Um das Regime der DDR genauer charakterisieren zu können, scheint es in erster Linie notwendig, die damaligen Zustände, die einzelnen Schritte von der Ideologie bis hin zum Entstehen des Machtmonopols des SED-Regimes in den einzelnen Phasen der DDR neutral darzustellen, um das Leben in der Diktatur in der Folge einordnen und bewerten zu können. Diese Auseinandersetzung mit dem System findet im ersten Teil der Arbeit statt und soll einen eher sachlichen statt bewertenden Charakter tragen. Aus der Situationsschilderung ergibt sich die Frage nach der Wahrnehmung der staatlichen Obrigkeit durch das Volk, welches einen Schwerpunkt im zweiten Sinnabschnitt der Arbeit bildet. Der propagierte Sozialismus soll der erlebten Wirklichkeit gegenübergestellt werden und einen Einblick geben, in welchem Maße der Staat das alltägliche Leben beeinflusst hat und bis in die heutige Zeit prägte. Letztlich ist es nötig, Theorie und Praxis der DDR-Geschichte im Kontext gegenwärtiger Totalitarismusforschung zu betrachten, um den totalitären Charakter der Diktatur nach ausgewählten, wissenschaftlichen Kriterien bewerten zu können. Dabei ist zu erwähnen, dass die Debatte der Totalitarismuskritik bezüglich der DDR schon seit ihren Anfängen geführt wird, bis heute jedoch kein einheitliches Ergebnis hervorbringen konnte. Diese Arbeit stützt sich daher auf den klassischen Totalitarismusansatz von Hannah Arendt - der Verbindung von Ideologie und Terror.
Erst die Vervollständigung um diese Fakten und Einordnung macht einen abschließenden, wertenden Versuch der Beantwortung der leitenden Fragestellung im letzten Teil der Arbeit möglich und verhindert eine einseitige Darstellung dieser immer noch sensiblen Thematik.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Die DDR als Diktatur - autoritäres oder totalitäres Regime?
2. Begriffsklärung
2.1. Diktatur
2.2. Autoritäre Herrschaft
2.3. Totalitäre Herrschaft
3. Der Weg zur Diktatur in der DDR
3.1. Die marxistisch-leninistische Ideologie und der "Verordnete Antifaschismus"
3.2. Staatliche Institutionen: SED und MfS
3.3. Organisationsstrukturen in der DDR
3.4. Ära Ulbricht und Honecker
4. Leben in einer Diktatur
4.1. Gesellschaft und Alltag
4.2. Oppositionen und staatliche Gegenmaßnahmen
4.3. Ansichten - Selbstdefinition der Partei und Wahrnehmung durch das Volk
5. Die DDR in der Totalitarismusdebatte
5.1. Merkmale des totalitären Systems nach Hannah Arendt
5.2. Die DDR in der Analyse nach Hannah Arendts Totalitarismustheorie
6. Schlussbetrachtung: DDR - Autoritäre Diktatur zw. Dämonisierung und Verklärung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die politikwissenschaftliche Charakterisierung der DDR und geht der zentralen Forschungsfrage nach, ob die Deutsche Demokratische Republik als autoritäres oder als totalitäres Regime zu bewerten ist. Dabei wird der politische Wandel von der Gründungsphase bis zum Ende des Regimes analysiert, um zu klären, inwieweit klassische Totalitarismusmodelle auf die DDR anwendbar sind oder ob der Begriff der Fürsorgediktatur treffender ist.
- Vergleichende Analyse von autoritären und totalitären Herrschaftsmerkmalen.
- Entstehung und Institutionalisierung der SED-Diktatur in der SBZ/DDR.
- Die Rolle der marxistisch-leninistischen Ideologie und des "Verordneten Antifaschismus".
- Alltag, soziale Kontrolle und oppositionelle Strömungen im DDR-Regime.
- Anwendung der Totalitarismustheorie von Hannah Arendt auf die DDR-Geschichte.
Auszug aus dem Buch
3.1. Die marxistisch-leninistische Ideologie und der "Verordnete Antifaschismus"
Politische Führungen benötigen eine greifbare Ideologie, die vor Machtantritt die Massen überzeugt und danach die weitere Legitimation der Herrschaft sichert. Im Falle der DDR beruhte der Herrschaftsanspruch der SED auf der Verbindung der marxistisch-leninistischen Ideologie und dem Antifaschismus. Wie in den Alten Bundesländer, wurde 1945 der "Mythos der Stunde Null" in der DDR geprägt, welcher im schnellen Bekenntnis der NS-Nachfolgestaaten zu Antifaschismus und Frieden bestand. Die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), später die SED, baute auf der marxistischen Theorie auf, die über die proletarische Revolution mit der Klassengesellschaft, welche über den Kapitalismus unweigerlich in den Faschismus führen sollte, brechen wollte. Dazu seien "despotische Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Verhältnisse" notwendig, welches die SMAD durch Bodenreform und Kollektivierung der Betriebe umsetzte. Die Arbeiterklasse sollte, nach Marx, an der Seite der Kommunisten, den selbst organisierten Kampf gegen die Bourgeoisie führen. Lenin führte diese Theorie um den Punkt der Kaderpartei von Berufsrevolutionären, zur äußeren Stärkung der Arbeiterklasse, weiter, bis zum Inbegriff des kommunistischen Parteiverständnisses: "Die Partei hat immer recht". So verstand Lenin jede Abweichung von der Parteiideologie als Unterstützung der Bourgeoisie.
Die marxistisch-leninistischen Lehren wurden zur offiziellen Staatsideologie der DDR erhoben und ermöglicht die alleinige Urteilung über Ziel, die Schaffung eines "neuen Menschen und einer neuen Gesellschaft", und Umsetzung der Theorien, durch die Partei. Erklärte die "Diktatur des Proletariates" nicht hinreichend die DDR-Politik, fand die Führung im Antifaschismus Begründung. Ralph Giordano spricht hierbei von einem "verordneten", einem "Staats- und Partei-Antifaschismus". Im Kern dieser Einstellung geht es um die belegbare Diskrepanz zwischen Theorie des Antifaschismus und Verwirklichung dessen durch das SED-Regime.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die DDR als Diktatur - autoritäres oder totalitäres Regime?: Einführung in die Problematik der DDR-Bewertung und Aufarbeitung vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Nostalgie und politikwissenschaftlicher Debatten.
2. Begriffsklärung: Theoretische Definition und Abgrenzung der Begriffe Diktatur, autoritäre Herrschaft und totalitäre Herrschaft als Grundlage für die weitere Analyse.
3. Der Weg zur Diktatur in der DDR: Darstellung des Aufbaus der SED-Herrschaft, der ideologischen Fundamente und der institutionellen Entwicklung von der SBZ bis zum vollendeten Machtmonopol.
4. Leben in einer Diktatur: Analyse des alltäglichen Lebens, der staatlichen Durchdringung der Gesellschaft durch Massenorganisationen sowie der Reaktion auf oppositionelle Bestrebungen.
5. Die DDR in der Totalitarismusdebatte: Anwendung der Totalitarismustheorie von Hannah Arendt auf die DDR zur Prüfung des totalitären Charakters des Regimes.
6. Schlussbetrachtung: DDR - Autoritäre Diktatur zw. Dämonisierung und Verklärung: Synthese der Ergebnisse mit der Schlussfolgerung, dass die DDR als autoritäres Regime mit totalitären Zügen zu bewerten ist.
Schlüsselwörter
DDR, SED, Totalitarismus, Autoritäre Herrschaft, Hannah Arendt, Marxismus-Leninismus, Antifaschismus, Stasi, Diktatur, Ideologie, Repression, Machtmonopol, DDR-Nostalgie, Demokratie, Gesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der politikwissenschaftlichen Einordnung der DDR und untersucht kritisch, ob das DDR-Regime als totalitär oder autoritär zu klassifizieren ist.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Untersuchung behandelt?
Zentrale Themen sind die Entstehung der SED-Diktatur, die Rolle der Ideologie, die Instrumente staatlicher Repression sowie die Wahrnehmung des Regimes durch das Volk im Kontext der Totalitarismusdebatte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das Hauptziel ist es, eine objektive Bestimmung des DDR-Regimecharakters vorzunehmen, um eine fundierte Einordnung zu ermöglichen, die weder verharmlost noch politisch instrumentalisiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf den klassischen Totalitarismusansatz von Hannah Arendt, welcher Ideologie und Terror als zentrale Verbindungselemente untersucht.
Welche inhaltlichen Aspekte stehen im Hauptteil der Arbeit im Vordergrund?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung des Machtaufbaus, die Analyse der Lebensrealitäten in der Diktatur sowie die wissenschaftliche Debatte um die Anwendbarkeit totalitärer Kriterien auf den ostdeutschen Sozialismus.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Totalitarismus, SED-Diktatur, MfS, ideologische Kontrolle, oppositionelle Bewegungen und die Diskrepanz zwischen sozialistischem Ideal und gelebter Realität definiert.
Wie unterscheidet sich die Regierungszeit von Walter Ulbricht von der Ära Erich Honeckers in Bezug auf die Terrorausübung?
Unter Ulbricht war die Herrschaft durch offenen Staatsterror gekennzeichnet, während unter Honecker verstärkt subtile Zersetzungsmethoden und eine Strategie der außenpolitischen Normalisierung zur Stabilisierung eingesetzt wurden.
Welche Rolle spielte die oppositionelle Kirche in der DDR?
Die Kirche bot innerhalb der DDR einen privaten Rückzugsraum und ein weitgehend unabhängiges Rechtssystem, wodurch sie zunehmend zum Zentrum für politischen Protest und Zuspruch wuchs.
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- Stephanie Urgast (Author), 2004, DDR - ein autoritäres oder totalitäres Regime, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/44818