Wasserwirtschaftliche Situation in Zentralasien. Institutionelle und organisatorisch-technische Probleme und mögliche Lösungen


Masterarbeit, 2014

106 Seiten, Note: 10


Leseprobe

INHALT

1. EINLEITUNG

2. ENTSTEHUNG DER WASSERRESSOURCEN IM ARALSEEBECKEN
2.1 Kurze Beschreibung der geographischen Lage des Aralsee-Beckens
2.2 Entstehung der Wasserressourcen im Aralsee-Becken
2.2.1 Syrdarja-Becken
2.2.2 Amudarja-Becken
2.3 Regulierung des grenzüberschreitenden Abflusse s
2.3.1 Syrdarja-Becken
2.3.2 Amudarja-Becken

3. NUTZUNG DER WASSER- UND ENERGIERESSOURCEN ZWISCHEN DEN OBERLAUF- UND UNTERLAUFSTAATEN
3 .1 Saisonale Wassernutzung der grenzüberschreitenden Gewässer
3.2 Abkommen zwischen den Unionsrepubliken zur Wasserquote im Syrdarja-Becken
3.2.1 Zwischenstaatliche Abkommen zur Wasserquote
3.2.2 Zusätzliche Stauseen und Kompensationen
3.2.3 Tatsächliche Wasserentnahme aus dem Syrdarja
3.3 Abkommen zwischen den Unionsrepubliken zur Wasserquote im Amudarja-Becken
3.3.1 Zwischenstaatliche Abkommen zur Wasserquote
3.3.2 Tatsächliche Wasserentnahme aus dem Amudarja
3.3.4 Wasserverlust aus dem Flussbett des Amudarja

4. NACHFRAGE NACH WASSER ALS WASSER- UND ENRGIERESSOURCE IM ARALSEE-BECKEN
4.1 Voraussetzungen der Wasserquote von grenzüberschreitenden Gewässern
4.2 Nachfragen nach Wasserressourcen
4.2.1 Umweltbedürfnisse des aquatischen Ökosystems des Aralsees
4.2.2 Förderwasser für den Unterlauf von Amudarja und Syrdarja
4.2.3 Folgen der Intensivierung in den 60er Jahren
4.2.4 Verschlechterung der Wasserqualität am Unterlauf der Flüsse
4.2.5 Regionale Programme der zentralasiatischen Staaten
4.2.6 Globaler Klimawandel
4.2.7 Mangelnde Informationen
4.2.8 Wiederaufbaus Afghanistans
4.2.9 Erschließung neuer Bewässerungsflächen
4.3 Nachfrage nach den Energieressourcen
4.3.1 Energieversorgungsgrad und Entwicklung der Wasserkraft der Region
4.3.2 Abbau des Rogun-Staudamms am Oberlauf des Wachsch
4.3.3 Bau des Kambarata-1- und -2-Staudamms am Oberlauf des Naryn
4.3.4 Bau mehrerer kleiner Staudämme anstatt eines einzigen riesigen Staudamms
4.3.5 Perspektiven der Stromausfuhr aus der Region

5. AKTUELLE PROBLEMEN AUF DER INSTITUTIONELLEN, RECHTLICHEN UND ORGANISATORISCH-TECHNISCHEN EBENE UND DEREN MÖGLICHE LÖSUNGEN
5.1 Institutionelle Ebene
5.1.1 Restriktiven der regionalen Organisationstruktur
5.1.2 Nationale Behörden in der Wasserwirtschaft
5.1.3 Gründung neuer regionaler Institutionen
5.2 Rechtliche Ebene
5.2.1 Das Dilemma der nationalen und regionalen Rechtsvorschriften
5.2.2 Wasser als Ware und Menschenrecht
5.2.3 Rolle der UNECE-Konventionen für Zentralasien
5.2.4 Transformationsprozess der Wasserwirtschaft
5.3 Organisatorisch- und technischen Ebene
5.3.1 IWRM-Konzept für die nachhaltige Ressourcennutzung im Aralsee-Becken
5.3.2 Mittelbindungen zur Integration im IWRM
5.3.3 Praktische Umsetzung der IWRM-Prinzipien

6. SCHLUSSFOLGERUNG

7. ZUSAMMENFASSUNG

QUELLEN- UND LITERATURVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. EINLEITUNG

Wasser istLeben.Es ist zugleich spezifisches Wirtschaftsgut, uneingelöstes Menschenrecht, Quelle von Wohlstand bzw. Armut sowie zunehmend eingeforderte Partizipation (FRANZKE 2008, S. 6).Dabei sind als einzige Süßwasserquelle die Flüsse für die Wasserverbrauchervon äußerst großer Bedeutung. Denn sie kennen keine Grenze und fließen durch mehrere Staaten. Es gibt auf der Welt insgesamt 276 grenzüberschreitende Flusseinzugsgebiete und148 Staaten sind deswegen von der Gefahr zunehmender Konflikte um das knapper werdende Gut betroffen.Für mehr als die Hälfte dieser Anrainerstaaten wurden bis heute keine internationalen Nutzungsvereinbarungen getroffen(vgl. DGVN).Dasgilt auch für das Aralsee-Becken, in dem die zwei großen Flüsse Syrdarja und Amudarja durch fünf zentralasiatische Staaten1 fließen.

Die Verwaltung dieser Flüssestellte während der Sowjetzeit eine der komplexen Aufga­ben im Aralsee-Becken dar. Denn in Bezug auf die geographische Lage und die klima­tischen Bedingungen hatten die Anrainerstaaten verschiedene Prioritäten hinsichtlich ihrer Wirtschaftsbereiche und unterschiedliche Ansprüche auf das grenzüberschreitende Flusswas­ser. ­­­­Aus den Interessenskonflikten um die Wasser- und Energieressourcen entstanden zuletzt die Begriffe Oberlaufstaaten2 und Unterlaufstaaten3 (vgl. ESCHMENT 2011, S. 9).Bis zur Auf­lösung der Sowjetuniongab es eine Auseinandersetzung über diesaisonale Nutzung der Flusswasser und diese wurde durch die zentrale Planungsebene von Moskau geregelt. Nach der Auflösung der Sowjetunion sahen sichdie Anrainerstaaten mit Problemen konfrontiert, welche zuvor durch die zentrale Planungsebene geregelt worden waren. Nach der Unabhän­gigkeit kam dazu noch eine Auseinandersetzung wegen der begrenzten Wasserquote zwischen allen Anrainerstaaten. Denn als souveräner Staat haben sich die zentralasiatischen Staaten ein eigenes Transformationsmodell zur Marktwirtschaft gewählt. Somit wurde das einheitli­che Bewirtschaftungssystem aller Wirtschaftsbereiche allmählich verändert. Die Änderungen haben für die zentralasiatischen Staaten einige Schwierigkeiten mit sich gebracht. Auch die Land- und Energiewirtschaft sowie v. a. die Wasserwirtschaft waren hierbei keine Ausnahmen. Denn die Wasser- und Energiewirtschaft auf regionaler Ebene und die Land- und Wasserwirtschaft auf nationaler Ebene waren im Aralsee-Becken voneinander ab­hängig. Derüberwiegende Teil der Wasserressourcen im Aralsee-Becken bildet sich aus den Gebirgsländern, wo aber wenig fossile Energievorräte vorkommen, und wird in den Unter­laufländern, wo der überwiegendeTeil der fossilen Energievorräte zu finden ist, hauptsächlich zur bewässerten Landwirtschaft genutzt. Um alles unter einem System zu bewirtschaften, fehlte allerdings eine zentrale Stelle, was vorher von Moskau übernommen wurde.Ein erster praktischer Schritt zur Konfliktlösung wurde am 18. Februar 1992 zwischen allen fünf zentralasiatischen Staatenmit dem in Almaty geschlossenen Abkommen über die Zusammenarbeit auf dem Gebiet des gemeinsamen Bewirtschaftens und Schutzes der grenz­überschreitenden Wasserressourcen getan. Das Abkommen legte fest, dass das bestehende, aus der Sowjetzeit geerbte Verteilungssystem4 bis zu einer Neuregelung auf der Basis internatio­naler Verträgebeibehalten werden sollte.Dafür sollten die Oberlaufstaaten als Kompensation während der Winterzeit mit fossilen Energieressourcen versorgt werden. Al­lerdings war die Realisierung des Energieaustauschsmit Schwierigkeiten und oftmaligen Ver­stößen verbunden. Daher hat sich die Wassernutzung im Winter aus der Toktogul-Talsperre mit dem Interesse an der Wasserkraftnutzung erhöht und damit handelteKirgisistan auch im Widerspruch zudenmultilateralen Abkommen.Somit verlor die Toktogul-Talsperre ihre Be­deutung als mehrjährige Regulierungstalsperre, als die sie ursprünglich entworfen worden war:

„The primary function of the Toktogul Hydroscheme is the compensatory regulation of the Naryn River flow throughout the year for the purpose of improving the availability of water for irrigation in the Syrdarya river basin, which is a key water consumer, and for meeting the needs of the communal and industrial sectors for water. Using this hydroscheme for the pur­pose of energy production is only an incidental use“( DUKHOVNY, de SCHUTTER 2011, S. 263).

Die Talsperre hat für Kirgisistan ökonomisch eine herausragende Bedeutung: Durch die Nut­zung der Wasserressourcen derTalsperreim Winter kannder Energiemangel der Industrie und der Kommunen gedeckt werden. Die winterliche Wassernutzung im Land führt jedoch dazu, dass den Unterlaufstaaten (Kasachstan und Usbekistan)das Wasser der Toktogul-Tal­sperrewährend der Vegetationszeit für die Bewässerung landwirtschaftlicher Nutzflächen fehlt.Dadurch haben die Bauern im Sommer nicht genug Wasser, um ihre Felder zu bewäs­sern und im Winter haben sie zu viel. Infolgedessen gehen jährlich etwa 3 km³ kostbares Flusswasser durch die Umleitung zu denArnasaj-Seensystemen5 unwiederbringlich verloren. Dazu kommt noch der Verlustschaden durch die Überflutungen und Dürre.Außerdem werden in Hinsicht auf die unvollständige Ausbeutung der Wasserkraft am Oberlauf des Syrdaraj und Amudarja sowie die damit verbundenen Baupläne großer Staudämme der Oberlaufstaaten die bestehenden Auseinandersetzungen der Anrainerstaaten ohne angemessene Maßnahmen es­kalieren. Dies kann nicht nur die sozioökonomische Situation in den Anrainerstaaten beein­trächtigen,sondern eine weitere Last für die ökologische Lage des Aralsee-Beckens sein.Durch den Zusammenhang zwischen der sozioökonomischen und ökologischen Situation kann die Aktualität dieser Ausarbeitung erklärt werden. Mankennt sie aus der Erfah­rung der 70er Jahre im Aralsee-Becken.

Durch das AnalysierenderUrsachender bisher nicht gelösten Auseinandersetzungen zwi­schen den Anrainerstaatensollder Schwerpunktdes Problems untersucht werden. Hierbei wird zunächst auf die Entstehung des Problems eingegangen. Danach wird die Voraussetzung des Problems von beiden Parteien beschrieben.Zuletzt sollen die Rolle der Institutionen, die Rechtsgrundlagenim Wasserwirtschaftsbereich der Anrainerstaaten sowie organisatorisch-technische Faktoren in Betracht gezogen werden.

Inder vorliegenden Ausarbeitung werdenzu Beginn die Entstehung der Wasserressourcen im Aralsee-Becken und die Regulierung der grenzüberschreitenden Abflüsse zwischen den zent­ralasiatischen Staatenerörtert. Hierbei wird kurz auf die geographische Lage und die natürli­chen Bedingungen des Aralsee-Beckens eingegangen, welche sich bei der Bildung und Nut­zung der grenzüberschreitenden Wasserressourcen als grundlegende Faktorendarstellen. Da­nach werden der Jahresabfluss der grenzüberschreitenden Flüsse und ihre Bildung durch die Nebenflüsse zwischen den Ländern des Aralsee-Beckens beschrieben, welche für die Regulie­rung und Verwaltung der grenzüberschreitenden Flüssedurch die Anrainerstaaten mehr an Bedeutung gewinnen.

Das nächste Kapitel befasst sich mit demProblem über die Nutzung der Bewässerungs- und Energie­ressourcen zwischen den Oberlauf- und Unterlaufstaaten. Dabei werden zuerst über das Ab­kommen vor und nach der Unabhängigkeit der zentralasiatischen Staaten und die Gründe für dessen Scheitern erläutert. Ferner werden noch die Wasserentnahme und Wasserquote aus den Flüssen Amudarja und Syrdaja zwischen den Anrainerstaaten beschrieben.

Der folgende Abschnitt widmet sich der Nachfrage nach Wasser als Wasser- und Energieres­source, welche für die Unterlaufstaaten als Wasser und für die Oberlaufstaaten als Energie sowohl eine lebensnotwendige als auch kommerzielle Bedeutung besitzen. Darüber hinaus werden die Bedeutung und die möglichen Veränderungen derbestehenden Nachfrage nach einem Wasserabfluss für beide Stakeholder untersucht.

Das letzte Kapitel setzt sich mit den aktuellen Problemen auf der institutionellen und rechtli­chen sowie organisatorischen Ebene im Aralsee-Becken auseinander, wobei die Rolle der re­gionalen Organisationen und die Rechtsgrundlage im Wasserwirtschaftbereich sowie organi­satorisch-technische Maßnahmen bei der Auslösung der Auseinandersetzungen zwischen den Anrainerstaaten ermittelt werden.

2. ENTSTEHUNG DER WASSERRESSOURCEN IM ARALSEEBE­CKEN

2.1 Kurze Beschreibung der geographischen Lage des Aralsee-Beckens

Das Aralsee-Becken liegt direkt im Zentrum Eurasiens und umfasst die gesamte Flä­che von Usbekistan (44,88 Tsd. ha), Tadschikistan (14,31 Tsd. ha), große Teile der Fläche Kirgisistans (12,49 Tsd. ha), die südöstlichen Gebiete Kasachstans (34,44 Tsd. ha) sowie die nördlichen Teile Turkmenistans (48,81 Tsd. ha) und winzige Teile des iranischen und des afghanischen Staatsgebiets (vgl. Tab. 1). Diese Region lässt sich im topographischen und hydrogeologischen Sinn in drei Gebiete unterteilen:

- Bergzuggebiet, wo die meisten Wasserressourcen entstehen und sich die Oberlauflän­der (Kirgisistan und Tadschikistan) befinden;
- Turanisches Tiefland, wo das Flusswasser zur Bewässerung verwendet wird und sich die Unterlaufländer (Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan) befinden;
- das Deltagebiet, wo die Flüsse Amudarja und Syrdraja in den Aralsee münden.

Der Nordwesten des Aralsee-Beckens umfasst das Turanische Flachland, das u. a. aus den Kara-Kum- und Kizyl-Kum-Wüsten besteht. Im Südosten liegen die Hochgebirge Tien-Shan und Pamir. Der Rest des Beckens besteht aus alluvialen Tälern und Bergtälern sowie trocke­nen und halbtrockenen Steppen. Über 90 % des Territoriums vonKirgisistan und Tadschikis­tan sind von Hochgebirgen bedeckt. Etwa 50 % der Fläche Kasachstans, Turkmenistans und Usbekistans ist von Wüste bedeckt und nur rund 10 % des Gebiets ist Gebirge. Verschieden­artige Reliefformen in diesen Ländern erzeugenspezifische Umweltbedingungen, welchedie Beziehung zwischen abiotischen und biotischen Faktoren maßgeblich beeinflussen (vgl. SOKOLOV et al. 2001, S. 3).

Tab.1:Gesamtfläche des Aralsee-Beckens

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

* Fläche nur vom Aralsee-Becken

Quelle: FAO 1997

2.2 Entstehung der Wasserressourcen im Aralsee-Becken

In den zentralasiatischen Hochgebirgen6 entstehen größtenteils die Wasser- und Energieres­sourcen des Aralsee-Beckens. Die Berge haben einen gewissen Einfluss auf die atmosphärischen Niederschläge des unteren Tieflands. Vor allem in den Bergen ist der Niederschlag um ein Vielfaches höher als im Flachland. Hier beträgt die mittlere Jahres­niederschlagshöhe 500 bis 700 mm. Daher spielen die Berggebiete eine entscheidende Rolle bei der räumlichen und zeitlichen Verteilung der Wasserressourcen; sie sind eben­falls ein Gebiet, in dem die Akkumulation von Niederschlägen sowie die Bildung von Gletschern und ewigem Schnee stattfinden. Zudem stellen diese Gebiete die einzige Quelle der Bildung von erneuerbarem Süßwasser in der Region dar (vgl. BUZRUKOV/BOTUROV 2006, S. 56).Außerdemsind die Berge Zentralasiens Schauplatz von Naturkatastrophen wie Erdbeben, Schlammlawinen, Erdrutsche, Lawinen, Überschwemmungen etc., welchedie sozioökonomischen Bedingungen nicht nur der Bewohner der Bergregionen, sondern auch aller dicht besiedelten Vorgebirgs- und Wüstenebenen erheblich erschweren können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Aralsee-Becken: hydrographische Übersicht

Quelle: SIC ICWC ( http://www.cawater-info.net/library/map_e.htm , Stand 2013)

Die Wasserressourcen des Aralsee-Beckens entstehen hauptsächlich aus den Flüssen Amudarja und Syrdarja,und zwar je nach Schneereichtum im Winter aus neu gebildetem Oberwasser, Grundwasser sowie aus dem Abwasser des anthropogenen Wasserverbrauchs (Dränwasser).

Die erneuerbaren Grundwasserressourcen können in zwei Arten eingeteilt werden. Sie bilden sich aus den natürlichen Quellen des Einzugsgebiets oder unter dem Einfluss der Filt­ration auf bewässerten Flächen. Die gesamten regionalen Grundwasserreserven werden auf 43,49 km³ pro Jahr (SIC ICWC7 2000) geschätzt, von denen 25,09 km³ im Amudarja-Becken und 18,4 km³ im Syrdarja-Becken vorhanden sind.

Das gesamte Abwasser macht im Aralsee-Becken 32,45 km³ (davon 19,06 km³ aus dem Amudarja-Becken und 13,39 km³ aus dem Syrdarja-Becken) pro Jahr aus. Etwa 95 % der Ge­samtabwassermenge besteht aus Dränwasser, das entweder durch Bewässerung oder Entwäs­serung (Bodenwaschen) der Flächen entsteht. Die restlichen Teile des Abwassers stammen aus Industrie und kommunalen Haushalten. Das Abwasser ist zusätzlich eine Reserve für die Wiederverwendung im unteren Tiefland. Es ist jedoch aufgrund seiner hohen Salzkonzentra­tion eine der Quellen zur Erhöhung des Salzgehalts im Wasser und im Boden (vgl. SOKOLOV et al. 2001, S. 16).

Der durchschnittliche Mehrjahresabfluss des Flusswassers vom Aralsee-Becken wurde anhand der veröffentlichten mehrjährigen Daten ermittelt und vom nationalen hydro-meteo­rologischen Dienst (Glawhydromet) berechnet, um diese Daten mit dem Programm WARMIS auszuwerten. Der ermittelte Abfluss für den gesamten Beobachtungszeitraum (von 1911 bis 2000) betrug etwa 112,609 km³ (davon 77,093 km³ aus dem Amudarja- und 34,076 km³ aus dem Syrdarja-Becken) pro Jahr (vgl. SOKOLOV et al. 2001, S. 5-6).Die Angaben der SIC ICWC für den durchschnittlichen Mehrjahresabfluss vom Aralsee-Becken wurde in der Ta­belle 2 dargestellt. Dieser Abfluss betrug aus dem Amudarja-Becken für den Zeitraum von 1934 bis 1992 etwa 79,280 km³ und aus dem Syrdarja-Becken für den Zeitraum von 1951 bis 1974 etwa 37,203 km³. Somit betrug nach Angaben der SIC ICWC der durchschnittliche Mehrjahresabfluss der Flusswasser am Aralsee-Becken 116,483 km³ pro Jahr.Die Bewertung der beiden Organisationen für den durchschnittlichen Mehrjahresabfluss der Oberwasser dif­feriert beim Amudarja-Becken um 2,187 km³ und beimSyrdarja-Becken um 3,127 km³ pro Jahr. Somit beträgt der durchschnittliche Mehrjahresabfluss der Oberwasser vom Aralsee-Be­cken 3,874 km³. Anhand der vorgelegten Angaben lässt sich die Aussage treffen, dass noch weitere Untersuchungen und angemessene Methoden in diesem Bereich notwendig sind, um einen Unterschied in der Bewertung der beiden Organisationen zu vermeiden.

In der Analyse des gesamten hydrographischen Jahresabflusses der Flüsse Amudarja und Syrdarja für den Zeitraum von 1911 bis 2010 lässt sich eine gewisse zyklische Variabilität er­kennen (vgl. Abb. 2 und 3). Diese zyklische Schwankung des Wasserabflusses und wieder­kehrende wasserarme Jahre erschweren die wirtschaftliche Nutzung der Wasserquellen und bestimmen die Notwendigkeit der Regulierung des Wasserabflusses durch Stauseen (vgl. UNDP 2007, S. 35).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.2: Jahressabfluss des Syrdarja im Zeitraum 1911 bis 2010 in km³

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Abb.3: Jahressabfluss des Amudarja im Zeitraum 1911 bis 2010 in km³

Quelle: SIC ICWC ( http://www.cawater-info.net/syrdarya//amudarya/index_e.htm , Stand 2013)

Die Daten in Tabelle 2 zeigen, dass sich innerhalb Kirgisistans 25,1 % des gesamten Wasserabflusses des Aralsee-Beckens bilden, in Tadschikistan sind es 43,4%, in Usbekistan 9,6 %, in Kasachstan 2,1 %, in Turkmenistan 1,2 % sowie in Afghanistan und im Iran zu­sammen 18,6 %.

Tab. 2: Der gesamte Wassersabfluss des Amudarja- und Syrdarja-Beckens (durchschnittlicher Jahresabfluss in km³ pro Jahr)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: SIC ICWC 2000

2.2.1 Syrdarja-Becken

Der Syrdarja besitzt die zweitgrößte Durchflussmenge und ist der längste Fluss Zentralasi­ens. Die Länge beträgt zusammen mit seinem Zufluss Naryn 2,79 Tsd. km und sein Einzugsgebiet 150,1 Tsd. km². Die Quellen des Naryn und des Karadarja lie­gen im Gebirge Tien Shan. Der Syrdarja entsteht durch den Zusammenfluss von Naryn und Karadarja (vgl. Abb. 4) und wird von Gletschern und der Schneeschmelze gespeist, wobei letztere einen größeren Anteil an der Quellwasserbildung besitzt. Die Abfluss­menge des Flusses ist entsprechend dem Jahresverlauf unterschiedlich; je nach Schnee­reichtum im Winter gibt es darüber hinausauch jährliche Schwankungen. Im Tiefland hat er keine Zuflüsse mehr. Durch Verdunstung und Entnahme für die Bewässerung kommt es zu starken Wasserverlusten.

Die durchschnittliche jährliche Abflussmenge des Syrdarja beträgt 37,203 km³ pro Jahr. Da­von werden etwa 74 % auf dem Territorium Kirgisistans gebildet. Dann fließt er durch usbe­kisches, tadschikisches und wieder usbekisches Territorium. Schließlich mündet er in den Aralsee des kasachischen Südwestgebiets. Etwa 15,6 % der Wassermenge des Syrdarja bilden sich im Territorium der Republik Usbekistan. In Kasachstan sind es etwa 7,5 % und in Tad­schikistan etwa 3 %. Die Bildung des durchschnittlichen Mehrjahresabflusses unter den vier Anrainerstaaten ist sehr unterschiedlich, wie folgende Tabelle zeigt.

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Abb.4: Hydrographische Übersicht des Syrdarja-Beckens

Quelle: UNEP 2003( http://www.cawater-info.net/syrdarya/index_e.htm , Stand 2013)

Tab. 3: Abfluss des Syrdarja-Beckens (durchschnittlicher Jahresabfluss für den Zeitraum von 1951 bis 1974 in km³)

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Quelle: SIC ICWC 2000

2.2.2 Amudarja-Becken

Der Amudarja ist der größte Fluss Zentralasiens. Seine Länge von der Quelle des Zuflusses Pjansch beträgt 2,54 Tsd. km und sein Einzugsgebiet8 309 Tsd. km². Er entsteht durch die Vereinigung der Flüsse Pjansch (Abflussmenge 34,289 km³) und Wachsch (Ab­flussmenge 20,004 km³) in Tadschikistan (vgl. Abb. 5). Am Oberlauf des Syrdarja fließen noch weitere große Zuflüsse9 sowie kleinere10 aus Afghanistan hinzu.Zusammen bilden sie den Amudarja. Er markiert zunächst die Grenze zwischen Afghanistan und Usbekistan und danach zwischen den Ländern Usbekistan und Turkmenistan. Schließlich mündet er mit einer winzigen Wassermenge in den Aralsee.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.5: Hydrographische Übersicht des Amudarja-Beckens

Quelle: UNEP 2003( http://www.cawater-info.net/amudarya/index_e.htm , Stand 2013)

Die Hauptquelle des Flusses ist das Schmelzwasser aus dem mehrjährigen Bergschnee, daher ist der maximale Abfluss im Sommer (beträgt 77 % bis 80 %) und der minimale Abfluss im Januar und Februar zu beobachten. Dieser Ablauf während der Vegetationsperiode lässt sich gut für die Bewässerung verwenden. Während des Fließens durch das Tal Kerky (Turkmenistan) nach Nukus (Usbekistan) verliert er fast seinen ganzen Abfluss durch Ver­dunstung, Versickerung und vor allem durch Entnahme für diebewässerte Landwirtschaft in den Oasen. Mit seinem hohen Sedimentgehalt ist er einer der trübsten Flüsse der Welt (vgl. SOKOLOV et al. 2001, S. 5). Etwa 63 % des Wasserabflusses (ohne Zarafschan) bilden sich hauptsächlich im Gebiet Tadschikistans (vgl. Tab. 4). Im afghanischen und im iranischen Ter­ritorium entwickelnsich mehr als 27 % des Wassers des Amudarjas. In Usbekistan entstehen ca. 6 % des Flusswassers und etwa 2 % in Turkmenistan. Insgesamt beträgt die durchschnitt­liche jährliche Abflussmengedes Flusses 79,280 km³.

Tab.4. Wasserabfluss vom Amudarja-Becken (durchschnittlicher Jahresabfluss für den Zeitraum von 1934 bis 1992 in km³)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: SIC ICWC 2000

2.3 Regulierung des grenzüberschreitenden Abflusse s

Um Schwankungen des Jahresabflusses des Amudarja und des Syrdarja zu verringern so­wie die Abflüsse für die Bewässerungslandwirtschaft zu optimieren, wurden am Oberlauf der Flüsse Dutzende Staudämme gebaut. Durch Staudämme, die meistens mit komple­xer Zweckbestimmung zur Bewässerungslandwirtschaft, Wasserkraft- und Wasserversor­gung errichtet wurden, lässt sich ein wesentlicher Teil des Abflusses dieser Flüsse regulie­ren. Es gibt insgesamt am Aralsee-Becken mehr als 95 Stauseen, von denen jeder ein Nutzvolumenvon über 10 Mio. m³ besitzt. Das gesamte Nutzvolumen der Stauseen beträgt (Stand 2013) 55,31 km³ (davon 23,73 km³ am Amudarja-Becken und 31,58 km³ am Syrdarja-Becken) (vgl. Tab. 5, 6, 7). An diesen Stauseen wurden etwa 45 Wasserkraft­werke mit einer Gesamtleistung von 34,5 GW errichtet. Die Leistung der einzelnen Was­serkraftwerke variiert zwischen 50 und 2700 MW (vgl. SOKOLOV et al. 2001, S. 17).

Die folgende Tabelle liefert Informationen über die Anzahl der in Betrieb genommenen sowie der in der Planung und im Bau befindlichen Stauseen am Aralsee-Becken. Am Syrdarja-Becken befinden sich etwa 65 % der Stauseen am Unterlauf des Flusses. Die Anzahl der Stauseen in Usbekistan ist doppelt so hoch wie in Kasachstan. Die in den Bergregionen liegenden Länder besitzen hingegen nur ein Drittel der vorhandenen Stau­seen. Zurzeit sind drei kleine Stauseen in Usbekistan im Bau und zwei weitere in der Planung. Auch Kirgisistan plant am Oberlauf des Naryn künftig noch zwei große Talsperren11 einzurich­ten. Am Amudarja-Becken befinden sich mehr Stauseen als am Syrdarja-Becken. Davon liegen etwa 80 % am Unterlauf des Flusses. Das am Oberlauf liegende Tadschikistan besitzt elf festgestellteStauseen. Zudem wird derzeit eine riesige Talsperre12 geplant. In der Zu­kunft sollen in Tadschikistan noch weitere 15 kleine Staudämme errichtetwerden, damit der Rest des Wasserkraftpotenzials des Amudarja genutzt werden kann. Das gilt auch für den Syrdarja, wo während der Sowjetzeit das Wasserkraftpotenzial nicht komplett ausgeschöpft worden war.

Tab.5: Anzahl der Stauseen am Aralsee-Becken

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung anhand der Daten von BVOAmudarja und Syrdarja

( http://www.cawater-info.net/syrdarya//amudarya/pdf/amu_reser_hps_e.pdf , Stand 2013)

2.3.1 Syrdarja-Becken

Die Toktogul-Talsperre reguliert etwa 39 % des durchschnittlichen Jahresabflusses des Syrdaja (vgl. Tab. 3, 6). Sie befindet sich mit einem nutzbaren Volumen von 14 km³ am Unter­lauf des Naryn in Kirgisistan (vgl. Abb. 4). Die Toktogul-Talsperre wurde zusammen mit den Kairakkum- und Tchardara-Stauseen am Ober- und am Mittellauf des Syrdarja sowie den Andischan- und Tscharvak-Stauseen an den Flüssen Karadarja und Tchirtchik (vgl. Tab. 6) in einem komplexen System vor allem zu dem Zweck entwickelt, eine zuverlässige und stetige Wasserversorgung für die Bewässerung und ferner zwecks Stromerzeugung sicherzustellen. Sie lässt sich bei angemessenem Betrieb der Stauseen an der Naryn-Syrdarja-Kaskade13 effek­tiv für die Bewässerungslandwirtschaft zu nutzen (vgl. UNDP 2007, S. 36). Die Priorität der Nutzung wandelte sich allerdings seit 1993, so dass nun die Stromerzeugung aus Wasserkraft einen höheren Stellenwert als die Wassernutzung zur Bewässerung besitzt –vorher war es um­gekehrt. Der Kayrakum-Stausee, der sich am Oberlauf des Syrdarja in Tadschikistan befindet, hat ein 2,5 km³ großes nutzbares Volumen und dient als Wasserspeicher für die Landwirt­schaft am Mittellauf des Syrdarja. Mit dem Tschardara-Stausee ̶ mit einem 4,7 km³ nutzbaren Volumen ̶ lassen sich landwirtschaftliche Kulturen am Unterlauf des Syrdarja in Süd-Ka­sachstan bewässern.

Der Regulierungsgrad des Syrdarja durch vorhandene Stauseen beträgt derzeit etwa 85 % (vgl. Tab. 3,6). Davon werden etwa 55 % durch die Stauseen in den Oberlaufländern (mehr als 45 % an der Toktogul-Talsperre in Kirgisistan und etwa 9 % durch den Kayrakum-Stausee in Tadschikistan) saisonal reguliert. Die Unterlaufländer können durch die vorhandenen Stau­seen etwa 45 % (ca. 28 % in Kasachstan und mehr als 17 % in Usbekistan) des regulierten Jahresabflusses saisonal zum nationalen Bedarf nutzen. Mit der Errichtung der Kambarata-1- und -2-Staudämme am Oberlauf des Naryn kann der Regulierungsgrad des Syrdarja 100 % er­reichen und Kirgisistan wird dabei etwa 65 % des Jahresabflusses des Syrdarja regulieren (vgl. Tab. 3, 6 und Kapitel 4.5.2).

Das Nutzvolumen der Stauseen der Oberlaufstaaten liegt wesentlich über dem der Unter­laufstaaten (vgl. Tab. 6). Allein Kirgisistan mit etwa 14,45 km³ Nutzvolumen der vorhande­nen Stauseen besitzt derzeit knapp die Hälfte des gesamten Nutzvolumens der Stauseen am Syrdraja-Becken. Besonders auffällig ist, dass die Oberlaufländer mehr Nutzvolumen in gro­ßen Stauseen besitzen, die Unterlaufländer hingegen das größte Nutzvolumen in kleinen Stau­seen aufweisen, die in einer größeren Anzahl in diesem Becken vorhanden sind.

Tab.6: Volumen der Stauseen am Syrdarja-Becken

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung anhand der Daten von BVOSyrdarja

(http://www.cawater-info.net/syrdarya/pdf/syr_reser_all_e.pdf , Stand 2013)

2.3.2 Amudarja-Becken

Die Amudarja-Kaskade14 ist nach einem bestimmten Schema in Betrieb. Die oberen Stauseen besitzen Priorität bei der Wasserkrafterzeugung, die unterliegenden Stauseen hingegen bei der Wasserspeicherung zur Bewässerung von Nutzpflanzen und der Wasserversorgung der Be­völkerung. Das Grundschema der mehrjährigen Abflussregulierung des Amudarja ist folgen­des: Der Nurek-Staudamm mit einem Nutzvolumen von 4,5 km³ speist die mehrjährige Was­serreserve bis zur letzten Wasserüberwachungsstation Atamurat bzw. Kerky. Der Wasserab­lass aus dem Nurek-Staudamm hängt von der Änderung des Flusslaufes der Zuflüsse Pjansch, Kafirnigan, Surhandarja und Kunduz sowie dem Wasserbedarf am Unterlauf des Amudarja für die Bewässerung von Feldern ab. Der Tujamujun-Stausee mit einem Nutzvolumen von 5,27 km³ dient zur Wasserspeicherung für die bewässerte Landwirtschaft und die Wasserver­sorgung der Bevölkerung. Er sammelt das abgelassene Abflusswasser aus dem Nurek und zu­sätzlich Abflüsse aus dem Amudarja. Der Wasserablass aus ihm beginnt i. d. R. im Februar bzw. März. Das Niveau des Flusswasserspegels ist eine wichtige Voraussetzung bei der Si­cherstellung der erforderlichen Abflussmenge in den Magistralen-Kanälen, da der Wasserentnahmezeitplan unter Berücksichtigung des Wasserablasses aus dem Nurek-Stau­damm koordiniert werden muss. Die Wasserentnahme aus dem Karakum-Kanal erfolgt in wasserarmen Jahren, bei den Karshi- und Amu-Buchara-Kanälen hingegen in wasserreichen Jahren. Die Flussgebiet-Wasser-Organisation (BVO) Amudarja ist für die Überwachung die­ser Prozedur in Bezug auf die Wassererhaltung im Nurek-Staudamm und in den Tuyamuyun-Stauseen zuständig. Die inländischen Stauseen spielen dabei eine wesentliche Rolle bei der saisonalen Wasserversorgung (ungenutzter Herbst- und Frühjahrs-Abfluss). Einige davon sind auf den Kaskaden der Pumpstationen in Usbekistan aufgebaut: Der Talimardschan-Stausee am Karschi-Kanal (Gesamtvolumen 1,5 km³) sowie die Tudakul- und Kuyumazar-Stauseen am Amu-Buchara-Kanal sind Beispiele dafür (vgl. DUKHOVNY/SOROKIN 2007, S. 28).

Derzeit beträgt der Regulierungsgrad des Amudarja etwa 28 %(vgl. Tab. 4 und 7). Aufgrund der unvollständigen Ausbeutung könnte noch der Rest des Wasserkraftpotenzials genutzt werden. Nach der Fertigstellung des geplanten Rogun-Staudamms am Wachsch kann der mehrjährige Regulierungsgrad des Amudarja bis zu 41 % erhöht werden (vgl. Tab. 23). Das gesamte Nutzvolumen der vorhandenen Stauseen beläuft sich derzeit auf 21,96 km³ und mit der Errichtung des Rogun-Stausees wird es etwa 33km³ betragen. Der Betrieb des Stausees hat sich in den vergangenen Jahr­zehnten von seinen ursprünglichen Aufgaben Bewässerung und Wasserkraft rasant entfernt. Trotz der Wasserkraft-Nutzung des Nurek-Stausees können Veränderungen des Flusslaufes dank des Nutzvolumens des Tujamujun-Stausees (3,5 km³) ausreichend kompensiert werden. Zusammen mit dem Nutzvolumen der inländischen Stauseen sind die Unterlaufländer in der Lage, das während der Vegetationszeit abgelassene Wasser aus dem Nurek-Staudamm für den nationalen Bedarf zu nutzen.

Tab.7: Volumen aller Stauseen am Amudarja-Becken15

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Kleine Stauseen von 10 Mio. m³

Quelle: Eigene Darstellung anhand der Daten von BVOAmudarja

( http://www.cawater-info.net/amudarya/pdf/amu_reser_all_e.pdf, Stand 2013)

3. NUTZUNG DER WASSER- UND ENERGIERESSOURCEN ZWI­SCHEN DEN OBERLAUF- UND UNTERLAUFSTAATEN

3.1 Saisonale Wassernutzung der grenzüberschreitenden Gewässer

Die Nutzung grenzüberschreitender Ressourcen wie Wasser seitensvieler Staaten kann zu Konflikten führen, wenn die Oberlaufstaaten qualitative und quantitative Ei­genschaftsänderungen des Wassers vornehmen und vor allem wenn es Widerstand gegen den saisonalen Anspruch der Unterlaufstaaten gibt. Dadurch wird das Wasser knapp, der Zugang zum Wasser wird eingeschränkt und die Nutzungsinteressen ste­hen im Gegensatz zueinander, wie im vorliegenden Fall. Die Oberlaufländer (Kirgi­sistan und Tadschikistan) im Aralsee-Becken nutzten nach der Unabhängigkeit das Flusswasser, um ihre eigenen Bedürfnisse sicherzustellen, ohne die Interessen derUnterlaufländer (Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan) zu berücksichtigen (vgl. GIESE et al. 2004, S. 3-4). Die Toktogul-Talsperre, die sich am Oberlauf des Naryn in Kirgisistan befindet, und die Nurek-Kaskade, die am Oberlauf des Wachsch in Tadschikistan liegt, sind deshalb strategische Objekte geworden. Beispielsweise führte die Änderung des Betriebs der Toktogul-Talsperre zu einer Absenkung des Garantievolumens der Wasserversorgung im Syrdarja-Becken von 4,5 bis 5,0 km³ pro Jahr während der Vegetationsperiode. Zudem entfiel die Wasserknappheit auf Usbekistan bis zu 2,5 km³, einschließlich des Fergana-Tals erreicht sie während der Sommerzeit bis zu 1,5 km³ pro Jahr. Auch am Mittellauf des Syrdarja in den Provin­zen Syrdarja und Jizzax ist die Situation ähnlich (vgl. UNDP 2007, S. 37). Somit ent­standen in wasserarmen Jahren ungünstige und manchmal katastrophale Folgen am Unterlauf des Flusses Syrdarja.Während der Winterzeit traten Überschwemmungen auf. Außerdem verringerten sich die Bewässerungsflächen und die Stabilität der Landwirtschaftsank aufgrund der Reduzierung der Wasserversorgung im Sommer und des Fehlens einer Ankunftsgarantie in der geforderten Zeit (vgl. YASINSKIY/VINOKUROV 2008, S. 17). So sind in Zentralasien folgende Kon­flikte über Wasserressourcen zwischen den Staaten entstanden:

- Zwischen Kirgisistan und Usbekistan sowie Kasachstan am Syrdarja-Becken und sei­nem Hauptzufluss aufgrund der saisonalen Nutzung der Toktogul-Tal­sperre und des Baus der Talsperren Kambarata-1 und -2;
- Zwischen Tadschikistan und Usbekistan sowie Turkmenistan am Amudarja-Be­cken und seinen Hauptzuflüssen Pansch und Wachsch wegen der saisonalen Nut­zung der Abflüsse und des Baus des Staudamms Ragun.

3.2 Abkommen zwischen den Unionsrepubliken zur Wasserquote im Syrdarja-Becken

Um den Flussabfluss des Syrdarja für die Bewässerungslandwirtschaft effizient zu nutzen, wurde in den 1960er Jahren am Oberlauf des Syrdarja der Bau von mehr als zwanzig Stauseen geplant.Die Toktogul-Talsperre ist davon mit einem nutzbaren Volumen von 14 km³am größten. Sie wurde am Unterlauf des Naryn-Flusses (in Kirgisistan) mit dem Zweckentwor­fen, die Ackerflächen am Mittellauf des Syrdarja zu bewässern und nebenbei mit dem Was­serkraftwerk Strom zu erzeugen. Im Jahre 1971 wurde der Bau der Toktogul-Talsperre abge­schlossen, dadurch wurden 480 Tsd. ha zusätzliche Bewässerungsflächen nutzbar, ferner konnten 800 Tsd. ha der vorhandenen Bewässerungsfläche in Usbekistan und Kasachstan in der jeweiligen Zeit mit einem garantierten Wasservolumen versorgt werden (vgl. GIESE et al. 2004, S. 6). Mit der Fertigstellung des Wasserkraftwerks konnte nur der Hauptenergiebedarf Kirgisistans gedeckt werden; dazu sollte noch weitere Energie aus dem gemeinsamen Ener­gienetz Zentralasiens16 eingespeist werden. Im Laufe der Zeit wuchsen mit der Inbetrieb­nahme der zusätzlichen Wasserkraftwerke und Stauseen unvermeidlich die Herausforderun­gen zur Verwaltung der Wasserressourcen im Syrdarja-Becken (vgl. DUKHOVNY/SOROKIN 2007, S. 18).

Die Notwendigkeit eines integrierten Wassermanagements und der Schutz der Wasserres­sourcen auf Beckenebene wurden lange vor der Unabhängigkeit der zentralasiatischen Staaten gebilligt. Die Analyse der Auswirkungen der Wasserknappheit in den Jahren 1974 und 1975 und vor allem im Jahr 1982 zeigte, dass eine umweltverträgliche und quantitativ streng kon­trollierte Wasserversorgung ohne ein abgestimmtes Vorgehen aller Länder in der Region nicht möglich ist. Daher wurde vorgeschlagen, Flussgebiet-Wasser-Organisationen (BVO) zu grün­den, damit die Wasserressourcen in Übereinstimmung mit den Regeln und dem Zeitplan mit den Unionsrepubliken vereinbart und vom Ministerium für Melioration und Wasserwirtschaft der UdSSR genehmigt und verwaltetwerdenkönnen. Die Struktur der Organisationen wurde im Jahr 1986 genehmigt und zu Beginn des Jahres 1987 wurden zwei Flussgebiet-Wasser-Or­ganisationen – BVOAmudarja mit Sitz in Urgentsch und BVO-Syrdarya in Taschkent (in Usbekistan) – gegründet17 (vgl. SOKOLOV et al. 2001, S. 38).In den ersten Arbeitsjahren des BVOSyrdarja konnte die Wasserverteilung eingehalten werden. Dementsprechend wurde festgestellt, dass sich die Effektivität der Wasserverwaltung im Becken wesentlich verbessert hat, vor allem das Niveau der operativen Verwaltung des Wasserabflusses. Da­rüber hinaus ist die Funktion der Naryn-Kaskade rhythmisch geworden. Infolgedessen beka­men die Unionsrepubliken ihren zugemessenen Quotenanteil aus dem Syrdarja: Usbekistan - 50,5 %, Kasachstan - 42 %, Tadschikistan - 7 % und Kirgisistan - 0,5 %. Es war gelungen, den erforderlichen Zufluss zum Tschardara-Stausee aufrechtzuerhalten; dank rechtzeitiger Vereinigungsmaßnahmen wurde bereits in den Jahren 1988 und1989 der Wasserverlust auf etwa 1 km³ reduziert (vgl. DUKHOVNY/SOROKIN 2007, S. 18).

3.2.1 Zwischenstaatliche Abkommen zur Wasserquote

In derUnion und Planwirtschaft funktionierte das Verteilungssystem der transstaatlichen Wasserläufe wirksamgenug. Der Stromaustausch durch gemeinsame Stromnetze und die Lie­ferung von Brennstoff- und Energieressourcen waren gegenseitige Kompensationsmittel. In­folgedessen entstand ein System bei der Bewirtschaftung der Wasserressourcen, dasdurchintensivere und nützliche Beziehungen auf Gegenseitigkeit zwischen den Staaten gekenn­zeichnet war. Dieses System war sowohl für die Bewässerung als auch für die Stromerzeu­gung der Staaten bei der zwischenstaatliche Bewässerung und Strombelieferung günstig.Geopolitische Veränderungen und vor allem die Trans­formation der Wirtschaft der Staaten zerbrachen die alten, ausreichend stabilen Mecha­nismen des Wasser- und Energieaustausches (vgl. YASINSKIY/VINOKUROV 2008, S. 8). Seit der Unabhängigkeit der zentralasiatischen Länder wurden die Einspeisung von Elektrizi­tät in das gemeinsame Energienetz und die Lieferung der Brennstoff-und Energieressourcen nach Kirgisistan eingestellt, was als Kompensation zum Ausfall der Wasserkraftwerke der Naryn-Kaskade in der Winterzeit gedient hatte. Daher hat sich seit 1992 der Wasserablass aus der Toktogul-Talsperre während der Winterzeit mit dem Interesse der Wasserkrafterzeugung für Kirgisistan erhöht (vgl. Tab. 8). Dementsprechend wurde der Wasserablass im Frühjahr und Sommer gedrosselt, um Wasser in der Toktogul-Talsperre für die Winterzeit anzusam­meln (vgl. SOKOLOV et al. 2001, S. 18).

Die folgende Tabelle 8 zeigt die Betriebsart der Toktogul-Talsperre vom Anfang der 70er Jahre bis 2001. Bis 1991 funktionierte die Toktagul-Talsperre so, dass außerhalb der Ve­getationsperiode der Jahresabfluss etwa 2 bis 3 km³ und während der Vegetationsperiode mehr als 8 km³ betrug. Ab 1992 bis 2001 wurde der Jahresabfluss außerhalb derVegetations­periode auf etwa 7 km³ erhöht, dagegen sank er während der Vegetationsperiode auf 5,9 km³.

Tab. 8: Wasserhaushalt der Toktagul-Talsperre für den Zeitraum von 1970 bis 2001

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: BVOSyrdarja 2003

Nach Angabe vonFachexperten liegtder Betrieb der Toktogul-Talsperre bei8 bis 8,5 km³ Jah­resabfluss während der Zwischen-Vegetationsperiode und etwa bei 6 km³ während der Vegetationsperiode. Dies beeinträchtigt das ökologische Gleichgewischt des Beckens. Sie gingen davon aus, dass erstens durch o. g. Betriebsart die Toktogul-Talsperre ihreBedeutung als „mehrjährige regulierende Talsperre“ verlieren und zweitens die wasserwirtschaftliche Inf­rastruktur des Beckens Schaden nehmenwürde. Darüber hinaus gehen jährlich etwa 2 bis 3 km³ süßes Flusswasser durch die Ableitung in die Arnasaj-Seensysteme unwiederbringlich verloren.Die Folgen für den Unterlauf des Syrdarjas sindDürre in der Sommerzeit und Über­flutung in der Winterzeit.Sie ziehenvor allem mögliche Konflikte zwischen den Anrainer­staaten nach sich(vgl. ASPB-1 2003, №6, S. 2).

Die Änderung des Abflusses aus der Toktagul-Talsperre verursachte heftige Proteste derUnterlaufländer Usbekistan und Kasachstan. Durch die Verringerung des Wasservolumens während der Vegetationsperiode wurde in den Provinzen am Unterlauf des Syrdarja ein deutlicher Wassermangel in derBewässerungslandwirtschaft beobachtet. Die winterliche Wassernut­zung aus der Toktogul-Talsperre führte dagegen zu Überschwemmungen in der Winterzeit am Unterlauf des Syrdarja in Kasachstan. Denn das Flussbett des Syrdarja hatte seine Durchlauf­kapazität wegen des hohen Sedimentgehalts des Flusswassers und vor allem aufgrund der mehrjährigen Wassernutzung am Unterlauf verloren. Daher sollte der winterliche überschus­sige Abfluss denArnasaj-Seensystemen (vgl. Abb. 4) in Usbekistan zugeleitet werden (vgl. GIESA et al. 2004, S. 8).Von1992 bis 2001 sollten etwa 27 km³ (durchschnittlich 3 km³ pro Jahr) Flusswasser während der Zwischen-Vegetationsperiode aufgrund der begrenzten Kapa­zität des Tschardara-Stausees in das Arnasaj-Seensystemabgeleitet werden (vgl. Abb. 6). Durch die notwendige Ableitung des Flusswassers ging nicht nur das nutzbare Flusswasser für den Unterlauf Syrdarjas verloren, sondern es wurde auch die Infrastruktur zerstört und mehrere Grundstücken wurden überflutet (vgl. ASBP-1 2003, №6, S. 2). Infolge des Anstiegs des Wasserspiegels der Arnasaj-Seensysteme gingen viele landwirtschaftliche Flächen in Us­bekistan verloren. Die Änderung der hydrologischen Bedingungen verursachte auch Verände­rungen in derhydrochemischen Zusammensetzung18 des Sees (vgl. BELIKOV et al. 2011, S. 10). Um Ackerflächen und ländliche Infrastruktur sowie die Umwelt um das Arnasaj-Seen­system zu schützen,bautedie usbekische Regierung Arnasaj-Wasserbehälter mit einem Nutz­volumen von etwa 0,6 km³ auf einer Fläche von 140 km². Es wurden Dämme, verschiedene Anlagen und andere Infrastruktur gegen die Überflutung errichtet. Die regionalen Regierun­gen wurden aufgefordert, die Situation zu stabilisieren (vgl. UNDP 2007, S. 51).

Um den Anforderungen von Kirgisistan nach einer erhöhten Versorgung mit Energie und den Bedürfnissen der Unterlaufländer (Kasachstan und Usbekistan) mit dem jeweiligen Jahres­flussabfluss während Vegetationsperiode gerecht zu werden, wurde im 1994 beschlossen, die Verpflichtungen der Länder bezüglich des Brenn- und Energiestoffwechsels zu definieren. Die Arbeitsgruppen aus Fachexperten für Wasser und Energie aus Kasachstan, Kirgisistan und Usbekistan bereiteten ein komplexeres Verwaltungssystem von Wasser- und Energieres­sourcen im Syrdarja-Becken vor. Dieses System basierte auf folgenden Prinzipien der gegen­seitigen Kompensation:

- Der Strom, der in der Naryn-Kaskade während der Vegetationsperiode erzeugt wird, wird von Kasachstan und Usbekistan gekauft, wenn er die nationalen Be­dürfnisse Kirgisistans überschreitet,
- Die Kompensation für diesen Austausch erfolgt in Form der Lieferung einer äquiva­lenten Menge von Erdgas (Usbekistan) und Kohle (Kasachstan) zur Strom­erzeugung aus dem Heizkraftwerk19 sowie von Strom während der Winterzeit in Kir­gistan.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.6:Hydrologische Eigenschaften des Ajdarkol-Arnasaj-Seensystems für den Zeitraum von 1993 bis 2011

Quelle: Staatliches Komitee für Naturschutz Usbekistans ( http://www.cawater-info.net/syrdarya/pdf/aydarkul_lake_e.pdf , Stand 08.2013)

Seit 1994 war die Nutzung des Betriebs der Toktogul-Talsperre das Hauptthema zwischen­staatlicher Verhandlungen. Innerhalb von vier Jahren betrafendie diplomatischen Verhand­lungen zwischen den Regierungen überwiegend den Jahresabfluss aus der Talsperre während der Vegetationsperiode in Zusammenhang mit dem Interesse beider Vertragsparteien, diesenbei 6,5 km³ zu halten. In den ersten drei Jahren betrug der Jahresabfluss etwa 6,2 km³. Aber im Jahr 1998 fielen nur 3,7 km³ an, denn das Jahr 1997 war wasserarm (vgl. Abb. 2). Danach wurde eine jährliche Vereinbarung über den Jahresabfluss während der Vegetationsperiode von 6 km³ getroffen, welche bis 2000 und 2001 fast erreicht wurde: Der durchschnittliche Wert betrug 5,9 km³ (vgl. Tab. 8). Demzufolge sahen sichdie Unterlaufländer dem wahren Problem des übermäßigen Wasserablasses während der Winterzeit gegenüber (vgl. ASBP-1 2003, № 6: S. 2).

Die Protokolle und Vereinbarungen unterzeichnete man auf dieser Basis seit 1994 jedes Jahr. Das bestehende Abkommen zwischen den Regierungen von Kasachstan, Usbekistan und Kirgisistan wurde am 17. März 1998 unterzeichnet (vgl. SOKOLOV et al. 2001, S. 18).Der Beitritt von Tadschikistan zu diesem Abkommen geschah am 7. Juni 1998. Es wurde in dem Sinne erweitert, dass Tadschikistan für den Betrieb des Kayrakum-Stausees während der Winterzeit die Stromlieferung von Usbekistan und Kasachstan erhält und eine äquivalente Menge während der Vegetationsperiode mit dem Wasserablass aus dem Kayrakum-Stausee zurückliefert20 (vgl. SCHERING zit. n. FRANZKE 2008, S. 89). Dadurch könnte in Kirgisistan der winterliche Strombedarf gedeckt werden. Der über­schüssige Sommer-Strom hatte eigentlich weder im Inland noch im Ausland große Bedeu­tung. Denn in Kirgisistan gab es im Unterschied zu Tadschikistan (Aluminiumwerk „TALKO“) keine große energieaufwendige Industrie,so dass EnergieinsAusland exportiert werden musste. Die Nachbarländer, v. a. Usbekistan und Kasachstan, hatten kein großes Inte­resse, diese zu kaufen,da sie umfangreiche fossile Energievorräte besitzen (vgl. Kap. 4.4.1). Sie stimmten dem Angebot über den Energieaustausch mit den kirgisischen Kollegen zu, weil man während der Vegetationsperiode das notwendige Wasservolumen für die Bewässerungs­landwirtschaft brauchte. In wasserreichen Jahren konnten sie ihren Wasserbedarf durch die Zuflüsse21 des Syrdarja, welche sich in Usbekistan befinden, decken. Somit zeigten sie keine große Bereitschaft, neue Verträge über die Energiezulieferung zu schließen (vgl. TROUCHINE/GIESE 2006, S. 11).

Die Zieleder Unterlaufländer an der Wasserversorgung zwecksBewässerung würdendann erfüllt werden, wenn all drei Länder streng die Bedingungen der Verträge über die Lie­ferung von Brennstoff und Elektrizität sowie denVerkauf desüberschüssigen Stroms ein­hielten. Kleine Verstöße gegen die von den Ländern unterzeichneten Verpflichtungen könntenzu einem Rückgang der stabilen Wasserversorgung führen. Während der Ausführung dieses Abkommens wurde festgestellt, dass die Widersprüche von Bewässerungs- und Strombedarfs-Interessen aller drei Staaten sich bei der Umsetzung der vereinbarten Bedingungen ergaben (vgl. Tab. 9).Dies erforderte noch weitere Verhandlungen (vgl. SOKOLOV et al. 2001, S. 18).

Kirgisistan und Usbekistan haben ihre Verpflichtungen von 1995 bis 1997 sowie 1998 ein­gehalten. Während dieses Zeitraums betrug die Lieferung vonErdgas aus Usbekistan zu den Heizkraftwerken in Bischkek und Osch 2149,9 Mio. m³ und 1454 Mio. kWtStrom. Im Jahr 1995 wurden nur etwa 47 % der erforderlichen Menge von Kohle aus Kasachstan zuge­liefert und im Jahr 1996 machteder Anteiletwa 59 % aus. Im 1997 wurde eineStromlie­ferung aus Kasachstan mit1,1 TWh geplant. Aber die Verträge wurden wegen der Weigerung der kasachischen Seite nur für 359 Mio. Kilowatt bzw. etwa 33 % unterzeichnet. Seit 1997 ist die Lieferung von Kohle ausschließlichfür einen Vertrag mit kommerzieller Struktur durch­geführt worden und im Jahr 1998 beliefe sie sich auf 150 Tsd. Tonnen (26,5 %). Die man­gelnde Lieferung von Kohle führte zur unzureichenden Auslastung und zu einemMangel an Stromerzeugung im Heizkraftwerk in Bischkek.

Tab.9: Durchführung von zwischenstaatlichen Abkommen und Protokollen über Wasser- und Ener­gieressourcen im Zeitraum von 1995 bis 1998

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: SIC ICSD ( http://www.ecoportalca.kz/439-2/1-6/1-13 , Stand 2013)

Anfang des Jahres 2004 zeigten sich dieFolgen desVerstoßes gegen das Abkommen und die Relevanz fürweitere modifizierte Vereinbarungen und Kooperationen. Der Tschardara-Stausee, der sich am Mittellauf des Syrdarja in Süd-Kasachstan befindet, war mit seinerhöchsten Nutzkapazität gefüllt und drohte überzufließen. Dieswurde einerseitsdurch die au­ßerordentlichen Niederschläge22 des Jahres 2003 und zweitens denBruchdes unterzeichneten Abkommens verursacht (vgl. GIESA et al. 2004, S. 9, SCHERING zit. n. FRANZKE 2008, S. 86).Darüber hinaus wurde das Abkommen, das jedes Jahr unterzeichnet werden musste, im Jahr 2004 von den Unterlaufländern nicht unterzeichnet. Der einzige Grund für die Verweigerung des Abkommens wardie Kompromisslosigkeit hinsichtlich des Preises der gelieferten primä­ren Energieressourcen. Im Sinne des Basisabkommens von 1998 sollten offiziell Taschkent und Astana während der Vegetationszeit die überschüssige Wasserkraft aus der Togtogul-Tal­sperre einkaufen. Zur Kompensation sollten in der Winterzeit in äquivalenter Menge Erdgas und Kohle nach Kirgisistan zwecksStromzeugung aus dem Heizkraftwerk geliefert werden. An­geblich war der Strom aus dem Heizkraftwerk zwei- bis dreimal sohochwie der Strom­preis aus der Wasserkraft (vgl. PETROV 2003 zit. n. TROUCHINE/GIESE 2006, S. 26).InBischkek (als Fachexperten fürEnergie) fordertemanden Kollegen (als Fachexperten aus derLandwirtschaft), den Preis der gelieferten fossilen Energie nach der Stromerzeugung aus dem Heizkraftwerk zu berechnen (vgl. SOKOLOV 09.08.2008).

Noch immerwurde kein Kompromiss gefunden und wegen der ausbleibendenLieferung der vereinbarten Energieressourcen musste Kirgisistan aus der Toktogul-Talsperre außer­planmäßig mehr Wasser ablassen, um den Energiemangel in der Winterzeit zu decken. Daher sammelte sich im Tschardara-Stausee der Zufluss von 1350 m³/s.Dies könnte zu einer Damm­bruchgefahr führen. Um diese Katastrophe zu bannen, sollte die Abflussmenge desTschardara-Stausees von ca. 400 m³/s bis auf 700 m³/s erhöht und der Abfluss der Toktigul-Talsperre von 650 m³/s auf 500 m³/s reduziert werden. Zusätzlich sollte die us­bekische Regierung etwa 650 m³/s Flusswasser aus dem Syrdarja in das Arnasay-Seensys­tem abzulassen. Obwohl Kasachstan die verabredete Energiemenge nach Kirgisistan geliefert hatte, haben sowohl Kirgisistan als auch Usbekistan diese Vereinbarung ausgesetzt. Infolge des enormen Zuflusses in den Tschardara-Stausee mussteviel Wasser aus diesemabgelassen werden und Überflutungen amUnterlauf des Stausees waren die Folge. Im Februar dieses Jahr mussten über 2.000 Menschen wegen der Überflutung evakuiert werden und über 300 Häuser aufeinerFläche von 590 km² waren vomÜberflutungswasser betroffen. Am 11. Feb­ruar trafen sich die Vizeminister der drei Länder in Bischkek, um die Ursache der Krisensitu­ation zu klären. Beidiesem Treffen wurde die Januar-Vereinbarung etwas verändert und folg­lich reduzierte Kirgisistan tatsächlich den Abfluss aus der Toktogul-Talsperre bis auf 500 m³*sˉ¹. Damit entspannte sich die Situation etwas, jedoch blieb das Konfliktpotenzial vor al­lem in den wasserarmen Jahren immer noch groß (vgl. GIESA et al. 2004, S. 10).Infolge der ineffektiven Praxisumsetzung der Vereinbarungen war jedes Land bemüht,sich auf seine ei­genen Ressourcen zustützen und dieAbhängigkeit von anderen Ländern zu reduzieren. Die Unwilligkeit der Länder bei den Vereinbarungen führte dazu, dass alle verloren und damit relativ ungünstige Varianten des Aufbaues einer alternativen Infrastruktur entwickeln muss­ten, was zukünftig noch größere Verluste verursachen würde(vgl. NIKOLAYENKO 2009, S. 47).

3.2.2 Zusätzliche Stauseen und Kompensationen

Wegen der ständigen Überflutungsgefahr in der Winterzeit musste die kasachische Regie­rung Maßnahmen ergreifen. AlsLösung wurde ein Rückhaltebecken zur Regelung des Ab­flusses am Unterlauf des Tschardara-Stausees entworfen. Das Koksaraj-Rückhaltebecken mit etwa 2,5 km³ Nutzvolumen dient zurmittelfristigen Wasseransammlung. Es sollte das überschüssige Wasser im Winter während des erhöhten Abflussablasses aus dem Tschardara-Stausee innerhalb von drei bis vier Monaten speichern und die Provinz „Kyzylorda“ sowie das Ökosystem am Unterlauf des Syrdarja mit Wasser versorgen. Vor- und Nachteile des Rückhaltebeckens wurden von den Fachexperten diskutiert und die Vorteile dieses Stausees gegenüber den Nachteilen als überwiegend betrachtet. Jedoch wurde nach Meinung anderer Experten diese Frage in der langfristigen Perspektive nicht ausreichend analysiert. Schonwegen der größeren Verdunstung (0,4 km³) kann es zu er­heblichen Wasserverlustenkommen(vgl. NIKOLAYENKO 2009, S. 47). In der folgenden Tabelle sind die Vor- und Nachteile des Koksaraj-Rückhaltebeckens zu erkennen.

Tab. 10: Anzahl der Vor- und Nachteile

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: NIKOLAYENKO 2009

Der Syrdarja fließt nach dem Kayrakum-Stausee durch Wüsten und Flachland. Die einzige Möglichkeit war die Schaffung der kleinen zusätzlichen Wasserbehälter am Oberlauf des Syrdarja-Beckens, um das Wasser aus der Toktogul-Talsperre in der Winterzeit anzusam­meln. Daher hat die Regierung Usbekistans den Rezeksay-Stausee mit einem Nutzvolumen von 0,2 km³ im Fergana-Tal gebaut. Dadurch sollten die Auswirkungen von wasserarmen Jah­ren wie 2000 und 2001 (vgl. Abb. 2) vermindert und vor allem der winterliche Abfluss aus dem Naryn-Fluss gesammelt werden.

Das gesamte Nutzvolumen der Stauseen am Syrdarja-Fluss beträgt zurzeit etwa 25,65 km³. Davon konzentrieren sich auf die Unterlaufrepubliken etwa 9,15 km³23 und auf die Oberlaufrepubliken ca. 16,5 km³.24 Somit bleiben etwa 7,35 km³ saisonaler Abfluss aus der Toktogul-Talsperre für die Unterlaufrepubliken (v. a. Usbekistan)die mit den Oberlaufrepub­liken wie vereinbart zu verwalten sind. Denn dank des Nutzvolumens (7,2 km³) der Tschardara- und Koksray-Stauseen (2,5 km³) kann Kasachstan etwa 23 % seines durch­schnittlichen Jahresabflusses saisonal regulieren (vgl. Abb. 7). Der optimale Betrieb der Kayrakum- und Tschardara-Stauseen kann in einem gewissen Grad dieses Problem zu über­winden helfen, erfordert aber bestimmte zusätzliche Kompromisse zwischen den Anrainer­staaten. Die Kosten der Durchführung solcher Kompromisse betragen i. d. R. weniger als die Baukosten neuer Infrastrukturen. Dies sollte eigentlich von allen Ländern berücksichtigt wer­den (vgl. UNDP 2007, S. 94).

[...]


1 Zu den zentralasiatischen Ländern werden heute Kasachstan, Kirgisistan, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan gezählt.

2 Kirgisistan und Tadschikistan

3 Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan

4 Die Zuteilung wurde im Jahr 1987 vom Ministerium für Wasserwirtschaft auf der Grundlage desBeschlusses des Zentralkomitees genehmigt.

5 „Aralsee-Becken-Programm-1“ №6, 2003

6 Pamir-Alai und Tian-Shan

7 Scientific - Information Center of the Interstate Coordination Water Commission of the Central Asia

8 Ohne das Einzugsgebiet des Flusses Zarafschan

9 Kafirnigan (5,452 km³), Surkhandarja (3,324 km³), Kaschkadarja (1,232 km³) und Zarafschan (5,137 km³)

10 Aus dem Gebiet Kundus (3,099 km³) und aus dem linken Territorium Afghanistans (6,743 km³)

11 Kambarata-1 und 2 am Naryn-Fluss

12 Rogun am Fluss Wachsch

13 Andischan, Kayrakum und Tschardara

14 Nurek, Sangituda 1 und 2 und Tujamujun

15 Wegen des mehrjährigen Betriebs ohne angemessene Maßnahmen hat sich das Nutzvolumen von 5,27 km³ etwa auf 3,5 km³ reduziert.

16 Die Versorgung der gesamten Elektroenergie fand in Zentralasien durch ein einheitliches System (Zentrales Energetisches System) statt. Dieses war mit dem allgemeinen Versorgungssystem der Energie der Sowjetunion verbunden. Die zentrale Verteilerstelle der Stromnetze (Vereinigtes Dispatcher Zentrum) befand sich in Taschkent; von dort wurde der Energieausgleich unter den Republiken geregelt.

17 Der Sitz der BVO unter ICWC in Usbekistan wurde von den meisten Experten kritisiert und löste v. a. wiederholt Misstrauen bei den anderen Anrainerstaaten aus.

18 Das Aydarkol-Arnasaj-Seensystem bestand bis 2003 aus drei Seen, nämlich dem Tuskan-, Arnasaj- und Aydarkolsee.

19 In Bischkek und Osch

20 Für das Amudarja-Becken gibt es kein analoges Abkommen zum Syrdarja-Becken. Das ist mit der schwachen Verhandlungsposition Tadschikistans zu erklären, begründet durch die innenpolitische Situation (Bürgerkrieg) und insbesondere die geringere Regulierungskapazität. Somit besteht kein vergleichbares Druckmittel.

21 Karadarja und Tschirschik

22 Dadurch stand ausreichend Wasser für die Bewässerungslandwirtschaft zur Verfügung.

23 Andischan-Stausee (1,75 km³) und Rezaksay-Stausee (0,2 km³) in Usbekistan, Tschardara-Stausee (4,7 km³) und Koksaray-Stausee (2,5 km³) in Kasachstan.

24 Toktogul-Talsperre (14 km³) in Kirgisistan und Kayrakum-Stausee (2,5 km³) in Tadschikistan.

Ende der Leseprobe aus 106 Seiten

Details

Titel
Wasserwirtschaftliche Situation in Zentralasien. Institutionelle und organisatorisch-technische Probleme und mögliche Lösungen
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Landschaftsökologie und Ressourcenmanagement)
Note
10
Autor
Jahr
2014
Seiten
106
Katalognummer
V448264
ISBN (eBook)
9783668835894
ISBN (Buch)
9783668835900
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wasserressourcen, Wasserquote, Amudarja, Syrdarja, Zentralasien, Energieressourcen, Wasserwirtschaft, Instituttionelle Problemen, Technische Problemen, Organisatorische Problemen, Aralsee-Becken, Talsperre, Abkommen
Arbeit zitieren
Dilmurad Junsaliev (Autor), 2014, Wasserwirtschaftliche Situation in Zentralasien. Institutionelle und organisatorisch-technische Probleme und mögliche Lösungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/448264

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Titel: Wasserwirtschaftliche Situation in Zentralasien. Institutionelle und organisatorisch-technische Probleme und mögliche Lösungen



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