicht ohne Weiteres ausbilden lassen kann. Aber es gibt auch andere Barrieren, die überwunden werden müssen, wenn man im Gefängnis eine Ausbildung durchlaufen möchte. Die Sozialisierung, die im Gefängnis erfolgt, wirkt nicht unbedingt fördernd, wenn es darum geht, sich ausbilden zu lassen. Unter anderem bietet die Gefängniskultur den Insassen nicht direkt eine Identität als Studierende. Dieser Artikel untersucht, wie es unter solchen Prämissen möglich ist, eine Ausbildung oder ein Examen während eines Gefängnisaufenthalts zu absolvieren. Ich habe in dem Zeitraum von 2013 bis 201 zehn derzeitige sowie ehemalige Insassen befragt, die während ihres Gefängnisaufenthalts ganz oder teilweise eine Ausbildung durchlaufen haben. Diese zehn Interviews werden in diesem Artikel als Ausgangspunkt für eine Diskussion über Sozialisierung und Ausbildung im Gefängnis dienen.

Im Folgenden wird die rechtmäßige Stellung von dänischen Insassen, die sich ausbilden lassen möchten, kurz beschrieben. Danach werden die Interviewpersonen und einige methodische und theoretische Überlegungen der Untersuchung präsentiert, bevor die Analyse und die Diskussion der zehn Interviews folgt. Die Analyse fokussiert auf das Verhältnis zwischen Sozialisierung und Identität in Zusammenhang mit der Durchführung einer Ausbildung während eines Gefängnisaufenthaltes.

Insassen und das Recht auf Ausbildung

In den europäischen Strafvollzugsgrundsätzen (2007) findet man in Bezug auf die Aus- und Weiterbildung im Gefängnis eine Reihe von Empfehlungen des Europarates. Abschnitt 28.1 besagt: „Jede Justizvollzugsanstalt soll allen Gefangenen Zugang zu möglichst umfassenden Bildungsprogrammen gewähren, die ihren individuellen Bedürfnissen entsprechen und gleichzeitig ihren Ambitionen Rechnung tragen“. Ob eine solche Empfehlung praktiziert wird, hängt natürlich von deren Interpretation ab. Was bedeutet z. B. „möglichst umfassend“? Die dänische Kriminalfürsorge verwendet im Hinblick auf die Rechte von Häftlingen im Generellen folgende Formulierung: „Die Insassen haben als Ausgangspunkt die gleichen Rechte wie andere Bürger der Gesellschaft, abgesehen von dem Recht, sich frei zu bewegen, und die Rechte, die sich damit verbinden“ (http://www.kriminalforsorgen.dk/Indsattes-rettigheder-327.aspx). Welche Rechte sich mit dem Recht, sich frei zu bewegen, verbinden, ist hier nicht explizit ausgeführt. Aber dass es die Art und Weise berührt, auf welche Weise man sich ausbilden lassen kann, ist evident. Zahlreiche Ausbildungen können nur außerhalb des Gefängnisses durchgeführt werden, und ein sogenannter Freigang, bei dem Insassen für eine kurze Periode erlaubt wird, das Gefängnis zu verlassen, ist erst im letzteren Teil der Ableistung einer Gefängnisstrafe möglich. Das Gesuch um Freigang kann aber zu jeder Zeit aus individuellen Gründen abgelehnt werden (Justitsministeriet, 2015, S. 20).

In den fünf dänischen Gefängnissen mit geschlossenem und acht mit offenem Vollzug ist es möglich, gewisse Fächer auf Grundschulniveau zu studieren - primär die Fächer Dänisch, Englisch, Mathematik und Gesellschaftswissenschaften. Im Vergleich zu der Gesamtbevölkerung Dänemarks sind die Insassen der dänischen Gefängnisse durchschnittlich auf sehr geringem Niveau ausgebildet. 68 Prozent der Gefangenen haben nur die Grundschule als höchste Ausbildung abgeschlossen, wobei diese Zahl in der Gesamtbevölkerung bei 30 Prozent liegt. Zu diesem Bild gehört auch, dass 17,7 Prozent der Häftlinge die Schule nur bis zur achten Klasse besucht haben, obwohl eine neunjährige Schulpflicht besteht (Clausen, 2013, S. 11). Infolgedessen genießt der Unterricht auf Grundschulniveau in den Gefängnissen eine hohe Priorität. Zahlreiche Gefängnisse räumen den

Insassen zudem die Möglichkeit einer handwerklichen Ausbildung, z. B. als Küchenchef oder Schmied, ein. Für jene Gefangenen, die sich ausbildungsmäßig in eine andere Richtung bewegen möchten, denen aber ein Freigang nicht erlaubt werden kann, sind ausgewählte Selbststudien eine weitere Option. So kann in Dänemark z. B. eine gymnasiale Ausbildung auf diese Weise erworben werden.

Alle Gefangenen haben die Pflicht, sich 37 Stunden pro Woche entweder mit beruflicher Arbeit, Ausbildung oder Therapie zu beschäftigen. Die Betreffenden haben aber nicht die freie Wahl, ob sie sich eher in dem einen oder dem anderen Bereich betätigen möchten. In jedem einzelnen Fall wird die Insassin oder der Insasse zwar ausgehend von ihren/seinen eigenen Wünschen bewertet, aber sowohl persönliche als auch strukturelle Verhältnisse spielen für den Ausgang eines Antrags auf Ausbildung eine Rolle. Auf der persönlichen Ebene handelt es sich hierbei z. B. um Vorkenntnisse und Motivation. Darüber hinaus kann eine Drogenabhängigkeit hinsichtlich dieser Bewertung eine Problematik darstellen. Auf der strukturellen Ebene begrenzt hingegen unter anderem die Kapazität der Schule die entsprechenden Möglichkeiten. Auch für Selbststudierende sind die Ressourcen im Gefängnis dahingehend von Bedeutung, ob es möglich ist, sich alleine und somit ungestört in einem Zimmer oder in einer Studienzelle mit den Lehrbüchern zu beschäftigen. Zu diesem Bild gehört auch, dass die dänische Kriminalfürsorge ein Unternehmen betreibt, für das sie die Arbeitskraft der Insassen benötigt. Firmen können bei diesem Betrieb z. B. verschiedene Produktions- oder Verpackungsaufgaben in Auftrag geben.

Alles in allem ist das Recht auf Ausbildung also kein unbedingtes Recht - auch dann nicht, wenn die Kriterien, die normalerweise und außerhalb des Gefängnisses bezüglich des Zugangs zu einer Ausbildung gelten, erfüllt werden.

Die Interviewpersonen

Die Interviewteilnehmer, auf die sich in diesem Artikel bezogen wird, sind insofern atypisch, als sie alle während ihres Gefängnisaufenthaltes entweder zur Gänze oder teilweise eine Ausbildung absolviert haben. Außerdem verfügen sie über Erfahrungen mit Ausbildung auf einem höheren Niveau als dem der Grundschule - obwohl es sich hierbei in einigen Fällen nicht unbedingt um positive Erfahrungen handelt. Zwei der Interviewpersonen wurden z. B. vor ihrem Gefängnisaufenthalt vom Gymnasium verwiesen. Wenn es darum geht zu verstehen, wie es möglich ist, eine Ausbildung oder ein Examen während des Aufenthaltes im Gefängnis zu absolvieren, können genau solche Personen mit wichtigen Informationen zur Klärung beitragen. Entsprechend wird in einem Artikel über den Zusammenhang zwischen Ausbildung im Gefängnis und Einkommen nach dem Gefängnis festgestellt: „Vielleicht erzählen die Geschichten von denen, die sich gegen alle Widrigkeiten durchsetzen, etwas darüber, wie man im Allgemeinen die Ableistung von einer Gefängnisstrafe so organisieren kann, dass die Gruppe, die wieder auf die Füße kommt, größer wird“ (Landersø & Tranæs, 2009, S. 189). Vor diesem Hintergrund wurden die Befragten zunächst nach dem Kriterium ausgewählt, ob sie ausbildungsmäßig Höheres geleistet haben als der durchschnittliche Insasse.

In der Annahme, dass es gleichzeitig eine Rolle spielt, ob von einer Perspektive aus gesprochen wird, von der aus man entweder abhängig oder unabhängig von dem Gefängnissystem ist, wurden je fünf aktuelle und fünf frühere Insassen ausgewählt. Ein weiteres Kriterium war der geografische Standort, da verschiedene Gefängnisse unterschiedliche Prozeduren und Kulturen aufweisen können (Minke, 2012, S. 148). Folglich wurden die Interviews mit den fünf Insassen in drei Gefängnissen in drei verschiedenen Landesteilen von Dänemark (Jütland, Fünen und Seeland) durchgeführt. Die Befragung der ehemaligen Insassen verteilte sich geografisch in derselben Weise. Unter den Interviewpersonen befanden sich insgesamt acht Männer und zwei Frauen. Um einen Blick für eventuelle besondere Problemstellungen von Frauen offenzuhalten, wurden zwei Frauen ausgewählt, obwohl im Zeitraum, in dem die Interviews stattfanden, nur 3,4 Prozent - und damit ein vergleichsweise geringerer Prozentsatz - der Insassen in Dänemark weiblich waren (Clausen, 2013, S. 65).

Der jüngste der Befragten war in seinen Mittzwanzigern, der älteste Anfang 50. Größtenteils waren die Interviewpersonen zwischen 30 und 40 Jahre alt. Der Altersdurchschnitt von dänischen Insassen betrug 2011 33,3 Jahre (Clausen, 2013, S. 66). Die Ausbildungen, mit denen die Befragten während des Aufenthaltes im Gefängnis Erfahrungen gesammelt hatten, sind die zehnte Klasse (Grundschulniveau), gymnasiale oder universitäre Ausbildungen, Berufsausbildung und Weiterbildung im Anschluss an eine Berufsausbildung. Die Straflängen der Interviewpersonen beliefen sich auf ungefähr fünf bis zwölf Jahre. Die Länge der Strafe kann eine Bedeutung dafür haben, ob man sich als Häftling für eine Ausbildung entscheidet oder nicht. So beginnen Gefangene mit kurzer Strafzeit oft gar nicht mit einer Ausbildung, aber auch für diejenigen mit längeren Strafen ist es eher ungewöhnlich, sofort damit zu beginnen (Koudal, 2010, S. 55). Als Grund dafür gaben die Befragten unter anderem an, dass vonseiten des Gefängnisses entschieden worden war, dass andere Personen, die früher freigelassen werden, eher einen Studienplatz benötigen.

Die Anonymität der Befragten sicherzustellen, ist besonders wichtig, wenn es sich hierbei um bestrafte Personen handelt. So könnten die Strafsachen dieser Personen das Interesse der Medien auf sich gezogen haben. Dies könnte es wiederum erleichtern, verschiedene Informationen auf eine bestimmte Person zurückzuführen. Zudem kennen viele Häftlinge mit längeren Strafen einander und wissen genau, um welche Person es geht, sollte die spezifische Ausbildung einer Person genannt werden. Darum wird in den folgenden Zitaten der Interviewpersonen nicht konkretisiert, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt: Alle werden mit dem maskulinen Pronomen bezeichnet. Es wird auch nicht präzisiert, um welche Ausbildung es sich handelt, und Alter sowie Straflänge werden ebenfalls nicht genannt. Im Gegensatz dazu wird hervorgehoben, ob es sich um einen aktuellen oder einen früheren Insassen handelt, denn dies kann bedeutend dafür sein, aus welcher Perspektive geredet wird. Die ehemaligen Häftlinge haben z. B. die Möglichkeit der Reflexion im Rückblick, und sie sind auch nicht länger von dem Gefängnissystem abhängig. Letzteres kann bedeuten, dass sie freier oder direkter sprechen.

Themen und theoretische Grundlage der Analyse

Die drei übergeordneten Themen wurden von den zehn Interviewpersonen besonders akzentuiert, als sie von ihren verschiedenen Ausbildungsverläufen erzählten. Das erste Thema knüpft an den allgemeinen Diskurs im Gefängnis an. Das zweite Thema bezieht sich auf die spezielle Situation derjenigen, die Selbststudien durchführen, und das dritte Thema auf die besondere Situation derer, denen ein Freigang erlaubt wird. Fünf der Interviewpartner befanden sich zu verschiedenen Zeitpunkten in beiden letztgenannten Situationen und haben aufgrund dessen die Möglichkeit, diese miteinander zu vergleichen.

Die Themen werden im Folgenden aus einer identitätstheoretischen Perspektive analysiert. Wenn Sozialisierung und Identität hier verbunden werden, handelt es sich nicht nur um die Anpassung des Individuums an die Normen und Denkweisen der Gesellschaft oder an das Milieu, in dem es sich befindet. Ein anderer Aspekt der Sozialisierung bezieht sich auf die Möglichkeit, sich in Opposition zu den gegebenen Normen und Denkweisen zu entwickeln. Das Individuum kann das von außen Kommende in seiner Identität internalisieren, aber es kann sich auch dagegen wehren.

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Details

Titel
Sozialisierung und Ausbildung im Gefängnis. Ein dänisches Beispiel
Hochschule
Aalborg Universitet  (Learning and Philosophy)
Autor
Jahr
2018
Seiten
15
Katalognummer
V448142
ISBN (eBook)
9783668833371
ISBN (Buch)
9783668833388
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sozialisierung, ausbildung, gefängnis, diskurs
Arbeit zitieren
Anita Holm Riis (Autor), 2018, Sozialisierung und Ausbildung im Gefängnis. Ein dänisches Beispiel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/448142

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